Rohner Sara Vernissagerede Centre Pasquart 2002

Audio_Video_Installation im Espace libre

7. Dezember 2002

www.annelisezwez.ch

 

Sehr geehrte Damen und Herren

liebe Sara

In der Ausstellung von Sara Rohner im Espace libre verbinden sich zwei Momente: Zum einen vermittelt sie uns Einblick in eine komplexe, durchdachte und feinfühlige Video-Arbeit. Zum andern bringt sie, analog gewissen Positionen in der parallel laufenden Weihnachts­ausstellung im Altbau des PasquArts, eine Künstlerin mit engem Bezug zum Seeland zurück in die Region. Bis zur Matura lebte Sara Rohner in La Neuveville, besuchte da und in Biel die Schulen. Ihre Eltern und ihre Schwester leben heute noch in Biel respektive im Seeland und sind hier keine Unbekannten. 

Als kulturelle Prägung nahm Sara Rohner die Besuche bei Elsi Giauque auf der Festi mit nach Zürich, aber auch den Austausch mit Gian und Erica Pedretti respektive deren Kinder, mit denen sie teilweise die gleiche Schulbank drückte. Der Weg zur Kunst war indes keinewegs linear, die Suche nach dem eigenen Standort schwierig. Wo stehe ich in der Komplexität der Welt, wie kann ich die unermessliche Weite von Wahr­nehmung, Bewusstsein, Geschichte und Kultur verstehen und mich selbst positionieren? Dies scheint die Biographie der Künstlerin zu fragen und sich bezeichnenderweise auch in ihrem heutigen, künstlerischen Werk zu spiegeln.

Sara Rohner arbeitete nach der Matura zunächst in der psychiatrischen Klinik des C.G. Jung-Institutes und studierte dann an der Universität Zürich Theologie. Stieg aber dann aus, als sich die Praxis der Berufsausrichtung, die Integration in die Kircheninstitutionen näherten. Denn da meldete sich Enge, Fokussierung anstelle der gesuchten Weite der Gleichzeitigkeit unendlich vieler Denk- und Bewusstseinsformen. So nahm sie dass Offene, die weltum­spannenden Fragen nach dem Woher und Wohin mit und ging… nach China, wo eine Freundin damals studierte, just zur Zeit als sich dort der Drang nach Freiheit bis auf die Strassen Pekings weitete und bekanntlich unterdrückt wurde. Da habe sie erstmals so richtig bis unter die Haut erkannt wie Kultur und Politik zusammengehören, sagt Sara Rohner, und dass es wichtig sei, die eigene Meinung und Haltung zu formulieren und zu vertreten.

Jetzt führt der Weg zur Kunst respektive ganz konkret an die Hochschule für Gestaltung in Zürich, die sie 1995, mit 31 Jahren, abschliesst; das ist relativ spät für den Kunstkontext, aber die Eile wird wohl nie das sein, was die Künstlerin interessiert. Lieber arbeitet sie an der Gleichzeitigkeit und der Interaktion dessen, was unser Leben uns täglich zeigt. Die Mittel, die sie hiefür einsetzt sind von Anfang an das Licht und der Raum, das Licht, das den Raum durchdringt, sei er real oder Illusion, materiell oder reflektiert, oder in Wechselwirkung beides zusammen. Die Interferenzen sind dabei Rhythmen und Proportionen, Melodien und Bewegungen.

Es ist, auch für die Arbeit hier, nicht unwichtig zu wissen, dass zum Lebensumfeld der Künstlerin auch sehr stark die zeitgenössische Musik gehört. Mehrfach hat sich die Künstlerin in konkreten Arbeiten direkt damit befasst, indem sie zeitgenössische Partituren in ihre visuelle Sprache mit Licht und Farben und Impulsen übersetzte.

Die Installation, die sie für den Espace libre realisierte, ist vielleicht ihre bisher komplexeste indem hier das Thema der Schichtung, das Thema der Gleichzeitigkeiten auf bewussten und unbewussten Ebenen so weit vorangetrieben ist wie, meines Wissens, nie zuvor. Da sind zunächst einmal die beiden Videoprojektionen, die sich von zwei Seiten her annähern und unscharf überlagern respektive durch die Komplementärfarben rot und grün quasi gegenseitig auflösen. 

Die beiden Projektionen durchdringen die transparenten Tüllvorhänge, wandern, durch die Gesetze der Perspektive, über die vorgegebenen Formate hinaus in den Raum. Von Festgefügtem, Fassbarem kann nicht die Rede sein. Die Schärfeeinstellungen auf die ersten Vorhänge hinten und vorne zeigen nur eine schmale Bandbreite, einen Augen-Blick. Diese Fragilität der Wahrnehmung wird potenziert durch die Motive – ein in chaotischen Ordnungen unablässig tanzender Mückenschwarm hier, ein sich immer und immer  wieder im Atelierfenster reflektierender Sonnenuntergang dort. 

Die beiden Rhythmen sind sehr verschieden, spiegeln unterschiedliche Zeiteinheiten unseres Lebens, einmal das universelle Zusammenspiel der Planenten und Sonnensysteme, einmal ganz kleine, schnelle Impulse von Licht, Luft und Wärme, wie sie den Planeten Erde vielfältig prägen. In diese gleichzeitig gegenständlichen wie abstrakten Strukturen mischt sich über die Tonspur der Alltag, die Gegenwart, der Mensch. Unser Sein hier und heute, unser über Nachrichtenübermittlung gleichzeitig in aller Welt sein. Und so dringt ins Beschauliche der Schrecken, das was der Mensch in diesem Universum ist und tut. 

Die Nachrichten dringen fetzenweise an unser Ohr, deutsch oder französisch, aber gewohnt und vertraut wie wir mit dem Weltgeschehen heute sind, verstehen wir sofort, dass da der Nahostkonflikt plötzlich in den Espace libre eindringt und plötzlich können wir die Installation nicht mehr nur heiter betrachten; in jeden Blick mischt sich die Angst und die Wut und die Ohnmacht angesichts von Krieg und Intoleranz und Machthunger und Verblendung allüberall. Dazu zwitschern die Vögel. Und die Mücken tanzen und die Sonne geht auf und unter. Der Boden unter den Füssen ist wacklig, das kann auch der fast verzweifelte Versuch der Künstlerin die Tonspur analog der tanzenden Mücken und der auf- und untergehenden Sonne in ein System einzubinden, nicht ändern. Damit will ich nicht sagen, die Audio-Rhythmen, die sich auf vermessene Distanzen zwischen Ortschaften im Nahen Osten beziehen, seien nicht relevant, sie sind vielmehr eine weitere, nur scheinbar fassbare Realität. Obgleich wir die Partitur über die den Espace libre gleichsam einbindenden Klebstreifen vor dem Haus sogar sehen können.

Sie spüren, je tiefer wir in die Schichten dieser komplexen Arbeit eindringen, desto beklemmender wird sie, desto nachhaltiger stellt sie Fragen – an uns. Ich danke fürs Zuhören.