Boris Rebetez empfängt in Bellelay

Sommerausstellung in der Abbatiale

www.annelisezwez.ch  Bieler Tagblatt vom 24. Juli 2008

„Reception“ nennt der Jurassier Boris Rebetez seine Ausstellung in der Abbatiale de Bellelay. Der Empfang verschiebt Räume und Zeitepochen auf spannende Weise.

Seit vier Jahren weht ein neuer Wind durch die barocken Räume der einst kirchlich bedeutenden Abtei-Kirche von Bellelay. Junge Kuratorinnen setzen für die grosse Sommerausstellung zeitgenössische Akzente. Nach Philippe Fretz, Michel Hulin, Chantal Michel inszeniert heuer der vorwiegend in Brüssel lebende Schweizer Künstler Boris Rebetez (geb. 1970) die riesigen und mit reichen Stukkaturen versehenen Kirchenschiffe.

Rebetez besuchte 1989/90 den Vorkurs in Biel und danach die Malfachklasse der Schule für Gestaltung von Franz Fedier in Basel. In den späten 1990er- gelang ihm der Sprung in die internationale Kunstszene. 2005 erhielt er den Basler Manor-Preis, in Bern stellt er regelmässig bei „Annex 14“ aus.

Zentrales Thema seines Kunstschaffens ist das Verschieben respektive neu Kombinieren von Architektur-Fragmenten, sei es über das Medium der Collage respektive der Fotografie oder über  dreidimensionale Raumeingriffe respektive Skulpturen.  So ist es keine Überraschung, dass Valentine Reymond, Direktorin des Musée des Beaux Arts ins Moutier, Rebetez für Bellelay zu gewinnen suchte, geht es doch bei der wechselvollen Geschichte der Kirche von der einstigen Grösse über den Niedergang zur Getreidescheune und dem Wiederaufleben als säkulares Kulturhaus um eine von zahlreichen Verschiebungen gekenntzeichnete Situation.

Eine Überraschung ist aber, wie Rebetez darauf eingeht, nämlich paradox. Er stellt ins Hauptschiff  ein aus Kunststoff nachgebildetes, anthrazitfarben bemaltes Fiat-Cabriolet von 1933. Gebaut aufgrund einer Fotografie, die den Architekten Le Corbusier (1887-1965) aus La Chaux-de-Fonds in besagtem Auto in der Fiat-Stadt Turin zeigt. Eine Gouache in der Ausstellung dokumentiert die Verbindung.

Corbusier sei für ihn, so der teils in La Chaux-de-Fonds Aufgewachsene in einem Interview, früh eine Art Leitfigur gewesen, obwohl ihn eigentlich nicht Architektur interessiere, sondern deren Wahrnehmung.

Diese Ausgangslage bricht Rebetez in Bellelay auf indem er  die barocke Architektur als Ausdruck ihrer Zeit mit dem Design von Autos als Wahrzeichen der frühen 1930er-Jahren vergleicht.  Damit treffen raffinierterweise nicht nur zwei Formen von Gestaltung aufeinander. Denn zugleich wird die vertikale Ausrichtung der Kirche, der barocke Blick zum Himmel, mit dem  Geschwindigkeitswahn des Autos in der Horizontalen konfrontiert.

Da beide Richtungen mit Visionen aufgeladen sind, ist der Clash heftig und das Nachdenken spannend. Umsomehr als der Künstler nachdoppelt. Im Chor baute er eine mehrstufige, eingedunkelte Spiegel-Plattform auf wie sie vor allem in den 1970er-Jahren für Verkaufs-Auslagen verwendet wurde. Darin spiegelt sich in mehrfachen Brüchen die „Himmels“- Architektur der Kirche, die dadurch wahrnehmungsmässig aus den Fugen gerät.

Dass Kunstschaffende über Spiegel die Decke auf den Boden hinunterholen, ist nicht neu – wer Bellelay regelmässig besucht, erinnert sich an Installationen von Beatrix Sitter, von Carmen Perrin und anderen. Aber im Kontext erweitert Rebetez das Prinzip so, dass man dennoch nicht von déjà-vu sprechen mag. Umsomehr als der Künstler mit einer Skulptur in der Apsis noch einmal verdeutlicht, was er meint. Sie zeigt sich zunächst als  kubistische Gitter-Skulptur. Doch schon mit dem auf Pasolini verweisenden Titel „Uccellacci e uccellini“, ein Film, in dem sich Vater und Sohn – also zwei Generationen – über Gott und die Welt unterhalten, zeigt sich, dass es auch hier um Zeit- und Kontextverschiebungen geht.

Man kann die Skulptur in Relation zu Fiat und Spiegel-Plattform stellen, kann sie aber auch in Beziehung zu den Resten des von Engeln bevölkerten Wandfreskos in der Apsis setzen und/oder des geometrischen Stuck-Ornamentes direkt über der Skulptur.
Diese Vielfalt an Bezügen, an sich wandelnden Denk-, Empfindungs- und Gestaltungs-Muster überzeugt, so man sich die Zeit nimmt, sie denkend zu entdecken. Schade darum, dass kein einfacher,  die Ansätze erklärender Begleit-Text den Besuchenden den Einstieg erleichtert. Wie man nämlich beobachtend feststellen kann, beschränken sich viele Besuchende darauf, die Foto-Collagen an den Seitenwänden und die Gouachen von Tempel- und Architekturanlagen aus aller Welt zu betrachten und verpassen damit die Essenz der Raum-Inszenierung von Corbusiers Cabrio zur Raum einfangenden  Spiegelplattform und weiter zu den Ucelli von Pasolini und zurück zu den Engeln des 18. Jahrhunderts.

Info: Bis zum 13. September täglich 10-12,14-18 Uhr. Eintritt: 5 Franken.

Zur Ausstellung ist eine kleiner Katalog im Format A4 erschienen.
Er enthält einen Text von Sarah Zürcher sowie ein Interview von Valentine Reymond mit Boris Rebetez.
Für die randlos gedruckten, eindrücklichen Fotos zeichnet der Bieler Photoforums-Leiter Daniel Müller.
Als Herausgeberin zeichnet die Stiftung Fondation Bellelay.
Der Katalog ist an der Rezeption für  10 Franken erhältlich.