Ausstellung Frauen sehen Männer Vinelz 2012

Vernissagerede

www.annelisezwez.ch   Gehalten am 26. August 2012 Kuratorin: Regina Larsson

Sehr verehrte Damen und Herren, Mesdames et Messieurs

 

Liebe Künstlerinnen, chères artistes

Hand aufs Herz: Etwas mehr Anmeldungen für die Ausstellung, die ich hier und heute eröffnen darf, hätte sich die Präsidentin der SGBK, Sektion Bern/Romandie schon gewünscht. Ist doch ein Thema: „Frauen sehen Männer“!!!! Aber die Tatsache, dass das für viele Künstlerinnen kein Thema ist und wir es selbst in der Ausstellung noch da und dort an den Haaren herbeiziehen müssen, ist natürlich interessant und die Quintessenz meiner Ansprache muss ein Aufruf sein – doch davon später.

Vor Jahren fand im Kunsthaus Zürich eine Ausstellung Gustav Klimt statt. Darin gab es ein Kabinett mit  erotischen Zeichnungen; sprich Aktdarstellungen. Es herrschte ein Gedränge. Voyeurismus pur. Aber die da waren, das waren primär Frauen!! Und was heisst das jetzt? Mal ganz einfach: Darstellungen von Frauen in sexuell aufgeladenen Posen ziehen Frauen an. Aber eigentlich hat sie Klimt ja nicht für ein weibliches Publikum gemacht, sondern um sich, als Mann, zu verlustieren. Frauen und Männer erachten beide dieselben Bilder als erotisch. Das geht ja eigentlich nicht auf. Aber es gibt ganz offensichtlich ein Phänomen, das solches bewirkt und das allen Veränderungen in der Wahrnehmung von Mann und Frau heute immer noch besteht. Nämlich: Dass Frauen ihre Erotik primär über das „Ich“, das heisst über die Identifikation mit dem weiblichen Körper erleben und Männer grossmehrheitlich über die Projektion auf ein DU, sei das nun eine Frau oder – im Bereich der Homosexualität – auf einen Mann (aber nicht sich selbst).

Diese Erkenntnis ist nicht neu: Ich selbst habe in einem mir bis heute wichtigen Text von 1992 mit dem Titel „Der Impetus der Ich-Erfahrung“** nachgewiesen, dass dies in der Kunstgeschichte immer so war, aber seit Sigmund Freud und C.G. Jung in viel ausgeprägterem Mass. Frauen malen Frauen, Frauen fotografieren Frauen, Frauen gestalten aus der Erfahrung des eigenen Körpers, arbeiten mit dem eigenen Körper als Modell. Eines der bedeutendesten Beispiele: Maria Lassnig. Und dann natürlich: Pipilotti Rist. Und nicht zu vergessen. Manon! Die gerade jetzt ein Alterswerk erster Güte hinlegt. Immer noch mit sich selbst im Zentrum.

Wenn wir Sigmund Freud glauben, wonach die Sexualität letztlich die  entscheidende Kraft unserer Handlungen ist, so erklärt dies nun mit Leichtigkeit, dass Frauen schlicht und einfach keine Lust haben, Männer zu malen.

Klar gibt es Ausnahmen: Man denke etwa an das wunderschöne Porträt von Goethe, gemalt von Angelika Kaufmann. Oder an den Holofernes von Artemisia Gentileschi – allerdings erscheint der nur als Kopf auf dem Teller von Judith…

Oder – im Zeitgenössischen – die nach eigenem Gusto posierenden Jugendlichen am Strand, fotografiert von Reineke Dijkstra. Oder – in den 1980er-Jahren – die Aufnahmen von Nan Goldin im Todes-Klima der frühen Aids-Epidemie in den USA usw.

In den 1970 und vor allem 80er-Jahren als die Gender-Fragen die Diskussion dominierten, warf man den Frauen zum Teil vor, sie würden mit ihren Frau-Frau-Bildern nur die Männer kopieren. Da haben einige versucht, den Spiess umzudrehen. Aber ergiebig war das nicht und verschwand schon bald wieder. Weil es nicht unter den Nägeln brannte. Ein Projekt habe ich jedoch bis heute in Erinnerung: 1975 gab es  – als eine der ersten bewussten Frauen-Ausstellungen – eine „gefühlvolle, gescheite, aber gefährliche“ Schau im Strauhof in Zürich. Initiantin war die Malerin Rosina Kuhn. Daselbst zeigte Bice Curiger – die Direktorin der Biennale Venedig 2011 – in Zusammenarbeit mit Ruth Vögtlin einen Fotoroman, in dem sie sich selbst als Geschäftsfrau präsentierte, die – auf einem Bett sitzend – mit Business-Partnerinnen in aller Welt telefoniert, während sich hinter ihr nackte Männer räkeln…

Später begannen sich die Frauen zu wehren gegen die Reduzierung ihrer Kunst auf Körperlichkeit. „Nicht nur Körper“ hiess ein Buch, das vor einigen Jahren erschien. Und tatsächlich entstanden viele wichtige formbetonte, konzeptuelle und oder wahrnehmungsorientierte Arbeiten von Frauen in den letzten 15 Jahren. Was nicht heisst, dass das Prinzip wie Frauen arbeiten darin nicht enthalten wäre.

Doch nun schreiben wir das Jahr 2012.  Körperlichkeit ist kein zentrales Thema der bildenden Kunst heute. Gesellschaftliches dominiert. Weil die Gesellschaft jedoch bekanntlich aus Menschen besteht, ist die Figur dennoch zentral. Gegenständliches ist allgegenwärtig – nicht zuletzt durch die stärke Präsenz der Fotografie, des Videos, des Filmes. Schauen wir auf die aktuell laufende Dokumenta, von der es heisst, sie spiegle alle 5 Jahre die Weltkunst. Noch nie waren so viele Frauen an einer Dokumenta präsent. Befassen sie sich mit dem Thema Männer?

Nein, oder nur vereinzelt und in politischen Kontexten. Etwa bei Bani Abidi, einer 40jährigen indischen Künstlerin, welche am Beispiel einer Monumentalplastik für einen drittklassigen Politiker das Thema des Machtwahns subversiv unterläuft indem sie die Herstellung der Plastik stets auf 3 Videos verteilt, weil auf einer Projektion nicht genügend Platz wäre…. Oder in den überraschenden Wandteppichen der Schwedin Hannah Ryggen (1894-1970), die in den 1930er Jahren – die faschistischen Entwicklungen in Europa thematisierte. Auch in Rosmarie Trockels „Tea Party-Pavillon“ in der Karlsaue finden sich Seitenhiebe, was bei ihr dazu gehört.

Befassen sie sich mit Frauen? Vereinzelt, wobei die Generation sehr stark mitberücksichtig werden muss – es sind viele ältere, zum Teil auch verstorbene Künstlerinnen vertreten.  Ganz klar am stärksten beeindruckt hat mich die raumfüllende Licht-Malerei- und filmähnliche Projektions-Arbeit der 62jährigen Inderin Nalini Malini, die sich in einem eigenen Kosmos von Mystik und Gegenwart mit den zum Teil schwierigen Schicksalen von Frauen in Indien beschäftigt. 

Weder an der Dokumenta noch in anderen Ausstellungen hier in der Schweiz bin ich auf Arbeiten gestossen, wo sich Künstlerinnen zentral mit dem aktuellen gesellschaftlichen Wandel im Verhältnis von Mann und Frau in der Gesellschaft befassen. Dabei ist das doch ein Top Thema. Die Frauen haben in den letzten 40 Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Sie bilden – bei uns! –  die Mehrheit der Museumsdirektionen, sie sind in der Politik präsent (man denke an Angela Merkel, Doris Leuthard, Evelyne Widmer-Schlumpf usw.) in der Literatur – immer noch weniger in der Musik (ausser gerade Madonna & Co.) – in der bildenden Kunst, in der Geschäftswelt. Das ist für die Männer nicht so einfach. Da prallen die verschiedensten Forderungen aufeinander – der „Neue Mann“ – was ist das? An was soll sich ein Jugendlicher heute orientieren. Welches sind seine neuen Vorbilder?

Wie können sie ihre Stärken einbringen?

Regina Larsson schrieb die Ausstellung sehr offen aus. Und es war auch von Anfang an klar, dass im möglichen Teilnehmerfeld alle Generationen präsent sind. Und entsprechend verschiedene Ansätze aufeinander treffen; traditionelle mit unserer Lebensrealität heute wenig interferierende zum einen,  zu neuen Ufern aufbrechende andererseits.

Unter dem Titel „Frauen sehen Männer“ ist vieles möglich, aber wichtig scheint mir eine emotionale Komponente. Die Männer müssen spürbar sein. Es muss sich zeigen, dass die Künstlerin – ihrer früher beschriebenen Methode entsprechend –  versucht, sich in die Lage des Vis-à-Vis hineinzuversetzen. Das Resultat kann  ein Anteilnehmendes sein, ein auf humorvolle Distanz gehendes oder auch eine kritische Interpretation oder alles zusammen.

Für ersteres sind mir zwei Beispiele besonders aufgefallen. Eines betrifft das Einzelbild von Ambre Kalène – une des deux romandes dans l’exposition.Il montre un personnage assis à la turque, dont une partie se dissimule en quelque sorte pour donner de la place à un petit garçon. Les contourants montrent que les deux sont clairement liés et forment un ensemble. L’expression d’absence dans le visage et la contenance de l’homme agé nous dit qu’il est dans un état de demi-sommeil, un état de mémoire. – Ce n’est pas une virtuosité dans la maîtrise du sujet, qui me convaint, mais l’expression d’intimité entre les deux générations en un seul personnage. Le masculin ne se présente pas de façon illustrative. C’est plutôt la subtilité du rapprochement des deux, qui nous suggère que cette inspection est la vue d’une femme sur un homme.*

Das andere Beispiel sind die Arbeiten von Sara Rohner, wobei es hier zwei  Herangehensweisen gibt. Zum einen sind da die Malereien auf Zeitungspapier, die von einer Abbildung im Tages Anzeiger, in „Le Temps“ oder einem anderen Medium ausgehen, diese aber durch Vereinzelung und Neuinterpretation aus dem Kontext nehmen. Zum andern sind da die drei kleinen Büchlein, in denen Zeitungsbilder von Männern zu einem Heft gefügt sind. Hier wie dort wissen wir, dass es Abbilder sind, dass es sich also nicht um Fiktionen handelt. Aber wir erfahren den Grund für die Veröffentlichung nicht explizit. Dadurch erhält die Figur, die Situation, in der sich diese befindet, einen Ausdruck, den wir  nur emotional fassen können. Mit Ausnahme jener Bilder vielleicht, in denen sich kollektives Wissen einmischt – etwa beim Blatt mit dem chinesischen Künstler Ai WeiWei oder einem Schauspieler, Politiker o.ä. in den Heften. Diese Emotionalität wird dadurch gesteigert, dass die Künstlerin den Umraum der Figur oder der Situation malerische ausweitet und dadurch einer Bedeutung zufhrt, die absurde, lächerliche, aber auch sehr intime, rhrende Züge annehmen kann. Dass in der Auswahl ausschliesslich Männer vorkommen, ist im Kontext des Hier und Heute klar, aber nur in einem Bild klingt Erotisches an, in den anderen sind es eher die gesellschaftskonnotierten Situationen, die spezifisch mit Mann zu tun haben. Was die Bilder einerseits ins Umfeld der aktuellen Kunst rückt, andererseits durch die „anteilnehmende“ Position der Künstlerin auch das Weibliche der Sichtweise betont.

Nicht dieselbe Intitimtät, aber einen köstlichen Schuss ironischer Energie ist in den Reales und Fiktives kombinierenden Bildern der Bieler Malerin Ruth Kunz enthalten. Etwa im erzählerischen Bild mit dem Kletterer, der mit viel Anstrengung und männlicher Risiko-Bereitschaft eine steile Bergwand erklimmt, um oben dann – aber das wissen nur die Bild-BetrachterInnen – einen Steinbock anzutreffen, der mit seinen spezifischen Fähigkeiten den Berg längst erklommen hat.

Dass Ruth Burri die Männer mit weiblichem Charme auf die Schippe nimmt, ist altbekannt und so schmunzeln wir auch hier gerne ob den „harten“ Tauchern auf dem Weg zum See, ob dem vor lauter Elektronik faktische Entkörperlichten, ob dem scheinheilig die Flügelchen ausbreitenden Lover.

Bei Gabriela Grossniklaus kommt ein Zufall ins Spiel. Sie schreibt im Begleittext zu ihrer Druckreihe, dass sie die männliche Unterwäsche, die sie mit illusorischer PR-Qualität einbringt, als Symbole gescheiterter Helden sehe. Männer, die nicht bis aufs Hemd, sondern die Unterhose ausgezogen sind. Gleichzeitig hat Pipilotti Rist vor dem Kunstmuseum St. Gallen eine Wäscheleine installiert, an der weissliche Baumwoll-Unterwäsche flattert. Ich weiss nicht so recht, ob ich das eine gute Arbeit finde, aber klar ist, dass es für sie um banale Intimität geht, erotisch völlig unattraktiv; um einen Code für schmuddelige Alltäglichkeit jenseits Allüren, nicht einmal jener von Antihelden. Während bei Gabriela Grossniklaus die tanzend ins Bild gesetzten Männer-Unterhosen verzweifelt ein letztes Stück Erotik mit ins Bild zu bringen suchen.

Es gäbe mehr zu berichten – von Heldenkämpfen, von Liebesträumen und karikaturnahen Illustrationen, aber ich will sie nicht gänzlich vom Schauen entlasten und sage darum „Danke fürs Zuhören“.

 

*Es zeigt eine im Schneidersitz platzierte Männergestalt zeigt, deren eine Seite sich quasi auflöst, um daselbst einem Knaben Platz zu gewähren. Die beiden sind klar miteinander verbunden. Der Ausdruck der Abwesenheit des Mannes, lässt ahnen, dass er sich in der Welt der Erinnerung befindet, um sich – vielleicht – seine eigene Kindheit zu vergegenwärtigen. Das Bild überzeugt nicht durch Virtuosität in der Darstellung, wohl aber durch die Innigkeit der Verbindung von zwei Lebensaltern in einer Person. Das Männliche ist nicht illustriert, in der Subtilität der Annäherung aber vielleicht eine weibliche Sichtweise.

** Der Text kann auf www.annelisezwez.cheingesehen werden; unter 1993