Grau Pascale – Performance als Projekt

Zwischen Körper, Erzählung und Klang

                                                        

www.annelisezwez.ch   Text publiziert in Berner Almanach Performance, herausgegeben von Gisela Hochuli und Konrad Tobler, Edition Atelier Bern, 2012

 

 

Es war Pascale Graus „wilde“ Zeit damals im Bern der 1980er-Jahre. Sie war auf der Suche – war die Natur ihr Ort, die Musik, der Tanz, die Bühne oder gar die bildende Kunst? Von St. Gallen über Norwegen und Gran Canaria nach Bern gelangt, schrieb sie sich 1981 an der „Freien Akademie für Musik, Tanz und bildende Kunst, Studio HC“ ein. Die prägenden Einflüsse kamen jedoch aus Berns alternativer Szene. Was sie da sah, sog sie in sich auf. An der Akademie unterstützte man ihre Experimente. So entstanden 1983 die ersten Körper-Material-Inszenierungen; mit Spaghetti, Federn, Papierbahnen, Plastikfolien. Es ist wohl dem Kunstklima der 1980er-Jahre zuzuschreiben, dass dann temporär „wilde“ Malerei die Oberhand gewinnt. Malerei freilich, die raumgreifende Bewegung und Musik mit einschliesst.

Die erste öffentliche Ausstellung findet 1985 in der Villa Bernau statt: Eingebettet in eine Ton-Installation mit Wassergeräuschen bilden Bleche, Duschvorhänge und Folien die Requisiten und die Kulisse für die Performance mit Regula Haener.  An den Wänden hängen Musikbilder. In Kooperationen mit Philippe Micol wird Malerei Ausdrucksmedium von Live-Performances. Auch die Kamera spielt mit; einmal lässt Grau ihr Malen über einen Spiegel direkt auf ihren Rücken projizieren.

Inzwischen besucht ihr Freund, der Reitschule-Aktivist Daniel Rüti, in Zürich die F+F und berichtet von einem Workshop mit Marina Abramovic; für Pascale Grau eine Offenbarung. Sie bereist in der Folge die deutsche Theater-Szene und studiert ab 1986 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. 1989 entsteht die erste Duo-Arbeit mit Andrea Saemann; die rhythmisch-szenische „Lesung“ eines Textes von Gertrude Stein wird in Hamburg, Bern, Thun, Zürich und Freiburg aufgeführt. 1991 nimmt sie an einem „Cleaning the House“-Workshop von Marina Abramovic teil; 1992-1994 wird sie deren Assistentin an der HfBK in Hamburg. Da sie die Semesterferien regelmässig in Bern verbringt, hier auch jobbt, bleibt sie gleichwohl in der Berner Szene präsent. Ab 1994 wohnt sie in Biel.

1993 realisiert Grau die erste „typische“ Performance: „Mittwoch immer, die Gummihose“ zeigt sie im Abendkleid. Sie versucht die Worte „Ich will meine Faust in den Mund nehmen“  zu artikulieren, doch die sich in den Mund zwängende Faust verhindert das mehr und mehr, bis letztlich der Körper reagiert und die verschleimte Hand „ausspuckt“ (München). Charakteristisch ist der unbedingte Einsatz des Körpers, vor allem Vorgänge im und am Körper, verbunden mit einer existenziellen Inhaltlichkeit und einer Wort- (später oft Gesangs)-Ebene.

In Schritten entwickelt sich daraus, was ihr heute an der ZHdK These für eine Forschungsarbeit ist, nämlich Performance als mehrstufigers Projekt zusammengesetzt  aus Praktiken der Präsentation, der Rezeption und der Erinnerbarkeit. So wird die „Gummihose“-Live-Performance einerseits zur 3-Kanal-Videoinstallation (Monitore, Tisch, Hocker, Gobelinstickereien), in welcher Ess-Codes gesellschaftsrelevant untersucht werden (Hamburg, Biel und Bern), andererseits zur autonomen Videoarbeit, welche die ursprüngliche Performance in spezifischem Setting und video-relevanter Regie zeigt (Zürich, Basel, Luzern, Osnabrück, Bern).

Die Reihenfolge der Projektstufen ist offen; Misses Easterly z.B. entstand als Video und wurde danach zur Installation. Das Monitor-Video geht vom Sprachbild „Zu-Leibe-Rücken“ aus und spiegelt dieses in Umsetzungen mit Haushaltgeräten wobei eine fordernde Männerstimme den Rhythmus beeinflusst (Dampfzentrale 1996). Die Installation dazu (Vevey/ Langenthal 1997) rückt die Wahrnehmung im Spannungsfeld von Intimität und Voyeurismus ins Zentrum. Der Sound ist hörbar, doch das Bild ist nur von einem Hocker vis-à-vis des mit einem Plastik abgeschirmten Monitors einsehbar.

An den Berner Performancetagen in der Kunsthalle zeigt Grau 1999 ihr im Raum Bern wohl bekanntestes Projekt: „Endorphine“. Das melancholische Lied „Killing me softly“ von Roberta Flack, das Grau in Endorphine als Loop singt, gibt dem Anlass den Namen. Die  als eine Form von Trauer-Arbeit entstandene Performance zeigt Pascale Grau in einem rosa Spitzenunterkleid, in dessen Saum-Taschen sich 40’000 (für den Bio-Landbau gezüchtete) Marienkäfer in Winterstarre befinden.

Indem sie mit einem Haar-Föhn Wärme einbringt, erwachen die „Glückskäfer“, wandern auf dem  Körper der sich mit erhobenen Armen in einem Lichtkegel drehenden Performerin nach oben, bedecken ihre Haut, ihre Arme, ihren Kopf mit pulsierendem Leben.  Dazu singt Grau Roberta Flacks Lied „…singing my life with his words, killing me softly with his song…“ und Video-Projektionen zeigen sich flügelgleich bewegende Arme vor blauem Himmel.  Die Performance löst starke emotionale Reaktionen aus, was im Sinne der Künstlerin ist. „Meine Arbeiten sollen unter die Haut gehen“, schreibt sie in der 2009 erschienenen Monographie. Es kommt zu mehreren Wiederaufführungen, u.a.  an der Museumsnacht 2004 im Naturhistorischen Museum in Bern.

Ab 1998 verlagert sich das Wirkungsfeld von Pascale Grau mehr und mehr in den Raum Basel. Sie wirkt als Dozentin und Kuratorin, entwickelt aber auch den medienspezifischen Ansatz ihrer Performances weiter. Die inszenierte Video-Performance wird zum eigenständigen Instrument.  Als überlebensgrosse Projektion in „Ins Gras beissen“, der Naheinstellung der roten Klee rupfenden und kauenden Künstlerin (u.a. Kunsthalle Bern 2001), als theatralische Video-Live-Inszenierung in „Enhanced by King Kong“ mit Ton-Spur, Gesang, projizierten Handlungen mit Kinderspielzeug und Hintergrundbildern. Die mediale Komplexität eröffnet Grau hier und in weiteren Projekten neue, narrative Möglichkeiten, rückt ihr Schaffen teilweise weg von der Fokussierung auf denen eigenen Körper. Eine weiterer Schritt ist die Hinwendung zum „Tableau vivant“, das die Menschen zu Akteuren im Dialog mit  bestehenden Bildern macht, zum Beispiel in „Die Nacht“ von Ferdinand Hodler (Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel 2010).