Kuhn Rosina

Vernissagerede, Rigassi Bern

Fetes galantes

Sehr geehrte Damen und Herren

Liebe Rosina

Manchmal ist älter werden eine Last, manchmal ist älter werden aber auch eine Lust, eine neue Freiheit. Rosina Kuhn –mit ihren 74 Jahren mittlerweile eine der Doyenne der Zürcher Malkultur bekennt sich zum älter werden als Lust und Freiheit. Davon zeugt ihr Alterswerk, davon zeugen die Ölbilder und Monotypien, die wir hier und heute rund um uns herum sehen.

Sich diese Freiheit nehmen zu können, mag ein Geschenk sein, aber es kann sich nur öffnen, wenn reiche Lebenserfahrung und ein grosses künstlerisches Werk die Basis bildet. Bald einmal 50 Jahre sind es her, dass Rosina Kuhn im Rausch der 68er-Jahre die ganze Welt in Collagen zusammengezurrt hat. Fast 40 Jahre sind es her, seit Rosina Kuhn zusammen mit der Jazz-Pianistin Irène Schweizer expressionistische Mal- und Musik-Performance-Abende in der Galerie Jamileh Weber in Zürich gegeben hat. Und exakt 40 Jahre sind es her, seit sie und andere die legendäre Ausstellung „Frauen sehen Frauen“  im Straufhof in Zürich kuratierten.

Wer nun meint, das wären nun schon die „Fêtes galantes“ gewesen von denen sie als Kind angesichts von Watteaus Werken im Louvre in Paris oder von Tiepolos Himmelsräumen in den Museen von Florenz träumte, der irrt sich. Eine junge exaltierte Künstlerin in den 1970ern quantité négligable dem „Jahr der Frau“ 1975 zum Trotz. Lebenserfahrung ist selten Zucker schlecken, sondern viel mehr ein Tanz mit Höhen UND Tiefen. Erst in den letzten Jahren –konkret seit einem längeren Venedig-Aufenthalt – traut sich Rosina Kuhn wieder von jenen „Fêtes galantes“ französischer und italienischer Ausprägung zu träumen, die Bilder von damals auf den Bildschirm zu holen, sich an die Museumsbesuche mit dem Vater –notabene Kunstmaler – zu erinnern und dann mit einer Spur lustvoller Aufmüpfigkeit – mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand zu zaubern. Nicht als Recherchen zur Zeit der Genre-Malerei des 18. Jahrhunderts, sondern als ganz persönliche Souvenirs, als IHRE  Re-Interpretationen unabhängig von den inhaltlichen Motiven.

Nicht dem heiligen Dominikus erscheint im Bild „Rosario“ die Jungfrau Maria in den Wolken, auch nicht der Malerin – da, wo in Tiepolos Deckenfresko in der Chiesa dei Gesuati in Venedig die Madonna sitzt, ist hier nur eine blau-graue Zone mit einer kleinen Andeutung eines fliegenden (Engel)-Wesens zu sehen. Es ist sogar – hier und in anderen Bildern dieses Zyklus – so, dass sie im malerischen Prozess die Bewegung umkehrt. Das heisst, nicht der Himmel offenbart sich dem Irdischen, vielmehr setzt sie die Lebenswelt in eine Schaukel und nutzt die Öffnung für Reisen ins Unendliche. Solche Reisen sind nicht greifbar, man muss sie – so „erzählt“ der gestische Impetus des Pinsels – ganz schnell nachzuziehen versuchen, Details aus dem Weg räumen, dem Luftigen, dem Himmlischen zustreben.

Jegliche Reisen bedürfen der Vorbereitung – hier bei diesen Bildern sind das nicht etwa Vorstudien in Form von Zeichnungen, vielleicht Aquarellen – es ist eine mentale Vorbereitung. Der Zürcher Maler Valentin Hauri sagte mir einmal im Gespräch: das Malen ist das Dessert, womit er meinte, dass man sein Motiv –auch bei ihm Bilder anderer Künstler – so sehr integriert haben muss, dass man alles Unwichtige loslassen und nur noch das Wesentliche malt. Das sieht bei ihm dann ganz anders aus als hier bei Rosina Kuhn, und doch ist es vergleichbar. Auch sie gibt letztlich nicht (oder kaum) mehr preis, was an der Basis war –das interessiert mich schliesslich nicht mehr“, sagt sie.

Und doch gibt es da den roten Faden, der einem ahnen lässt, warum sie auf dieses oder jenes Bild von Tiepolo oder Watteau reagiert und es zum Vor-Bild wählt. Es sind immer die Himmel, die sie anziehen und denen sie als Landschaften der Sehnsucht, des Unerfüllten, der Hoffnung, der Freude, des Festes, des Überirdischen, der Überwindung des Todes letztlich die Hauptrolle gibt. Selbst im Bild mit dem Titel „Herakles“; man weiss (oder hat schnell Wikipedia befragt, um sich zu erinnern) dass Herakles irdisches Leben in einem fürchterlichen Todesdrama endete, doch Rosina Kuhn malt – Tiepolos Bild von 1760 folgend – den Helden nicht als Mutprotz, der– in der Version von Ovid den Stall des Augias ausmistet, sondern in dem Moment, da die Götter ihn im Tod in den Olymp holen – somit im Moment der „Auferstehung“, dem Moment seiner Reise in den Himmel.

Wieso braucht Rosina Kuhn Vor-Bilder –sie könnte dasselbe Bild ja auch einfach erfinden. Klar könnte sie das, aber das hat sie in ihrem ganzen Werk nie gemacht. Ein Porträt hat auch ein Modell –logisch ebenso eine Landschaft . Noch viel mehr sogar. Sie braucht sie, weil die gemalten Vor-Bilder  weiter von der Natur entfernt sind, schon eine Stufe vorangeschritten,schon nicht mehr da, sondern bereits dort, sodass man schon fast auf einer Rampe ist, wenn man abspringt: darum geben die Tiepolos, die Watteaus der Künstlerin mehr Freiheit, vernetzen sich – durch die Hintertür quasi –mit den abstrakt-gestischen Bildern, die in den 1970ern während den Jazz-Sessions von Irène Schweizer entstanden sind. Auch damals ging es um Befreiung, wenn auch noch sehr viel gesellschaftsbezogener Art.

Diese Vor- und Nachbilder bestimmen auch die Monotypien, die seit 10 Jahren eine wichtige Rolle im Schaffen von Rosina Kuhn einnehmen. Angefangen hat alles mit regelmässigen Aufenthalten in Los Angeles, wo ihr Sohn Cyril –auch er Maler – lebt. Die Fahrten dem Sunset Boulevard entlang kamen ihr vor wie ein Film –Kunststück so nahe bei Hollywood – sie begann aus dem Auto zu fotografieren, die Szenen kleinformatig zu malen und auf einer Holzliste nebeneinander zu stellen. Damit war sie  bei der Bildfolge, aber noch nicht beim „Film“, noch nicht bei der Geschwindigkeit, dem Flüchtigen, dem nur im Moment Aufscheinenden, dem im Moment Erhaschten. Das kam erst mit der Monotypie –dem Abklatsch, dem Einmal-Druck. Die Technik, bei welcher man auf eine Metallplatte malt und das Bild dann in einer Druckerpresse auf ein Papier überträgt, verlangt Geschwindigkeit, erlaubt keine Korrekturen, was zählt ist der Moment mit all seinen Unwägbarkeiten man hat ihn oder man hat ihn nicht.

Die Monotypie „Scott“ von 2004 steht für diese frühe Phase entlang dem Sunset Boulevard. Diese fächert indes schon bald in ein viel breiteres Spektrum, wobei es hier nicht der Himmel ist, der lockt, viel eher schon das Wasser, geheimnisvoll wie dieser. Die meisten Basis-Bilder stammen nun aus Zeitschriften aller Art. Was zählt ist indes nicht der Kontext, sondern einzig das Bild an sich und was es bei Rosina Kuhn auslöst. Was sie beim Blättern frappiert sind Lebensmomente, sind Begegnungen, Beobachtungen, die getragen sind von emotionaler Berührung, Bilder, die uns anregen mitzufühlen, einen Moment lang selbst zu den AkteurInnen zu werden, selbst im Zirkuszelt zu schwingen, im Teich zu waten, die Mutter fortgehen zu sehen, den Schmerz zu spüren, den Ruf des Kindes zu hören.

Dass diese Wirkung entsteht, hat essentiell mit der Monotypie zu tun. Beim Leinwandbild spüren wir die Malerin unmittelbar, sie ist in der Pinselgeste präsent. Wir betrachten IHR Bild. Bei der Monotypie tritt sie einen Schritt zurück –sie zeigt uns ein Ab-Bild ihres Bildes; das schafft Distanz. Noch immer ist es die Farbe, mit der SIE malte – aber über die Monotypie lässt sie ihre Präsenz ein Stück weit los, versetzt uns in dieselbe Lage wie sie selbst als sie spontan dieses oder jenes Bild aus der Zeitschrift riss, weil es sie berührte, zu eigener Interpretation aufforderte. Nun ist es aber nicht mehr der Abdruck einer Fotografie – wie in der Zeitschrift –sondern das seinerzeitige Abbild befreit von allem Anekdotischem, fokussierend auf das, was die Künstlerin beim Anblick berührte. Von Fêtes galantes kann hier nicht die Rede sein – eher schon von Momenten der Wehmut, der Rührung, der Angst – in jedem Fall von Lebensnähe.

Wenn Sie auf der Liste die Jahrzahlen verfolgen, sehen sie thematische Wandel – zum Teil hängen hier nur Einzelstücke aus Zyklen, auch solchen, die erst im Entstehen begriffen sind. Ebenso sehr werden sie bemerken, dass sich die Formate verändert haben. Die mittelgrossen hat Rosina Kuhn in der Druckwerkstatt der Roten Fabrik in Zürich, wo sie seit langen Jahren ihr Atelier hat, realisiert. Die grossformatigen hingegen entstanden im Atelier des legendären Giorgio Upiglio in Mailand, der die grösste Druckpresse in Europa besass, die sich für Monotypien eignete (leider ist er kürzlich verstorben und die Zukunft des Ateliers ist ungewiss), sicher ist aber, dass  die Monotypien wie „Lost“, wie „Swing“ oder „La Nave“ von 2013/2014 auch als graphische Blätter an sich ausserordentlich sind. Man denke nur an die Geschwindigkeit, mit welcher die Künstlerin hier Formate bis 120 x 150 cm bewältigen musste, nämlich so schnell, dass die Farbe in der Zeit vom malen bis zum drucken nicht trocknete.

Lassen Sie mich zu guter Letzt versuchen, die heutige Werkphase von Rosina Kuhn in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Dass Kunstschaffende heute bestehende Bilder re-interpretieren, ist gang und gäbe, ein Mainstream sogar. Das hängt mit der Bilderflut, mit der ständigen Verfügbarkeit von Bildern aller Art zusammen. Die Bilder von Rosina Kuhn stehen somit nicht ausserhalb ihrer Zeit. Die Frage, die sich stellt, ist, wie vollziehen die KünstlerInnen diese Aneignung und Reinterpretation. Und spätestens hier kommt bei Rosina Kuhn die lange Erfahrung als Malerin mit ins Spiel. Sie reicht bei ihr als Tochter aus einer Künstlerfamilie ja quasi bis in die Kindheit zurück. Um so sicher, so frei auf Bilder reagieren zu können, dass nicht von einem Reiben an bestehenden Bildern, wie man es vielfach sieht, nicht von Intervention in bestehende Bilder die Rede sein kann, braucht es die Souveränität einer seit 40 und mehr Jahren ausschliesslich als Malerin tätigen Künstlerin. Nur darum kann man hier von eigenständigen Bildern sprechen, die viel stärker mit der traditionellen Malerei nach der Natur, dem Modell zu tun haben als mit dem erwähnten Mainstream. Oder – anders ausgedrückt – sie tragen eben beide Aspekte, jenen der Zeitbezogenheit und der Tradition der Peinture in sich. Und gerade das macht ihre Einmaligkeit aus respektive die besondere Qualität des Kunstschaffens von Rosina Kuhn.