Journal von azw’s Facebook-Kommentare zu Kunst, Film, Literatur und mehr von Januar bis Dezember 2014

Januar 2014:

azw hat soeben „Wozu wollen sie das wissen“ der Nobelpreisträgerin Alice Munro (CAN) fertig gelesen. Es seien 11 Geschichten heisst es, aber eigentlich ist es (fast) ein Roman, denn es beschreibt die Generationen ihrer Familie bis zurück zum Aufbruch von Schottland in Richtung Amerika anno 1799. Warum Nobelpreis? Vermutlich weil sie wunderbar beschreiben kann. Sie bleibt ganz nah bei dem was sie schreibt, ist gleichsam mit Haut und Haar ein Teil davon. Alles hat einen Grund, eine Nähe, eine Sinnlichkeit, eine Dramatik, einen persönlichen Beweggrund. Sie behauptet nicht, sie fühlt nach.

azw hat jetzt auch das neue Buch des Trägers des Schweizer Buchpreises (es braucht nicht immer der Nobelpreis zu sein!), „carambole“ von Jens Steiner fertig gelesen. Wird als „Roman“ vertrieben, ist aber genau so Geschichtenband mit Verbindungslinien wie Alice Munros „Warum wollen sie das wissen“. Es geht um Figuren verschiedener Generationen – vom Teenager bis zum Rentner – und unterschiedlicher Lebenshintergründe in ein und demselben (verschlafenen) Dorf. Wie die Sprache die verschiedenen Menschen ihrer Art entsprechend einfängt, ist bemerkenswert. Ich habe es gerne gelesen!

azw hat soeben „12 years a slave“ gesehen. Wusste schon, dass es „heavy“ sein würde (war es), aber eben auch ein Film des Video-Künstlers Steven McQueen, dem ersten dunkelhäutigen Turner Prize-Gewinner (1999). Der Film ist fantastisch, weil er inhaltlich und bildsprachlich sehr dicht, sehr körperlich ist. Nicht nur das Happy End hilft ihn auszuhalten, sondern auch, dass es nicht einfach nur gut und böse gibt, sondern auch alle Zwischentöne. Und die Langsamkeit der Kameraführung lässt Zeit zum Mitfühlen und Mitdenken, auch wenn man sie bei Gewaltszenen zuweilen verwünscht. Einzig, dass Co-Producer Brad Pitt ausgerechnet den „Gutmenschen“ spielen darf, schmeckt ein wenig nach Wasser auf die eigene Mühle.

 

Thomas Schütteazw hat die Ausstellung von Thomas Schütte – „Figur“ – bei Beyeler in Riehen gerade noch erwischt (Ende 2.2.). Vor allem die Köpfe rund um „Walser’s Wife“, die „Fratelli“ und die „Frauen“ sind toll – auch sehr schön in Szene gesetzt. Schütte war/ist schon ein gewaltiger Schaffer. Das Rezept: Experimentell im formalen Ansatz und im Umgang mit Materialien und doch immer auch inhaltlich intensiv. Irgendetwas erinnert mich – zumindest hier, wo es um die Figur geht – an Picasso. Das heisst auch: Die Tradition wird nicht ausgeklammert, sondern gewandelt. Vertraut wird neu. Das muss ihm erst mal einer ein Leben lang nachmachen!

Februar 2014:

Hat den Film „De Goalie bin ig“ von Sabine Boss nach Pedro Lenz gesehen. Er ist für mich gut bis sehr gut, aber kein Meisterwerk. Ausserordentlich sind die schauspielerischen Leistungen von Pascal Ulli und Sonja Riesen, man glaubt ihnen ihre Rollen durch und durch. Der Film (das Buch) scheinen mir sehr deutschschweizerisch (nicht nur wegen der Sprache). Hier hatte schon die „anteilnehmende Fotografie“ einst hervorragende Vertreter und so kommt mir auch der Film vor. Ein Rand-Thema mit wenig Humor, aber sehr viel menschlicher Anteilnahme abgehandelt – nicht extrem, Schwächen hier und dort zeigend, aber stets Wärme bewahrend. Man heult nicht, aber ein Stück weit betroffen geht man schon nach Hause.

Hat Urs Widmers Autobiographie „Reise an den Rand des Universums“ gelesen; gern gelesen. In den besten Kapiteln spürt man die Lust des 74-jährigen, das eigene Leben noch einmal „zu leben“ – manchmal überschäumt die Erinnerung, das darf Literatur, manchmal hält sie zurück, als wollte sie – Vater und Mutter zum Beispiel – nicht weh tun, den Schmerz aber auch nicht verbergen. Pflichtkapitel (etwa die Professoren an der Uni) sind langweiliger. Gut sind die zeitlichen Einschübe, die – zum Beispiel ein Jahrzehnt – objektivieren, aus dem Individuellen ins Allgemeine rücken oder auch den alternden Autor als Rückblickenden einbringen. Die Sprache ist unangestrengt, direkt, erzählerisch, (selbst)ironisch und holt viele typische Wortwendungen seiner Generation ans Licht. Ich begreife die Jury, welche ihm eben erst einen der Schweizer Literaturpreise zugesprochen hat.

März 2014

War im Kino: „Dallas Buyers Club“ mit Matthew Mcconaughey in der Hauptrolle. Den Oscar für den besten Hauptdarsteller hat MMc verdient. Aber der Film als Ganzes ist – wie der Bieler Filmkritiker Mario Schnell zu Recht notiert – gut, aber nicht mehr (also weder sehr gut noch ein Meisterwerk). Zuerst meine ich im falschen Film zu sein und dachte, diesen erzamerikanischen Hollywood-Groove halte ich nicht aus, doch dann besserte es, doch das Drehbuch wuchs nicht wirklich über sich hinaus. Ist ja schön, wenn ein Aids-Kranker die Gesetze zu umgehen versucht, um sich und anderen zu helfen (das Geld verdienen damit ist erlaubt), aber der Story fehlt einfach die 4. Dimension.

Diaz-RiedwegDie Ausstellung des schweizerisch/brasilianischen Künstlerpaars Mauricio Dias (geb.1964 Rio) und Walter Riedweg (geb. 1955 in Luzern) im KM LU ist umfangreich und unbedingt sehenswert. Was ihnen in ihren ausgeklügelten Multi-Channel-Videos gelingt, ist die Ausstrahlung ihrer eigenen Anteilnahme; leise und dicht, mit viel Bewegung, Form- und Bildbewusstsein, Musik (auch bildnerisch) und „Liebe“. Menschen auf dem Markt, Kinder beim Fussballspielen (nachts), Erinnerungen eines alternden Paares, zwei Männer in den Dünen, Psychiatrie-PatientInnen in fantastischen Gewändern. Gerade „Corpo Santo“, eine 2-Kanal- Inst. mit realen Kleid-Objekten, ist bildnerisch so vielschichtig wie die Wahnwelten dahinter und keine Spur von voyeuristisch. Der bildende Künstler (Dias) und der Musiker/Performer (Riedweg) areiten seit 1993 zusammen und haben ihre Arbeiten weltweit gezeigt (z.B. Documenta 2007); in CH u.a. in „I need you“ im Pasquart in Biel (2004).

 März 2014

Rita Ponce de LeonWar endlich mal wieder in der Kunsthalle Basel – quasi zum Abschied von Szymczyk (zum Leiter documenta 2017 gewählt). Ross Birell/David Harding ist typisch Szymczyk – ein kaum fassbares poetisches Universum aus Geschichte, Musik, Lyrik. Die zeichnerische Gesamtinstallation von Rita Ponce de Léon (geb. 1982 Peru/Mexico) hingegen ist ein Highlight – so subtil aus dem Körper, aus der Verbindung mit anderen Menschen heraus geschaffen. „Die Immaterialität von Gesprächen in Bilder fassen“, sagt sie. Dazu: Architektonische Elemente (Pablo Perez Palacios), welche die Räume verbinden – über die Grenzen hinaus. Toll. Achtung: Nur noch bis 30. März.

Mai 2014

Hat soeben „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson (450 S.) fertig gelesen. Darin entpuppt sich eine südafrikanische Latrinenwärterin als Mathematikgenie, wird in Bau und Entsorgung einer Atombombe verwickelt und greift schliesslich sogar in die schwedische Politik ein. Literarisch: Definitiv keine Weltliteratur; die unwahrscheinlichste aller unmöglichen Geschichten geht „fadegrad“ von A nach B. Aber Jonasson versteht sein Handwerk brillant, d.h. das Drehbuch ist so spannend angelegt, dass man nicht aufhören kann zu lesen und dem Gedanken, ob man da nicht vielleicht seine Zeit verschwendet, schlicht kein Gehör verschafft.

Juni 2014:

Eine Schweizer Autorin, die ihren Debut-Roman bei Nagel & Kimche veröffentlichen kann (und überdies Absolventin des Literaturinstituts in Biel ist) – das muss etwas Ausserordentliches sein. Sagte ich mir als ich in der Buchhandlung stöberte….“Jakobs Ross“ von Silvia Tschui IST ausserordentlich. Vor allem bezüglich Sprache. Dieses Schweizerdeutsch-Hochdeutsch, das weder noch ist und doch völlig vertraut, das ist unglaublich und ein Hochgenuss!! (Klar: „Vrenelis Gärtli“ von Tim Krohn hat’s vorgemacht, sagt sie auch, aber es ist kein Plagiat!). Und die Geschichte ist so was von handfest und fiktiv zugleich, dass es einem schlaflose Nächte beschert. Es geht dabei um eine Bohnermagd (um 1850) im Schweizer Hinterland, die „fidlen“ kann wie keine andere, vom Gutsherrn geschwängert wird und dann mit einem Ross-Knecht in die Pampa geschickt wird, wo der Teufel, der Tod, die Gewalt allgegenwärtig sind…. bis sie dann die „Beeri“ doch noch „kotzt“ und wieder zum Glück finden kann. Unbedingt lesen (hat nur 200 Seiten).

Juni 2014:

Thomas StrickerSommerzeit – Art en plein air – Zeit. Bex&Arts habe ich schon mal absolviert (uff, war das heeiiisss!). Eine sehr traditionsreiche Freilicht-Kunst-Ausstellung. Gibt es seit den 1980ern! Der diesjährige Titel „Emergences“ lässt alles zu – ist aber da und dort als visualisiertes „Luftschloss“ fassbar. Die Qualität: Durchschnitt. Schwache (oder ungeeignete) Arbeiten und Highlights. Zu letzteren gehört – wie immer in Bex – der Beitrag von Olivier Estoppey (Bild), aber auch die im Wind leise tönendeTabakblätter-Scheune, der „Blitz“ von Thomas Stricker, das humoristische „HaHaHa“ von Claudia Comte, das „Heiligtum“ für die Walliser Kuh von Alexandre Joly u.a.m. Umwerfend Neues sucht man vergeblich, aber da setzt wohl die Struktur ganz einfach Grenzen. Ein Besuch lohnt sich aber allemal – das Leben muss ja nicht eine ständige Jagd nach Neuem sein.

  1. Juni 2014

RichterFazit nach dem Besuch der Richter-Ausstellung in der Fondation Beyeler: Man kann über die Preise für Werke von Richter lästern wie man will, Richter IST ein Meister. Keiner hat wie er die Tradition der Malerei erweitert, mal sanft, mal konzeptuell, mal auf Tizian zurückgreifend, mal Fotografie und digitale Software für sich nutzend. Das alles zeigt sich in Riehen. ABER: „Serien und Zyklen“ sind kein Thema und so ist die Ausstellung ein Würfelspiel, das nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Zu zahlreich sind die abstrakten, mit dem Rakel gemalten Bilder – so faszinierend beispielsweise die „kalten Monate“ auch sind. Weniger wäre mehr. Highlight ist nicht einseitig die berühmte „Betty“ (Plakat), sondern ebenso der Zyklus „S. mit Kind“ (1995); nicht nur weil da Motiv der stillenden Mutter berührt, sondern weil kunsthistorische Referenzen (Maria mit Kind) und die malerische Erforschung visueller Bildoberflächen sich gegenseitig steigern.

  1. Juli 2014

Hutter alle drei mit StadtBiel/Bienne feiert diesen Sommer „la sculpture en mouvement“. Christian Jankowskis Projekt heisst „Kunstturnen“ und meint Kunst turnen, Skulpturen im öffentlichen Raum neu bespielen. Drei Mädchen der Kunstturner-Riege Lenzburg (die zur Zeit im Fraubrunnenhaus in Twann in den Ferien sind) haben seine 14(!) Vorschläge nachgeturnt, zuerst dem Künstler folgend, dann der eigenen Fantasie. Unterstützt von ihrer Mutter/Trainerin Caroline Blum und fotografiert von azw… eine Kostprobe.

  1. August 2014

JapanartZuweilen gibt es in den kleineren Schweizer Museen Trouvaillen zu entdecken. Japanarttoday in Interlaken löst die Behauptung ein… mit Abstrichen. Zum einen sind die fünf KünstlerInnen alle eng mit Deutschland und/oder der Schweiz verbunden. Ost-West-Dialog somit. Zum anderen versucht die A. zeitgenössische Kunst und Tourismus zu verbinden; auch diesmal eine etwas allzu beschönigende Gratwanderung. Dennoch: Qualität gut, schauen eine Freude, Vielfalt gelungen. Besonders: Die „romantischen“ Fotografien von Hiroyuki Musayama nach Caspar Wolf (nur: wo das früher/heute zur Methode wird lauert Gefahr!). Klar, überzeugend: Die Bernerin Natsuko Tamba. Weltklasse: Leiko Ikemura. Leider ohne grosse Entwicklung: Chiharu Shiota (vertritt Japan in Venedig 2015). Minimal (positiv): Kumiko Kurachi. Na ja: Masaki Nakaos „Leuchttisch“. Abbildung: Hiroyuki Musayama

  1. August 2014

Sommerzeit – Lesezeit. Den Stapel auf dem Nachttisch abtragen. Ungelesen zum Vorschein gekommen: „Hinter dem Bahnhof“ von Arno Camenisch (2010). Das Lesen hat sich gelohnt. Es ist ein literarisch raffinierter Schachzug – AC schreibt aus der Optik eines gut 5-jährigen Buben über das, was sich im Bündner 54-Seelen Dorf in den 1980er so tut (oder auch nicht). Nicht nur lässt sich so die Mischung von Hochdeutsch, Bündner Dialekt und (wenig) Romanisch rechtfertigen (eine richtige Modeströmung), der Autor muss auch nicht Stellung beziehen, nicht interpretieren, nicht Partei ergreifen. Es ist wie es ist. Dass sein Herz dabei für die Buben schlägt, die gelegentlich „Saich“ machen und dann ohne Znacht ins Bett müssen…. versteht sich von selbst.

  1. August 2014

 

MuriTrotz Wetterrisiken – Freilichttheater boomen zur Zeit, vor allem im Aargau. azw & Co. haben gestern – bei Dauerregen! – „la mi beuroren dih“ (lass mich dich berühren) im Klosterhof in Muri gesehen. Und waren berührt! Es ist ausserordentlich, das Osterspiel von Muri, eines der ältesten deutschsprachigen Theaterstücke überhaupt, so gegenwärtig, so schräg, so irrwitzig auf die Bühne zu bringen ohne dabei die Hintergründigkeit, die Mystik zu verlieren. Der dramaturgische Trick: Theater im Theater. Heutige Schauspieler proben eine Reinszenierung und werden dabei von Sophie, die vor 40 Jahren die Maria Magdalena spielte, immer wieder in die mittelhochdeutsche Version zurückgeholt und von da ins Visionäre jenseits von Leben und Tod entführt. Schön wie Sophie dabei ihrem eigenen Tod den Rücken zukehrt und 10 Jahre geschenkt erhält. (Die Fotos sind aus dem Internet „geklaut“).

  1. August 2014

 

Cindy ShermanHabe u.a. die Ausstellung von Cindy Sherman im Kunsthaus Zürich gesehen. Es ging mir genau so wie es Samuel Herzog in der NZZ beschrieb: Er fand viele positive Punkte – das fast 4 Jahrzehnte umspannende Werk, die Kontinuität des Themas, die überraschende Ausstellungs-Choreographie nach dem Lustprinzip – und fühlt sich am Schluss doch seltsam unberührt, weil die Auswahlsendung im Potpourri-Stil keine Steigerung einzelner Motive mit sich bringt. Was war ich doch begeistert ob der Luzerner Ausstellung von 1995! Weil da Themenkreise variiert und dadurch potenziert wurden – etwas, das eine Aneinanderreihung von Einzelbildern kaum vermag. Oder brennt mir das Thema ganz einfach nicht mehr so unter den Nägeln?

  1. September 2014

 

Hat heute den Film „Finding Vivian Maier“ gesehen. Fantastisch. Nein, nicht der Film, die Geschichte der Nanny, die die Spaziergänge mit „ihren“ Kindern als Rollei-Flex-Streifzüge nutzte. Sie schoss über 100’000 grossenteils hervorragende Fotos, die sie nie jemandem zeigte. Ihr Sinn für emotionale Momente, ihr Blick für’s Tragische, ihre Anteilnahme – grossartig. Street Photography vom Feinsten. Und noch viel grossartiger: Als sie verarmt stirbt, gehen ihre Kisten (auch mit unzähligen Filmen) nicht verloren. Ein junger Mann ersteigert eine Kiste, ahnt das Potenzial, sucht die übrigen, macht die Recherchen zu dieser unbekannten Frau zu seinem Lebensziel (ist auch der Produzent des Filmes). Nie hätte ich gedacht, dass ich das Kino zu Tränen gerührt verlassen würde…

  1. Oktober 2014
Giaccomo Santiago Rogado
Giaccomo Santiago Rogado
Albrecht Schnider
Albrecht Schnider

Hat gestern u.a. die Ausstellung von Albrecht Schnider (geb. 1958 CH/Berlin) und Giacomo Santiago Rogado (geb. 1979 CH/Berlin) im Helmhaus in Zürich gesehen. Konzeptuelle, dennoch versteckt emotionale Malerei zur Frage: Was kann Malerei heute noch? Rogado sucht die Antwort am Ursprung selbstgenerierender Bildwerdung (Pigmente, die sich in einer Wasserschicht auf der Leinwand ausbreiten). Das ist vor allem in der Dimension eines ganzen Raumes verführerisch, „schön“ (aber als Methode nicht neu). Schnider hingegen entleert die Sinnlichkeit gemalter oder zeichnerisch festgehaltener Körper (Köpfe) in geometrische Konstrukte und übermittelt diese als Datenmenge an die Spritzpistole. Der Schmerz der Entpersönlichung (Ausdruck unserer Zeit) ist durch Gegenüberstellungen förmlich spürbar und wird im Helmhaus durch den fürchterlichen Labor-Charakter der Räume (der weiss-glänzende Boden!) noch gesteigert. Fazit:Simon Maurer zeigt zwei markante Positionen, aber trotz warmer respektive kalter „Schönheit“ nicht eben solche zum „gern haben“.

Oktober 2014

ArmlederJosef Felix MüllerEs ist nachgerade eine Binsenwahrheit: In der Schweiz stösst man nicht in den grossen Häusern auf die mit Herzblut kuratierten Ausstellungen, sondern in den kleinen. Aktuell zum Beispiel in Altdorf, wo Esther Maria Jungo – eine Kennerin der Kunstszene – „Aus der Tiefe rufe ich zu dir: Teufelsküche & Gotteserfahrung“ realisiert hat. Mit unzähligen (!) Positionen vom 18. bis ins 21. Jahrhundert. Von Votivgaben über Totenschädel bis John Armleder und Heidi Bucher, von Hugo Ball über Michael Günzburger bis Loredana Sperini, von Charlatan über Hoio bis Dias&Riedweg und natürlich dem „Hausherrn“ Heinrich Danioth, in dessen Werk die Ambivalenz des Themas deutlich ablesbar ist (etwas gewagt ist die Kombination mit Heidi Bucher). Das kuratorisch Besondere : Die Paarung von Absurdem und Ernsthaftem, Beglückendem und Schauerlichem, Naheliegendem und Unerwartetem. Der Titel verweist auf das Christentum; Jungo bleibt nahe daran; das ist konsequent (Ausnahmen eingeschlossen), fokussiert den Ort der Ausstellung (Innerschweiz) und animiert zu eigenem differenzieren. Zu den kontextuellen Highlights gehören (für mich) die „Fashion Show“ im Vatikan (Ausschnitt aus Fellinis Film „Roma“), ein Video von Dias&Riedweg, in dem „Umkleideszenen“ kombiniert sind mit Todeserzählungen in Ich-Form, subtil doppeldeutige Arbeiten von Sperini und Armleder, die „Gottesbilder“ von Günzburger, die Trance-Performance von Matt Mullican, die „Zeichen“ von Ian Anüll und last but not least „Hoios“ Teufelsdieb in den Walliser Alpen. Etwas gemerkt? – Hingehen!! (bis 23. Nov.). Abbildungen: John Armleder, Josef Felix Müller

  1. Oktober 2014

Jenny SavillePat Nosers Facebook-Hinweis auf Jenny Saville (aktuell mit Schiele im Kunsthaus ZH) war mir „Befehl“. Klar dass Savilles menschliche „Fleischberge“ die Malerin Pat Noser (geb. 1962) elektrisieren, war „Fleisch“ doch auch immer wieder ihr Thema. azw schrieb 1998: „Malerisches Thema ist Fleisch – am Körper, in der Küche und auf dem Teller“….Sie malt die grossen Brüste, die wulstigen Speckfalten schonungslos….ihr Ansatz ist dabei ein malerischer, ein sinnlich-ästhetischer“. Das könnte (fast) zu Saville (geb. 1970) passen. Allerdings ist Savilles Ansatz näher beim „Porträt“ – der „Verkörperlichung von Malerei“ wie das Kunsthaus schreibt – während bei Noser der kritische Anteil (mit Recht!) auch immer mitschwang. Die Kombination mit Schiele bringt Spannung – ob dabei einseitig die Engländerin (eine von Saatchis Young British Artists ) „geedelt“ wird (wie Samuel Herzog in der NZZ schreibt) oder nicht auch Schiele von erstarrter Überhöhung befreit wird, bleibe dahin gestellt. Sicher ist: Nur Schiele allein wäre langweilig und nur Saville nicht zum aushalten.

 

18 . Oktober 2014

BildergartenAmiet BildergartenDer „Bildergarten“ im Neuen Museum in Biel ist ein sehr gutes Beispiel dafür wie man eine hauseigene Sammlung (in diesem Fall die „Collection Robert“ mit ihren vielen Natur-Aquarellen) in einen erweiterten und in die Gegenwart gespannten Rahmen setzen kann. Gratulation! Die Zeitreise beginnt im 16. Jahrhundert, durchläuft die ganze Aufklärung, fächert im 20.Jahrhundert aus in die Omnipräsenz floraler Zeichen und Muster in Kunst und Kunsthandwerk und kommt schliesslich bei der wissenschaftlichen Zeichnung (Sienctific Visualization heisst das heute) im 21. Jh. und bei der Erforschung virtueller Pflanzenwelten (Andrina Jörg/Ursula Jakob) an. Und als Schmelztigel: „Le paradies mysterieux“ von M.S. Bastian/Isabelle Laubscher. Und immer wieder fragen Tafeln: Wie hast Du es mit der Natur?

  1. November 2014

RomanaSkulpturen haben es heutzutage im öffentlichen Raum schwer. Zu oft ist die Konkurrenz durch die Architektur einfach zu gross. Sie kommen nicht über „Möblierung“ hinaus. Eine kleine, gute Idee ist der „Brutkasten“ vor dem Metron-Gebäude in Brugg (gleich beim Bahnhof), wo alle 6 Monate ein(e) andere(r) Künstler(in) eine neue, kleine Installation zeigt. Die Bieler Künstlerin Romana del Negro hat den „Brutkasten“ wörtlich genommen; was dieses künstliche „Hirn“ ausbrütet, ist allerdings so unsichtbar wie, wie wenn man einen Menschen anschaut und sich fragt, was er jetzt wohl denkt. Frühere Installationen von Anna Amadio, Lorenzo Le Kou Meyer, Beat Zoderer usw.

 

  1. Dezember 2014

Hat endlich die mit dem Booker-Preis ausgezeichneten „Wölfe“ von Hilary Mantel (*1952 Glossop GB)) fertig gelesen (750 Seiten!). Ein historischer Roman, der zur Zeit der Reformation am Hof Henry VIII in England spielt. Hauptfigur ist Thomas Cromwell, der dank seiner politischen Raffinesse zum Königsberater aufsteigt. Bilanz: Ambivalent. Positiv: Der Einblick ins schonungslose (und oft blutige) Szenario der Machterhaltung sowohl der Aristokratie wie auch der Kirche, der Frauen (Catherine von Aragon/ Anne Boleyn) wie der Männer. Problematisch: Der Text ist gespickt mit nicht exakt benannten Dialogen, was einem zuweilen den Faden verlieren lässt. Schade: Mantels Engagement für Cromwell ist lauwarm; eine begleitende Analyse (Erzählfigur) fehlt. Erschreckend: Die Menschheit ist noch immer nicht weiter als damals…. Empfehlen? – Jenen, die gerne lesen und dabei Geschichte memorieren, ja. Wer Lesen als Unterhaltung sieht, eher nein.

Dezember 2014

Berndt HoeppnerMöchte, dass in der Kunstsammlung von Twann-Tüscherz-Alfermée auch Zeitgenössisches vertreten ist. Von KünstlerInnen, die im Dorf wohnen oder arbeiten oder eine Arbeit zu TTA realisiert haben. Darum hat sie 2013 eine Aktion gestartet. Kürzlich fand die Übergabe 2014 statt. Berndt Höppner alias „Malerfee/Alfermée“ übergab der Gemeinde eine „Bieler-See-Malerei“ mit Fundstücken vom Miniatur-Kiesstrand unter dem N5-Viadukt (der dem einstigen Co-Leiter der Malfachklasse an der ZHdK als Einstieg für’s täglich Bad im See dient). Träger der Non-Valeurs ist eine überdimensionierte Maler-Palette, die der Sammler einst von einem Aufenthalt in NY mit nach Hause brachte – eine gelungene Sache weil sich die Ortsverbundenheit mit der prozesshaften, auf Nicht-Werte ausgerichteten Eigenheit des künstlerischen Schaffens von B.H. paart.

 

  1. Dezember 2014

Die FilmkritikerInnen des BT sind sich nicht einig: Drei bis fünf Sterne geben sie dem neuen Stephen Hawking-Film „The Theory of Everything“. So ging ich hin. Leider waren die drei Sterne richtig. Mehr als eine Romanze mit einem hervorrragenden Hauptdarsteller (Eddie Redmayne) ist es nicht. Definitiv zu wenig Physik- und auch zu wenig Medizin-Unterricht (z.B. zur Frage warum H. die Lebensaussicht von 2 Jahren um bisher fast 50 Jahre überlebte). Schade.