Text zum Quartett „Kanne, Pfanne, Kocher + Elefant“ – vier Bilder in Blau von Stuart Alexander Glückstein  Mai 2017

Montagabend auf einem Stück kurz vor der Inbetriebnahme stehender Autobahn im Bözingenfeld in Biel. Der schwarze Teerbelag ist noch beinahe jungfräulich, die abgrenzende hellgraue Betonmauer von 1.20 Meter Höhe ist noch nicht von Graffiti-Künstlern in Besitz genommen worden. Anspruchslose Kräuter aller Art haben die Böschung begrünt. Kleiner Klee, Wiesensalbei und mehr blühen.
An der Betonmauer lehnen leicht schräg drei weiss grundierte Leinwände (je 2.05 x 2.05 m), die in wenig verfeinerter Malweise mit einer getupften Teekanne, einer Pfanne und einem Wasserkocher bestückt sind. Sie sind in ihrem Geviert so platziert, dass sie als Trio eine Wellenbewegung ausführen; man kann sie sich tanzend vorstellen. In bildbreitem Abstand dazu lehnt eine vierte Leinwand. Sie zeigt einen formal leicht schematisierten Elefanten. Die Vorderbeine sind schräg gestellt, der Rüssel ist markant in Szene gesetzt und vollzieht in etwa dieselbe Wellenbewegung wie Kocher, Pfanne und Kanne. Alle vier Bilder sind einzig mit der Farbe Blau gemalt, ein von Licht und Schatten mal heller, mal dunkler erscheinendes, frisches Blau wie man es von Testblättern zu den Grundfarben Rot, Ge
lb, Blau kennt. Barnett Newmans berühmtes „Who is afraid of Red, Yellow and Blue“ passt in verkürzter Form nicht schlecht dazu.

Stuart Alexander Glückstein ist ein radikaler Verweigerer des Kunstbetriebes. Er nennt jede Institution, die Malerei und mehr ausstellt, ein Kunstgefängnis. Und
im (Streit)-Gespräch mit dem Künstler hat man zuweilen den Eindruck, für ihn seien die meisten KünstlerInnen und Kuratoren potenzielle „Mafiosi“, die im Verbund mit Stipendien, Preisen, Werkbeiträgen und mehr vergebenden Gremien den Markt zu manipulieren versuchen. Auch die Lehranstalten im Kunstbereich erhalten dabei ihr Fett ab.

Diese Haltung ist nicht neu. Sie taucht in der Kunstgeschichte immer wieder auf. Oft ist das „Raus aus den Museen!“ darauf ausgerichtet, erweiterte Publikumskreise anzusprechen. Das trifft bei Glückstein nicht zu. Für ihn gehören seine Bilder quasi sich selbst (was nicht heisst, dass sie nicht verkäuflich wären). Für sie ist frische Luft, eine Präsentation unter freiem Himmel, eine Begegnung mit einem Ort (oder auch Un-Ort) das, was sie brauchen, um sich öffentlich zu zeigen. Ohne Publikum notabene!

Das war auch an besagtem Montagabend unweit der Tissot Arena der Fall. Nur gerade der Künstler, seine Mitarbeiterin sowie die Schreibende waren zugegen. Der Ort spielte dabei eine Rolle; nicht eigentlich für die Bilder selbst, aber für die immer wieder klar formulierte Outside-Haltung des Künstlers. Man sollte den spezifischen Ort indes nicht überinterpretieren. Für die Bild-Performance von 3 + 1 auf dem fertig gebauten, aber noch nicht in Betrieb genommenen Autobahn-Teilstück könnte man als Sinnbild eine Bahnhof-Uhr heranziehen, deren Sekundenzeiger jeweils um die volle Stunde einen Moment innehält, eine kurze Spanne der Nicht-Zeit, des Weder-Noch einbaut, um dann wieder die genormten Sekunden zu zählen. Die mögliche Romantik dieses Bildes ist allerdings auszuklammern, denn es ist zweifellos die rohe, direkte, ungeschönte, nur vom Grün der Böschung leicht gemilderte, aber dennoch zugebaute Off-Situation, die den Künstler zur Ort-Wahl animierte. Der Impetus hierfür war immerhin so stark, dass er es auf sich nahm, dafür eine Bewilligung bei der Bau-Leitung der N5 einzuholen.

Auffallend war, dass der Künstler die je 4 m2 grossen Bilder nicht einfach nonchalant an die Beton-Mauer lehnte, sondern punktgenau nebeneinander, sodass sie ein einheitliches, geometrisches Band bildeten, das in der Fortsetzung nach links und rechts durch die quer verlaufende Betonmauer annähernd in der Höhe des Goldenen Schnittes unterteilt wurde. War die Proportion ein Zufall? Man neigt in der Antwort zu einem Ja und doch ist es wohl auch ein Nein. War es ein intuitives Suchen und Finden? „Wenn es mir an einem gewählten Ort wohl ist, dann stimmt die Wahl“, sagt Glückstein und bringt damit – entgegen seiner sonst sehr wortspitzen Sprache – ein weiches, sensibles Moment ins Spiel.

Und genau das führt zurück zu den Bildern, der Teekanne, dem Kochtopf und dem Wasserkocher sowie dem Elefanten. Die vier Bilder, so sagt der Künstler, bildeten eine Kurzgeschichte mit wechselnden Positionsmöglichkeiten. Das heisst, die Geschichte verläuft so oder anders, je nachdem ob der Elefant auf Distanz platziert ist oder mittendrin, vielleicht sogar von einer Windböe umgelegt wird (wie geschehen an jenem Montagabend).

Die drei gemalten Gegenstände könnten in ihrer reduzierten Farbigkeit, ihrer Vereinzelung, ihrer Alltäglichkeit in einen Pop Art-Kontext gestellt werden, zumal auch in den grossformatigen Porträts, den Raum-Figur-Kompositionen und anderen Bildreihen Glücksteins oft vereinfachte Farb-Formen bestimmend sind. Hier ist der Verweis auf die Pop Art allerdings eine überwiegend falsche Fährte. Denn in dieser werben die Dinge primär für sich selbst, hier aber sind sie erzählend und dies aufgrund ihrer Grösse im Bildfeld und ihrer Pinselschrift nicht zu knapp.

Es gibt tatsächlich eine Auslöser-Geschichte dahinter. Diese hat etwas mit einem Teehaus und einem Gespräch unter Männern zu tun, welche den ebenso lustvoll streitbaren wie eben auch verletzlichen Künstler – gelinde gesagt – irritierte und nach einer bildnerischen Antwort heischte. Eine, in welcher die Klingen gekreuzt werden – alles andere wäre langweilig.

Das heisst, die Bilder haben im Kern einen autobiographischen Hintergrund, was man indirekt auch von andern Werkgruppen sagen kann. Dahingehend zum Beispiel, dass es dem Künstler bei den Porträts nicht um abbildende Gesichts-Landschaften geht, sondern um die eigene, persönliche Auseinandersetzung mit dem oder der Porträtierten. Diese Charakteristik ist für die Interpretation unwichtig, wohl aber ein mögliches Indiz für die schwierige Beziehung des Künstlers zum Kunstbetrieb.

Die Hintergrundgeschichten, -beziehungen etc. sind als motivische und stilistische Generatoren von Bedeutung, sie bedürfen aber keiner Erzählung oder Auslegung, da die Umsetzung ins Bildnerische – und das sei positiv angemerkt – in sich selbst Bestand hat.

Erster Fokus in dem hier diskutierten Bild-Quartett ist wahrscheinlich stets die Teekanne, da sie – umgemünzt auf eine rot-weiss getupfte Keramikversion – eine kollektive Symbolik hat. Zu dieser gehören Begriffe wie „bäuerlich“, „traditionell“, „bürgerlich“ oder – in einer angriffigeren Formulierung – „rückständig“, „festgefahren“, „rechtslastig“ usw. Das ist vermutlich so gemeint. Der Maler setzt die Kanne überdies so ins Bild, dass die Nase leicht nach oben schaut, sich also „hochnäsig“ gibt und damit eigentlich auch ein Kopf wird. Altfeministin Jutta Schwarzkopf hätte natürlich noch eine andere, deutliche männlichere Interpretation auf Lager. Und ganz so unrecht hat sie mit der sexuellen Konnotation wahrscheinlich nicht. Jedenfalls lässt sich von da die Kurzgeschichte so weiter denken, dass im Kochtopf in der Mitte Salzwasser brodelt, das den Deckel jederzeit abheben könnte. Wer weiss? Man könnte aber auch das eingangs erwähnte Tanz-Element fortsetzen und sich – wie schon bei der Teekanne – ein körperliches Moment vorstellen. Dabei würde der Topf plötzlich zur Figur mit seitlich eingestützten Armen, die sich – einem Derwish gleich – im Kreis dreht und schliesslich in Bild drei landet. Und schön hören wir – wahrscheinlich – den in Symmetrie zur Teekanne leicht nach rechts oben gerichteten Wasserkocher pfeifen. Es siedet. Man sieht es sogar, denn über dem Ausguss, respektive der Nase zischt die weisse Farbe leicht. Auch hier ist Jutta Schwarzkopf nicht weit weg.

Doch damit ist die Kurzgeschichte noch nicht am Ende. Denn in der eingangs beschriebenen Konstellation steht da im Zwei-Meter-Abstand noch der Elefant, in eindeutiger Pose von rechts nach links in Bewegung. Er ist zoologisch nicht eben überzeugend gemalt, doch das ist auch nicht wichtig. Denn gefragt ist seine mögliche Angriffs- respektive Stosskraft sowie – insbesondere – sein Rüssel….

Dass er ein wenig lächerlich und ohne Stoss-Zähne daherkommt, ist aber auch eine Art Entwarnung, bringt ein satirisches Element ein, das jederzeit ein Kippen in lautes Lachen möglich macht. Und das ist gut so.