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Nur die Liebe zur Natur wird ihre Zerstörung verhindern, sagte Maria Dundakova einmal. Solche mahnend zu visualisieren bestimmt ihr Werk. Bild aus dem Animationsvideo in der Ausstellung „Balance“ in Solothurn.

Anders als im Mai MUSS ich schnellstmöglich einen Newsletter Juni schreiben, denn ich habe so vieles gesehen, das festzuhalten sich lohnt.

Ich beginne mit der Ausstellung «Balance» im Kunstmuseum Solothurn, bekenne aber von Anfang an, dass ich als «befangen» gelten könnte, habe ich doch auf Einladung der Kuratorinnen, Katrin Steffen und Marianne Burki, einen «Zeitzeugen»- Beitrag für den am 2. Juli erscheinenden Katalog geschrieben. Denn bei «Balance» geht es unter dem Blickwinkel heutiger Umwelt-Debatten und aktuellen Genderthemen, um die Frage: Wie hat das alles angefangen damals in den 1970er- und 80er-Jahren?

Solothurn umkreist die Frage mit Werken von 12 Kunstschaffenden aus der Schweiz wie auch Pionier/innen aus den USA und Deutschland resp. Österreich.  Das ist nur ein «Glimpse» auf den enormen Wandel nach 1968, regt aber nachdrücklich dazu an im Heute die  einflussreichen Aufbrüche von damals zu erkennen. Dass dazu Joseph Beuys Baum-Aktion an der Documenta 1972 gehört, ist klar, doch im Sinne von «Ausstellung» eindrücklicher als die Beuys-Dokumentation in Vitrinen sind u.a. Ueli Bergers zugleich kritische wie humorvoll-poetischen Umweltstatements wie z.B. die multimediale Installation «Nature morte». Dann aber auch die bisher kaum bekannten fotografisch-performativen  Experimente von Renate Eisenegger, eine davon mit dem symptomatischen Titel «Nein».

Gefreut habe ich mich über das sinnlich-farbige, mit starken Körper-Zeichen arbeitende Animationsvideo von Maria Dundakova (siehe Bild oben) – eine Künstlerin mit einem riesigen Werk, das einst bis nach Sao Paulo reiste, bei uns aber nie gebührend gewürdigt wurde. Radikal in ihrer Performance ist die Foto-Arbeit von Anna Mendieta (eine nachgestellte Vergewaltigungsszene); vielleicht kann man anhand ihres Auftritts sagen, dass die internationalen Beiträge in Solothurn schonungsloser, direkter, tabubrechender sind als jene der eher zurückhaltenden Schweizer Kunstschaffenden, auch wenn die in Metern gerechnet grösste Arbeit – die Reinszenierung der Eisenbahnschiene mit Schotter aus Kohle («Das fossile Zeitalter»)  von 1983 von George Steinmann stammt.  Was mir an der Ausstellung besonders gefällt, ist der inhärente Versuch, den vielleicht wichtigsten Wandel im Denken, Handeln und Gestalten in der Kunst der letzten 50 Jahre nicht primär formal oder medial, sondern vor allem inhaltlich nachvollziehbar zu machen. – Mein Katalogbeitrag ist keine direkte Spiegelung der Ausstellung, sondern erzählt (erzählt!) von meinen Beobachtungen und Erfahrungen als junge Kunstkritikerin in den 1970er/80er-Jahren.

Mein zweiter Hinweis gilt einem Buch, das kürzlich in einer KABINETTAUSSTELLUNG in der Galerie Da Mihi in Bern präsentiert wurde und im Sommer dann im Neuen Museum Biel  (NMB) eine umfassende Werkschau begleitet. Es handelt sich um die mit einem aufwendig recherchierten Werkverzeichnis versehene Monographie zu Marie-Françoise Robert (*1939), herausgegeben von Dolores Denaro. Dass es die erste Publikation zu ihrem Schaffen überhaupt ist (und zu welcher sie erst überredet werden musste) zeugt einmal mehr von der unsicheren Haltung weiblicher Kunstschaffender ihrer Generation gegenüber der Öffentlichkeit. Jetzt, nach dem Erscheinen des Buches (Grafik: Noémi Sandmeier), stellt sich diese Frage definitiv nicht mehr. Es mag sein, dass die (männliche) Geschichte der Maler-Dynastie Robert ( von Léopold Robert über Léo-Paul und Théophile Robert, Paul-André und Philippe Robert) für die Enkelin von Théophile Robert lange ein zu schwerer «Rucksack» war.

MFR ist schon rein technisch eine der besten Künstlerinnen im Medium der Collage, die ich kenne. Collage heisst bei ihr nicht Assemblage, auch nicht einfach aufkleben von Bildschnipseln, sondern führt im Arbeitsprozess zu einem homogenen Amalgam, das in sich geschlossen Bild ist. Rätselhaft, surreal, zeitübergreifend – gegenständlich, aber nicht fassbar. Zuweilen traumähnlich, viel öfters aber ein eigenes kleines Universum in sich.  Die Themen wandern von der Natur, den Pflanzen ebenso wie den Tieren («Bestiarium» heisst das entsprechende Kapitel),  zur Architektur, tauchen in die Geschichte der Menschheit und der Kunst, setzen Körper und Dinge in Beziehung. Manchmal sind sie romantisch verträumt, oft aber auch dunkel, düster. Nur eines wollen sie nicht sein: Reale Gegenwart.

Die Collagen von MFR sind eine Herausforderung!  Man kann nicht mehrere Abbildungen auf einer Seite gleichzeitig anschauen, nur ein zeitaufwendiges Eintauchen ins Einzelbild öffnet den Zugang zum Bild. Dennoch ist es für das Buch richtig, die Fülle aufzuzeigen. Die durchwegs guten Texte (Dolores Denaro, Thomas Schmutz, Alice Henkes)  wiederholen sich nicht, behandeln verschiedene Aspekte, leuchten das Motiv der Metamorphose aus, analysieren die verschiedenen Werkzyklen, beschreiben den Arbeitsprozess. Zahlreiche «Oral Histories» – gleichsam Markenzeichen der von Dolores Denaro herausgegebenen Bücher – fächern die möglichen Herangehensweisen sowie auch das persönliche Umfeld der Künstlerin auf (unter ihnen Marie-Françoise Roberts Sohn Jerry Haenggli, Sabine Hahnloser, Bernadette Walter, Thomas Pfister).

Als drittes gehe ich kurz auf die Präsentation der schwedischen Künstlerin Nathalie Djurbergh und des Komponisten Hans Berg im Kunstmuseum Luzern ein. Als ich zum ersten Mal ein Video respektive einen Stop&Motion Film mit den farbigen Knetfigürchen von Djurberg sah, war ich hin und weg und lachte Tränen. Es ging (vereinfacht) um eine Frau, die ein Kind nach dem andern gebar, doch als ihr die Kinder zu wild wurden, stopfte sie sich eines nach dem anderen wieder zurück in den Bauch. Auch später blieb die Faszination des enttabuisiert Körperlichen, der üppigen, temporeichen, tänzerischen Mischung zwischen Lust und Gewalt.  Jetzt zeigt Luzern eine Ausstellung mit einer Vielzahl von Filmen und ich stelle fest, dass das Repetitive des Making of abwertend wirkt, obwohl die Szenerien durchaus verschieden sind, auch wenn sie alle unverblümt Sexualität und Gewalt, Himmel und Hölle umkreisen.

So war den für mich plötzlich das Verblüffendste, dass die parallel gezeigten Aquarelle und Zeichnungen von Josef Herzog gar nicht so verschieden sind von Djurberg, zumindest nicht, wenn sie sich plötzlich begegnen. Auch in Herzogs Werken kann man organische Formen entdecken, die sich überlagern, zu- und gegeneinander wenden, attackierende Pfeile, Spitzen wie Fingernägel sehen, Stürme wahrnehmen, die es abzuwehren gilt. Nur ist beim Zuger Künstler die Thematik nicht explizit, sondern sublimiert, abstrakt, in einem fragilen Gleichgewicht gehalten.  Des extrêmes qui se touchent.

 

Und dann ist es mir auch noch ein Anliegen, auf die Ausstellung von Mireille Gros im Kunsthaus Zofingen einzugehen, die parallel zum Kabinett im Gertsch Museum in Burgdorf stattfindet und von hoher Qualität ist. Sie ist wesentlich reicher als die Burgdorfer Schau, beinhaltet neben Zeichnungen auch grossformatige Malerei, Objekte, mehrere Videos eine Dia-Animation; aus einem Zeitraum von rund 20 Jahren. Noch immer nennt sie die meisten «Fictional Plant Biodiversity» und gibt so den Eindruck seit 20 Jahren dasselbe zu tun. Das mag vom Grundgedanken her so sein, aber welche Entwicklung macht gerade die Zofinger Ausstellung sichtbar, nicht zuletzt im Bereich der Techniken, die sie anwendet. Da gibt es Chinatusche auf Leinwand, Bienenwachsenkaustik, Öl und Farbsplitter, Aquarell und Pigmentstift, von den Objekten aus recycelten Zeichnungen gar nicht zu reden. Man könnte von der Alchemie sprechen, die sie einsetzt, um die fiktive Natur zum Wachsen zu bringen. Es sind auch oft keine einzelnen Pflanzen mehr, sondern ganze Biotope oder auch Wälder. Tatsächlich gibt es da neu auch den Titel «Rêver la forêt». Die einzelnen Techniken veranlassen genau hinzuschauen, die Farbsplitter aus alten Bildern zu entdecken, das Malen, das Zeichnen, das Kratzen – all das, um den Boden zu bereiten für eine neue Natur. Es interessant, Mireille Gros an dieser Stelle von der «Paranatur» der Aargauer Künstlerin Andrina Jörg abzugrenzen. Während Jörg mit farbigen Alltagsgegenständen – Bürsten aller Art insbesondere – im eintönig verbliebenen Grün unserer Wiesen eine Ersatz-Natur schafft (aktuell in der Caspar Wolf-Ausstellung in Muri), träumt Mireille Gros davon, eine zu Wachstum fähige neue Natur zu schaffen. Ich glaube, es ist dieser visuell vielfältig sichtbare Traum – man könnte auch den Begriff der Sehnsucht einbringen – den ich so sehr mag im Schaffen von Mireille Gros.

Anmerkung: Alle Fotos azw