
Alljährlich vergeben die „Amici di Sciaredo“ ein Stipendium für eine 4 bis 5wöchige Residenz in der von der Winterthurer Künstlerin Georgette Klein (Tentori-Klein) – 1893-1963 – in den 1930er-Jahren erbauten Casa Sciaredo auf einem Hügel nahe des „Nucleus“ von Barbengo im District Lugano. 2026 weilte der in Stettfurt im Kanton Thurgau wohnhafte Othmar Eder (*1955) daselbst. Im Folgenden der bebilderte Text von Annelise Zwez für die Website der „Amici di Sciaredo“.
Othmar Eder Spuren
gefunden, überdacht und neu interpretiert
Kaum ein Künstler hat im Laufe der Zeit so viele Residenzen absolviert wie der österreichische Wahl-Schweizer Othmar Eder (*1955). Der Aufenthalt in der Casa Sciaredo im Vorfrühling 2026 sei aber schon etwas ganz Spezielles gewesen, sagt er. «Was denn?» «Das allein sein. Ich und dieses einsame Haus und der Garten und all die Geschichten…»
Othmar Eder ist primär ein Zeichner – allerdings nicht 1:1. Da passiert ganz viel zuvor. Nicht in Windeseile, sondern in assoziativen Zeitschichten, die von heute zurückgehen in ein erdachtes früher – manchmal ernsthaft, manchmal spielerisch – und in Farben, Formen und Kombinationen etwas Neues schaffen. Oft sieht man es nicht auf Anhieb, sondern muss es ergründen. Die Kamera spielt auf dem Weg eine wichtige Rolle, wird dann aber zur Nebensache.

Eder ist Künstler, war nie etwas anderes seit der Akademie-Zeit in Wien und das ist schon eine ganze Weile her, aber ein klein wenig ist er auch Gärtner. Als er in den ersten Tagen in Barbengo noch nicht genau wusste wohin ihn Georgette Klein führen würde, nahm er die Gartenschere und eine der beiden Schubkarren beim Holzlager und machte sich ans Abschneiden alter Stängel vom vergangenen Herbst. Und da kam ihm eine Idee – nicht aus heiterem Himmel, es gibt eine Vorgänger-Geschichte. Doch jetzt lautete sie so: Die Kamera auf einem alten kleinen Hocker befestigen und diesen in der Schubkarre festzurren und losfahren. Mit Zwergenoptik. Und dann in der Übertragung auf den Computer schauen, was die Kamera sah. Unzählige Male – meist früh am Morgen – fuhr er mit seinem Bild-Generator langsam durch den Garten, rund ums Haus, hinauf zum alten Schopf von Luigi und Georgette, zur kleinen Steinmauer an der Grenze zum Weinberg und wieder zurück, vom Licht in den Schatten… Das Bildmaterial ist erst gesichtet, noch nicht verarbeitet – der Aufenthalt in Sciaredo wird Eder noch lange bildnerisch beschäftigen. Glücklicherweise mit einem bereits definierten Ziel: Eine Ausstellung im Kunstverein Frauenfeld anfangs 2028, zusammen mit der Video- und Fotokünstlerin Georgette Maag, die 2012 und 2025 in Sciaredo weilte und ihn auf das Stipendium der «Amici di Sciaredo» aufmerksam gemacht hatte.
Anderes ist bereits fassbarer. Von Fotos wusste der Künstler, dass im Atelier in Sciaredo ein langer, schmaler Tisch steht. Also nahm er entsprechende Papiere mit und auch die Fotoprints, die er von abgestorbenen Efeu-Lianen gemacht hatte. Diese übertrug er nun als Bleistift-Zeichnungen horizontal aufs Papier. In der Erscheinung so als ob sie vermoost wären, vibrierten, zu leben schienen. Gleichzeitig entdeckte er auf seinen Spaziergängen durchs Gelände eine Vielzahl von Baumstümpfen mit eigenartigen Löchern. Es war als schauten ihn die Rondellen an und schon war die Lust da, sie als Rundformen mit den verzweigten Lianen einem Animationsfilm gleich zu kombinieren; sie mit pompeianisch-rotem Farbstift mal davor, mal dahinter, mal lachend, mal still zu platzieren – aber halt, das ist nun schon meine Interpretation. Der Künstler bietet nur die Bühne dafür. Doch das Vorgehen ist typisch für die Arbeitsweise von Othmar Eder: Das Finden und Fotografieren der Motive in der Realwelt, ihnen dann aber Autonomie zu geben und sie spielerisch (oder auch hintergründig) mit anderem zu Assemblagen zu verbinden.
Später erfuhr er dann, dass die Stümpfe von der Tessiner Aktion gegen die neuerdings als Invasiv eingestuften Palmen stammen und die Löcher vermutlich Spuren der Infiltrationen gegen Stockausschläge sind. Doch für ihn hatten sie sich längst in selbständige Artefakte verwandelt, die ihre Geschichte nichtsdestotrotz in sich tragen.
Eder arbeitet mit der Fotografie als eine Art Detektor. Fotografien sind für ihn aber nur Momentaufnahmen, Erinnerungshilfen. Ihn interessiert primär, wie es zu diesem Moment kam, was das heute in Bezug auf ein unbestimmtes vorher bedeutet, wie es sich durch eine Neuinterpretation künstlerisch in Zukunft wandeln lässt. Weil sich solches auf der Ebene von Gedanken, von Vorstellungen abspielt, entzieht er der Fotografie in der Übertragung aufs Papier sogleich ihre Eindeutigkeit. Er übersetzt sie in Schraffuren, legt einen feinen Nebel darüber, lässt sie nur noch aufscheinen, bildet sie kaum mehr ab und kombiniert sie oft assoziativ mit anderen Motiven.
Es kann dies auf verschiedensten Ebenen stattfinden – beim Wandern durch eine Stadt, beim Entdecken von Fotografien in alten Büchern, wo sich das «zurück» gleichsam verdoppelt, beim Beobachten von Schiffen in einem Hafen (Lissabon) oder – gänzlich anders – bei geologischen Phänomenen (Kristallisationen z.B.). In Sciaredo war es das Verweilen, Beobachten, Finden der Spuren, welche die Zeit, das Leben von Georgette Klein daselbst (1932 – 1963), der als Gäste vor Ort Weilenden
im Gelände hinterlassen haben. Einer archäologischen Stätte gleich erzählen sie nun von sich, z.B. eine alte, an einem Baum befestigte Schaukel oder eigenartige Teile einer unbekannten Blech-Konstruktion oder – vor allem – der längst windschief gewordene Garten-Schopf, der schon für Unterschiedlichstes diente und nun für Othmar Eder zur «Galerie» mit Vorgeschichte wurde. Die Fotografie, die (nach gründlicher Reinigung!) von der Installation auf Zeit erzählt, verdeutlicht – vielleicht als Überraschung – wie wichtig die Farbe für den Künstler ist. Wie sich da unverhofft, ein Rot mit einem Gelb und einem Grün verbindet, ist eine nicht ganz zufällige Komposition, die man auch in Fotosequenzen von Stadtwanderungen findet. Während seiner Studienzeit sei halt Cézanne für ihn sehr wichtig gewesen, meint der Künstler schmunzelnd.
Es gibt kaum einen Text zu Othmar Eder, der nicht den Namen «Bella» enthält, wobei damit nicht etwa die weibliche Form von Bello aus Hans Fischers Kinderbuch «Der Geburtstag» gemeint ist, sondern die Schildkröte der Familie Eder, die im Garten ihres wunderschönen, alten Bauernhauses in Stettfurt (TG) ihr eigenes Revier hat. Meist ist dann vom tätlichen Angriff eines Fuchses, der Heilung des Panzers durch eine Tierärztin und natürlich auch von Bellas Pirsch durch den Garten mit einer Mini-Kamera auf dem Rücken die Rede. Eder liebt die «Bella», aber mitgenommen nach Sciaredo hat er sie nicht. Darum geht es hier um die spekulative Überlegung, warum er eine solche Beziehung hat. Schildkröten leben im Sommer über und im Winter unter der Erde. Und das scheint mir mitsamt den Bildern der «Panzerkamera» wie ein Spiegelbild des Schaffens des Künstlers, der bei seinen Wanderungen die Welt erforscht, immer wieder neue Orte aufsucht, das Erlebnis des Sehens dann aber im Atelier hinterfragt, die Motive abtauchen lässt in ihre eigene mögliche Vergangenheit, um darin den Zyklus von Kommen und Gehen in welcher Interpretation auch immer aufscheinen zu lassen.
Annelise Zwez, Mai 2026