Newsletter September 2020

Blick in den Barocksaal des Kunsthaus Zofingen anlässlich der Ausstellung „Baumfänger“ mit Wurzelwerk von com&com (mit Stammende als Kronleuchter in der Decke befestigt) und Eichenblatt-Gold-Relief von Beat Breitenstein.

Endlich! Nachdem die Newsletter Juli und August nie geschrieben wurden, hier nun Gedanken zum September. Ich muss als Erstes eine Enttäuschung – oder vielleicht eher eine realistische Erfahrung – einbringen. Sie betrifft die Ausstellung von Oskar Binz (1895-1957) im Rebbaumuseum in Ligerz, für welche ich 2019/2020 sehr viel (unentgeltliche) Recherche-Arbeit geleistet und meine Erkenntnisse zu diesem bisher kunstgeschichtlich nie betrachteten Bielersee-Maler in einer bebilderten Broschüre festgehalten habe (sie ist auf dieser Website einsehbar). Ein weisses Blatt zu beschreiben, ist spannend. Und die Funde waren reich. Mir ging es vor allem darum Oskar Binz als  ernsthaften Schweizer Künstler seiner Zeit darzustellen.

Der nach aussen gesellige, humorvolle Maler mit Zügen eines Bielersee-Originals war und ist einer älteren Bevölkerung bis heute in Erinnerung. Entsprechend war und ist (noch bis Ende Okt.) die Ausstellung regional ein grosser Erfolg. Doch das ist nur ein Teil; denn da ist auch der Künstler, der seiner Vision der drei durchlässigen Wirklichkeits-Sphären von Wasser, Erde und Universum in einer Vielzahl von Bielersee-Landschaften in malerisch überzeugenden Aquarellen immer neuen Ausdruck gab. Foto: Oskar Binz, Aquarell 1929.

Zu meinen, dass sich nun zumindest die nicht nur die Gegenwartskunst, sondern auch die Kunstgeschichte Betrachtenden dafür interessieren würden, war allerdings weitgehend eine Illusion. Kaum jemand aus dieser mir ein Leben lang nahestehenden Szene fand bisher den Weg nach Ligerz. Das tut – wie könnte es anders sein – schon ein wenig weh. Ich merke, dass ich in der Annahme es interessiere eh niemanden, nicht einmal mehr davon erzähle, nicht einmal mehr ein Exemplar der Broschüre in der Handtasche mittrage.

Hat sich darum die Arbeit nicht gelohnt? – Doch, da bin ich immer noch positiv eingestellt, denn ein Maler dieser Qualität darf in der Kunstgeschichte nicht einfach nicht existieren!

Genug! Irgendwann habe ich mich wieder aufgerafft und setze meinen Parcours durch das Angebot an Ausstellungen landauf, landab fort, wenn auch noch nicht in Vor-Corona-Tempo.

Was ich auf Facebook thematisiert habe (u.a. Bex, Bellelay, Appenzell, Zurich Art Weekend), lasse ich hier weg.  Besucht habe ich vor allem kleinere und grössere Ausstellungen – oft mit persönlichem Erinnerungswert. So z.B. die Retrospektive Hans Rudolf Roth (*1942) im Kultur-Keller des Literaturhauses in Lenzburg.

Meinen ersten Text zu Roth habe ich 1975 geschrieben und bis in die 1990er-Jahre manchen mehr; dann verlor ich ihn aus den Augen. Texte schreiben war für mich wenn immer möglich verbunden mit persönlichen Begegnungen, aus denen zuweilen Freundschaften entstanden. Hansruedi Roth war immer ein

Aussenseiter  – seine Körperbehinderung (eine Folge von Kinderlähmung) liess  manches nicht zu. Er musste träumen, um seine Erfüllung zu finden und das führte ihn, nach expressiven Anfängen im Stil des Aargauer Malers Werner Holenstein in seine eigene von Melancholie und Sehnsüchten erfüllte Bildwelt. Er erzählte in formal und farblich reduzierten, von Licht und Schatten geprägten Formen von Szenen in engen Kneipen, einsamen Gassen, aber auch weiten Landschaften; gegenständlich und doch entrückt und surreal in der Wirkung.

Es war seit langem bekannt, dass der Aargauer Tierarzt Peter Hauri eine grosse Sammlung an Werken von Rojo (wie Roth sich später nannte) besass. Doch erst die Lenzburger Ausstellung zeigte jetzt den gültigen – und beeindruckenden – Bogen über das gesamte Werk, das neu ins Licht zu rücken, ihm – zu Recht – ein Anliegen ist.

Gesehen habe ich auch die «Baumfänger» im Kunsthaus Zofingen mit Victorine Müller, Marianne Engel und Beat Breitenstein und Com&Com (bis 11. Okt.).  Einmal mehr ist es der Kuratorin, Claudia Waldner, gelungen ein Thema mit wenigen Positionen einzufangen und gleichzeitig auszuspannen. Der Titel macht von Anfang an klar: Hier geht es um eine Meta-Ebene, um das was ein Baum uns sagt, wie wir ihn spüren;

nicht darum, ihn zu klassifizieren. Die Künstler zählen dabei stärker auf die materielle Ausstrahlungskraft des realen Baumes während die Künstlerinnen ihn in märchenhafte Szenerien verwandeln oder in phantastische körpernahe Spiele einbinden. Foto: Victorine Müller anlässlich der Performance vom 12. September im Park des Kunsthauses.

Mit Wehmut denkt man daran, dass es ist die letzte Ausstellung ihrer Art ist, die Claudia Waldner in Zofingen kuratiert. Nach sieben Jahren mit 150%igem Engagement für die städtische Institution war sie am Punkt angelangt, wo sie sich fragen musste, warum ist meine Arbeit «nichts» wert. Das ist sie natürlich nicht; sie hat das kleine Haus geführt als wär’s ein Museum mit entsprechendem Budget und hat es weit über die Region hinaus bekannt gemacht. Aber irgendwo sind Grenzen, im Sommer 2021 wird sie das Haus definitiv verlassen. Eine neue Chance mit besseren Bedingungen zu finden, ist zurzeit sehr schwierig, auch wenn ihr Leistungsausweis ausserordentlich ist.

In Biel gibt es – genau wie in anderen, kleineren Städten –  kaum Galerien und somit kaum Ausstellungen mit Kunstschaffenden aus anderen Regionen der Schweiz. Es gibt einen bekannten Off-Space – das sog. Lokal.int – doch das ist mehr Treffpunkt als Kunst-Vermittlungsort, was ich schade finde. Es gibt das Museum Pasquart mit  seinem mit Ausnahme der sog. «Cantonale» (ehe-mals Weihnachtsausstellung) grossmehrheitlich international ausgerichteten Programm, aber die in der Schweiz tätigen Kunstschaffenden? – Darum erfreulich, dass die Art-Etage (GFF)  aktuell Werke von Michael Streun zeigt.
Der Berner/Thuner (*1965) pflegt einen (u.a. an den Farben) wiedererkennbaren Malstil und auch die Thematik umkreist einen wiederkehrenden Kanon. So wird er mehr und mehr zur Persönlichkeit in der Malerei-Szene des Kantons (z.B. im Rahmen der «Cantonale»). Seine Malerei ist figürlich, changiert zwischen Porträt und dunkeltoniger Landschaft und mündet in «Erzählungen», die oft apokalyptischen Charakter haben. Wo er sich mittelalterlichen Horrorszenarien nähert, muss ich mich ausklinken, wo trotz allem Nähe zwischen den Menschen sichtbar bleibt, sind die Bilder dicht und auch in der Abstraktion hat sich Streun neue Wege erschlossen.

Nicht nur Lokales! Darum hier – als Beispiel – noch ein Hinweis auf die Ausstellung von Lutz&Guggisberg im Kunstmuseum Winterthur. Schon mehrfach bat Direktor Koni Bitterli Künstler, sich mit der (hochkarätigen) Sammlung des Hauses auseinanderzusetzen, direkt zu intervenieren. Noch nie jedoch so ausschliesslich (und überzeugend) wie aktuell beim St. Galler Künstlerduo Lutz & Guggisberg. Sie treten mit Objekten (unter Plexiglashauben oder auf weissen Sockeln) in direkten Dialog mit den Werken der klassischen Moderne – selbstverständlich so subversiv, ironisch, humorvoll wie das zu ihrer Künstlerpraxis gehört, doch ist ihr Vorgehen nie banal, sondern stets äusserst gekonnt. Zum Teil haben sie ihr Lager durchforstet und nach Echos gesucht, zum Teil sind neue Arbeiten gestanden, die den Künstlern des frühen 20ten Jahrhunderts zuweilen so nahe kommen, dass man den Atem anhält und  einen Moment nicht mehr weiss….