Newsletter II 2023

Pat Noser: Paradeplatz,  Tusche/Gouache 2022 (Jahresausstellung Solothurn). Foto: azw

Kürzlich schrieb ich auf Facebook: So, nun genug mit den Jahresausstellungen, Regionalen usw. Das war voreilig und vor allem ein Affront gegenüber den Schweizer Künstler*innen, die sich trotz Gegenwind seitens der Institutionen beteiligt haben. So picke ich denn aus (fast) allen «Auswahlen», die ich gesehen habe, im folgenden EINE ARBEIT aus.

 

CHUR: «Die Wunschbohne» von Piero Good *1991. Es galt an einem Tischchen sitzend einen Wunsch zu notieren, den kleinen Zettel im bereit stehenden Gerät zu shreddern, daraufhin am Boden eine Wunschbohne auszuwählen und in einem Säckchen mitzunehmen, um sie im Frühling 2023  in den Boden zu stecken, auf dass der Wunsch wachse und Früchte trage. Obwohl kein Fan von Mitmach-Projekten, das gefiel mir (als Gärtnerin). Noch ist es Winter, doch…. (Bild folgt zu gegebener Zeit).

 

 

 

AARAU: Ich bin an allen Orten hin und her gerissen zwischen Vertrautem und Neuem. In Aarau fand ich eine Arbeit von Guido Nussbaum (*1948) so träf und in gewissem Sinn «altersgerecht», dass ich laut lachte. Denn es ist so: im Alter dreht man im Kopf sehr oft Vergangenes und darum ist Guidos «Recycling» für mich wunderbar; zugleich unverkennbar sein Stil mitsamt hintergründiger Ironie, aber einmal weiter gedreht.

 

 

 

BASEL: Ich habe nur die Kunsthalle gesehen, die jedoch Fühler unters Dach, in den Garten und ins Restaurant ausstreckte. Daselbst entdeckte ich in fünf dunklen Nischen kleine, existentiell anmutende Keramik-Arbeiten von Dorothee Sauter *1956. Ich war verblüfft und erfreut. Sauter war mir aus den 1980ern in bester Erinnerung, doch dann zog sie mit ihrem Mann (Josef Helfenstein/heute Direktor Kunstmuseum Basel) in die USA und der Faden riss. Jetzt ist sie offensichtlich wieder da und zwar mit Keramiken, die durch und durch Skulptur sind und schonungslos ins «Fleisch» menschlicher Existenz eindringen.

 

 

 

SOLOTHURN: Pat Noser *1960 (s. Bild oben) visualisiert in ihrer Malerei oft eine politisch/gesell-schaftlich radikale Haltung. So auch in dem auf Packpapier gemalten «Paradeplatz» (obwohl die Wolkenkratzer auf Basel und eh die ganze Welt verweisen). Denn die Tiere, die da promenieren, versehen wir oft mit negativen Adjektiven, die «dumme» Kuh, die «blöde» Geiss, die Ratte sowieso und der schlaffe Leopard ist auch keine «wildes» Tier. Es ist der Künstlerin Blick auf die (Wirtschafts)-Welt, eigentlich nicht meiner, aber die Kunst darf, wenn sie es malerisch so träf trifft, eben vieles.

 

BURGDORF: Christina Niederberger *1961 ist mehr als eine Trompe l’oeil-Malerin, eine «im Quadrat» vielleicht. Auch vor Ort glaubt man dem Bild zunächst nicht, dass es nicht textil ist. Aber diese Raffinesse würde nicht ausreichen, um gute Kunst zu sein. Da ist auch – immer anders – ein hintergründiger Verweis auf die Kunstgeschichte; hier auf die Diskriminierung der bei uns primär von Frauen geschaffenen Textilkunst.

 

 

BIEL: Ich kann mich der Verführungskraft der Malerei von Seline Burn *1995 nicht entziehen.  Das Mädchen in «Let it rain» strahlt eine unglaubliche Intimität aus, doch der «Spiegel» zeigt nur das in weichen Wasserbewegungen sichtbare Äussere der Abgebildeten, alles andere ist meine (sentimentale?) Projektion. Ob die emotionale Aesthetik in einer Einzelausstellung bleiben oder kippen würde, weiss sich (noch) nicht.

 

 

 

 

 

 

BERN: Nicht zuletzt durch die Verbindung der «Cantonale» und dem Projekt «Wind», das nach den Folgen von Verlust für die Menschen fragt, gewinnt die prominent im Hauptsaal hängende, grossformatige Zeichnung von Tobias Nussbaumer *1987 an Eindringlichkeit. Sie zeigt eine fotografisch wirkende, durch eine Mauer, Wellblech und Spanplatten abgeschirmte Notunterkunft in Niemandsland, ist aber ebenso Zeichnung wie «Malerei»  und gespickt mit assoziativ «erzählerischen» Details (die Bündel, der Stacheldraht usw.).

 

 

 

 

 

LUZERN: Im Video von Lotta Gadola *1981 «Er/sie liebt mich, er/sie liebt mich nicht», zupft eine Pinzette die feinen Härchen rund um die Brustwarze (einer Frau/eines Mannes?) aus. Der Titel ist selbstredend. Die Faszination ergibt sich dadurch, dass die mögliche emotionale Spannung beim Margeriten-Spiel hier in eine physisch geradezu erlebbare Ebene übertragen ist. Schon letztes Jahr fiel mir ihr mit weissem Stift eine figürliche Bronzeskulptur «streichelndes» Video auf.

 

 

 

 

THUN:  Grundsätzlich ist die Malerei von Sara Gassmann *1980 nichts Revolutionäres, aber sie entwickelt mit den lasierend aufgetragenen randfüllenden organisch-vegetativ-körperhaften Flächen nicht nur eine «landschaftliche» Räumlichkeit, sondern vor allem auch eine atmosphärisch- stimmige Farbigkeit, die fasziniert. Umsomehr als sie diese in ebenso reichen wie ruhigen Variationen von Bild zu Bild mitzunehmen vermag, mal abstrakter, mal narrativer.

 

 

 

 

 

LANGENTHAL: Was mich am Wandteppich von Stéphanie Baechler *1983 fasziniert, ist das Verschmelzen von Textilkunst-Tradition und High Tech einerseits, bekannten Webmustern und Zeichen, Label, Lochstreifen aus den Social Media andererseits, wobei die Hand, die hier und dort zentral ist, als führend erscheint. Technisch handelt es sich um eine digitalisierte Jacquardweberei, die sie in Anlehnung an die antiken griechischen Prophetinnen Sibyl I und Sibyl II nennt.

 

Alle Fotos: azw