Newsletter Mai 2020

Mit Ausstellungen in München, London und Susch im Engadin (2019), Appenzell (2020) und Aarau (2021) erfährt das Werk der Aargauer Künstlerin und Heilerin Emma Kunz (1893-1973) grosse Beachtung.

Ich selbst habe die auf  der Basis einer mit dem Pendel erschauten und daraufhin aufgrund der  mathematischen Parameter ausgeloteten Zeichnungen bereits anlässlich ihrer Erstpräsentation Ende 1973 im Aargauer Kunsthaus kennengelernt und auch darüber geschrieben – noch sehr am Anfang meiner Laufbahn als Kunstkritikerin (ab Sommer 1972)! – „Outside“ wurde in dieser Zeit „Inside“ – nicht zuletzt aufgrund von Joseph Beuys Maxime, wonach alles Kunst ist, was mit bildnerischen Mitteln nach Erkenntnis sucht.

In diesem Kontext und aufgeladen von mystischen Interpretationen Harald Szeemanns wurde Emma Kunz’ Werk europaweit gezeigt. 1986 folgte die Gründung des Emma Kunz-Zentrums durch Anton Meier (1937–2017) in Würenlos, wo EK 1942 die hohe energetische Kraft des Muschelkalks entdeckt hatte und damit AM von Kinderlähmung heilte. Damals schrieb ich AM einen Brief und fragte ihn, ob er Interesse an einer Fachfrau für Führungen habe. Hatte er.

Bis gegen 1998 vermittelte ich Erwachsenen-Gruppen Inhalt, Entstehung und Bedeutung der Kunst von Emma Kunz und vertiefte dabei stetig meine eigene Kenntnis der Zeichnungen, die letztlich in einen längeren Text für die zweite Monographie mündete. Dabei vertiefte ich mich insbesondere in die mathematischen Multiplikationen, insbesondere der sehr häufig verwendeten Zahlen Drei und Vier (der Zahl der Wandlung und die Zahl des Menschen wie sie als Vier hoch Drei (64) auch in den DNA-Molekülen enthalten sind) , blieb in meiner Gesamteinschätzung ihres Schaffens aber nahe am damaligen von Heiny Widmer (Leiter Aargauer Kunsthaus), Theo Kneubühler, Harald Szeemann u.a. geprägten Konsens, erweitert durch die Texte der ersten Monographie von Blanche Merz (Bilddeutungen/Bovis-Meter-Messungen), Thomas Ring (Astrologie) und Rudolf Haase (Harmonik).

Dass es irgendwann einer Neuinterpretation bedurfte ist unbestritten. Die Begleitpublikationen von München, London/Susch förderten indes nicht wirklich Neues zutage. Anders der Katalog zur Ausstellung „Zahl, Rhythmus, Wandlung – Emma Kunz und Gegenwartskunst“ in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell mit Texten von Régine Bonnefoit (Uni NE), Sandra Petrucchi (Uni NE), Dario Gamboni (Uni GE) und Roland Scotti (Leiter Kunsthalle). Der hat mich herausgefordert. Dass sich  Bonnefoit fast ausschliesslich auf das kleine Büchlein von EK von 1953 abstützt und diese didaktische Broschüre 1:1 setzt mit dem Werk von EK, liess mich erschauern. Zu oft schon wurde im Zusammenhang mit EK auf das rationale „Wort“  ohne Berücksichtigung intuitiven Wissens gesetzt, statt auf die Zeichnungen selbst. Die Intention der Anleitung zu ihrer „neuartigen Zeichnungsmethode“ war ein populärwissenschaftliches Vermitteln der Gestaltungstechnik ihrer geometrischen Konstellationen, nicht ihres ureigenen Werkes!

Bei Bonnefoits Hinweis, dass sie darin das Pendeln nicht erwähne, heisse möglicherweise, dass sie das gar nicht gemacht habe…gingen bei mir alle Ampeln auf rot, bis ich mir dann eingestand, dass da wirklich ein Schwachpunkt liegt. Auch ich war in meinen Interpretationen diesbezüglich immer relativ vage. Nie war die Funktion des Pendels in Relation zum konstruktiv-mathematischen Zeichnen mit Bleistift/Farbstift und Lineal wirklich klar.Bild: Eine in Appenzell ausgestellte, unbekannte, sehr schöne, vermutlich späte Zeichnung von Emma Kunz aus einer Privatsammlung (73×73 cm).

Dario Gamboni gibt vielleicht die richtigen Stichworte, wenn er vom Auspendeln der Schwerpunkte und Schwerlinien schreibt. Das würde dann – in Einklang mit meinen früheren Annäherungen – heissen, dass ihr das Pendeln in einem psychischen Zustand fernöstlicher Leere die Koordinaten und darin die Vorstellung der kristallinen Verteilung der Kräfte zwischen den Ebenen von Materie, Psyche, Energie und Spiritualität vermittelte, dass es danach in der Umsetzung aber um das ging, was EK immer mit den Begriffen von Mass, Zahl und Wandlung bezeichnete. Die von Anton Meier und anderen glaubwürdig vermittelte Aussage, dass sie eine Zeichnung immer in einem Arbeitsgang habe erstellen müssen, um nicht aus der Konzentration zwischen der inneren Vorstellung und der im Hier und Jetzt realen Entstehung der Zeichnung zu fallen, würde diesen Dialog von Pendeln und mathematischer Konstruktion gut umschreiben.

„Dialog“!!  – Das heisst, das Ziel war nicht ein abstraktes, geometrisches Ornament, sondern eine ganz spezifische mathematische Konstellation, welche auf die am Anfang stehende FRAGE von EK antwortet. Gamboni spricht in diesem Zusammenhang von einer an der Basis georteten Disharmonie des körperlichen Energiefeldes. Das finde ich sehr schön formuliert. Darum ist es mir – schon seit langem – unerklärlich, dass – auch im vorliegenden Buch – immer und immer wieder von „Ornamenten“ gesprochen wird. Ornamental, ja, aber nicht Ornament. Es mag einige wenige Zeichnungen geben, die 100% harmonisch sind und damit in die Nähe von Mandalas kommen, aber 95% sind KEINE Ornamente. Man muss nur genau hinschauen, die Farbverläufe beobachten und zählen, zählen, zählen. Vielleicht könnte man die Abweichungen auch auspendeln, aber das übersteigt meine Fähigkeiten. Und dann muss man all die figürlichen Konstellationen in Betracht ziehen…… sorry, ich begreife diese, wie mir scheint oberflächliche, Betrachtungsweise einfach nicht.

Katalog und Ausstellung fokussieren einerseits Emma Kunz, andererseits zahlreiche KünstlerInnen, die in ihrem Werk Zielsetzungen verfolgen, die ihrerseits mit dem Werk von EK in Dialog stehen. Ausgewählt haben sie Sandra Petrucchi, Roland Scotti und Régine Bonnefoit; es sind spannende Positionen! Da ich die Ausstellung realiter noch nicht gesehen habe, halte ich mich hier zurück, kann nur nicht umhin meiner heimlichen Freude  Ausdruck geben, dass einige aufgrund eines Textes (und neuen Arbeiten selbstverständlich) Eingang in die Ausstellung fanden, den ich 1994 für die Kunstzeitschrift artis (Hallwag Verlag/Bern) verfasste, Miriam Beerli, George Steinmann, Bernhard Tagwerker zum Beispiel (s.u. Emma Kunz im Archiv der Website!) Mehr zur Ausstellung später.