Newsletter November 2020

 

Athena Vida Einzel-Vitrine der Installation „Florastrale“ (2020) in der Ausstellung „Das Parlament der Pflanzen“ in Vaduz. Foto: azw

Normalerweise haben wir die Qual der Wahl – Was sehen?  – Was verpassen?

Im Moment ist es eher: Wo kann ich noch etwas sehen? – Man kann! – So fuhr ich am Tag der angekündigten BAG-Massnahmen vom 28. Oktober nach Solothurn und Grenchen: Man wusste ja nicht….d.h. in die Ausstellung Albert Trachsel im Kunstmuseum und – nur en passant – die Kabinettpräsention von Michel Grillet sowie in die für Grenchens Profil eher überraschende Erst-Museums-Ausstellung von Yves Scherer (*1987) gepaart mit der wie eh und je grossartigen, vielteiligen Vollard-Suite von Pablo Picasso (1930-1937).

Als Ü70, mit Solothurns Sammlung Vertraute und schon immer an den spirituellen Interessen der Kunst um und nach 1900 Interessierte, war mir Albert Trachsel (1863-1929) natürlich ein Begriff. Was brachte die Ausstellung Neues? – Z.B. das Bewusstsein, dass Trachsel (trotz Simmentaler Bürgerort und Geburtsort Nidau)  analog Ferdinand Hodler  (Bürgerort Gurzelen, Geburtsort Bern) durch und durch ein Genfer (mit zeitweiligem Aufenthalt in Paris) war, mehr noch, dass er da zum Establishment gehörte. Entsprechend viele Werke sind denn auch entweder Leihgaben des Musée d’Art et d’Histoire oder der Nachlass-Sammlung der 2019 verstorbenen, eng mit Solothurn verbundenen Monique Barbier-Müller in Genf.

Die symbolistischen, in anthroposophie-naher Farbpalette gehaltenen Hauptwerke («Der Blitz», die «Welle», «Das kosmische Ereignis» u.a.) entstanden allerdings alle in Paris oder in den ersten Jahren nach der Rückkehr nach Genf. Danach – auch das zeigt die Ausstellung – findet eine gewisse Abflachung der in die «vierte Dimension» weisenden Stilrichtung statt, die Landschaft dominiert. – Man kann sie noch immer als «traumhaft» charakterisieren, sie hat aber nicht mehr die visionäre Kraft der Frühzeit (bis ca. 1912).

Die Retrospektive des Genfer Künstlers Michel Grillet im Kabinett hat  mich nicht überzeugt. Zwar begreife ich, dass alle jüngeren Ausstellungsbesucher*Innen, die ihm erstmals begegnen, begeistert sind – so wie ich das in den 1980er-Jahren auch war – aber die Entwicklung des Künstlers ist einfach zu wenig markant, um mich heute noch aus der Reserve zu holen.

Eine Herausforderung war jedoch der Besuch im Kunsthaus Grenchen. Ich kam aufgrund erster Abbildungen in der Preview im Netz mit viel Skepsis und bin schliesslich mit etwas weniger Vorbehalten wieder gegangen. Yves Scherer, im Solothurnischen aufgewachsen, in New York lebend, spiegelt in seiner dem «Celebrity-Kult» gewidmeten Ausstellung viel Social-Media Zeitgeist, der Virtuality höher hält als Reality. Im Fokus stehen die im 3D-Verfahren «gedruckten», lebensgrossen, pinkfarbenen, aalglatten Kunststoff-Figuren, die er u.a. nach Paparazzo-Aufnahmen im Netz formt. Ob es dem Künstler damit gelingt, eine pointiert kritische Haltung zu visualisieren oder ob das Erschaudern die Lust auf Differenzierung im Keim erstickt, ist wohl nur individuell zu beantworten, wobei die Hürde für die ältere Generation wohl deutlich höher ist. Sicher ist, auf die verführerische Tour eines Jeff Koons setzt er nicht; er ist radikaler.

Ist die Provokation immerhin ein Pluspunkt, konnte ich mich mit «Johnny & Kate» beim Liebesspiel in Form eines sehr künstlich wirkenden Holzreliefs gar nicht anfreunden. „To American for Words“ pflegte mein Vater in solchen Fällen zu sagen.  Hingegen ist der Lenticular-Print «Flowers in December», der die einstige «Hermine» der «Harry Potter»-Filme (heute eine hochdotierte Schauspielerin) in Überblendungen zeigt, die sich je nach Standort der Betrachterin verschieden überlagern, hat mir sehr gefallen. Da ist das Schillernde der Promi-Figur, die in immer anderen Rollen auftritt, sehr gut umgesetzt.

Was hingegen die in Glas-Schreine montierten, abgewetzten Tatami-Matten als Symbol für die Realität sollen, ist mir rätselhaft. Die traditionell japanischen Boden-Beläge, die man nur barfuss oder allenfalls mit Socken betritt, wirken im amerikanischen Kontext fehl am Platz, um nicht zu sagen abstrus. Es gäbe zu weiteren Werken mehr zu sagen.

Der Museums-Lockdown betrifft bisher erst die Kanton Bern und alle Westschweizer Kantone mit ihren sehr hohen Corona-Fallzahlen. Also beschloss ich in die Ostschweiz zu fahren. Eigentlich nach Bregenz, aber da machte mir Sebastian Kurz einen Strich durch die Rechnung. Also nach Vaduz, ins Lichtensteinische Museum, wo (bis 17. Jan.) eine international bestückte Ausstellung mit dem Titel «Das Parlament der Pflanzen» zu sehen ist. Interessant wie zur Zeit allüberall Ausstellungen zum Thema Baum, Wald, Natur und Mensch und Tier stattfinden. In Vaduz weist der Begriff «Parlament» auf Vielzahl, auf Pflanzengruppen – umgesetzt von heutigen Geranienbeeten (Uriel Orlow, CH) bis zurück zu den Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts, in denen die Pflanzenwelt erstmals systematisch aufgezeigt wird – oft mit wunderbaren Kupferstichen illustriert! Dazwischen ist die Themenvielfalt enorm (sprich: anstrengend!). Sie reicht von Audio-Umsetzungen der Wechselwirkung von Amino-Säuren in Verbindung mit dem Rezeptor-Protein bei der Rosaceae Rosa (Edith Dekynt *1960 Belgien) bis zu Selbstversuchen mit Drogenzustände hervorrufenden Pilz-Wirkstoffen (Pawel Althamer/Artur Zmijewski *1960/1966 Polen). FOTO Überraschend ist für Schweizer Besucher*Innen die umfangreiche zwischen Natur und Künstlichkeit oszillierende Installation der in Oberwil im Simmental lebenden deutschen Künstlerin Athena Vida (*1972 als Gitta Schäfer in Stuttgart), die in Vitrinen eigene kleine, künstlerische Universen aufbaut.

Randbemerkung: Im Museum waren ein paar wenige Besuchende, aber draussen auf der Strasse – niemand, absolut niemand – alle Restaurants, Cafés hatten verordneten Lockdown – Horror – ich floh mit dem nächsten Bus, ohne auch nur einen einzigen Kaffee getrunken zu haben – immerhin hatte die Bäckerei mit den erstklassigen Sandwiches nahe beim Busbahnhof offen! Die Ankunft in St Gallen war eine Wohltat!

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