Newsletter September 2019


Annelise Zwez und Daniela de Maddalena auf dem Gerüst für das Wandbild „Der Rebschnitt im Winter“ in Twann (Juli 2019)

Den Newsletter August habe ich schlicht vergessen! – Heute stehen drei Projekte respektive Events im Zentrum: Die Fertigstellung des ersten (von insgesamt vier) Twanner Wandbildern zum „Weinjahr in den Reben“ (Daniela de Maddalena), die Walser-Skulptur von Thomas Hirschhorn auf dem Bieler Bahnhofplatz und spannende Recherchen zu einem Bielersee-Maler namens Oskar Binz (1895 – 1957), dessen malerisches Werk (vor allem Aquarelle) noch NIE im Überblick gezeigt wurde.

Seit Herbst 2017 treibe ich mit zwei alteingesessenen Twannern ein Kunst im Dorf-Projekt voran. Die Idee: An vier Fassaden im Dorfkern vier Wandbilder, welche die Arbeiten der Winzer vom Schnitt der Rebstöcke  bis zum ersten Schluck des neuen Weines darstellen. Eine Künstlerin, die illustrativ und doch nicht einfach traditionell malen kann und die Kunst als kommunikatives, öffentliches Medium versteht, war für mich schnell klar: Die Bieler Malerin, Objekt-, Video-, Performance- und Aktionskünstlerin Daniela de Maddalena (*1958).

Schon nach der ersten Sitzung sagte sie zu und begann den Rebberg mit Velo und Fotoapparat zu erkunden, sich mit Winzern zu unterhalten u.v.a.m. Derweil machte ich mich mit dem  Team im Rücken daran, das Konzept zu formulieren, die Standorte zu suchen, die Liegenschaftsbesitzer zu überzeugen, die Wege zur Baubewilligung abzustecken, mögliche Geldgeber zu sondieren, Gesuche zu schreiben usw. Ganz schön viel Knochenarbeit!

Im März 2019 ist endlich klar: Dank Diplomatie (und einigen Kompromissen) würden weder Heimatschutz noch Denkmalpflege Opposition machen – das war schon fast das Ticket. Ab Mai 2019 konnten wir loslegen: Die Bewilligung war da, die Finanzierung dank der Gemeinde, Tourismus Biel-Seeland, dem Kanton Bern, der Göhner-Stiftung und Privaten gesichert. Nun konnte Daniela de Maddalena die bearbeitete Fotografie auf eine Art Schablone von 170 x 250 cm vergrössern, das Gerüst gestellt und die Realisierung geplant werden. Ich durfte ab jetzt zuschauen und mich freuen ob der  ersten positiven Reaktionen. Das Aufbringen der Farbe war ein gehöriges Stück Arbeit – eine raue Fassade (sie wurde nicht geglättet, um das Bild aus der Wand wachsen zu lassen) ist kein Papier und keine Leinwand! Doch am 19. Juli wird gefeiert: Gelungen!

Parallel fahre ich ab Mitte Juni (wenn’s nicht schlicht zu heiss ist) nach Biel zur Walser-Skulptur von Thomas Hirschhorn auf dem Bahnhofplatz (ich habe nur gerade 20 Minuten bis ich da bin). Erstaunlicherweise lösten sich meine Befürchtungen (insbesondere bezüglich des Publikumsaufmarsches) sehr schnell auf; es war immer etwas los da. Nach den ersten Walser-Theater-Vorführungen, den ersten Vorträgen, die ich im Forum hörte,  wandelte sich meine Einschätzung definitiv in Staunen und Freude. Zum einen ob der Qualität der aus aller Welt angereisten Experten, die aus verschiedenster Sicht zu Walser referierten. Die Anwesenheit des Berner Walser-Zentrums auf der Skulptur hat da zweifellos als Schaltstelle gewirkt. Zum andern aber auch, ob der Zuverlässigkeit des täglichen Ablaufs.  Es war zwar alles rollend, aber die Dauerpräsenz von Thomas Hirschhorn, sein nonstop-Engagement, seine Präsenz bei allen (allen!) Vorträgen – das beeindruckte mich nachhaltig. Er war Vorbild – darum scherten auch die Beteiligten nicht aus. Nie war der Stuhl der Leseequipe, die täglich 12 Stunden aus Texten von Walser las, leer, ob nun jemand zuhörte oder nicht. Zu jedem Event hörte man die Ansage des wandernden Megaphons und sah Fotograf Enrique Garcia mit der Kamera unterwegs. Täglich war die Walser-Zeitung in der Box, ein neues, kleines Interview aufgehängt, die historische Lektion von Margrit Wick vorbereitet (sie hatte einen Fan-Club der täglich kam, um sie zu hören), der  Leiter der Wanderung zugegen (wobei das Publikum, wenn’s über 30 ° war, begreiflicherweise zuweilen streikte). Auch Kuratorin Kathleen Bühler empfing täglich BesucherInnen (nicht zuletzt mögliche GeldgeberInnen!). Wird sie bis zum Schluss den Break-Even erreichen – in Sichtweite ist er, aber….?

Zugegeben – zwischendurch hatte ich mal eine Krise, konnte das Wort „Walser“ nicht mehr hören…. aber dann kam die Lust schnell wieder, jetzt schon fast die Wehmut, dass das Ende naht. Doch es ist gut so! Die Walser-Skulptur wird nicht zuletzt dank der exzellenten Präsenz auf „Youtube“ als nachhaltiges Ereignis in die internationalen Kunstannalen von 2019 eingehen. Gelungen!  – Gratulation!

Ebenfalls parallel dazu bin ich in einer intensiven, weitverzweigten Recherche-Arbeit zu einem zwar bekannten, aber weder kunsthistorisch, noch dokumentarisch-biographisch je erfassten Bielersee-Maler. Die Rede ist vom Architekten, Maler, Dichter, Weintrinker und Müssiggänger Oskar Binz – 1895 in Solothurn geboren, in Biel aufgewachsen, am Technikum zum Architekten ausgebildet und als Maler die „Wirklichkeit“ als weltanschauliche Metapher feiernd. Doch nur schon diese Angaben lagen nirgendwo auf dem Tisch, sie sind Mosaiksteinchen meiner Recherchen, denn als der ab 1930 in der „Ilge“ in Ligerz wohnhaft gewesene Oskar Binz 1957 und seine Frau Anna (genannt Meieli) 1969 kinderlos starben, verteilte sich das Erbe in unbekannte Richtung. Zwar gab eine Nichte 1978 den sogenannten „Insel-Kalender“ – 365 im Jahr 1953 entstandene Zeichnungen des immer selben Blicks auf die Petersinsel mit visuellen und beschreibenden Angaben zum Tages-Wetter heraus. Das Buch ist bis heute legendär, fiel die Publikation doch just in die Zeit aufkommenden Interesses für die Umwelt, das Klima, Naturbedrohungen. Doch ins Oeuvre des Künstlers eingewoben, ergibt sich ein anderes Bild, das noch völlig unerforscht ist und nun, 2020, im Rebbaumuseum in Ligerz erstmals aufgezeigt werden soll. Ich habe das Glück in der Historikerin und Leiterin des Museums, Heidi Lüdi, eine tolle, längst auch vom Binz-Virus erfasste Partnerin auf dem Weg zur Ausstellung zu haben. Als Team ist eine solche (wie immer ehrenamtliche) Recherche ein in jeder Hinsicht bereicherndes Ping Pong Spiel.