Newsletter November 2019


„A house is not a home“ aber „My house is my castle“ (Fimo, Leim, Stoff, 60 x 60×60 cm) von Gina Fischli (*1989, CH,  lebt in London), aktuell im FriArt in Freiburg. Offizieller Titel: „Capitol house“. Foto: azw

Wie immer gab und gibt es viele spannende Ausstellungen in den Schweizer Museen, Kunsthallen und Galerien. Die eine und andere habe ich gesehen; einige habe ich bereits auf Facebook kurz kommentiert und lasse sie darum hier weg.

Anfangs Oktober musste ich eine Leihgabe ins Marionetten-Museum in Freiburg zurück bringen (der Besuch dieses Mini-Museums ist übrigens ein Erlebnis!). Da noch Zeit war, nutzte ich die Gunst der Stunde und ging endlich wieder einmal ins FriArt – die Kunsthalle Freiburg; sie untersteht nach 6 Jahren (Amstszeitbeschränkung!) Balthazar Lovay neu Nicolas Brulhart, den man in Bern als Leiter des Archivs der Kunsthalle kennt, in Freiburg u.a. als Co-Curator des Offspace „WallRiss“. Seine erste Ausstellung: “A House is not a Home“. Darin geht er mit einem Dutzend junger in Berlin, Zürich, Paris, London, Genf usw. lebenden KünstlerInnen dem Intimen des Privaten nach.

Die Namen waren mir allesamt unbekannt; bei Jahrgängen vor und nach 1990 nichts ungewöhnliches. Dieses ungefiltert Private – es war auch in der Kunsthalle Bern mit Juliette Blightman (2016) bereits Thema – kommt zum Teil in banal-kitschigen, gebastelten kleinen Dingen bis hin zu Penis-Mäschchen (Sitara Abuzar Ghaznawi *1995, Zürich, Bild) , zum Teil immerhin in übersetzten Kuschelecken oder Traumschlössern (s.o.) zum Ausdruck. Gefallen hat mir die Ausstellung bis auf eine Ausnahme nicht eigentlich, aber sie ist ein gut gesampelter Einblick in ein Feld, das die 30jährigen offenbar interessiert. Als Bild geblieben ist das Schaf – ein Skelett mit warmer Wolle – das auf Schienen hin und herfährt und das Bedürfnis nach Wärme in einer vom Tod bedrohten Welt sicht- und spürbar macht (Tristan Lavoyer *1986 Lausanne). Was mich genervt hat, ist der – zwar ausführliche und vorbildlicherweise auch in Deutsch vorliegende – Saaltext mit derart hochgestochenen Interpretationen, dass man damit selbst alte Häsinnen der Kunstkritik davon jagen kann. Sorry, ich muss es so sagen Monsieur Brulhart (er bezeichnet sich übrigens als „Kunsttheoretiker“ – na ja!). Trotzdem: Ich nehme mir vor, wieder vermehrt nach Freiburg zu „schauen“.

Ein Must war für mich der Besuch des Neuen Kunstmuseums in Lausanne (MCBA), erbaut vom spanischen Architektenduo Barozzi/Veiga (Barcelona) – es zeichnet auch für das Bündner Kunstmuseum in Chur! Der Bau hinter dem Bahnhof wirkt auf Distanz zunächst wie ein grosser Block (die Lausanner hätten ihm bereits den Namen „Schuhschachtel“ gegeben, hört man). Aber zwei grosse Plus zeichnen den 145 x 21 x 22 Meter grossen Bau aus: Er ist funktionell ausgerichtet. Das heisst, der Bau feiert nicht sich selbst, sondern schafft Raum für Kunst! Rhythmisch gesetzte, schmale seitliche Fenster  öffnen sich zur Stadt, zum Bahnhofgelände. Der Aussenraum dringt in den Innenraum und umgekehrt. Oberlichter geben ein natürlich wirkendes, helles Licht in die grosszügigen Säle. Man ist gern da, fühlt sich wohl. – „Atlas“ , Titel der ersten Ausstellung, ist eine Hommage an die SammlerInnen und öffentlichen Institutionen, welche die Sammlung des MCBA bestimmen. Dabei sind es insbesondere zwei ebenso umfangreiche wie  hochkarätige Schenkungen, die zum Teil erst kürzlich Eigentum des Museums wurden oder als „promesses de don“ demnächst sein werden: Werke aus dem Fundus der unermüdlichen Lausanner Galeristin Alice Pauli und des Sammlerpaars Alain et Suzanne Dubois. Was höchst erfreulich ist: Bernhard Fibicher (seit 2007 Direktor des MCBA, früher Leiter der Kunsthalle Bern resp. Kurator am Kunstmuseum Bern) – hat nicht einfach die internationalen Top Shots herausgegriffen, sondern ein weites Feld ausgesteckt, in dem – dank den SammlerInnen wie der kantonalen Ankaufskommission – auch die Romandie (von John Armleder bis Sandrine Pelletier (Bild!), von Alain Huck bis Carmen Perrin – Bild!) ihre Position ausspielen können. Auch geschichtlich ist der Bogen ausgespannt – von einem richtigen 19. Jahrhundert-„Schinken“ („Charles le Téméraire“ von Eugène Burnand – eine Leihgabe des Bundes, Bild!) bis zu Thomas Hirschhorns Installation „Swiss Army Knife“. Gewicht haben – selbstverständlich – Felix Valloton und dank Alice Pauli der Italiener Giuseppe Penone und – klassischer – Pierre Soulages. Noch nicht im Lot ist das Künstler/Künstlerinnen-Verhältnis, aber bei einer „Karthographie des Schenkens“ (so der Untertitel der Schau) ist das natürlich nur bedingt steuerbar. Ebensowenig wie die Medienvielfalt, die beim Video noch Defizite aufweist. Aber: summa summarum: Toll und ein Versprechen für die Zukunft.

Gänzlich anderer Art ist die Ausstellung von Ryan Gander  (*1976 GB) in der Kunsthalle Bern. Es tut dem Programm von Valérie Knoll gut, wieder einmal einen international bereits arrivierten Künstler in Bern zu zeigen. Und dies – so die Direktorin an der Vernissage – mit der vielleicht visuellsten Ausstellung des Konzeptkünstlers aller Zeiten. Sie erinnerte sich wohl an die documenta 13 (2012) als Gander in einem der Seitenflügel des Friedericianum einen (fast) leeren Raum präsentierte, der nur durch eine von einer unsichtbaren Windmaschine ausgelösten „kleinen Brise“  durchweht war. Ich weilte damals lange im Raum – bewusst – und ich kann sie heute noch spüren! – In Biel/Bienne hatte Gander 2009 im Rahmen der Plastikausstellung mit dem Titel „Utopics“ auf dem Dach des Felsen-Pavillons ob Biel eine Fahne gehisst!  (Es ging damals u.a. um utopische Staaten). Die Schau in Bern nennt der 43-Jährige „The 500 Million Year Collaboration“ – auch das eine Utopie somit, die in der Vorstellungswelt  jedoch zu einem  emotional durchaus berührenden Zeit-Raum werden kann. Gander ist kein Schaumschläger, sondern intelligent, belesen und – was mir besonders gefällt – stets sehr subtil und zurückhaltend in der Zeichensetzung.

Liebling der Ausstellung in Bern ist  die computeranimierte, kleine braune Maus und ihre verstorbene weisse Schwester. Die Maus rezitiert mit der Stimme von Ganders Tochter (7) das Finale aus Charlie Chaplins Film „Der grosse Diktator“ (1940), welches ein flammender Apell an Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Weltfrieden ist. Der Text ist nicht verständlich, auch nicht für jene, die sich auf dem Bauch legen, um auf gleicher Höhe wie der Winzling zu sein. Immerhin weist die Liste der Werke den Weg zu Chaplin (den Rest verrät Wikipedia). Gander serviert seine Kunst nicht auf dem Präsentierteller, hält es eher mit Nicolas Brulhart (s.o.), der einmal in einem Interview sagte: „Kunst darf schon ein bisschen schwierig sein“. Und die weisse Maus, die hinter einem weissen Sockel versteckt am Boden liegt? Was soll der kryptische Titel „Take confidence in your abilities“? – Ganders Belesenheit bedenkend könnte sie ein Art „Memorial“ für Nancy Wake sein, die als britische Spionin im 2. Weltkrieg gegen Hitler agierte und den Codenamen „Weisse Maus“ trug. Vielleicht.

Ganders Werke vernetzen ist schiergar unmöglich. Seine enzyklopädische Gedankenwelt lässt Verschiedenstes gleichzeitig zu. Jedes Werk hat seine eigene Aura. Zum Beispiel auch die mechanisch verschraubte, hockende Figur, die gleichzeitig zu schauen und zu denken scheint. Eine Nähe zu Ganders Lebenswelt im Rollstuhl ist gewiss nicht von der Hand zu weisen und der Untertitel „Dramaturgical framework for structure and stability“ unterstützt die These, auch wenn da gedanklich mehr ist.

Und wie von da und dort zu den „500 Millionen Jahren“? Schwierig. Vielleicht ist der Schlüssel das Moment der Repetition, das immer mal wieder durchblitzt, denn sie steht für die immer gleichen Fehler, welche die Menschen begehen, gestern,heute und morgen….