Newsletter Website August 2022

 

Da dieser Newsletter nur noch haarscharf im August erscheint, erlaube ich mir, nur auf eine Ausstellung einzugehen, dafür etwas essayistischer: die BIENNALE BREGAGLIA. Vor drei Jahren hatten heftige Regenfälle einen möglichen Besuch im Bergell durchkreuzt, jetzt hat es geklappt, bei schönstem, nicht übermässig heissem Wetter. Die sechsstündige Fahrt war wie eine Zeitreise, gehört doch die alljährliche Reise in die Winterferien via Chur durch den Albulatunnel nach St. Moritz zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Unvergessen wie mich meine Mutter vom einen Fenster zum andern schickte, um die Kehrtunnels zu sehen und dann ihre (wohl gespielte) Aufregung, ob das Wetter ennet dem Tunnel  anders sei als im Norden.

Mit dem Postauto ging es danach weiter Richtung Maloja und in bedrohlichen Haarnadel-Kurven hinunter ins Bergell. Unterwegs, in Silvaplana,   musste ich einen Moment den Atem anhalten, denn am gegenüberliegenden Hügel in Surlej hatte ich vor sage und schreibe 70 Jahren skifahren gelernt. Mich an die Hosenbeine von Skilehrer Giovanoli – genannt Blitz – klammernd fuhr ich mit ihm auf meinen Rutscherli den Hang hinunter.

Auch später war Maloja immer Endstation, ins Bergell fuhren wir nie. Somit war es für mich landschaftlich einmaliges und historisch hochinteressantes Neuland. Obgleich ich mir vorgenommen hatte, die Biennale-Werke erst anderntags zu besuchen, vorerst den offiziell italienischsprachigen Bergeller Hauptort Vicosoprano zu erkunden, war es unmöglich auf dem Weg zum Info-Point, zur Pasticceria und dem Primo-Laden nicht schon einige Werke zumindest zur Kenntnis zu nehmen. Z.B. die sehr professionell präsentierten, zeichenhaften Hanging Narratives (Latex-Digitaldruck auf Leinenbanner), welche die afghanisch-deutsche Künstlerin Jeanno Gaussi (1973) – pandemiebedingt aufgrund von Fotos der beiden Biennale-Kuratorinnen Bigna Guyer und Anna Vetsch – erarbeitet hat. Vielleicht wirken sie darum etwas steril, erhalten eigentlich erst durch die Aufsätze der 5. und 6.-Klässler/innen dazu Lebendigkeit.

Oder dann, ortsbezogen, die beiden Arbeiten im (hässlichen) Laden: ein auf einem relativ kleinen Screen gezeigtes Video von Rico Scagliola und Michael Meier (*1985 Horgen/*1983 Chur), das 1/6tel eines über das ganze Bergell verteilten Projektes zu Konsum und Produktion ist. Die 18. Jh.- Figur in der Bergwelt des Bergell wirkt wie einer der berühmten Zuckerbäcker auf der Reise; allerdings entrückt die Zerdehnung des Videos das Bild aus der gewohnten filmischen Erzählung. Daselbst ist auch die Postkartenserie mit Kuriositäten aus dem Dorf von Jijaja Zhang und Jiri Makovek.

Alle drei Projekte sind von ihrer Qualität her bemerkenswert, aber zum freudigen Atem anhalten sind sie nicht.

Viel mehr fasziniert mich die Brunnen-Serie der jungen ECAL-Absolventin Zoé Cornelius, welche die ausgeschriebene Wildcard zugesprochen erhalten hat. Sie hat in (fast) alle Brunnen – und das sind nicht wenige – eine auf Aluminium aufgezogene Fotografie gelegt, die aus dem Leben der fiktiven Bergeller Abenteurerin Sina erzählen. Die leichten Wellenbewegungen lassen die Bilder unscharf und zugleich geheimnisvoll erscheinen – wie eine mündlich überlieferte Erzählung aus vergangener Zeit. Ich kann nicht umhin, einige bereits am «Vortag» zu entdecken.

Klammer: Tags darauf bin ich am Nachmittag in Stampa (eine halbe Stunde Fussmarsch von Vicosoprano entfernt), im Museum Casa Grande. Da ist neben Werken der Giacomettis u.v.a. ein grosses, langgezogenes Gemälde von Varlin von 1975 zu sehen; ein Porträt der Bewohner von Bondo – darunter auch eine Sina!! Ob Cornelius das Bild kannte? Oder eher an die Sängerin aus dem Wallis dachte?

Beim Nachdenken auf einer Ruhebank im Dorf bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob die 12 Werke, welche die Biennale Bregaglia umfasst, eine so weite Reise rechtfertigen. Doch dann spaziere ich durch all die Gässchen und hinauf zur Kirche und entdecke da schon mal den Gorilla (!), den auch Zhang/Makovek aufgefallen ist und für eine der 10 Postkarten ausgewählt haben. Und gleich daneben ein steinernes Murmeltier. Und an der Südfassade der Kirche fallen mir zwei Marmor-Gedenktafeln auf, die ein gewisser Giovanni Giacometti als «Ricordo rispettoso» für seine Eltern respektive als «Ricordo affetuoso» für seine verstorbene Frau hat machen lassen. Die Assoziation zum Maler Giovanni Giacometti erweist sich schliesslich als falsch, aber das ist eigentlich egal; mir wird so richtig bewusst, dass ich im Giacometti-Land bin. Das verstärkt sich dann noch als ich an den Haustüren im Dorf viele weitere Giacomettis finde und  sich der langgestreckte «Jüngling» auf dem kleinen Balkon als weitere Referenz erweist. Ich «verliebe» mich ins kleine Dorf, das jetzt in der Sonne strahlt, aber im Januar – so sagt der Hotelwirt – ganz im Schatten verharrt.

Tags darauf entdecke ich dann mein Highlight der Biennale – eigentlich ist es immer da, nicht nur während der Biennale, denn es datiert von 1577,  aber egal, denn hätte Andriu Deplazes das im Innern rauchgeschwärzte, leerstehende Haus nicht zum Standort seiner Einzelausstellung – man muss es so nennen – gemacht, hätte ich das versteckte Bijou vielleicht nicht gefunden. Mit Highlight meine ich das vielleicht älteste Sgraffito in der Schweiz (in Italien war die Technik im 16. Jh. bereits verbreitet, bei uns, z.B. im Engadin, erst im 17ten Jh., aber das Bergell stand schon früher unter dem Einfluss Italiens). In einem der Gevierte sitzt ein Musikant und spielt ab Notenblatt(!) ein Stück von… Palästrina oder vielleicht Monteverdi? Sein Zuhörer: Ein anatomisch etwas eigenartiger, aber sichtlich interessierter Hund. Und der Spruch: «Ich bitt dich gott von grunt mins Herzen, Behiet dis Hus von Leid und Schmerzen».  In einem kleinen Quadrat daneben zwei gedrungene, tanzende Figuren. Und dazu der Titel von Deplazes Werkgruppe im Innern: «Körper an Körper», wobei das ebenso mehrere Figuren sein können wie auch die Verbindung von Mensch- und der Naturkörper.

Eigentlich bin ich nicht so Fan des 1993 geborenen Zürcher Shooting Star-Malers – aber hier in diesem Kontext passen seine Bilder so wunderbar, dass man die Meinung – zumindest temporär – ändert. Auch fällt mir zum ersten Mal eine gewisse farbatmosphärische Verwandtschaft mit Giovanni  Giacometti auf.

Ich bin an diesem Dienstagmorgen völlig allein unterwegs, geniesse das, aber bei Deplazes schliesse ich schon einen Moment lang die Augen und repetiere lautlos den Spruch an der Fassade und bete, es möge niemand auf die Idee kommen…

 

Unweit davon im ersten Stock einer alten Scheune ist die neue, umfangreiche, hervorragende Video-Arbeit «Down the river» von Lena Maria Thüring zu sehen. Sie verbindet – durchaus provokant – die Produktion von Parfum (Zusammenarbeit mit Essencia AG Soglio) mit sexualisierten Bergeller Hexenprozess-Protokollen. Sie tut dies nicht dokumentarisch, sondern in einem wunderbaren filmischen Essay, das u.a. in nächtlichem Dunkel entlang des Flusses «Maira» spielt, Wald, Wasser und Feuer verbindet und dabei  Sätze  wie «you were seen there, alone, at night», «you talked to him», «you slept with him» hör- und lesbar einblendet.

Das geht unter die Haut!

Gefallen hat mir auch das Video  „The fluttering Being“ von Alexandra Navratil, das – durchaus sinnvoll – in einer für Landwirtschaftsmaschinen vorgesehenen Garage am Dorfrand, in der  gezeigt wird. Die Künstlerin verbindet darin wissenschaftliche Aufnahmen zu Körper und Pflanzen, die in irgendeiner Form „berührt, gestupst und gepikst“ werden. Gerne hätte man indes die Mischung aus distanzierter Versachlichung und Lebenskraft noch etwas mehr zu einer Art zeitgenössischer Lebens-Einheit gefügt gesehen.

Gefiel mir die Einzelausstellung der türkischen Künstlerin Nilbar Güres im Centre Pasquart  in Biel/Bienne 2021 gut, wirkt ihr textiler Transgender-Garten hier leider etwas gebastelt.

Das  – grundsätzlich sehr eindrückliche – Video von Julian Charrière zum Fällen Bäumen in beängstigendem Nonstop (entstanden 2018) habe ich mir erspart – zu oft habe ich es in den letzten Jahren hier und dort gesehen.

Zu Christian Hörlers Trockenmauer an/in einem grasigen Berghang bin ich dann doch noch gelaufen, obwohl das Thema Trockenmauer für eine Bielersee-Nordhang-Bewohnerin wirklich nicht neu ist. Der Unterschied: Hier ist es Granit und Gneis und kein Jurakalk und auch nicht behauen, sondern im vorgefundenen Zustand geschichtet. Das ist noch ein Level höher!

Weniges, nicht wirklich erwähnenswertes ergänzt die Ausstellung.  Ich verabschiede mich mit dem Satz, den ich auf einem Kleber bei der Postauto-Haltestelle entdeckt habe: «Joseph Beuys wo bist Du?» und äussere damit meine Freude an den vielen kreativen Menschen in Vicosoprano, die in so vielen Ecken kleine Akzente gesetzt haben.

Nachsatz: Dass auch Miriam Cahn in Stampa wohnt, kommt mir im Moment nicht in den Sinn und vermutlich ist es bezeichnend, dass das – trotz ihrer Ausstellung im Palazzo Castelmur in Stampa 2021 ­–  auch in keiner Broschüre oder ähnlich erwähnt wird. Noch nicht. Das ändert sich dann in 20 Jahren!!