Newsletter Januar 2020

Eines der Highlight der „Cantonale“ im Centre Pasquart in Biel: Die Wandzeichnung (Holzkohle) „Promenade au bord de l’étang“ von LINE MARQUIS (*1982).

Ich habe einige Jahresausstellungen gesehen – konkret: Biel, Langenthal, Thun, Interlaken, Bern Kunsthalle, Bern Stadtgalerie, Olten, Aarau. Nicht die Regionale im Raum Basel/Mulhouse und auch Luzern nicht. Mit Ausnahme von Aarau war die Qualität überall in etwa gleich, sprich: Wichtig für die Region – das Salz des Kunstbetriebes! – aber kein Sprungbrett fürs internationale Parkett. Es stellt sich die Frage, warum die „Auswahl“ in Aarau seit Jahren die beste ist. Sicherlich ist das Zusammengehen von Kuratorium (mit Werkbeitrags-Vergabe) und Kunsthaus Ansporn. Die Folge: Der Generationenmix ist breit. Aber: die 1990er fehlen fast gänzlich; der Aargau ist kein Kunsthochschul-Kanton! Es kommt hinzu: Das Renommée der Aargauer Auswahl  ist Referenz.

Im Kanton Bern hingegen ist die „Cantonale“ sehr stark eine Plattform der Jungen, die Präsenz der HKB ist unübersehbar während viele ältere Berner KünstlerInnen fehlen. Eine positive Neuerung ist mir in der Solothurner Jahresausstellung in Olten aufgefallen. Hier hat der Kanton seine Ankäufe sogleich dem Museum geschenkt. „Toll, dass wir so z.B. in den Besitz der räumlich raffinierten Acryl-Arbeit von ANDREAS HOFER (*1956 – Bild) kommen“, sagt die Oltner Sammlungs-Kuratorin Katja Herlach. Könnte das Schule machen? In Olten bin ich aber auch dem für mich grössten „Ärgernis“ begegnet; dem stromfressenden, lärmenden „Solo-Objekt (Haarföhn)“ von JAN HOSTETTLER (*1988) – zu haben für 3’500 Franken!

Früher hiessen sie alle „Weihnachtsausstellungen“, eine solche war für mich heuer aber eher die One-Man-Show des in Berlin lebenden Luzerner Künstlers GIACOMO SANTIAGO ROGADO (*1979) im Kunstmuseum Solothurn. Dem Mainstream des umwelt-politisch-kritischen Aktivismus in der aktuellen Kunst setzt er mit „Desire Path“ ungegenständliche Bildfindungen entgegen, die – allen Unkenrufen zum Trotz – die unerschöpflichen Möglichkeiten des Gestalterischen – des Bildes! – ins Zentrum rücken. Die handwerklich-technische Komplexität fasziniert, erschöpft sich aber nicht in sich selbst, sondern löst durch perspektivische „Räume“, „Spiralbewegungen“ und mehr einen Sog aus, der die Betrachtenden ins Bildgeschehen „einsaugt“, ohne dabei ins Pathetische abzugleiten. Es sind wohl die klaren, analytisch nachvollziehbaren Bildkonstruktionen zwischen flottierenden Farbverläufen und geometrischen Formelementen, welche die latente Gefahr bannen. Informativ ist hierzu die Installation mit den Licht-Projektionen von Achat-Flächen (Sigmar Polkes Glasfenster im Grossmünster in Zürich lassen grüssen!). Dennoch erlaube ich mir in Bezug auf Rogado von einem spirituellen Informel  zu sprechen, das – seien wir ehrlich – der Seele gut tut! (bis 16. Feb. 2020)

Und noch eine Ausstellung muss ich erwähnen: Jene von RUDOLF BLÄTTLER(* 1941) im Nidwaldner Museum Winkelriedhaus in Stans. In der Innerschweiz entstanden in den letzten 60 Jahren zahlreiche markante bildhauerische Oeuvres (von Ah, Sigrist, Odermatt, Egloff etc.) Doch nur eines ist so konsequent figürlich wie dasjenige von Rudolf Blättler. Selbst in seinen „schwarzen Räumen“ ging es letztlich um das Wachsen des Figürlichen, des Lebens, aus dem Dunkel der Erde. Lange war dieses „Leben“ ganz primär weiblich – ur-weiblich ­– und zwar radikal. Doch Mitte der 1990er-Jahre vereinen sich „Mann und Frau“,  verselbständi-gen sich, werden „Mann“, werden „Frau“ (nicht mehr nur Weib) und entwickeln sich weiter zur androgynen Vereinigung von gleichzeitig weiblichen wie männlichen Attributen. Das gibt es übrigens auch bei Miriam Cahn, aber diametral anders! Hier ist es der Plastiker, der sie in Gips  formt, ihre materielle Körperlichkeit nicht auflöst, sondern im Gegenteil betont. Ihre Haut ist nicht glatt, sondern gefurcht, von der Hand eines nahe den Bergen Aufgewachsenen geprägt. Sie laden nicht zur Berührung, verweigern sich ihr fast gar und halten uns so von einer undifferenzierten Pseudo-Nähe fern.

Die Nidwaldner Ausstellung zeigt Arbeiten der letzten 25 Jahre – im Aussenbereich, wo es ihnen „wohl“ zu sein scheint, im Pavillon als dynamischen Dreitakt im White Cube und im Museum im Dialog mit den Räumen und ihrer Geschichte.  Das kann zu spannenden Gegenüberstellungen führen, etwa im Altarraum, wo die Dreifaltigkeit des Christentums auf eines der „Dreiweiber“ von Rudolf Blättler stösst – Nähe und Abkehr vom Religiösen zugleich signalisierend. Bis 9. Feb. 2020