Newsletter Februar 2020

Schminktischchen von Pipilotti Rist (1993) in der Sammlungsausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz. Mit azw im Spiegel.

Manchmal ist es gut, wenn man versprochen hat, man schaue sich eine Ausstellung an.  Dann fährt man nämlich hin, auch wenn „Memories of Textiles“ mit Arbeiten von Nesa Gschwend (*1959) in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell stattfindet ( ab Twann 31/2 Std. Zugfahrt!). Seit langen Jahren ist der Faden, das Gewebe, der Stoff, das Kleid in einem realen, körperlichen wie in einem historisch-philosophischen Sinn Inhalt der Kunst der im Aargau lebenden Rheintalerin. Mein erstes Highlight: Die von der Heinrich Gebert Kulturstiftung umgebaute alte Ziegelei zur vielfältig genutzten Kunsthalle. Der die Konstruktion und die Geschichte des Hauses offen zeigende Bau mit eingefügten modernen, lichterfüllten White Cubes für die Sonderausstellungen, ist schlicht grossartig. Warum war ich nie zuvor da? Nesa Gschwend wird mit den zwei für sie wichtigen Zweigen ihres Schaffens gezeigt.

Zum einen sind da die „Living fabrics“, die aus einem gross angelegten sozio-kulturellen Hintergrund wachsen. Das sind frei hängende textile Wandarbeiten („Gatherings“), die an der Basis von Gruppen von Menschen (meist Frauen) in von Armut betroffenen Dörfern in Indien, später auch in anderen Ländern frei nach ihrem gusto aus Stoffresten genäht und dann von der Künstlerin zur Bild-Komposition gefügt wurden. (Es gibt dazu einen sehr schönen Film!). Wichtig ist die Mehrfach-Bedeutung als menschenverbindend, sozial und künstlerisch. Im grossen Saal mit einem riesigen Fenster zur Landschaft  präsentiert, können die Werke ihre Ausstrahlung voll zeigen und die älteren, zu hängenden Knäueln verbundenen Textilschnüre verweisen erlebnisnah auf die „Nabelschnur“ zwischen allen Menschen.

Dann aber Kontrast: Die Werke in den modernen,  im 2. und 3. Stock gelegenen Sälen im Anbau sind ganz Nesa Gschwends ureigenem Schaffen gewidmet. Dabei dominieren zwischen Gaze und Vlies gelegte „Zeichnungen“ aus Haaren und Fäden, die grossformatige Köpfe in gleichsam subkutaner Weise zeigen. Man meint Nervenbahnen, Blutbahnen, Hautfasern zu sehen und es braucht eine Weile bis man den eigenen inneren Widerstand aufgibt und die Aesthetik des fein Vernetzten, der in alle Richtungen schlängelnden Linien als UNSER kostbares Inneres erkennt und annimmt.

Nesa Gschwend geht unglaublich nahe an den Körper, zerlegt und öffnet ihn. Dass sie mit ihrem Werk in der zwinglianischen Deutschweiz, in der calvinistischen Romandie nicht nur auf Gegenliebe stösst, liegt auf der Hand und schält eine Mentalitätsverschiebung im Vergleich zur katholischen Ostschweiz resp. dem nahen Vorarlberg heraus, die man vielleicht so nie gedacht hat, aber auch in körpernahen Videos von Pipilotti Rist und vielleicht sogar im Werk von Loredana Sperini in feiner Form anklingt.  Dennoch kann man beobachten, dass die langjährige Konsequenz, mit welcher sie ihr Schaffen vorantreibt, in den letzten Jahren gesamtschweizerisch auf mehr und mehr Respekt stösst. (Die Ausstellung, die von einem sehr schönen Katalog mit intelligenten Texten begleitet ist, dauert noch bis 20. März, am 25. April wird dann eine Ausstellung mit Werken von Emma Kunz und zeitgenössischen KünstlerInnen eröffnet – darüber später mehr!)

Wenn ich schon in der Ostschweiz war, wollte ich auch sehen, was denn da zur Zeit sonst noch gezeigt wird. Die Ausstellungen im Kunstmuseum St. Gallen haben mich nicht genügend elektrisiert, immer dieses Konzeptuelle, auf Form und Raum Konzentrierte, wo ich es doch eigentlich lieber etwas üppiger habe! Also fuhr ich nach Vaduz, wo es dem langjährige Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein, Friedemann Malsch, gelungen ist, alte Verbindungen zur Sammlung des Fürsten zu knüpfen und seine betont zeitgenössische Museumssammlung und jene mit Schwerpunkt 15tes bis 18tes/19tes Jahrhundert der „LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz-Vienna“ in Dialog zu bringen (ergänzt um Werke der Hilti Foundation und der Sammlung Batliner).

Solche Dialoge können zuweilen verblüffend sein (wie kürzlich in Lausanne), hier ist aber die geschichtliche und künstlerische Distanz der Kulturen so gross, dass die Gegenüberstellungen oft etwas an den Haaren herbeigezogen wirken, wie etwa ein kantige Figur von Umberto Boccioni (1913) vor einer Gebirgslandschaft von Joos de Momper (um 1600). Vielleicht hängt es auch mit dem Profil der pointiert zeitgenössischen, hauseigenen Sammlung zusammen, die sehr auf Installationen, unerwartete Materialien und Konstellationen ausgerichtet ist. Nicht einmal Pipilotti Rists Schminktischchen und ein barockes Stillleben von Abraham van Beyeren (17. Jh.) will recht funktionieren. Nichtsdestotrotz war der weite Fächer möglicher Kunstsammlungen zwischen einst und jetzt hochinteressant (Ausstellung zu Ende).