Newsletter Oktober 2020

Die Galerie Bernhard Bischoff verwaltet den Nachlass des 2015 auf Island verunglückten Schweizer Malers Pascal Danz. Jetzt ist das Werkverzeichnis erschienen. Foto: „heraldstreet“, Öl auf Leinwand, 2006, 160 x 120 cm

„Lieber mit Maske unterwegs als ohne Maske zuhause» – das ist meine aktuelle Devise und so habe ich trotz der uns alle belastenden und als Dauerthema beschäftigenden Pandemie-Situation zahlreiche Ausstellungen besucht. Allerdings – eigentlich zu meinem eigenen Erstaunen – nicht so sehr Museumsausstellungen, sondern kleinere Events in Galerien und anderen Institutionen. Warum? Sorry, weil die Schweizer Museen ihre Ausstellungen zum Teil soooo verlängert haben, dass sie nicht aktu«ell sind oder– so habe ich da und dort den Eindruck – Programme 2. Wahl anbieten, nicht zuletzt, weil die internationalen Kontakte auf physischer Ebene aufgrund von Covid-19 schwierig geworden sind. So richtig Neues habe ich nicht oft entdeckt. Ein Michel Grillet (Solothurn), der seit den 1980ern primär kleinste Sternen-Himmel und Nacht-Landschaften (Berge) malt, lockt mich einfach nicht  (mehr) hinter dem Ofen hervor und den Julian Charrière in Aarau, den habe ich gesehen, aber zuvor halt schon in Lugano, wo die Präsentation des zentralen Packeis-Filmes wesentlich emotionaler inszeniert war. Aarau ist aber retrospektiver.
Für langjährige Charrière-Fans (wie mich)  bringt sie darum mit Ausnahme der neuen „Obsidian“ (vulkanisches Glas, das schon im Neolithikum verwendet wurde) wenig Neues,  bestätigt aber eindrücklich, warum er aktuell als Schweizer Shooting-Star gilt (Bilanz-Rating Nr. 1 unter den Jungen).

 

Konzentration. Und wie immer: Was ich schon auf Facebook beschrieben habe (z.B. Fance-Lise Gurn/Pasquart, «Seule l’amour sauvera le monde» in der Galerie C/Neuenburg), fehlt hier. Darum: «Standpunkt Erde» in der Galerie Mayhaus in Erlach. Als Ilya Steiner 2019 beschloss für längere Zeit nach Südamerika zu reisen, schrieb er einen Wettbewerb aus. KünstlerInnen sollten Ausstellungs-Konzepte eingeben. Der Lockdown hat einiges upsidedown gebracht, dennoch ist bereits jetzt ein Rückblick möglich. Er besagt erstaunlicherweise, dass – entgegen der Meinung vieler Kunstschaffender -– KuratorInnen eine wichtige Funktion haben. Mehrere Konzepte basierten auf guten Ideen, aber an einer streng auf die visuelle Umsetzung ausgerichteten Inszenierung haperte es zuweilen. In einem nicht renovierten alten Patrizierhaus lässt sich schlicht nicht alles zeigen, mehr noch – Kunst kann darin scheitern. Dieses Schicksal ereilte die mit blauer Tusche hinter Glas gemalte Serie «Toteis» von Ueli Studer (Solothurn/Twann). Der Künstler befasst sich seit langem mit der Geologie  (der Beschaffenheit) der Erde wie sie sich heute, wie sie sich einst zeigte. Aktuell gilt sein Augenmerk den Gletschern der letzten Eiszeit (bis 10’000 v.Chr.), der Zeit als diese abschmolzen, «Toteis» unter vielem Geschiebe bildeten, mal sichtbar, mal in Stein und Geröll eingepackt. Spannend (und hochaktuell). Die «Eiszeit»-Gläser, die der Künstler zeigt, leuchten blau (sorry, die Abbildung ist nicht farbecht!), wirken gewollt kalt. Aber präsentiert in einem beige-weiss ausgemalten Raum mit warm-hölzernem Täfer, sind sie wie eine Faust aufs Auge. In Gedanken hänge ich sie in den (oft als scheusslich empfundenen) langen Obergeschoss-Raum im Helmhaus in Zürich mit seinen weissen Wänden und dem weiss-glänzenden Boden und spüre, was möglich wäre, nur nicht im Mayhaus in Erlach. Dass Künstler zeigen wollen, was sie gerade beschäftigt, ist verständlich, aber man kann das nur MIT den Räumen, nicht gegen sie, denn das Publikum abstrahiert nicht.

In Erlach gab es auch ein Gegenbeispiel, nämlich die Idee von Anna Neurohr  (*1980/Biel), einzelne Berge aus Porzellan – Berge wie sie allen im Seeland vom Blick  zu Eiger, Mönch und Jungfrau vertraut sind –  auf eine Art Schaukel (einem Holzbrett, das an zwei Seilen im Dachstuhl hängt) zu platzieren. Das Vertraute, das Fragile, das entrückt Künstlerische, das Material und die Formen im freien Raum brachten eine wunderbare Stimmung. Auch die fernöstlich anmutenden, auf japanisches Reispapier gedruckten schwarz-weiss Fotografien von Hansjörg Bachmann (*1949 St.Gallen/Biel), die  Gärten und Wälder (wo auch immer) zeigen, widerstanden den Räumen, hiessen die Betrachtenden einen Moment loszulassen und sich in eine «andere», zwischen hell und dunkel , Tag und Nacht, oszillierende Welt hineinziehen zu lassen. Last but not least zeigte Ruedy Schwyn  (*1953/Biel) «Erdsichten» – wie sie sich, einem roten Faden gleich, durch sein Werk ziehen. Wobei «Erde» bei ihm stets «Haut» meint – Epidermis und zugleich die verletzliche, immer wieder bedrohte «Landschaft» des Menschen.

Sorry, ich bin stecken geblieben – unerwartet eingetaucht – warm ist es da, beglückend.

Definitiv nicht verpassen wollte ich die von Bice Curiger kuratierte Ausstellung zur Frauen-Kunst-Bewegung 1975/80 im Strauhof in Zürich. Weder «Frauen sehen Frauen» (1975) noch «Saus & Braus» (1980) habe ich gesehen seinerzeit (die Kinder erlaubten damals nur kleine Sprünge), aber später habe ich alles Greifbare darüber gelesen und sie oft zitiert. Darum war die dokumentarische Ausstellung sehr spannend für mich, zeigte sie doch wie zuweilen Wichtiges aus dem Nichts, aus dem Experiment, aus der Lust wächst, ohne dass sich die ProtagonistInnen der Tragweite bewusst sind. Erkenntnisreich!

In der Galerie daMihi in Bern sind zur Zeit Skulpturen aus allen Schaffensphasen von Hans Josephson (1920-2012) gemeinsam mit Bildern von Willi Müller (* 1953 im Aargau, wohnhaft in Nidau) aus. Das hat seinen Grund: Willi Müller war in den späten 1970ern oft im Atelier Josephsons und nennt ihn die für ihn prägendste Künstlerpersönlichkeit. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob man das spürt. In den Motiven nicht, aber dieses «brut», dieses Ungeschönte, existentiell auf die Ebene von Form und Gegenstand (egal ob Figur oder Tisch) Hinweisende, das gibt es hier und dort, was man vielleicht bisher nie realisiert hat.

Von Müller gibt es auch heiterere Bildserien – im Kabinett darf man die Apfelbäume sogar nach eigenem Gusto hängen.  Aber schon in den Porträts kommt sie wieder, diese eigenartige Verwandtschaft der zwei so unterschiedlichen Künstler.

Ebenfalls in Bern (Galerie Bernhard Bischoff) sind aus Anlass des Erscheinens des Werkverzeichnisses von Pascal Danz (1960-2015) Werke aus dem von der Galerie verwalteten Nachlass zu sehen. Um dem Anspruch einer Ausstellung zu genügen, ist die Auswahl nicht rund genug, was vermutlich auch nicht das Ziel war. Aber der rote Faden, der ist schon eruierbar. Immer sind es Motive auf der Basis einer Fotografie, die nicht nur «sagen», was zu sehen ist, sondern immer auf ein Dahinter verweisen, Fragen evozieren, Unsicherheit erzeugen wollen; von afrikanischen Fetischen bis zum Hec kflügel einer Maschine von BOAC (British Overseas Airways Coroporation) oder dem dunklen Eingang einer verlassenen Werkstatt in «heraldstreet» in London (Siehe Titelbild).

Die Überraschung der Ausstellung war für mich darum nicht Pascal Danz sondern die Malerei von Martin Kaspar (*1962 wohnt in Freiburg i.Br.). Wie (zu) viele Künstler befasst er sich mit dem «Raum», doch seine architekturbetonten Kompositionen sind nicht Räume an sich, sondern sind ausgerichtet auf die «Identität» eines Raumes, seine linearen Strukturen, seine betont malerischen, oft wohltuenden Farben, auf die Lichtführung. Die Leere, die vorherrscht abstrahiert sie einerseits, lädt aber andererseits auch zum Begehen ein.

 

Mehr wäre…. aber lassen wir das für den Moment. A bientôt au novembre!