Newsletter Website März 2021

Uwe Wittwer. Blick in die Installation „Holzfäller.Spiegel“ in der Kilchmann in Zürich. Foto: azw

Der 2. März war für mich wie ein Startschuss. Mit Heisshunger habe ich mich auf den Weg gemacht, nach Aarau, nach Solothurn, nach Grenchen, nach Zürich. Weitere Ausflüge werden folgen.

Als erstes fuhr ich nach Aarau, da mich als „Veteranin in Sachen Emma Kunz“ die von Yasmin Afshat kuratierte Ausstellung „Kosmos Emma Kunz“ oder „Emma Kunz im Spiegel der Gegenwartskunst“ sehr interessierte. Meine ersten, positiven Eindrücke habe ich auf Facebook notiert. Vertieft bleibe ich bei meiner positiven Haltung gegenüber dem Gesamt-Konzept, aber ich komme nicht um einige Anmerkungen herum. Zunächst muss ich meiner „Empörung“ gegenüber dem Text von Daniele Muscionico in der Aargauer Zeitung Ausdruck geben. Ich weiss, sie schreibt immer aus einer subversiv stachligen Optik heraus (und wenn es nicht mich betrifft, lache ich zuweilen sogar darüber), aber diesmal löste es eine teilweise schlaflose Nacht aus. Eine solche Verzerrung! Und vor allem eine derartige Schnodrigkeit gegenüber allen, die sich seit 1973 (der ersten Ausstellung) mit dem Werk von Emma Kunz befasst haben, das machte mich als eine der Autor*innen der Monographie von 1998 natürlich betroffen (und wütend).  Als hätten wir damals nur „Klatsch und Tratsch“ geschrieben, mit dem die aktuelle Ausstellung nun endlich aufräum

Eine erweiterte und aus dem Heute heraus formulierte Sicht auf Leben und Werk von EK macht Sinn, auch das Abstreifen esoterischer Verherrlichung, wie sie teilweise stattfand, aber bitte differenziert! Emma Kunz sei im Vergleich mit den zeitgenössischen Positionen die „modernste“, schreibt D.M. Was sie damit genau meint, weiss ich nicht, aber auch mir scheint, dass letztlich keine der in Dialog gestellten Werke die Tiefe und Ernsthaftigkeit und Nachhaltigkeit des Schaffens von Emma Kunz erreicht. Was nicht heisst, dass die zeitgenössischen Positionen nicht interessant sind und aus verschiedensten Lebens- und Werkhaltungen heraus das Bild öffnen und Emma Kunz in einen „Kosmos“ stellen. Last but not least bin ich für mich (und wohl aus meiner Generation heraus) zum Schluss gekommen, dass mir ein positives Bindeglied zu 1973 auch dahingehend fehlt, dass mit keinem Werk auf die Wirkung der ersten Ausstellung auf die Kunst eingegangen wird. Konkret: Es fehlt ein Kabinett Max Matter (*1940 Aarau), dessen berühmte, grossformatigen Pendel-Zeichnungen von 1974 (ca.) viele heutige Positionen – sorry – in den Schatten stellen würden.

Doch weiter: Solothurn. Die Retrospektive des erstmals spartenübergreifend (Fotografie, Film, Malerei, Skulptur) gezeigten Oeuvres von Claudio Moser (geb. 1959 in Aarau). Überzeugend und überraschend. Und begleitet von einem Buch-Katalog, der das Werk fundiert ausleuchtet (Christoph Vögele). Und einer der schönsten Ausstellungstitel, die ich in letzter Zeit wahrnahm: „Gegen Osten“. Damit verortet er sich im Hier, das heisst in der westlichen Welt, aber sein Blick geht nicht in den „Wilden Westen“, sondern in ein Streben nach innerer Ruhe und zugleich Fülle wie sie im Zen-Buddhismus enthalten ist. Wie viele seiner Fotografien – ob Grossformat oder vielteilig als Serie – zeigen, ist ein stilistisches Mittel, mit der er dahin zu gelangen sucht die Raumtiefe, das Sichtbarmachen mehrerer Schichten. Zäune aller Art können dazu dienen, zuweilen  ist aber auch nur eine Distanz zum  Bildgeschehen, sei es durch Perrons an Bahnhöfen, Glaswände und Terrassen ausreichend.

Claudio Moser lebte im Laufe der Jahre an verschiedensten Orten, in Paris, in New York, in Tel Aviv u.a.m. Die eine und andere Fotografie zeugt davon, doch auf die inhaltliche Ausrichtung hatte das, so scheint mir, nie einen Einfluss.

Neu ist die Integration von Malerei und Skulptur, was vordergründig einen autobiographischen Hintergrund hatte (sie entstanden mehrheitlich während einer schweren Krankheit), verweisen in ihren abstrakten Farbverläufen und -verdichtun-gen auch ganz stark auf  eine in ihrer Art neue persönliche Präsenz des Künstlers. Und so wundert eigentlich die erstmalige Realisierung eines erzählerischen 16mm-Filmes nicht. Im letzten Raum der Ausstellung gehen auf zwei gegenüberliegenden Projektionen ein Mann und eine Frau aufeinander zu und wieder auseinander; still und doch energetisch stark verbunden. Sehr schön! Es gäbe mehr zu sagen.

Kleine Klammer: Zu meiner grossen Freude, habe ich Claudio Moser in der Ausstellung getroffen und wir haben ganz privat und ohne ein Glas Wein „angestossen“ auf unser Jubiläum. Vor exakt 40 Jahren veranstaltete der angehende Student der Filmwissenschaft in Genf eine erste Foto-Ausstellung in Aarau und als Schreiberin vom Dienst habe ich darüber geschrieben; wohlwollend, aber noch nicht ganz überzeugt!

Eine Kostbarkeit ist auch die Ausstellung im Kabinett in Solothurn, insbesondere die Postkarten-Korrespondenz zwischen Johanna Fülscher und Otto Morach.

Grenchen. Zu meinem grossen Erstaunen, hat mich die Ausstellung „Wald“ im Kunsthaus Grenchen enttäuscht. Warum? Schwer zu sagen: Einerseits gibt es (für mich) wohl zu viele ältere Werke, die ich so oder ähnlich bereits kannte (Julian Charrières Holzfäller-Filmcollage, Marianne Engels nachtleuchtende Pilze, Esther van der Bies Kunststoffschläuche, Alex Hanimanns Fotofallen-Bilder u.a.) oder ich fand sie nicht gewichtig genug (Angela Lyn, Felix Studinka z.B.) oder zu wenig hintergründig ( Luca Mengonis feuerbearbeitete Holzstämme).

Foto: Yann Amstutz (*1983 Neuchâtel, lebt in Lausanne), „Bahia Drake“ (Kohle/Graffit), 2018.

Gefallen haben mir hingegen die verkohlten Tropenholzplanken von Julian Charrière mit den eingravierten Zeichnungen nach Alfred Russel Wallace (1823-1913), einem englischen Naturalisten der Kolonialzeit in Verbindung mit dem Titel „To observe is to influence“  und vor allem auch Marcus Maeders wissenschaftliches Labor, mit welchem er die Wasserströme in Pflanzen hörbar macht. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch und/oder ich halt einfach eine Insiderin, deren Wissen nicht verglichen werden kann mit jenem vieler Besucher*innen.

In Zürich musste ich erkennen, dass ich in meinem Alter nicht mehr x Ausstellungen nacheinander anschauen kann, wenn ich sie wirklich verstehen und nicht anderntags schon wieder vergessen haben will.  Darum galt (notgedrungen): weniger ist mehr. Die Highlights sind klar: Uwe Wittwers Holzfäller-Wandzeichnung/Installation bei Kilchmann an der Zahnradstrasse und Zilla Leuteneggers „Intérieur“ bei Kilchmann an der Rämistrasse. Sorry, 2x Kilchmann, ich habe keine Aktien, aber so ist es. Gefallen hat mir aber auch die punktuelle Retrospektive von Mary Heilmann (USA * 1940) bei Hauser&Wirth im Löwenbräu, Ihre Bilder sind farbbetont und konstruktiv, lassen sich aber nie in ein Korsett einbinden, scheren aus  (Beat Wismer zeigte sie schon 1995 in „Karo-Dame“ im Aargauer Kunsthaus und 1997 zeigte sie Lucy Grossmann im Museum für konstruktive und konkrete Kunst in Zürich).

Foto: Mary Heilmann „Mojave Mirage“, 2012

Gerne in Erinnerung behalte ich auch die „Kleinformate“ von Phyllida Barlow, (*1944 in Newcastle GB), deren „gebastelte“ Architekturen, Skulpturen, Installationen aus verschiedensten, oft farbig gemalten Materialien mich schon früher an der Ars Unlimited in Basel, in der Kunsthalle Zürich oder dann und vor allem im Englischen Pavillon an der Biennale in Venedig durch ihre Unkonventionalität, ihr lustvolles (!) und gleichwohl mit scharfem Blick gelenktes Bauen überzeugte. Hauser&Wirth/Löwenbräu 3. Stock. Sorry, auch hier 2x dieselbe Galerie, aber, ist so. Genauso wie mir leider die beiden Ausstellungen bei Eva Presenhuber – Wyatt Kahn (*1983 NY) an der Zahnradstrasse  und Torbjørn Røland (*1970 Stavanger) an der Waldmannstrasse nicht gefielen. Zu repetitiv die mit Leinwand überzogenen Konstruktionen aus Rahmenleisten des Amerikaners, zu sexistisch die Fotografien des Norwegers.

Reich ist hingegen die Gruppenausstellung .CH in der Galerie Mai 36 mit Werken von Pia Fries, Albrecht Schnider, Harald F. Müller, Christian Lindow, Christoph Rütimann und Ian Anüll, dessen „Schnappschüsse“ zur Corona-Pandemie trefflich sind.

Foto: Beispiel aus der Serie „Corona World“, 2020, Mischtechnik.

Doch zu Uwe Wittwer. Erstmals bestückt der Zürcher Künstler (*1954) eine Ausstellung mit Kohlezeichnungen – zum einen direkt auf der Wand, dann auch auf Papier und – interessant – auf Glas, das anschliessend gebrannt wurde und nun in Metallfüssen direkt im Raum steht, beidseitig betrachtbar.

Kurz nach dem Studium  habe er viel gezeichnet, erzählt Wittwer, doch dann traten andere Medien (Aquarell, später Öl auf Leinwand) in den Vordergrund und jetzt feiert die Kohlezeichnung ein Revival. Und wie! Virtuos, inhaltlich vielschichtig – in der Literatur, in der Kunstgeschichte, in der eigenen Biographie verankert. Die Zürcher Installation integriert Sätze aus Eliot’s Epos „The waste land“, das die Weltveränderung nach dem 1. Weltkrieg zum Thema hat und nicht an Aktualität verloren hat. Diese Situation bettet er verfremdet in die Welt seiner Grosseltern und seines Vaters, den er zuweilen bei Holzfäller-Arbeiten im Wald begleitete (man sieht den Künstler vage als kleinen Buben auf einer der Glas-Zeichnungen. Mit einer Portion Sarkasmus gesellt Wittwer eine Zeichnung mit dem Titel „Narrenschiff“ (vgl. Hieronymus Bosch, 1500) dazu. Obwohl erzählerisch, gleiten die Bilder nie ins Anekdotische ab, behalten ihre zeichnerische Autonomie.

Zum Schluss Zilla Leutenegger: Über mehrere Stockwerke inszeniert sie Wohnen zur Zeit des Lockdown und des „Bleiben Sie zuhause“.

In der ihr eigenen, kantig vereinfachten Malweise zeigt sie uns Ausschnitte aus Innenräumen, bei Tag oder auch bei Mondschein, wenn die Katzen gross und die Figuren klein werden, gar zum künstlichen «Mond» selbst werden oder auf einem weissen Piano das 3. Konzert von Rachmaninoff spielen und die Schatten auf der Wand tanzen.