Newsletter Website  Juni/Juli 2021

 

In der Vitrine von Katharina Sallenbach in der Ausstellung „Skulptur seit 1945“ in Aarau hat es auch Platz für die Fotografin….. (vgl. Text dazu auf Facebook)

Ich bin immer noch eine Kunstliebhaberin, die gerne alleine in einer Ausstellung weilt. Aber gewinnbringend ist es schon, wenn man ( jetzt wieder und darum besonders gern) an Performances, an Führungen, an Gesprächen teilnimmt.

So fuhr ich dieser Tage zeitlich so nach Bellelay, dass ich an der Performance von Christoph Rütimann (*1955, wohnt in Müllheim/TG) teilnehmen konnte. Es ist nicht die erste, 1999 sah ich ihn die Kunsthalle Bern «besitzen», 2002 am Museum in Luzern «hängen». Und jetzt fährt er mit einer aus Altholz zusammengenagelten Kapsel im Innern der barocken Abteikirche «gen Himmel». Wie es des Künstlers Art ist, kontert er die in dieser Kirche förmlich greifbare Mystik mit Nüchternheit, auch wenn er dem Ort  weder ausweichen kann noch will und darum genau in der Mitte zwischen den beiden Seitenaltären mit Blick auf das Maria Himmelfahrts-Fresko im Chor auffährt. Die Nüchternheit besteht darin, dass man jeden Schritt sieht: wie die Kapsel auf einem Wagen aus dem Hinterhof in die Kirche gerollt wird, wie sie zuerst unbemannt hinaufgezogen wird und dann erst den  Künstler mit einem Stahlseil hinaufholt, wo er wohl an die 45 Minuten ausharrt bis ihn Aufdi Aufdermauer  (Videocompany) per Natel anfrägt, ob er jetzt hinunterkommen will und darauf hin «in 10 Minuten» Signal zur Rückführung auf die Erde gibt. Das alles ist nicht emotional angelegt in einem inhaltlichen Sinn, wohl aber als Spannung, ob das wohl alles hält, spürbar. Tut es. Wunderbar! Und die Mystik ist natürlich trotzdem da.

Wer die Installation von Christoph Rütimann im Laufe des Sommers besucht, erlebt insbesondere wie der Künstler dem Chor durch eine schiefe Ebene eine im wahrsten Sinne des Wortes «schräge» Konstruktion, ein «kubistisches» Gesicht gibt, ähnlich wie er es schon 1992 in der Kirche St. Stae in Venedig gemacht hat. Ein Video zeigt überdies, was der Künstler aus der Kapsel heraus sah und zwei grosse, gelbe Hinterglasmalereien spiegeln die Decke des Kirchenschiffes.

Und danach ging es gleich weiter: Nach Biel ins Centre Pasquart hinunterfahrend, wohnte ich noch knapp eine Stunde der 5-stündigen Loop-Performance der jungen Bieler Choreographin Anna Anderegg und drei Mittänzerinnen bei. «Alone together» war der Titel und entstand 2020 für die Gwangju-Biennale in Südkorea. Das Thema war eindeutig: Das Alleinsein im virtuell vernetzten Raum, das Ich im Leuchtbild des Computers, des Handys. Immer und überall. Speziell im begleitenden Film, der in einem Seitenraum zu sehen war, ist das sehr schön und sehr beeindruckend umgesetzt. In der Life-Inszenierung zeigte Anderegg das Thema abstrakter. Verschiedene durch Stahlstäbe gekennzeichnete, offene Kuben waren die «Aufenthaltsräume» der vier Tänzerinnen, die mal zusammen, mal allein, mal den Raum abschreitend auftraten. Die Distanzen der Salle Poma rückten die Bildschirme auf Distanz, wichtiger waren die Bewegungen, die Inszenierung, die Choreographie. 5 Stunden ohne Unterbruch «tanzte» die Company – ein Marathon – damit aber bewusst aufzeigend, dass das «alone together» nicht eine Stunde meint, sondern das Leben en tout 24 auf 24. Eindrücklich.

Wenig später reiste ich nach Solothurn, wo Kathrin Sonntag, eine 1981 geborene Berliner Künstlerin mit Berner Wurzeln, erstmals in Schweiz ausstellt. Von vorab kursierenden Fotos her, war mir klar, dieser Künstlerin komme ich nur auf die Schliche, wenn ich ans Gespräch von Sonntag mit Robin Byland ( z.Z. wissenschaftl. Mitarbeiter in Solothurn/Kurator der Ausstellung) gehe. Und so war es auch. Das unglaublich Disparate des Werkes wird von einer durchgehenden Denk- und Vorgehensweise zusammengehalten.

 

 

 

 

 

 

 

Bevor ich darauf eingehe, etwas, das mich zum Schmunzeln anregte: Der junge, noch sehr vom Studium geprägte Kurator ging das Gespräch, universitärer Denkweise entsprechend, freundschaftlich-intellektuell an, d.h. beobachtend,  die Fotos, Collagen, Objekte, Projektionen von aussen betrachtend, in ein (durchwegs männliches) Referenzsystem einpassend, den – wichtigen – Aspekt der Wahrnehmung fokussierend. Die Künstlerin hielt problemlos mit, aber als sie so richtig an die Reihe kam, sagte sie umfassend: «Es ist wichtig, dass man in den Werken drin ist», also sogleich Körper und Geist zu einer Einheit bündelnd, weiblich eben!

Die Denkweise von Kathrin Sonntag erfasst man vielleicht am leichtesten über den ersten Saal rechts, in dem kleine Sprach-Fundstücke, Sentenzen mit «Fehlern» projiziert sind, wo es «Dreiarmige Banditen» gibt, wo man Dinge «Auf nüchternen Morgen» erlebt und dazu einen «nikotinfreien  Kaffee» mit «Konsensmilch» geniesst(?) usw. Das Lachen ist der Künstlerin sicher, aber es geht ihr viel mehr um die unerwarteten Kehrtwenden, darum zu zeigen, wie kleine Ungereimtheiten etwas Neues, noch nicht Gesehenes oder Gedachtes evozieren. Handfest macht sie dies mit (ihren!) zu Kugeln geformten, künstlichen Augäpfeln aus Glas, die sie als Objekte auf einem Sockel präsentiert. Dasselbe gilt aber z.B. aber auch für ein fotografisch festgehaltenes, lineares, grünes Graffiti, das von grünen Efeulianen überwuchert ist und mit vor Ort gemalten, grünen Linien in den Museumsraum fortgesetzt wird.

Eigens für Solothurn geschaffen ist die umfassende Fotoserie, die Sonntag in den Depoträumen des Naturhistorischen Museums gemacht hat, wo sich Ochs, Tapir und mehr drängen und dabei die Besucherin (die Fotografin und durch sie uns im Museum) argwöhnisch beaugapfeln. „Erlöst du uns endlich aus unserem Gefängnis?“, scheinen sie zu fragen. Dazu gehängt sind Dokumentaraufnahmen von Max Dörflinger von 1979, die auf Zeiten hinweisen als die ausgestopften Exoten sich noch im NHM präsentieren durften. Tempi passati.

P.S. In meinem Haus in Twann lebe ich u.a. mit einer ausgestopften „Trappe“ aus Ungarn, einem ebensolchen Fuchs aus dem Jura, einem Bärenfell mit ausgestopftem Kopf aus Ungarn resp. dem Berner Bärengraben und mehr……