Newsletter Website Mai 2022

Geometrische Oppulenz Haus Konstruktiv Zürich Claudia Comte. Foto: azw

 

Manchmal komme ich mir vor wie wenn mich die Zeit überholt hätte. Ich anerkenne gerne dass es für die Museen wichtig ist, ihre Ausstellungen zu popularisieren, um die «digital generation» ins Museum zu locken. Gustav Klimts Werke in eine Light-Show zu verwandeln zum Beispiel (aktuell in Wien). Aber ich, ich bleibe da aussen vor, auch in Ausstellungen, in denen Künstler/innen «entdeckt» werden, deren Werke ich seit 30/40 Jahren kenne. Wenn sie Neues einbringen, ok, aber das ist längst nicht immer der Fall; bei Yoko Ono in Zürich durch die Betonung des konzeptuellen Werkes teilweise, bei Heidi Bucher in Bern nur in homoeopathischen Dosen. Ich kann ausweichen auf die globale Ebene mit Werken aus aller Welt – tue ich – aber es ist gar nicht so einfach «Feuer» zu fangen für junge Kunst, die aus ganz anderen Prägungen heraus entsteht als jene meiner Generation. Es kommt hinzu, dass ich – anspruchsvoll halt – vieles als «Mittelmass» empfinde und dann enttäuscht von dannen ziehe. Darum schreibe ich diesen Newsletter heute nicht aus einer Fülle heraus sprudelnd, sondern eher unter dem Motto «wo, zum Donnerwetter habe ich denn Inspirierendes, Überzeugendes gesehen».

Doch, ja. Beeindruckt hat mich z.B. mit welcher Ausdauer und Intensität Kurator Peter Fischer «seine» Caspar Wolf-Künstler/innen während 2er Jahre motiviert hat, sich intensiv mit den (Berg)-Wanderungen von Caspar Wolf (1735-1783), des Pioniers einer auf Erleben basierenden Landschaftsmalerei, zu befassen und sie aus ihrer, heutigen, Sicht zu reinterpretieren. Sinnlich wie z.B. Victorine Müller, deren «Bach- und Felswesen» in  performativer Weise mögliche Visionen Wolfs heraufbeschwören. Wie weit Wolf die gänzlich unerschlossenen Geröllhalden auf dem Weg zum Aaregletscher (z.B.) lustvoll erklomm, ist allerdings fraglich, denn noch war in seinem Denken das späte Mittelalter nicht ganz verschwunden, das die Berge von bedrohlichen Geistern bewohnt glaubte (Wolf ging ja auch nicht ganz aus freien Stücken da hinauf, sondern weil er einen Auftrag hatte). Insofern treffen die Skulpturen des mir bisher unbekannten Dario Cavadini (*1992), der sich «Geisteskünstler» nennt, Wolfs Gemütslage vielleicht treffender. Der Absolvent der Kunstakademie Düsseldorf machte unterwegs weder Fotos noch Skizzen, sondern suchte in der Meditation danach das emotionale Innenleben Wolfs und seiner selbst in handgeformte, monochrom glasierte Ton-Skulpturen einzubringen. Das erinnert an Art Brut, passt hier aber sehr schön ins Thema.

In wertvollem Kontrast dazu steht die breit angelegte, dokumentarische Arbeit zum Thema von Sadhyo Niederberger. Eine Entdeckung waren für mich die dezidiert-schwarzen Papierschnitte (siehe Bild oben) der Romande Chantal Quéhen (*1950), die – gleichsam als Gegenstücke – mit feinen Pflanzenskizzen und Gedichten ergänzt sind. Wichtig sind im Kontext die Fotografien von Georg Aerni, welche die heutige Nutzung der Berge (z.B. Grimsel-Stausee) im Visier haben, und ebenso das «Glacier-Monitoring» von Andreas Weber. Es gäbe vieles mehr zu nennen. Gefallen hat mir, dass keine Lockvögel-Koriphäen vertreten sind, sondern jene ernsthaft arbeitenden Künstler/innen, welche das «Salz» der Schweizer Kunstszene ausmachen.Die Ausstellung im Caspar Wolf Museum in Muri/AG und in der nahen «Villa Wild» (im Bild: „Wolf“ von Brigitt Bürgi  im Park der Villa) dauert bis 7. August. Alle Details: https://diezukunftkuratieren.ch/aw/        

Szenenwechsel: Centre Pasquart Biel/Bienne. Zu sehen sind die letzten zwei von der ehemaligen Direktorin Felicity Lunn initiierten und nun von Interimsdirektorin Stefanie Gschwend kuratierten Ausstellungen von Caroline Achaintre (*1969, FR/DE) und Kudzanai-Violet Hwami (*1993 Simbabwe – Bild). Sie erzählen zum einen davon, wie früher diskriminierte Materialien (hier Textil und Keramik) heute vollgültig Teil der bildenden Kunst sind (Achaintre) und zum andern wie eine junge Afrikanerin (lebt in England) mit einem raffinierten Mix aus Internetversatzstücken englisch/amerikanischer Prägung, fotografischen Bildern aus ihrer Familie in Simbabwe und in dunkelhäutiger Akt-Malerei zur Schau gestellter queerer Haltung unverhofft vom Kunstmarkt vereinnahmt wird (Stichworte: jung/weiblich/afrikanisch/englisch/queer). Sie stellt erstmals in der Schweiz aus.

Der Zugang zu Achaintre fällt mir leicht: Zum einen haben Ihre oft monumentalen Wandteppiche ganz klar Werkcharakter, zum andern vernetzen sie sich mit der Kunst der Moderne, oszillieren zugleich zwischen Gegenständlichkeit (einer Fledermaus zum Beispiel) und Abstraktion, gänzlich oder nur in kleinen Versatzstücken. Zudem verkörpern sie handwerkliche Tradition  – die Arbeiten sind getufft, das heisst die farbigen Woll-Fäden werden mit einer Druckpistole von hinten eingeschossen und bilden durch ungleiche Längen ein faszinierendes, wildes, weiches Relief. Das karnevaleske Moment, das ihnen eigen ist, tritt stärker noch in den kleineren Keramikskulpturen auf, die eine ganze eigene, vielerlei Assoziationen zulassende Sprache zum Ausdruck bringen.

Der Zugang zum Schaffen von Kudzanai-Violet Hwami  ist schwieriger. Zwar erklärt mir eine  Bieler Malerin wie gekonnt sie mit den verschiedenen Bildebenen umzugehen weiss, und auch die «jugendliche Frechheit», die sie nennt, sehe ich wohl, aber das Herz will nicht mit. Es wird sich zeigen wie die junge Künstlerin mit dem aktuellen Kunstmarkt-Erfolg umzugehen weiss.

 

Diese positive – zuweilen auch gewollt subversive –  «Frechheit» zeigte sich auch in der vielbeachteten (und vielgelobten) «Geometrischen Oppulenz» im Haus konstruktiv in Zürich, die ich kurz vor Torschluss noch gesehen habe. Die Ausstellung war kühn und vielgestaltig und reich, auch wenn sich nicht überall ein direkter oder unterschwelliger oder «verballhornter» Bezug zur Geometrie assoziieren liess (etwa bei Franziska Furters Raum-Zeichnungen). Eindeutiges Highlight war Claudia Comtes raumfüllende op-art-nahe Installation im grossen Parterresaal (siehe Titelbild), die Geometrie wahrhaft als Oppulenz vorführte, Flächen als riesigen, wilden Wellengang zeigte. Auch John Armleders monumentale Installation, die Ordnung im Sinne eines  rhythmischen Ablaufs einerseits und ein geradezu vulkanisches Aufbrechen von Mal-Krusten (Erdoberflächen?) hat sich nachhaltig in die Erinnerung eingeschrieben (siehe Bild), während die lyrisch erzählerisch bearbeiteten Aluminiumtafeln der in Zürich lebenden lettischen Künstlerin Elza Siles (*1989) eher wie musikalische Notationen wirken. Die gelegentlichen Zeichen-Rhythmen bereits als Geomtrie zu bezeichnen, ist gewagt, was aber die Qualität an sich nicht schmälert.

Eher ins Thema des April-Newsletters – der neuen Beachtung der Werke älterer Generationen – gehört die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Interlaken, die primär dem Berner Künstler Harold Studer (1942-2000) gewidmet ist.

Mit geradezu wissenschaftlicher Akribie lässt er eine ganz eigene Welt zwischen Versatzstücken der Natur (Käfer, Blätter insbesondere) und architektonischen Strukturen entstehen. Raffiniert verwebt er dabei verschiedene Bildschichten, z.B. indem er Figuren von hinten nach vorne steigen lässt oder auch umgekehrt. Es war eine Freude, diese in letzter Zeit weitgehend vergessenen zwischen Zeichnung und Malerei changierenden Werke mitsamt ihren Verästelungen wieder zu sehen. Vor allem weil die Initianten realisierten, dass eine Einzelausstellung die Gefahr des Repetitiven (z.B. bezüglich der dominanten grünlichen Farbe) in sich bergen würde und daher die Ausstellung als Harold Studer und Freunde inszenierten. So kommen

da nicht nur Werke Studers aus den 1960er bis 1980er-Jahren, sondern auch spannende Frühwerke vieler anderer Berner Künstler (und einer Künstlerin)  jener Zeit zum Zug, z.B. Urs Dickerhof, Claude Sandoz, Urs Stoos, Peter Wattenwyl. Eine Entdeckung waren für mich diemärchenhaft-erzählerischen und zugleich dezidiert malerischen Aquarell-Mischtechniken von Marie Bärtschi (1945-2021), die ich bisher  (fast) nur von Abbildungen her kannte, da die Künstlerin sich später aus der freien Kunst und aus der Schweiz zurückzog und als Illustratorin und Kinderbuch-Autorin in Frankreich lebte. Erst kürzlich erfuhr ich, dass ihr Nachlass in Muri b. Bern bewahrt wird. Ganz besonders aufgefallen sind mir auch die «Samurai»-Mischtechniken auf Papier von Urs Stoos. Gesamthaft zeigt die Ausstellung, welch kreativer Pool Bern in jener Zeit war, auch wenn hier nur einige Aspekte aufleuchten.