Newsletter November 2022

 

Wandbild II des Projektes „Das Rebjahr in Wandbildern“: Schnappschüsse der verschiedenen Arbeits-Stationen von der Markierung bis zum (fast) fertigen Bild. Fotos: azw und DdM

Der Oktober, über den hier berichtet werden soll, stand für mich im Zeichen der Ausstellung „An die Wand und rund um die Welt“  der Bieler Künstlerin Daniela de Maddalena (DdM), die ich für und in der „Kulturinsel“ des Engelhauses in Klein-Twann kuratierte.

 „An die Wand“ beinhaltete das nun abgeschlossene, 4-teilige Wandbild-Projekt im Dorf Twann, bei dem DdM während vier Jahren jeweils ein narrativ-malerisches Wandbild (Grösse  ca. 180 x 250) pro Jahr an einer Fassade im Dorfkern umsetzte. Thema: Die Arbeiten im Rebberg rund ums Jahr. Ziel: Die Wahrnehmung von Twann als Winzerdorf.

Ich selbst war seit 2018 im Trägerschaftsteam und darin  – ich glaub man darf das so sagen – organisatorisch federführend, wobei mir die Rückendeckung und der technische Support durch das Team SEHR geholfen haben, dran zu bleiben.

Darum war es mir ein Anliegen, das Gesamtprojekt in einer Rückblick-Ausstellung zu würdigen. ABER NICHT NUR!

Mir ging es auch ganz stark darum, aufzuzeigen, dass die Bieler Künstlerin medienübergreifend und keineswegs nur lokal arbeitet. Als Fokus wählten wir die auf Reisen im Netzwerk der „Nine Dragon Head“ durchgeführten Performances und Aktionen/Installationen in verschiedensten Weltregionen, u.a. in Südkorea, China, Georgien, der Türkei, Italien, Bosnien-Herzegovina. Als roten Faden kann man darin die gesellschafts- und umweltbezogene Zielrichtung ihres Kunstschaffens, aber auch das Sichtbarmachen von Welt durch zeichnerische Experimente ausmachen. Als Beispiel: Im umweltverschmutzten Sarajevo errichtete sie im Rahmen des dortigen Festivals für zeitgenössische Kunst ein „Take a Breath“- Zelt mit gereinigter Luft und verteilte Masken, welche die Passanten bemalen sollten, um sich danach zum (Protest)-Foto-Shooting zusammenzufinden.

Die Ausstellung war alles in allem nicht sehr gut besucht. Es zeigte sich – und das gilt nicht nur hier!! – wie schwierig es ist, die Leute dazu zu bewegen nicht nur bei Hallenstadion-Hypes, sondern auch in der Region aktiv an kulturellen Angeboten teilzuhaben. Das ist teilweise der allgemeinen Informations-Überflutung geschuldet, wobei ich den Eindruck habe, die Corona-Pandemie habe die Situation verschärft.

Der virtuelle Raum (Film-Screening-Plattformen, TV,  Videospiele, Social Media, Internet) ersetzt für viele die real erfahrbare Gemeinschaft. Das ist eine problematische Entwicklung, denke ich.

Im konkreten Fall erlebte ich beim «hüten» der Ausstellung auch, wie der Kunstbegriff für viele immer noch sehr eng ist, wie das Video einer Performance in einer Jurte in der Nähe von Urumqui (China) zwar von den meisten als amüsant erlebt wird, die völkerübergreifende, soziologische, wirtschaftliche Dimension dieses Tauschhandel-Experiments aber nicht als Kunst wahrgenommen wird, geschweige denn dass ein solches Video Teil einer Kunstsammlung sein könnte.

Auch die  länder- und themenübergreifende, interaktive Protest-Aktion mit Hunderten von Faust-Zeichen aus selbsthärtendem Ton wurde nur vereinzelt als künstlerische Manifestion wahrgenommen. Einzig das teilweise Remake einer Installation mit 1000 Origami-Kranichen und einer grossformatigen Zeichnung dazu (ein koreanisches Wunsch-Ritual) wird – da als zeichnerisch und skulptural erkennbar – als «Kunst» erkannt. Dieses Phänomen unterschätzt die damit vertraute Kunstszene (ein Ghetto wie so vieles) immer wieder.

ETWAS GANZ ANDERES (das man bitte nicht kausal mit obigem in Verbindung bringe):

Zurück im September war ich an einer (kleinen) Buchvernissage in der Druckerei ediprim  im sog. Bözingerfeld in Biel/Bienne : André Vladimir Heiz (*1951) stellte «Zeichen sind im Bild» oder «Schöne Grüsse von der Kunst» vor. Ein Büchlein mit Texten und randabfallenden Fotos von postminimalistischen Konstellationen mit kleinen, rot, blau, gelb, grün, weiss und schwarz bemalten Holzscheitern, Holzlatten, Rondellen, Dreiecken und anderen, einfachen Formen. Ab und on auch Tessiner Palmwedeln.

Bild und Text kann man zusammendenken, muss aber nicht. Und doch entfaltet sich ihre unwiderstehliche Kraft nur in der gegenseitigen Steigerung. Text begleitet oder ergänzt in der Regel die Kunst, ist zuweilen auch Schriftbild; hier ist es (für mich) umgekehrt, das Bild begleitet den Text, fächert ihn auf, gibt ihm Farbe. André Vladimir Heiz ist ein Denker, ein Philosoph, ein phänomenaler Wort-Akrobat, ein Wort-Performer, ein Wort-Bild-Künstler.

Seite 38: «Einfach soll es sein. So einfach wie möglich. Das ist leichter gesagt als getan.  – Einfacher wäre es, nichts zu tun. Gemacht aber wird. Vorwärts. Aus selbstlosem Anlass. – Auf die einfachen Dinge zu ist kein Zurück.  – Einfach will ich es mir nicht machen. Kunststück! Einfachheit ist eine Errungenschaft.

Schwer fallen die Dinge nicht. Sie sind leicht zu fassen. Schwieriger ist es, die Dinge einfach machen zu lassen…»

Kennen tut den feingliedrigen, langen, schmalen Künstler nur ein Netzwerk-Kreis und natürlich all seine Student*innen an der Schule für Gestaltung in Biel/Bienne, wo er jahrelang Kunstgeschichte lehrte.

Während der Präsentation des von 32 Postkarten begleiteten Büchleins, sagte er en passant: «Kunst findet sowieso im Abseits statt» – ein Satz, den es in tausend Varianten gibt und sehr oft als eine Art Schutzschild für die eigene Unbekanntheit im Kunst-Zirkus verwendet wird. Somit Vorsicht!

Trotzdem liess er mich diesmal nicht los. Denn ich merke je länger je mehr, dass ich mich genau so verhalte; ich bin immer weniger in den grossen Museen, die auf sogenannt sichere Werte setzen, um Publikumszahlen zu generieren. Niki de St. Phalle in Zürich werde ich auslassen – zu oft habe ich ihr Werk gesehen; auch die Heidi Bucher, die zur Zeit überall herumgeboten wird, ist eigentlich kalter Kaffee (für mich) und zum Beyeler-Jubiläum fahre ich ebensowenig. Im Abseits ist es so viel spannender!

Mit grossem Gewinn bin ich zum Beispiel kürzlich nach Oetwil am See im Zürcher Oberland gefahren, wo das Orts- respektive Helen Dahm-Museum «Zwei Dahmen» zeigte, Helen Dahm (1878-1968) und Klodin Erb(*1963) im Dialog. Es gibt keine direkte Verbindung; zwischen den beiden Frauen liegen 75 Jahre. Und doch! Klodin Erb spricht von Helen Dahm als einer Schwester im Geist. Das meint vielleicht: Wir lassen uns nichts vorschreiben, nicht im Leben, nicht in der Kunst. Klar zeigt sich das in der ersten Hälfte des 20. Jh. anders als im späten 20sten und bis heute. Aber Klodin Erb ist vor allem auch in der Inszenierung so auf «ihre Schwester» eingegangen, dass ein Ganzes entsteht, das berührt. Helen Dahm hat z.B. gerne die Fenster bemalt; also tat es ihr Erb nun nach mit zwei grossen Flügeln. Und sie fand bei sich im Archiv wunderbare Stoff-Plastik-Blumensträusse (1999) und gesellte sie zur (uralten) «Vase mit Papierblumen» von Dahm. Dies vor einem Selbstbildnis von Dahm und einem Spiegel mit einer Monotypie ihrer selbst (aus der Serie der «Avatar») an der Wand.

Am träfsten drückt sich die «Freundschaft» in einem kleinen Doppelporträt aus, das keiner weiteren Worte bedarf.  Schön, dass das Museum das kleine Bild ankaufte. Und schliesslich kann man sogar so weit gehen, zu sagen, dass sich Erb vor allem von der im Alter etwas schrullig gewordenen Dahm inspirieren liess und das herrlich-fantastische Video «Johny Woodhead and The Nightmärlies» schuf, in dem sie selbst in der Hauptrolle mit Holzmaske auftritt.

 

Es kann vielleicht angemerkt werden, dass sich Klodin Erb immer wieder mit anderen Künstlern befasst hat, stilistisch, aber darin auch stets emotional. Ihre Reihe zu Rembrandt ist mir in ewiger Erinnerung! Das ist offenbar und wie Oetwil zeigt, eine besondere Gabe der Künstlerin.

 

Doch, um auf André Vladimir Heiz’ Bemerkung zurückzukommen: Ja, das Spannende in der Kunst findet nicht  (oder sagen wir, etwas weniger absolut, «nicht nur»)in den grossen Museen statt, sondern da, wo unmittelbar aus etwas Gegebenem etwas Neues entsteht. Sei das in New York oder – eben – in Oetwil am See.