1. Newsletter IV 2026

 

ANNETTE BARCELO (*1943) «Bestie, Bellezze e altre compagne», Haus für Kunst Uri, Altdorf. Foto: azw

Ich beginne den Newsletter April 2026 mit einem Thema, das mir (und nicht nur mir!) schon längere Zeit unter den Nägeln brennt: Die Internet-Plattformen, die Kunst zu Billigstpreisen versteigern, ja recht eigentlich verhökern, namentlich «ricardo.ch» und «orsetto.ch». Bei Ricardo sind es verschiedenste, registrierte Verkäufer, die Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie etc. anbieten. Bei Orsetto (gegründet 2025) ist es primär der Eigner der Plattform Abdullah Gündogdu, der zuvor als «Barbie19» (was für ein Name!) bei Ricardo war, sich dann aber  – so heisst es – mit Ricardo überworfen habe und daraufhin seine eigene Plattform gründete.

Unter den Nutzern von Ricardo hat sich eine eigentliche Low-Budget-Fan-Gemeinde gebildet, welche die Angebote regelmässig durchforstet und z.B. nach vergessenen Schweizer Künstler*innen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sucht. Aktuell kann man da u.a. eine Landschaft (44x60cm) von Ernst Georg Rüegg (1883-1948) für 21 Franken haben (siehe Bild).Rüegg war zu seiner Zeit ein renommierter Zürcher Künstler, Lehrer an der Kunstgewerbeschule, Mitglied der Zürcher Kunstgesellschaft usw. Solche Werke kommen oft durch Nachkommen, die kein Interesse an dem haben, was bei ihren Eltern an den Wänden hing, zu Händlern oder direkt auf die Plattform. Zuweilen kommen auch ganze Nachlässe oder einst mit Sorgfalt zusammengetragene Sammlungen so unter den Hammer. Vielleicht auch das bei der Schliessung einer Galerie Übriggebliebene. Das ist alles legal, aber es hat fatale Folgen für den Kunstmarkt, für die Galerien. Wie sollen sie faire Preise – für wen auch immer – erzielen, wenn für die Käufer*innen a priori der Zerfall ihres investierten Geldes winkt. Gewiss, der Wert eines Bildes – und sei es noch so bescheiden – sind nicht die Franken, sondern die Freude, die Bedeutung der Arbeit innerhalb  ihrer Zeit, die Geschichte, die damit verbunden ist usw. Trotzdem, wer kann sich dem Finanziellen ganz entziehen?

Für ältere Künstler*innen ist es mittlerweile ein Schreckgespenst, dass eines ihrer frühen Werke zu einem Dumpingpreis auf Ricardo oder Orsetto auftauchen könnte.

Im Vergleich zwischen den Plattformen Ricardo und Orsetto ist zweitere ganz klar die unbedeutendere. Zwar finden sich auch da vereinzelt Schnäppchen, aber was bitte ist z.B. eine «Faksimile Lithographie» anderes als ein vielleicht etwas besserer Posterdruck. Und wenn Namen wie Picasso oder Munch (aktuell) auftauchen, ist sowieso höchste Vorsicht geboten.

Es sei angemerkt, dass es auch Kunsthandels-Plattformen gibt, die sich für faire Preise einsetzen, meiner persönlichen Erfahrung nach z.B. kunstverkauf.ch (Sursee) oder schweizerkunsthandel.ch (Degersheim). Die Auktionshäuser erwähne ich hier nicht, da sie an «vergessenen» Kunstschaffenden nicht interessiert sind und sie gar nicht in ihr Angebot aufnehmen.

Jean-Frédéric Schnyder, MASI Lugano

Ich war kürzlich im Tessin und nahm selbstverständlich die Gelegenheit wahr, die neuen Ausstellungen im MASI in Lugano zu besuchen. Die Einstiegsausstellung der neuen Direktorin (Letizia Ragaglia) «K-NOW Korean Video Art Today» hat mich bezüglich der künftigen Ausrichtung des Museums etwas erstaunt. Ist die Zeit, da Lugano unter Tobia Bezzola ein Hot Spot für wichtige Ausstellungen mit Schweizer Kunstschaffenden (Louisa Gagliardi, Shahriar Nashat, Nicolas Party, Julian Charrière) war, vorbei? Man wird sehen. Jedenfalls fand ich die acht sehr verschiedenen Positionen koreanischer Videokunst wohl interessant und für den spezifischen Umgang koreanischer Künstler*innen mit virtuellen Welten typisch, aber nicht inspirierend genug, um hier kollektiv und thematisch näher darauf einzugehen. Bild:K-Now! Video Art Südkorea Masi Lugano 2026 Ayoung Kim Delivery Dancer’s Sphere 2022

Mehr interessierte mich «La pittura» von Jean-Frédéric Schnyder (*1945) – ein über 100 kleine Bilder umfassendes Langzeitprojekt mit einem Hauptfokus auf Schweizer Landschaften (oder auch «Landschäftchen»). Dabei realisierte ich, dass ich die Ausstellung für das Tessin, wo man Schnyder weniger kennt als in Bern, in Chur, in Aarau…, zwar sinnvoll empfand, ich aber nicht das Zielpublikum war. Zu vertraut sind mir andere Langzeitprojekte Schnyders – wer erinnert sich noch an die Schweizer SBB-Wartsäle? Und zudem liegt die eindrückliche Doppelausstellung in Bern (2022) noch nicht weit zurück. Insofern bietet die Ausstellung in Lugano keine Überraschungen, spiegelt aber die Arbeits- und die widerständige Denkweise Schnyders sehr gut. Nicht zuletzt durch den Einstiegs-Saal, in dem er in dichter Hängung «billige Bilder» zeigt: Kleine Formate, die mir nichts anderes zu sein scheinen, als beim Malen entstehende Kartons mit farbigen Pinselabstrichen. Die latente Ironie des konzeptuellen Alltags-Malers kommt darin sehr schön zum Ausdruck. (Siehe Bild oben links)

Im 2024/2025 entstandenen grossen, streng chronologisch gehängten Fries spürt man sowohl den Alltag (wenn es regnet kann man nicht in die Berge, da malt man halt Blümchen im Atelier) wie – dies die rein menschliche Überraschung – wie Schnyder mit seinen 80 Jahren noch die ganze Schweiz bereiste, um die Voralpen, die Churfirsten, die Petersinsel und, und, und im Plein-Air-Verfahren zu malen; in dem Schnyder eigenen farbmaterie-betonten, tendenziell expressiven Stil. Geschickt ist den Kleinformaten im hellen Fenstersaal zum See hin ein grosses Stillleben beigefügt, das auch mit Schnyders Werk wenig Vertraute auf die Dimension seines 50-jährigen Schaffens hinweist.

Annette Barcelo, Haus für Kunst Uri in Altdorf

Weil Altdorf von Lugano aus gut erreichbar ist, machte ich auf der Rückreise Halt im Kunsthaus Uri, wo zurzeit «Bestie, Bellezze e altre compagne» von Annette Barcelo (Basel *1943) zu sehen ist. Ähnlich wie bei Schnyder musste ich feststellen, dass die Ausstellung zwar höchst verdient, sinnvoll und qualitativ überzeugend ist, gleich-zeitig aber auch Grenzen aufzeigt, je nachdem mit welcher Kenntnis ihres langjährigen Schaffens man die Ausstellung besucht.

Wie können «Wir Frauen» unsere Befindlichkeit in Bilder übersetzen, fragten sich zahlreiche Künstlerinnen in den 1980er-Jahren. Das Thema war Ausdruck der rasant an Bedeutung gewinnenden Frauenbewegung.  Mit dabei: Annette Barcelo. Sie fand mit dem (männlichen) «Wolf» als Gegenüber früh eine Sprache, mit der sie körperliche Bedrohung und erotische Anziehungskraft zugleich verbildlichen konnte; umsomehr als sie die Begegnungen in intimen, mit Nacktheit verbundenen Inszenierungen ansiedelte.

Aus gesundheitlichen Gründen wurde es später  längere Zeit still – bis sie (zur Freude vieler) um 2017/20 plötzlich wieder da war. Mit derselben Thematik, nun aber meist in umfangreichen Blöcken zu einem grossen, stärker fiktionalisierten Narrativ gefügt.

Und jetzt also Altdorf mit Werken aus den letzten 20 Jahren. Die Reihe der «Bellezze» ist für mich das Highlight der Ausstellung. Was mich schmunzeln lässt: Esther Hunziker ist mit ihren KI-generierten Figuren mit teilweise zwiespältigen Kuscheltieren in den Armen aktuell als Pionierin digitalisierter Kunst in aller Leute Munde. Doch Annette Barcelo zeigt dieselben Motive in einem zeichnerisch-malerischen Stil, wie er aus ihrem langjährigen Schaffen gewachsen ist. Da stellt sich dann schon die Gretchenfrage – was kann die KI-Kunst Hunzikers mehr als Barcelos unmittelbare Arbeiten auf Papier? Ich meine, dieses spannende «sowohl als auch» ist in den «Bellezze» anregender herausgeschält. Aber vielleicht spricht hier auch die Macht der Gewohnheit aus mir.

Was ich nie zuvor gesehen habe und eine Erweiterung darstellt, ist eine Reihe von grossformatigen Arbeiten, in denen die weibliche Ich-Figur selbst zum Tier wird, alle Schattierungen des Psychischen gleichsam in sich vereint. Die Annäherung von Mensch und Tier – formal, erzählerisch wie auch emotional – ist auch in anderen Werkkomplexen zu beobachten.

Was mich enttäuscht hat, ist der Saaltext von Gioia Dal Molin (seit 2025 Direktorin des Haus für Kunst Uri). Er geht angesichts des völligen Verzichts auf exakte Beschriftungen in den Ausstellungsräumen viel zu wenig klar auf die Chronologie und die Betitelung der Werkgruppen in den Sälen ein.

Und die eingangs genannten «Grenzen»?  – Trotz sichtbarer Entwicklungen halt doch das Verharren in ein und derselben Thematik. Aber nichtsdestotrotz hat die Künstlerin die Anerkennung durch eine Museums-Einzelausstellung mehr als nur verdient!

 

 

Aio Frei, Haus für Kunst Uri, Altdorf

Eine totale Überraschung war die Zweitausstellung in Altorf. Ich hatte nie zuvor von dem in Zürich lebenden Urner Künstlers Aio Frei (*1982) gehört, was nicht weiter wundert, ist er doch primär als experimenteller Sound-Designer tätig. Auch in der Installation im Dach-Geschoss ist der Audio-Aspekt sehr wichtig. Er führt uns ins 15. Jahrhundert zurück, als Kälte, Seuchen und Missernten teuflische Visionen förderten und oft in die Verfolgung von «Hexen» mündeten. So ist Aio Freis Installation denn auch der Hexe Katharina Simmen von Steinenbergen gewidmet, die 1459 hingerichtet wurde. Man habe sie in einem Keller aufgehängt und mit Steinen beschwert, bis sie gestanden hätte, heisst es. Entsprechend liegen, hängen auch im schwach beleuchteten Dachstock zahlreiche Steine, die als eine Art Zeitzeugen in sich bewahren, was wir längst entschwunden glauben. Die emotionale Kraft der Klagelieder tut das Ihrige dazu, dass man fasziniert und betroffen verweilt und abtaucht in unwirkliche Zeiten, die so fern gar nicht sind. Wäre es nicht auch heute möglich, dass jemand aufgrund von Fake News zum Tode verurteilt würde?

Aio Frei, der sich selbst expressis verbis als non-binär bezeichnet, mag mit der Ausgrenzung und Verurteilung der Katharina Simmen ein Stück weit auch sich selbst meinen, doch ist die Umsetzung und der stimmige, auf reichen Recherchen basierende Begleittext in keiner Weise auf Queerness limitiert, sondern geht uns allen unter die Haut.

Marce Norbert Hörler, Kunstmuseum St. Gallen     

Wie bereits im Newsletter III 2026 angemerkt, sind die Manor-Kunstpreise ein wertvolles Förderinstrument zeitgenössischer Kunst in den verschiedenen Regionen der Schweiz. Den Manor-Preis St. Gallen 2025 erhielt der Performer Marce Norbert Hörler (*1989 Appenzell), auch er ähnlich Aio Frei ein Forscher und spartenüber-greifend arbeitender Künstler.  Seine Ausstellung im Soussol des Kunstmuseums nennt er «slant», was u.a. mit «Blickwinkel» übersetzt werden kann. Zentral ist dabei der Begriff des Raumkörpers, den er gleichwertig als Raum und Körper zu interpretieren sucht und mit wellenförmigen Wortbändern und wenigen alten Möbel/Architektur-Elementen (einem halben Stuhl, einem Säulenfragment z.B.) charakterisiert. Wichtiger sind aber die semitransparenten, metallen wirkenden Vorhänge, welche den offenen Raum entlang der Säulen in Kompartimente unterteilen. Den Besuchenden werden einfache Durchgänge verwehrt, die Raumkörper werden zum Labyrinth. Dieses wiederum wurde in Performances mit Körper-Bewegung und Gesang* aktiviert, gleichsam in einen Schwebezustand versetzt. «I can feel my spine….vertebra after vertebra», heisst es dann etwa. Hörler tritt nicht selbst auf, ist eher Performance-Regisseur im Dienst seiner Raumkörper-Inszenierung. Die Kostüme sind in einem bewusst légèren Jeans-Stil gehalten (Laurent Herrmann Progin), ähneln aber früheren Performance-Outfits von Hörler.

*Hannah Mehler, St. Gallen, Kameron Locke, Chicago/Hamburg, Martin M. Wollmann, Argentinien/Schweiz    

 

Amol K Patil, Galerie Kilchmann, Zürich

In seinen Räumlichkeiten an der Zahnradstrasse in Zürich sprengt Peter Kilchmann zuweilen den Galeriebegriff und bietet Künstler*innen eine Plattform, die von der Qualität her durchaus institutionellen Charakter hat (den Aspekt der Verkaufskunst selbstverständlich nicht ganz ausser Acht lassend).  Dies gilt zum Beispiel für die erste Präsentation des indischen Künstlers Amol K. Patil (*1987 in Mumbai), die eine teilweise Übernahme einer Ausstellung in der Röda Sten Konsthall in Göteborg/Schweden ist (Kuratorin: Amila Puzić)

Die Ausstellung hat mich sehr berührt. Patil ist in einer für Arbeitsmigranten entstandenen Siedlung in Mumbai aufgewachsen und gehört der (theoretisch nicht mehr existierenden) Kaste der «Unberührbaren» an, denen es bis heute selten gelingt, ihre Herkunft zu sprengen.

Patil gelang es einerseits durch eine Residency an der Rijksakademie in Amsterdam, viel mehr aber aufgrund seiner in sehr poetischer Form die Geschichte und das Leben der Menschen in den sog. Chawls visualisierenden Kunst. Seine Medien sind dabei primär die Bronzeskulptur, das Bronze-Relief aber auch Malerei/Zeichnung in Acryl oder Tusche auf MdF resp. Leinwand. Hinzu kommen leise Videoarbeiten.

Sein Narrativ ist nur bedingt abbildend, es fokussiert vielmehr auf Essenzielles wie die Hände, die gefordert waren in der harten Arbeit, die Füsse, die sie einst auf dem langen Weg in die Stadt trugen.

Anstelle lauter Lamentos setzt Patil auf die Kraft des Kollektivs indem er verbindende Energien evoziert, sei es im bronzenen Metall, oder durch Fackelträger erzeugte Lichterketten im fernen Dunkel der Nacht. Man bedenke, dass es wohl kaum irgendwo eine Strassenbeleuchtung gab. Umso eindrücklicher sind die fahlen Lichter der im Dunkeln in Richtung Stadt wandernden Landbewohner im Video «Who is invited to the City?», das in Zürich als Projektion zu sehen ist, erstmals aber an der Gwangju-Biennale gezeigt wurde und dort auf Beachtung stiess. Highlight ist indes eine gefässartige Bronze-Skulptur mit unzähligen kleinen Füssen, in die in langsamem Auf und Ab eine Glühbirne absinkt und wieder hinauf kommt. Gibt es ein eindrücklicheres Bild, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl auszudrücken? (Meine Foto zeigt sie bei Licht, normalerweise steht sie einzig und zentral in einem dunklen Raum.)

 

So viel für heute!

Mehr in einem Monat!    Fotos: azw