Newsletter März 2020
Léopold Rabus‘ Hommage an die Landschaftsmalerei des 19. und 20. Jahrhunderts im Musée d’art et d’histoire in Neuchâtel.

Als Versammlung der alten Damen könnte man die aktuelle Museums-Ausstellungs-Landschaft in der Schweiz bezeichnen: Lee Krasner (1908 – 1984) im Zentrum Paul Klee, Teruko Yokoi (96) im Kunstmuseum Bern, Marion Baruch (91) im Kunstmuseum Luzern, Erica Pedretti  (90) im Kunstmuseum Chur. Was sie verbindet: Es sind Ausstellungen, die schon lange fällig waren, aber erst  jetzt im Zug der jüngsten Frauenbewegung realisiert wurden. Auch jüngere Frauen finden Raum, zum Beispiel Kapwani Kiwanga (*1978 in Kanada, lebt in Paris) im Centre Pasquart in Biel, derweil Kara Walker (*1969 Kalifornien) demnächst in Basel erwartet wird. Sie haben beide den (neuen) Bonus der Dunkelhäutigkeit. Und die Männer? Sind auch da und das ist gut. Begegnet bin ich gerade Léopold Rabus (*1977 Neuenburg) oder auch Daniel Zimmermann (*1966 in Thun, lebt in Wien), von Olafur Elisasson und dem Duo Gilbert&George gar nicht zu reden.

Bei so vielen, nachhaltigen Ausstellungen, kann ich nicht alle eingehend besprechen. Ich mache darum eine Tour mit je ein paar Sätzen. Eine Überraschung war die auf die 1950er- bis 1970er-Jahre konzentrierte Retrospektive der seit 1960 in Bern lebenden Japanerin Teruko Yokoi. Die seit den 1990ern vorherrschenden Mohnblumen hatten wir KunstkritikerInnen oft als „zu dekorativ“ beiseite geschoben und staunten im Vorfeld der Eröffnung ob Nina Zimmers Enthusiasmus. Doch nun ist klar: Sie hatte recht: In den Wanderjahren in New York und Paris war Yokoi am Puls der Zeit, schuf wunderbare Bild-Landschaften zwischen westlicher Kunstentwicklung und japanisch-naturhaftem Empfinden!  Wieso wussten wir das alle nicht? Weil keine Berner Institution sie zeigte! Und so blieb es bei den (notabene erfolgreichen!) Ausstellungen in der Galerie Kornfeld. – Zumindest für die Ü70er-Generation keine Überraschung war die Retrospektive von Lee Krasner im ZPK, denn die Feministinnen der ersten Stunden hatten bei der Künstlerpaar-Ausstellung Jackson Pollock/Lee Krasner 1982 ihre Bedeutung als Künstlerin sehr wohl registriert. Dennoch ist der bildnerische Blick auf das Gesamtoeuvre beeindruckend und bereichernd. Insbesondere die Grossformate, die nach dem Tod Pollocks in dessen einstigem Atelier entstanden, sind für uns EuropäerInnen ein Erlebnis: Tanzende Farb-Räume!

Neuland waren für mich Leben und Werk von Marion Baruch (*1919). Für die in der Lombardei lebende Künstlerin ist die Corona-Virus bedingte Reise-Unfreiheit eine bittere Pille. Dennoch konnte sie zur Eröffnung anreisen und auch bei dem Künstlerinnen-Gespräch mit dabei sein (wenn auch nur durch ihre Präsenz; direkter Austausch sind nur noch in kleinstem Rahmen möglich, gleichwohl war ihr Da-Sein bereichernd).  Das Gespräch führten Fanni Fetzer (Direktorin Luzern) und Noah Stolz (Mitarbeiter von M.B.). Entgegen der von der Einladungskarte geschürten Erwartung, wird schnell klar: Baruch war nie eine Textilkünstlerin, sondern eine Künstlerin, die sich einer Pionierin gleich verschiedenster Medien bediente und dabei die Phänomene des Design, der Wirtschaft, des Kunstbetriebs kritisch beleuchtete. Das macht ihr Werk unglaublich zeitgenössisch.  Sie arbeitete dabei nicht abstrakt, distanziert, theoretisch, sondern immer menschbezogen.  Das zeigt sich nicht nur in 1960er-Jahr Arbeiten, wo sie einfachst genähte Kleider performativ zu Räumen für den Körper machte, sondern auch – in den 1980ern – in uniformen Hemden für Messe-Auftritte. 

Die Werke, die sich bleibend einschreiben, sind aber die  scheinbar aus Rest-Stoffen komponierten Werke  und Raum-Installationen, denn diese Abfall-Stoffe einer Kleider-Produktionsstätte sind mit geschütztem Design verbunden. Weil die Leerstellen der nun als Bildkompositionen gezeigten  Stoff-Fetzen die Formen der daraus genähten Kleider verraten. Dieses Potential muss man erst mal erkennen!

Keine Überraschung und doch eine Überraschung ist die Retrospektive von Erica Pedretti in Chur. Wer die erste Station im Neuen Museum in Biel gesehen hatte, dachte eigentlich: Diese Ausstellung ist nicht zu toppen. Doch jetzt entwirft Chur ein neues, anderes Bild, das mindestens ebenso begeistert. Zeichnete sich Biel durch den intimen Charakter der Räume, verbunden mit einer umfassenden, ebenso hängende Objekte wie Wandarbeiten ausgerichteten Inszenierung aus, so stehen in Chur in einer von Katalin Deér und  Lukas Frank entworfenen Raum-Inszenierung nun etwas einseitig die Objekte – hängend und stehend – im Vordergrund, was diesen eine Luftigkeit vermittelt, die Freude macht. Schön, dass Erica Pedretti sie noch erleben durfte. Nicht vergessen sei an dieser Stelle, dass die Basis-Arbeit 2016/18 von Dolores Denaro geleistet wurde, welche mit Akribie und Hartnäckigkeit ein Werkverzeichnis des bildnerischen Oeuvres von Erica Pedretti erarbeitete (tatkräftig unterstützt von Martigna Pedretti) und die Monographie herausgab.

Interessant ist der gedankliche und werkimmanente Switch zur Ausstellung von Kapwani Kiwanga. Auch wenn es in der zeitgenössischen Kunst viele Facetten gibt, so ist doch die visualisierte Forschungsarbeit von Kiwanga typisch. Nicht eine formale Werk-Einheit steht im Vordergrund, sondern ein Gedanke, eine Vorgehensweise. In diesem Fall u.a. die Verwendung von Farben und Materialien im Kontext ihrer Wirkung auf den Menschen und/oder ihren historischen Zusammenhängen.

So geht  die Installation „pink-blue“ (2017) auf die Frage ein ob die blaue Leuchtfarbe in öffentlichen Toiletten tatsächlich einen Einfluss auf den Drogenkonsum hat respektive ob das in Arrestzellen eingesetzte Pink wirklich eine beruhigende Wirkung hat und wie diese Bestimmungen unsere Wahrnehmung manipulieren.

In einer anderen Arbeit geht Kiwanga der Geschichte der Produktion von Sisal in Tansania nach und in einer weiteren gibt sie dem einstigen Erlass in Südafrika, dass Schwarze des nachts immer mit einer Kerze unterwegs zu sein hatten eine zurückhaltende, an der Grenze zwischen Abstraktion und Narrativ eine skulpturale Form.

Die Forschungsqualität, welche den Arbeiten zugrunde liegt, ist beeindruckend.

In grösstmöglicher Opposition zu Kiwanga steht das malerisch-erzählerische Werk des gleichaltrigen Neuenburger Künstlers Leopold Rabus. Die Bilderflut unserer Zeit hat in der Kunst die Möglichkeit erzählerischer Arbeiten zurückgegeben. Im Fall von Rabus sind dasBilder in einer (scheinbar) altmeisterlichen Art und mit Themen, die aus einer vertraut-fremden, zwischen heute und früher pendelnden Welt stammen. Oft haben sie eine schauerliche Note wie etwa „Le chasseur“, das in einem alten Gartenhäuschen (?) eine halb mumifizierte Katze im Luftsprung zeigt, die von Vögeln attackiert wird, oder die Schrebergartentoilette mit eingepflanztem Menschenschädel.

Gut gibt es auch Beschaulicheres wie einen winterlichen Garten mit Futter suchenden Amseln. Alle Bilder sind grossformatig, laden die BetrachterInnen zum eintreten. Das ist sicher mit ein Grund, dass sie sich nachhaltig ins Gedächtnis einschreiben. Die Ausstellung steht mit Dialog mit Werken aus der Sammlung des Neuenburger Museums. Rabus wählte einer Hommage gleich Landschaftsmalerei aus dem 19. und 20. Jahrhundert und zaubert deren Duft mit einem Bogen aus Heu ins Museum.

Näher bei Kiwanga, aber sehr viel direkter in seiner Demarche ist das Schaffen des Ex-Bielers Daniel Zimmermann. Felicity Lunn hat ihn zum 20-Jahr-Jubiläum des Pasquart-Neubaus eingeladen, weil er im Vorfeld des Baubeginns (1998) den Grundriss mit Dachlatten sichtbar machte, was durch 3D-Viewer heute noch eingesehen werden kann. Zentral ist aber schliesslich weder diese noch andere ältere  Arbeiten sondern die neueste, in der Salle Poma installierte, 9teilige Video-Installation, welche die Absurdität unserer globalen RundumdieWelt-Transporte zum Thema hat. Ein in Dachlatten zersägter und verpackter Baumstamm wird von Wien ins Amazonas-Gebiet transportiert und dann wieder zurück geschickt. Nur Leerlauf – nichts weiter. Das wirkt! – Die Arbeit erinnert natürlich an com.com’s Projekt „Bloch“, bei dem ebenfalls ein Baumstamm um die Welt reist, aber im Dienste kultur- und völkerverbindender Tradition. Same, same but different!

Wow – jetzt sind es 3 Seiten geworden!