1. Newsletter XI 2026

CAROLINE BACHMANN *1963 GENEVA LAKE , ÖL AUF LEINWAND, KUNSTHAUS BIEL/BIENNE 2026 Foto: azw

Newsletter November 2026  (von Annelise Zwez)

Dieses Mal komme ich meinem selbstgestellten Vorsatz, in jeden Newsletter ein Museum in der Romandie einzuschliessen, gerne nach – und gleichzeitig auch nicht. Konkret: Die Ausstellung von SANDRINE PELLETIER (*1976, lebt in Lausanne und Kairo)  im Kunstmuseum von La Chaux-de-Fonds hat mir sehr gut gefallen, die Kombination mit dem Franzosen Jean Luc Verna (*1966 in Nizza, lebt in Paris) will mir hingegen so wenig einleuchten wie der Obertitel «Rêver platine». Ich erlaube mir darum, mich auf Pelletier zu konzentrieren. Mehrfach habe ich ausgesprochen spannende Installationen der Künstlerin gesehen, zuletzt in Môtiers, wo sie den Wasserfall am Wegesrand so verspiegelte, dass Wasser und Wald zur Einheit wurden (man begriff das auch ohne tosendes Wasser!). Jetzt in La Chaux-de-Fonds ist es vor allem eine Installation, die mich richtiggehend durchschüttelte. Da ist in einem Seitenkabinett ein liegender, weiss gestrichener Holzsockel mit zwei offensichtlich von Einschlägen herrührenden Brandlöchern und rundherum Asche und teilgeschmolzenes Glas. Die Nähe zu all den Medienbildern – aus Kiew  und anderswo – die als Folge von Raketeneinschlägen teilzerstörte Fassaden zeigen, geht einem durch Mark und Bein. Die Künstlerin freilich beschreibt die Installation nüchtern als Transformationsprozess aufgrund von gezielten äusseren Einwirkungen. Damit erzeugt sie eine unglaubliche Spannung zwischen der assoziativen, emotionalen Wirkung der Installation und der strategischen Einschätzung der die Drohnen/Raketen gezielt abfeuernden Kriegsherren, auch wenn diese mit keiner Silbe erwähnt sind. Das ist stark!

Glücklicherweise zeigt die Ausstellung ein weitgefächertes Feld, in dem Pelletiers Faszination der Umwandlung von Materialien zur Geltung kommt, aber auch ihr subversiver Humor, z.B. im Bronze-Objekt «Feline instinct» (was mit «katzenartige Jagdlust» übersetzt werden kann).  Das Werk erinnert einerseits mit einer guten Portion Ironie an die sexuellen Konnotationen von Stöckelschuhen. Durch den Katzenschwanz kommt aber andererseits auch die Assoziation zu einem Fleischerhaken ins Spiel, wobei unklar ist, wer da wen aufhängt. Durch den Titel,  den «Feline Instinct», wird der  Aspekt des Jagens und Tötens provoziert und spätestens da wird die kleine Skulptur humorvoll ambivalent!

Sanfter ist im Vergleich «Black Sun», ein patinierter Messing-Spiegel, der aegyptischen Traditionen folgend, den steten Wandel aller Dinge symbolisiert. Dasselbe gilt für «L’Orée des brumes» – eine mit Säure behandelte Kupferplatte, die hier nicht als Zerstörung erscheint, sondern als Kraft der Verwandlung.

Bis 3. Januar 2027

Nicht die künstlerisch herausragendste, aber eine der wichtigen Ausstellungen in der aktuellen Ausstellungslandschaft ist «KÜNSTLICHE KREATIVITÄT» im Ein Publikumshit wird sie wohl nicht werden, denn neben den IT-Fans, die wissen wollen was da läuft, sind die Stimmen, die sagen «Verschone mich mit KI» ziemlich laut. Und dann gibt es noch jene – wie mich – die der Überzeugung sind, dass da gerade eine Revolution stattfindet, vergleichbar mit dem Einzug der Fotografie in die KUNSTmuseen (das ist erst in den 1980er-Jahren!)  und jene des Einzugs von Video und Sound in den 1990er-Jahren, und man sich folglich damit auseinanderzusetzen hat. Man kann die Frage stellen, ob die Ausstellung zu früh kommt, die KI-Kunst noch zu wenig ausgereift ist, um künstlerische Qualität zu generieren und meine Antwort ist «ja» und «nein».

Gelernt habe ich, dass man unterscheidet zwischen «generativer» künstlicher Kreatitivät und vollends virtueller. «Generatives» Vorgehen hat eine Basis in der Realität, in Bildern, Szenen, die uns vertraut sind und von da aus in virtuelle Felder vordringen. Das gibt es schon länger, da findet man Qualität, das können wir nachvollziehen. Bei den reinen Algorythmen, die vielfach auf Mitwirkung des Publikums reagieren, ist die Qualitätsfrage zumindest einzeln zu stellen. Erstaunlich ist, dass die Grosszahl der beteiligten Kunstschaffenden in der Schweiz arbeiten – das weist auf die umfassende Bedeutung der Entwicklung – das ist richtig und wichtig. Ein Charakteristikum der Ausstellung ist auch, dass praktisch alle Projekte in einem eigenen Raum aufgebaut sind, was die Konzentration erleichtert.

Ein Highlight ist für mich das fiktive Institut FOWDIB (Fondation Woodhead für digitale Bewusstseinsforschung) von Monica Studer/Christoph van den Berg (*1960/62). Das Künstlerpaar tritt seit Jahren mit Projekten in Erscheinung, die sich mittels KI-Modellen haarscharf zwischen Realität und Virtualität bewegen und dabei just diesen Gap aufzeigen wollen. Bei FOWDIB geht es um ein fiktives Forschungsprojekt im Amazonas, das angeblich 1954 startete, mit der Evolution der Technik mögliches Leben im virtuellen Raum vorstellbar zu machen versucht, dann aber bei einem Unwetter zerstört wird und heute nur noch in «singenden» Archiv-Kisten existiert. Ein vollständig mit KI generiertes Video (Titel: Putumayo) zeichnet die Geschichte visuell nach  (siehe Bild) und eine (fiktive) Expertin analysiert die «wissenschaftlichen» Erkenntnisse aus heutiger Sicht. Was fasziniert ist just der genannte, winzige Spalt zwischen Fiktion und Vorstellbarkeit.

Eines der wenigen Projekte, die ich bereits kannte, ist jenes von Sai Bot – einer KI-Existenz, die über immer besser trainierte Gesichtswahrnehmung ihr Vis-à-Vis (ich selbst, nach Registrierung) zu erkennen sucht und in einer vom Künstler Tobias Gutmann definierten Bildsprache als Porträt ausdruckt. Wiedererkannt hat mich der Face-O-Mat nicht, aber persönlich bevorzuge ich die Version von 2023 ( Hauptsitz der Mobiliar in Bern, Bild links).

 

Interessant ist, dass aus heutigem Empfinden heraus beurteilt, nur wenige Projekte eine emotionale Ausstrahlung haben. Heisst das, dass sie so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie keine inhaltlich-künstlerische Botschaft vermitteln können/wollen? Ein Vergleich wirft hiezu Fragen auf. Da gibt es in einem dunklen Raum einen «See», in dem sich eine Vielzahl von kleinen, roten, blauen, gelben Leuchtkörper bewegen und gleich Fischen zu den Menschen am Rand «schwimmen», wenn sie durch Bewegungen angelockt werden Hochschuh&Donovan( AU 1986/1974). Man registriert das, ist aber wohl nicht sonderlich beeindruckt, das Surplus fehlt. Zum Vergleich: 2023 installierte die Künstlerinnengruppe w.i.r. in der Salle Poma des Kunsthauses Biel/Bienne ein ähnliches Geviert und liess darin kleine Staubsauger-Roboter ihre Runden drehen. Nach dem Zufallsprinzip prallten sie aufeinander und wieder ab. Jeder hatte eine Farbdüse installiert, sodass zum Schluss ein dichter, farbiger «Jackson Pollock» entstand. Herrlich und – sorry – wesentlich spannender als die KI-gelenkten Lichtlein in Aarau.

Viele Projekte setzen auf die Beteiligung des Publikums, was ich nicht sonderlich mag und in vielen Fällen auch nicht zu einem künstlerischen Mehrwert führt. Beispiel: Beim KI-System Botto ist man eingeladen aus einem Screen-Album jene Bilder auszuwählen, die man besonders mag, was dann in der Auswertung zu einer Synthese geführt wird. Da das Publikum meist die «härzigen» Bilder anklickt, entsteht daraus auch nicht mehr als ein «härziges» Resultat (Bild links).

Es gäbe vieles mehr zu erzählen. Ein Projekt darf indes nicht aussen vor bleiben: Die im Aargau bereits bekannten «Screen Tests» von Esther Hunziker (*1969), welche die Künstlerin mittels einer KI-Software in verschiedenste Menschen (männlich/weiblich, alt, jung) verwandeln, die alle ein fiktives Kuscheltier liebkosen, was durchaus auch ins Gruslige kippen kann. Es ist das am stärksten an emotionale Reaktionen appellierende Projekt, das überdies durch seine einzeln fassbaren Identitäten hohen Erinnerungswert hat.

Bis 10. Januar 2027

Mit viel Vorfreude habe ich die Ausstellung der Meret Oppenheim-Preisträgerin CAROLINE BACHMANN (*1963 Lausanne)  im KUNSTHAUS BIEL/BIENNE besucht und war dann leise enttäuscht. Ich hatte eine Art Retrospektive erwartet.* Stattdessen zeigt die in Cully lebende Künstlerin in der Salle Poma das Resultat eines Aufenthaltes am «Geneva Lake» in Wisconsin/USA in einer Rundum-Installation mit dem Titel «Le Lac et le Soleil» (Siehe Titelbild).Die Bilder sind in dem in den letzten Jahren gepflegten Stil gehalten, das heisst, die stilisierten Motive – meist Berge und Seen – erscheinen in einer Art Fenster, was den Eindruck vermittelt, man schaue in etwas hinein. Lange hatte ich Mühe, ihr die evozierte, spirituelle Vision zu glauben, obwohl mir ihr verstorbener Ehemann, der Luzerner Künstlern Stefan Banz (1961-2021), einmal in nicht eben freundlicher Art und Weise sagte, ich solle endlich zur Kenntnis nehmen, dass sie die beste Malerin der Schweiz sei. So etwas lässt mich in der Regel nicht los und ich gehe in der Folge der Künstlerin/dem Künstler von Station zu Station nach, so auch hier. Und fand schliesslich in einem Interview die für mich wichtige Aussage, dass ihr Ziel sei, dass man ihre Bilder in der Vergangenheit, der Gegenwart und in der Zukunft gleichzeitig erleben könne. Also quasi ausserhalb der Zeit. Geht man mit dieser Haltung an die Bilder – auch jene jetzt im Kunsthaus – heran, so nehmen sie einem, wenn man dazu bereit ist, in körperlich spürbarer Art und Weise mit in die «vierte» Dimension, wie es Harald Szeemann gerne formulierte. Aber es besteht natürlich auch die Gefahr, dass sie damit für sich selbst einen «Peak» (um eines der neuen Jugendwörter zu verwenden) erreichte und gleichsam da stehen bleibt. Das scheint mir beim «Geneva Lake» zumindest zur Diskussion zu stehen, obwohl die direkte Verbindung des kleinen Sees in den USA und ihrem über alles geliebten Genfersee natürlich eine Ausweitung und eine über die Topographie hinausgehende Bedeutung schafft. Dass dies viele Facetten und dadurch Substanz hat, verdankt die Ausstellung einem überraschend reichen Text von Nicolas Garait-Leavenworth, der zum Zyklus von Bachmann erschien und in einem Zick-Zack von Fakten, Epochen und Gedanken die Geschichte des Lake Geneva aufrollt und in diesen Rundgang am Rande auch die Erfahrungen und Beobachtungen von Caroline Bachmann miteinbezieht. So weit so spannend, aber in der Malerei selbst suchte ich vergeblich nach einer künstlerischen Erweiterung – daher die etwas zurückhaltende Begeisterung.

*Wie ich eben höre, soll nächstes Jahr in Lausanne eine Retrospektive stattfinden.

Bis 29. November 2026

Obwohl eigentlich viel zu spät, wollte ich die «IMPRESSION» die alle zwei Jahre stattfindende Übersichtsausstellung zur Druckgraphik in der Schweiz, im KUNSTHAUS GRENCHEN doch noch in einen Newsletter integrieren. Also fuhr ich nach Grenchen und kam leider auch von da leicht enttäuscht wieder nach Hause. Der Grund ist klar benennbar. Aus «programm-technischen» Gründen ist das seit 12 Jahren bestehende Ausstellungsformat auf den grossen Neubau-Saal beschränkt. Das führt automatisch zu einem «Gedränge» und zu vielen auf ein einziges Blatt reduzierten Präsentationen. Angesichts des Profils des Hauses als DAS Zentrum für Druckgraphik – auch die Erneuerung druckgraphischer Anwendungen – ist das ein Fehlentscheid, aus welchen Gründen auch immer er gefällt wurde.

Das heisst glücklicherweise nicht, dass der künstlerische Level der Ausstellung per se niedriger wäre als vor zwei Jahren, auch wenn man den leisen Verdacht hat, dass sich einige wegen der Raumbegrenzung nicht um eine Beteilung bewarben.

Ein Highlight ist zum Beispiel «Vom Fliegen und Fallen» von Ursula Rutishauser (*1955 Baden/AG).  Bild links! Sie druckte Ahornsamen-Flügel in ockernahen Farben auf Transparentpapier und legte sie in rhythmischen Variationen übereinander. Gerne stellt man sich vor wie ein Luftzug sie davon tragen würde. Ihre Arbeit hätte die grosse Rückwand mit Leichtigkeit allein bespielt , so muss sich ihre Arbeit nolens volens mit zwei erzählerischen Lithographien von Valentin Magaro («Gärtnerin I und II») auf der einen und den «Grossen Gewächsen» von Werner Casty auf der anderen Seite arrangieren. Das ist für keine der drei Positionen optimal.

Beeindruckend sind auch die aus 18 Teilen zusammengesetzten «Montanhas negras», eine 144 x 378 cm grosse Monotypie einer fiktiven Landschafts-Szenerie von Esther Amrein (*1968) und Rosângela De Andrade Boss (*1966) – beide im Aargau wohnhaft und schon mehrfach als Duo in Erscheinung getreten. Ausgesprochen berührt hat mich die 10teilige Serie «New Contact» von Andreas Hofer (*1956), die dunkle Einzelfiguren zeigt wie sie in geheimnisvollem  Licht durch die Nacht gehen.

 

Das Spiel mit den Möglichkeiten der Druckgrafik kann man z.B. in «The Gathering Story» von Lucinda Tanner (*1970 – lebt  zur Zeit in Basel) beobachten. Ihre Technik ist die Callographie, das ist (habe ich nachgelesen) ein Verfahren, das Hoch- und Tiefdruck verbindet und so ein leichtes Relief entstehen lässt. Zusätzlich verwebt die neuseeländisch/schweizerische Künstlerin die Bänder über einem mit Schablonen bedruckten Untergrund, sodass die Komplexität ihres Vorgehens sichtbar wird. Das Beispiel zeigt wie hier und anderswo die Lust am Erfinden von drucktechnischen Schritten eine wichtige Motivation sind.

Es gibt aber auch strenge Vorgehensweisen wie zum Beispiel die fragmentierten Buchstaben, die in den Arbeiten von Verena Thürkauf (*1955 Basel) zu einem neuen Alphabeth werden.

Es sei nicht verschwiegen, dass es auch Arbeiten gibt, die das angestrebte Niveau der «Impression» nicht erreichen oder dann durch die Vereinzelung aufgrund der räumlichen Verhältnisse ihre Qualität nicht ausspielen können. Man schaue und urteile selbst!

Um nicht negativ zu enden, verweise ich hier noch auf die ungemein lebendige «Oase» (ein Gartenhäuschen ausserhalb einer Stadt in Cambodscha) von Katharina Hengking (*1957 Winterthur), die durch die Umwandlung von Fotografie in eine Monotypie auf entfaltetem Seidenpapier, eine geradezu greifbare Bildqualität erreicht.

Bis 15. November.