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Newsletter X 2026

RANJANI SHETTAR *1977 BANGALORE/INDIEN, GIRLANDE AUS PFLANZLICHEN ELEMENTEN, GEFERTIGT AUS HANDGEWOBENER BAUMWOLLE, DRAHT UND LACK (zu sehen im indischen Pavillon der Biennale Venedig). Foto: E. Halder
Newsletter Oktober 2026 (von Annelise Zwez)
Es ist ein geschickter Schachzug: Mit dem Kantonswechsel von Moutier ist das Musée jurassien des Arts ein rein jurassisches Kunstmuseum geworden. Die Berner*innen haben es bisher als eines ihrer sechs (!) Kunstmuseen betrachtet. Nun gilt es die drei jurassischen Museen zusammenzudenken: Delémont, Porrentruy und Moutier. Und genau das geschieht zurzeit, indem die allesamt mit Minimal-Budgets operierenden Museen zusammenspannen und einen der bedeutendsten Jura-Künstler – den ab 1934 im Raum Saignelégier tätigen Basler Maler Ernst Stocker mit Künstlernamen Coghuf (dem Basler Dialektwort Kokhufe für Kohlehaufen nachempfunden) – in einer breit angelegten Retrospektive zum 50sten Todestag zeigen: Coghuf, den Mitbegründer der Basler Expressionismus-Gruppe «Rot-Blau», Coghuf, den sich in der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre mit politischen Bildern engagierenden, Coghuf den Maler der Juralandschaft , Coghuf den Pferde- und Eisenbahnliebhaber, Coghuf den Familienmaler (er und seine Frau Hedwig hatten 10 Kinder!) und schliesslich Coghuf den religiösen Maler. Und dies alles mit sehr viel repräsentativer (und beim Publikum beliebter) Malerei, darunter mehreren national bekannten Ikonen wie z.B. «Bewegung» (Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit, 1931-1934).
Dass die kleinen jurassischen Museen dies inklusive eine vielseitige, grosse Monographie (Yves Guignard) schafften, ist u.a. der aktiven Beteiligung durch Coghufs Nachkommen zu verdanken. Man beachte: Auch als Coghuf im abgeschiedenen Muriaux lebte, hatte er stets eine Absteige in Basel und daselbst zwei Galerien (Carzaniga&Ueker sowie Rheineck in Riehen), die seine Werke auf dem Kunstmarkt vertraten. Bis heute werden sie auf namhaften Auktionen gehandelt.
Coghuf entsprach in seiner Zeit dem Künstlerbild des unangepassten Einzelkämpfers und seine kraftvolle, ungeschönte, niemals liebliche Malerei verkörperte das auch. Er entstammte dem Basler Arbeitermilieu und vertrat das auch, selbst als Künstler mit namhaften Ausstellungen in mehreren Schweizer Museen.
Die drei Ausstellungen in Delémont, Porrentruy und Moutier haben je eigenen Charakter. Die kleinen, informativen Begleitbroschüren betiteln es: «Coghuf ohne Grenzen» (Delémont), «In der Landschaft verankert» (Porrentruy), «In der Stadt» und «Politisch» (Moutier). Am besten gefallen hat mir die von Yves Guignard kuratierte Version im Musée jurassien d’art et d’histoire in der jurassischen Kantonshauptstadt. Hier gelingt es eine Vielfalt an Themen zu bündeln und doch ein und denselben Künstler einzukreisen. Vielleicht hängt meine Ansicht damit zusammen, dass hier die frühe Landschaftsmalerei unter dem Eindruck von Ernst Ludwig Kirchner (die Zeit der Gruppe «Rot-Blau») Gewicht
hat und ich diese sehr schätze. Coghuf bespielte alle gängigen Motive – auch das Stilleben, das, wie das Kabinett im Sousol zeigt, allerdings nicht seine Stärke war – mit Ausnahme des geradezu surrealen Freskos mit Langusten. In Moutier hätte ich mir den «politischen» Coghuf etwas ausführlicher gewünscht und als eher «schwierig» empfand ich hier die späten «biblischen Szenen», obwohl es zweifellos richtig ist, diese Thematik nicht auszuklammern. Etwas ausführlicher hätte ich mir in Porrentruy das Familienthema gewünscht, spiegelt sich darin – speziell in den Kriegs- und in den Nachkriegsjahren – doch auch die soziale Realität der Zeit wie das Hauptwerk «midi» – die Familie 1943 am Mittagstisch – eindrücklich zeigt. Gerade die Werkauswahl in Porrentruy zeigt aber auch, dass Coghufs späteres Werk zwar von Qualität ist, aber nicht mehr die «Sturm und Drang»-Kraft des (nicht im Jura entstandenen!) Frühwerkes hat.
DIE GROSSEN FREILICHTAUSSTELLUNGEN
Freilichtausstellungen/Art en plein air – gibt es zu Hauf – auf dem Berg, im Tal, in der Landschaft. Im Sommer war es vielerorten zu heiss für einen Besuch, doch im Spätsommer/Herbst habe ich mich dann doch aufgemacht – nach Môtiers und nach Bex – den Standorten der beiden ältesten, seit den 1980er-Jahren immer wieder erneuerten Ausstellungen. Bex mit dem Thema des «Genius loci» hat mir heuer besser gefallen als Môtiers. Zwar punktet letztere einerseits mit der sichtbaren Verwurzelung in der Dorfbevölkerung und mit einem wunderschönen Wald-Rundgang, doch die Originalität der Werke überzeugte mich nicht immer. Mit ein Grund ist, dass auf dem Rundgang mit den 50 nominierten Kunstschaffenden vermutlich so ausführlich von der Absinth-Produktion gesprochen wurde, dass sich letztendlich zu viele Künstler*innen auf dieses Thema konzentrierten – vom wiederkehrenden Absinth-Finger an den Fensterläden im Dorf (ADRIAN FERNANDEZ GARCIA *1991 Genf) über die Autopneus, die einst verbrannt wurden, um den Absinth-Geruch zu vertreiben (Delphine Reist *1970 Genf) bis zur «Habitation amicale» von FLORIAN GRAF (*1980 Basel) in absinthgrün (Bild).
Das Highlight ist für mich indes eindeutig: SANDRINE PELLETIER (*1976 Lausanne) hat die Felspartie seitlich des Wasserfalls so verspiegelt, dass die gegenüberliegende Waldpartie – in Facetten zerlegt – bildlich wiederhallt. Während das Fehlen von Wasser hier nicht stört, hat er anderen einen Strich durch die Rechnung gemacht, etwa EMANUEL MBESSÉ (*1983 Lausanne),
dessen farbige Bojen an der Môtiers Beach im Trockenen liegen und auch der kupferne «Regenwasser-Sammler» von DAVIDE CASCIO (*1976 Lugano) steht etwas verloren in der prallen Sonne.
Skulpturen im klassischen Sinn findet man kaum mehr – eine Ausnahme: JÜRG STÄUBLES «Fadenkreuz» (mit Jahrgang 1948 ist der Basler der Senior unter den Künstlern). Angesagt sind allüberall interaktive Arbeiten. Die raffinierteste: Wer sich der raumgreifenden Trafo-Station am Weg zurück ins Dorf nähert, wird «erkannt» und ein Elektrosystem beginnt zu vibrieren und zu brummen (Cod.Act -ANDRÉ UND MICHEL DÉCOSTERD *1967/69 Le Locle). Interaktive Arbeiten haben den Nachteil, dass sie zuweilen nicht funktionieren; bei unserem Besuch leider die Seifenblasen von Pipilotti Rist.
Eine letzte Station muss ich erwähnen – nicht zuletzt weil sie bezüglich Monumentalität dem entspricht, was man von früheren Ausgaben her kennt, heuer aber (leider) rar sind, was ev. eine Budgetfrage ist. Gemeint ist die Installation von ANNE UND JEAN ROCHAT (*1982 Le Lieu/VD), die in vier umgedrehten Architekturen Orte des Verweilens in der Tiefe zeigen, dazu einladen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen (mit Feldstecher).
Was ich in Môtiers und in Bex besonders mag ist die 40jährige Tradition, die mit sich bringt, dass während des Kunst-Spaziergangs unverhofft Kunstwerke aufscheinen, die gar nicht da sind, wohl aber ungefragt aus der Erinnerung aufblitzen!

Während Môtiers ein ungewolltes (glücklicherweise aber nicht durchgängiges) Thema hat, setzt Bex auf die «Génies du Lieu» – ein sehr offenes Denkgefäss, das keine Wiederholungen provoziert, was Vielfalt bringt. Überzeugt hat mich z.B. die Arbeit von HUNTER LONGE (*1985 USA/Genf), der recherchiert hat, dass sich unter dem Szilassy-Park gipshaltige Spuren des Thétys-Ozeans befinden. Durch graben legte er durch die Erosion geschaffene Gips-«Skulpturen» frei und fügte ihnen kleine Figuren als Schutz-Göttinnen bei.
Weniger Bex als vielmehr das Tessin spiegelt «Drift» (langsame Veränderung) von YANN GROSS (*1981 Vevey) das Thema des Genius loci resp. dessen Wandel in der Zeit. Der Fotograf zeigt in einer kleinen Hütte eine durch einen Spiegel verdoppelte Park-Ansicht mit typischen Tessiner Palmen. Diese sind seit kurzem als «invasiv» eingestuft, weil sie sich in den letzten 100 Jahren enorm vermehrt haben.

Seit ihrem Auftritt an den Swiss Awards vor einigen Jahren, verfolge ich die Arbeiten/Installationen von LOU MASDURAUD (*1990 Montpellier) mit grossem Interesse. Auch für Bex hat sie eine geheimnisvolle Installation mit einem fliessenden Wasser-Kreislauf realisiert. Wie sie dabei körperliche Momente gleichsam en passant integriert, fasziniert mich.
Ein Eye-Catcher sind die hängenden Geranien von ISHITA CHAKRABORTYI n der Mitte der kleinen Senke im Zentrum der Ausstellung. Der gedankliche Hintergrund ist ein mittlerweile bekannter, der besagt, dass die verbreitetste Balkonpflanze in der Schweiz einen kolonialen Hintergrund hat, will heissen erst 1672 von Südafrika nach Europa kam. Doch, ehrlich gesagt, mich stört das in keiner Weise.
Klar, dass in Bex auch immer eine Spazierschleife zum Friedhof der Familie Szillasy gehört!
Ach, und dann war ich natürlich auch an der BIENNALE VENEDIG – wie immer zusammen mit meiner Tochter. Was es zur diesjährigen 61. Ausgabe zu sagen gilt, wurde bereits vielfach formuliert. Aufgefallen ist mir eine fast durchwegs durchzogene Haltung gegenüber der thematischen Schau «In Minor Keys». Meine Schwierigkeit war, dass ich von SEHR VIELEN Künstler*innen aus Afrika, aus dem afro-amerikanischen Umfeld, aus Südamerika nie zuvor gehört hatte und sie in den kurzen Intervallen von Installation zu Installation nicht nachhaltig genug verstand, geschweige denn mich im Detail daran erinnern kann. Darum war ich froh, u.a. auch die Schweizer*innen Uriel Orlow, Sabian Baumann und Sandra Knecht (Bild aus der Serie: „Home is a foreign place“). Oder in der Schweiz bekannte internationale Grössen wie Alfredo Jaar, Otobong Nkanga oder Kader Attia anzutreffen zu denen es bereits «Ordner» in meinem Hirn gab.
Koyo Kouohs Vision am treffendsten umschrieben fand ich in einem Schriftbild der in den USA lebenden Kolumbianerin Carolina Caycedo (*1978): «Our Culture is based on relationships with all our relatives». Es können damit Individuen oder Gemeinschaften gemeint sein, aber auch Lebensformen in verschiedenen Zeitepochen, Verwandtschaften in und mit der Natur, Beziehungen zwischen Mensch und Tier.
Sehr schön verkörpern dies z.B. die figürlichen Terracottas der Senegalesin SEYNI AWA CAMARA (1945 – 2026), die im Foyer des Biennale-Pavillons in den Giardini einen vielbeachteten Auftritt haben. Interessant sind die Mutterfiguren nicht zuletzt dadurch, dass die Künstlerin sie nicht in der Diaspora geschaffen hat, sondern in ihrem Heimatort Casamance. Sie kommen somit aus der Tradition in die Gegenwart.
«Motherhood» ist auch das Thema des «Council oft he Mother Spirits of the Animals» der Künstlerin und Natur-Aktivistin CELIA VÁSQUEZ YUI (*1960 Peru).
Natürlich gibt es auch anderes, sogar humoritisches, z.B. «Things Felt But Not Quite Expressed» eine Reihe erzählerischer Pastelle von Alltagssituationen von SOHRAB HURA (*1981 Dehli/Indien), darunter das hier abgebildete Blatt «Guest».
Mein Lieblingsbild ist nicht das bedeutendste von «Minor Keys», aber der Holzschnitt aus der Reihe «Novias Revolucinarias» (Revolutions-Bräute) von 1968 von LEONILDA GONZÁLEZ (1923 – 2017 Montevideo/Urugay) ist in seinem Ausdruck zwischen Ironie, Sarkasmus und Wut schlicht umwerfend (und von handwerklicher Souplesse obendrein). Gonzàlez war ab den 1960er-Jahren eine Aktivistin für mehr kulturelle Freiheit (vor allem auch jene der Frauen).
Auf höchstem Level ist die rot leuchtende «Kathedrale», die Alfredo Jaar (*1956 Chile, lebt in Lissabon) «The End oft he World» nennt. An der Stelle des Altars befindet sich eine kleine Vitrine mit einem Block aus Schichten seltener Erden. Die emotionale Atmosphäre verdichtet die gedankliche Brisanz der Installation.
Man konnte es hier und dort lesen und hört es beim Anstehen am Eingang der Giardoni: «Zuerst zum österreichischen Pavillon, weil später die Warteschlange endlos ist». Klar eilen auch wir. Die Choreographin FLORENTINA HOLZINGER (*1986) hat eine mehrteilige Szenerie rund um das Thema «Wasser» geschaffen, wobei die drei Räume ständig von ein bis drei weiblichen oder trans-weiblichen, nackt auftretenden Körpern bespielt werden. Wasser ist Leben und die ökologische Dimension ist brisant. Die Inszenierung ist radikal und der Pavillon sicher einer der markantesten, aber der Run hat auch deutlich einen voyeuristischen Aspekt. Fotografieren ist zu recht verboten.
Gute Chancen auf den Publikumspreis hat neben dem österreichischen Pavillon auch der japanische, der nicht wirklich philosophischen Tiefgang hat, aber durch die erstaunliche Mitwirkungsquote des Publikums zu einem soziologisch interessanten Phänomen wird. EI ARAKAWA – ein queerer Künstler mit Adoptiv-Zwillingen, in Los Angeles wohnhaft – verwandelt den Pavillon in eine Art Puppenstube. Die Besucher*innen nehmen im Untergeschoss eine Baby-Puppe entgegen, dann besuchen sie im Wohnraum, der auch Spielplatz ist, Care-Kurse, betreuen, hätscheln ihr Baby, wickeln es frisch usw. Junge Mütter ebenso wie Grossväter. Dem Treiben zuzuschauen ist ein zum Schmunzeln (vielleicht auch Kopfschütteln) anregendes Erlebnis.
In Erinnerung bleiben wird mir der polnische Pavillon. Die vielschichtige, raumfüllend projizierte Audio-Video-Arbeit ist ein Experiment mit einem Chor, der aus hörenden und tauben Menschen besteht (Bogna Burska/Daniel Kotowski) und dem Thema der Kommunikation jenseits unserer Lautsprache gilt. Wie Wale sich verständigen fliesst ein, aber auch, dass Taube sich unter Wasser unterhalten können, während Hörende nur undefinierte Laute von sich geben. Wesentlichen Anteil am Gelingen hat die Choreographie und die Soundebene.
Irritiert hat mich der amerikanische Pavillon. Ist es nun schon so weit, dass die USA nur noch politische Korrektes im Sinne von Donald Trump zeigen, aus Angst die Subventionen könnten gestrichen werden? – Wie auch immer, die Skulpturen von Alma Allen (*1970) sind handwerklich beeindruckend, haben zweifellos eine hohe Material-Sensibilität, aber kunsthistorisch sind sie harmlos. Eine Pointe gibt es allerdings: Der Künstler wohnt und arbeitet in Mexico.
Und der Schweizer Pavillon? – Eher nicht. Thematisiert wird die Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Homosexuellen von der ersten «Telearena» zum Thema im Jahr 1978 bis heute. Sorry, ich habe das Thema so satt, dass ich schlicht keine Lust habe, den Schweizer Beitrag näher zu reflektieren. Wer? MIRIAM LAURA LEONARDI, LITHIC ALLIANCE, YUL TOMATALA, NINA WAKEFORD.
Längst sind die Länderpavillons – inzwischen knapp 100 – nicht auf die Giardini beschränkt, sondern folgen sich in dichter Aneinanderreihung im hinteren Teil des Arsenale. In der Vielfalt der Vielfalt hängen geblieben ist mir insbesondere der indische Pavillon, der vier, sehr verschiedene, jedoch alle in Handwerk und Präsentation mit Traditionen des Landes verbundene Kunstschaffende zeigt. Darunter die enorm dekorativen Arbeiten von RANJANI SHETTAR, die eine Pflanzen-Girlande aus handgewobener Baumwolle, Draht und Lack im Raum schweben lassen (siehe Titelbild).
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