Newsletter Website Januar 2022

 

Fabrice Gygi „Clean Point“, installatives Objekt, 1998 (Sammlung Mamco Genf). Ein klassisches Beispiel wie sich die Bedeutung von Kunst wandeln kann, vom subversiven „reinwaschen“ hin zu einem BAG-Anti-Corona-Objekt (Stichwort: „Hände waschen“). Foto: azw (wie zu sehen ist!)

Da dieser Newsletter nicht ein Hinweisen auf noch laufende Ausstellungen sein will, erzähle ich im Folgenden ganz einfach einige Erlebnisse, Wahrnehmungen, Erkenntnisse der letzten Wochen. Frühzeitig hatte ich mir den Vortrag von GEORGE STEINMANN in der Stadtgalerie Bern zum Thema Kunst und Nachhaltigkeit notiert, denn für den 72jährigen Berner Künstler ist das Thema nicht modisches Schlagwort, sondern seit Jahrzehnten das eigentliche Credo seines Schaffens, sei es im Gebiet des Heilens in Bezug zu Paracelsus, sei es durch Experimente in umweltgeschädigten Gebieten Russlands, sei es durch die Instandstellung einer Kunsthalle in Tallin oder dem Bau einer Holzbrücke über den Saxetenbach im Berner Oberland. Seine Konsequenz ist bewundernswert.

Die Ausstellung in der Stadtgalerie ist ein Versetzen seines Ateliers in die Galerie. Auf Tischen breiten sich Bücher, Schriften, Notizen, Skizzen zu den einzelnen Projekten aus. So wird dokumentiert, dass Steinmann nicht als Schlagwort-Aktivist handelt, sondern aus fundiertem Wissen (mit politischer Färbung) heraus. Man hätte Steinmann visuell attraktiver zeigen können, sicher. Aber dennoch ist es irritierend, dass die Ausstellung die erste One-man-show Steinmanns in Bern seit mehreren Jahrzehnten ist. Verschlafen die Berner Museen da gerade die Wertschätzung eines ihrer bedeutendsten Künstler? (Klammer: In Gruppenausstellungen war und ist er häufig präsent).

Tags darauf war ich im Kunstmuseum Solothurn, wo an einem Sonntagvormittag des verstorbenen früheren Direktors, ANDRE KAMBER im Rahmen eines Podiums-Gespräches gedacht wurde. 1993 hatte ich mit ihm zusammen die Nachlass-Retrospektive Ruth Kruysse (1942-1992) vorbereitet  (ich vor allem den Katalog).

Informativ war insbesondere das in Erinnerung rufen der Frühzeit von Kambers Amtstätigkeit, denn er führte das Museum zur heutigen Professionalität, was selbstverständlich nicht ohne Widerstände über die Bühne ging. Zu Recht wurde auch sein frühes Engagement für die Kunst von Frauen (Erika Pedretti, Elsi Giauque, Meret Oppenheim, Ingeborg Lüscher, Eva Aeppli u.a.m.) betont. Dass er etwelche Mühe hatte mit der Neuorientierung «seines» Museums nach seinem Abgang wurde höflich verschwiegen; ich weiss, dass solche Anlässe nicht der Moment sind, um leise Kritik zu üben; aber ich mag Glorifzierung grundsätzlich nicht. Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen und eine so langjährige mit Herzblut geleistete Tätigkeit abgeben, ist nie einfach. Aber es kam ja schliesslich alles gut und es ist fast Ironie des Schicksals, dass der Tod André Kambers mit der Stabübergabe von Christoph Vögele an Kathrin Steffen zusammenfällt.

Zurück zu den Museen, aber nicht zur zeitgenössischen Kunst. Das NEUE MUSEUM BIEL zeigt aktuell eine um ortsspezifische Beispiele erweiterte Wanderausstellung mit dem Titel «MONDHÖRNER», konzipiert von Urs Leuzinger vom Archäologischen Dienst des Kantons Thurgau. Die Ausstellung ist eine kleine, informativ gestaltete Dunkelkammer mit Leuchttexten und belichteten Originalwerken. Das Ausserordentliche ist, dass für einmal nicht Waffen, Werkzeuge, Gefässe und mehr Inhalt einer Urgeschichtsausstellung sind, sondern visuell wunderschöne Bronzezeit-Objekte mit – so wird vermutet –  kultischem Hintergrund. Man spricht von Mondhörnern, weil – so eine Möglichkeit – die Mondsichel in die grossen Rundung passt. Gesprochen wird auch von der Senke zwischen den beiden Hörnern…eines Stiers z.B. Im Gegensatz zu Südeuropa ist Gestaltetes, das nicht  eng dem Leben resp. Überleben dient in unseren Breitengraden sehr selten.

Obwohl das Pfahlbaumuseum meiner Vorfahren ganz primär Artefakte aus der Jungsteinzeit bewahrt, die Mondhörner aber in die Bronzezeit datiert werden, ging ich nach der Rückkehr nach Twann sogleich ins (kalte) Museum, wusste ich doch, dass es da ein Objekt gibt, das schon mehrfach als Mond- respektive Stierhornobjekt bezeichnet wurde. Ist es ein Vorläufer dessen, was in Biel gezeigt wird? Auch eine der bronzenen Armspangen von Mörigen, von denen angeblich niemand mehr weiss, wo sie sind, habe ich sogleich gefunden!  – Ob man von der für den Arm gerundeten Form auf ein «Mondhorn» schliessen kann  –  ich weiss nicht so recht. Aber gefreut habe ich mich, dass mein temporärer Mondhorn-Blick alsobald mehrere weitere, kleine «Mondhörern» herbeizauberte. Ende Januar wollen die Zuständigen aus Biel einen Augenschein vornehmen.

Und dann doch noch die Kunst im engeren Sinn:

Meinem Vorsatz folgend vermehrt in die Romandie zu reisen, war ich im MAMCO in GENF, wissend, dass das vielstöckige ehemalige Industriegebäude stets eine Vielzahl von ineinandergreifenden Ausstellungen unter Einbezug der eigenen Sammlungen beherbergt. Die Hauptausstellung galt dem amerikanischen Künstler TONY CONRAD (1940-2016), der zeitlebens aus dem  Kunstbetrieb ausscherte, das Experimentelle höher gewichtete als das Anerkannte, aus einer subversiven Haltung heraus seine eigene Kunst entwickelte.  Er hatte weder ein Auto noch ein Bankkonto; sein wichtigster Besitz war sein Velo! U.a. setzte er sich früh von seinen Musikerfreunden ab und experimentierte mit Musikinstrumenten, dekonstruierte sie, setzte sie neu zusammen, ganz auf das Erzeugen von Klang ausgerichtet. In einem Videobeitrag sagt er, man solle bedenken, dass Musik auch ganz leise sein könne. Erstaunlich ist, dass seine «Instrumente» überlebten und bis heute gezeigt werden können. Ein weiteres Feld war ihm alles rund um (TV)-Monitore – sei es als flimmernde Farbfelder oder dann auch als Medium der Manipulation.

Dass gerade im heutigen, zeitgenössischen Umfeld diese Pioniere von Gegenstrategien, von Aktivismus anstelle von Werkentwicklung ans Licht geholt werden, ist bezeichnend. Das Mamco streckt von da die Fühler aus, zeigt parallel eine kleinere Ausstellung mit Werken der Amerikanerin JULIA SCHER (*1954), die sich subversiv-feministisch mit dem Thema der versteckten «Überwachung» auseinandersetzt. Publikumshit sind dabei ihre als Polizeihunde erscheinenden beiden «Girl-Dogs». Und so fährt das Haus weiter, über Werke von FABRICE GYGI (grösstenteils aus einer kürzlichen, grösseren Schenkung), der in der Schweiz wie kein anderer über die Thematik von Demonstration und Polizeikontrolle bekannt geworden ist. Wunderbar ist im aktuellen Corona-Kontext der «Clean-Point» von 1998 (siehe Titelbild). Weiter geht es mit einer Dokumentation von Performance im Russland der 1970er/80er-Jahre bis der Parcours schliesslich bei der Mail-Art landet, die – auch sie – stets ausserhalb des Kunstbetriebs agierte. Den variierenden Kuratoren (u.a. Lionel Bovier, Paul Bernard, Julian Fronsacq )sei ein Kompliment ausgesprochen für den roten Faden, den sie durchs Haus ziehen.