
KALIN AOUN – „Emanating Ground“ – Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell
Mein Kunstmonat Mai war wie das Wetter, m
al kalt, mal heiss und nicht so sehr von Ausstellungsbesuchen geprägt. Das spiegelt sich im Folgenden.
Immer mehr fragt man mich nach meinen Erinnerungen, gehen diese bezüglich des Kunstbetriebs doch bis zurück in die 1970er- und 80er-Jahre. So durfte ich z.B. kürzlich Anouchka Panchard und Franziska Fellner Red und Antwort stehen zu Aarau vor 50 Jahren im Hinblick auf die Ausstellung «Miteinander nebeneinander. Die 1970er und Aarau», die am 11. Juni Vernissage hat. Wie immer stellte ich fest, dass der Blick der Kunsthistoriker*innen nicht mit der Realität vor Ort einher geht. Im Aargauer Kunsthaus wurde weder Pop Art noch Nouveau Réalisme, noch Ansätze von Konzeptkunst, sondern vor allem Outsider Kunst gezeigt, was durchaus zeitgemäss war. Man denke z.B. an Emma Kunz (1973/74). In den Aargauer Galerien (Rathausgasse/Lenzburg, Galerie 6/Aarau, Zisterne/Aarau, Galerie zur alten Kanzlei/Zofingen u.a.m.) war der Aufbruch der 1968er-Jahre indes noch weit entfernt. Die wichtigste Ausnahme war die Aargauer Weihnachtsausstellung (wie die «Auswahl» damals hiess). Da waren nicht nur die Künstler der Ateliergemeinschaft Ziegelrain mit dabei (wer erinnert sich noch an die Badenixen im transparenten Zelt von Markus Müller?), da wurde auch Nietzsche gehäutet (Beat Zoderer), da erregten Werke von Willi Schoder, Thomas Kuhn und anderen Entsetzen. In der kommenden Ausstellung wird Aarau nur ein Kapitel sein. Mehr dazu in einem Monat.
Anstrengend waren die Film-Arbeiten zu Georgette Klein im Kunstmuseum Winterthur. Der Tessiner Filmemacher Olmo Cherri ist daran einen Film über die Winterthurer/Tessiner Künstlerin zu drehen, die zwischen 1919 und 1963 ein Gesamtkunstwerk geschaffen hat. In meiner Zeit als Mitglied/Präsidentin der ihr gewidmeten Stiftung Sciaredo (2007 bis 2017) habe ich ihr Werk in mehreren Facetten aufgearbeitet. Die Texte sind in der Rubrik «Herausgegriffen» auf dieser Website aufrufbar. Nun sollte ich insbesondere (aber nicht nur!) über ihr textiles Frühwerk, in dem eine grossformatige, gestickte Tischdecke, die sie 1919/20 für den Kunstverein Winterthur schuf und eines ihrer Oeuvres majeures darstellt, Auskunft geben. Würde ich noch alles präsent haben, gültig in Sprache umsetzen können, keine Black-outs haben?
Viele wissen wie das abläuft und dass letztendlich von den 4 Stunden Filmaufnahmen nur ein winziger Bruchteil im Film verbleibt. Nun, für mich war es eine interessante Erfahrung, umsomehr als die Professionalität des Filmteams mich überzeugte. Die Veröffentlichung des Films ist für 2027 geplant.
Ebenfalls mit Sciaredo zu tun hatte eine Woche später der Besuch bei Othmar Eder (*1955 in Klagenfurt) in Stettfurt im Kanton Thurgau. Neben der Stiftung Sciaredo gibt es einen Förderverein namens «Amici di Sciaredo». Er vergibt jährlich eine Residenz in der von Georgette Klein entworfenen «Casa Sciaredo» (das erste «moderne» Wohnhaus im Tessin). Ich schreibe zu den Eindrücken und vor Ort entstandenen Arbeiten der Stipendiaten jeweils einen Text.
Dass die Begegnung dieses Mal besonders war, hat wohl biographische Gründe: beide leben wir in denkmalgeschützten Häusern auf dem Land und wechseln von Garten- zu Schreib- respektive zeichnerischer Arbeit und hinterfragen Gegenwart in Bezug auf Vergangenheit, wenn auch auf verschiedene Art und Weise. Vielleicht hat mich darum Eders Idee seine Kamera auf einem Hocker und diesen in einer der Sciaredo-Garetten festzubinden und damit durch das Gelände zu streifen, so fasziniert: Perspektivenwechsel, Zwergenoptik. Oft nur eine Nuance anders, aber eben doch anders! Der Text ist bereits publiziert und da einsehbar: https://annelisezwez.ch/2026/othmar-eder-residenz-in-der-casa-sciaredo-in-barbengo-ti-2026/
Nun aber zur Ausstellung, die mir im Mai am meisten Freude machte: «The Threshold of Impermanence» (Die Schwelle der Vergänglichkeit) von CALINE AOUN (*1983 in Beirut) im Kunstmuseum und in der Kunsthalle Appenzell. Überzeugt hat mich einmal mehr, wie fundiert die von Stefanie Gschwend kuratierte Ausstellung erarbeitet ist und – was mir in unseren Museen immer weniger der Fall zu sein scheint – wie oft es in den Werkangaben heisst: «Comissioned by Kunstmuseum Appenzell», will heissen, dass die Realisierung des Werkes mit Beteiligung des Museums möglich wurde. Und auch das alte Credo, wonach eine Museumsausstellung (im Gegensatz zu einer Kunsthallen-Schau) im Rahmen des Möglichen aus Forschung und Präsentation besteht, wirkt eingelöst.
Caline Aoun studierte ab 2005 in London, lebt aber heute wieder in Beirut, was – so die Künstlerin zu meinem Erstaunen – trotz des Krieges im Südlibanon möglich sei, wenn auch mit etwelchen Erschwernissen (konkret: den Transport der Werke).
Entscheidend ist aber die künstlerische Essenz. Diese hat mich in Bann gezogen. Calin Aoun befasst sich mit physikalischen Prozessen, wie sie in der Natur vorkommen, oft aber auch von der Industrie genutzt werden. Das ergibt ein Spannungsfeld. Da ist zum Beispiel eine Edelstahlplatte, die mittels eines mit Erdwärme gespiesenen Generators vereist wird, um so Kälte zu gewinnen (das Prinzip unserer Kühlschränke). Im Wechsel von Vereisen und Abtauen reflektiert das Eis das Licht (das Museum hat ein Shed-Dach) und wird zum schillernd-monochromen Objekt. Im kleinen Begleitbüchlein ist von der Erinnerung der Form die Rede – sehr schön formuliert.
Näher an der Sinnlichkeit der Natur ist ein Kalkstein/Zement-Ring, der vor der Eröffnung der Ausstellung mit Wasser gefüllt wurde und in der Zeit die Spuren seines Verdunstungsprozess aufzeigt.
Ein wichtiger Strang von Caline Aouns Schaffen ist das Drucken – in verschiedenster Form! So hat sie z.B. unter einer Pinie (der Libanon ist berühmt für seine Pinienwälder!) Papiermasse ausgestrichen, dann die herabgefallenen Nadeln eingedrückt und wieder herausgezupft, sodass im Papier nurmehr die Spuren sichtbar sind. An die Wand gehängt wird das Spurenfeld zur Zeichnung. Von den Doppelnadeln nahm sie eine und liess sie von einem Goldschmied in Kupfer nachformen und vielhundertfach kopieren, sodass ein bleibendes Nadelfeld entstand.
Wiederum näher an der Industrie sind die Licht-Wärme-Arbeiten «Radiant Alchemy» und „Emanating Ground“. Die Künstlerin entfernte die Neon-Röhren der Raum-Beleuchtung, ummantelte sie mit leitfähigem Kupfer, legte sie rhythmisch verteilt auf den Boden, sodass ein Licht-Wärmefeld entsteht (siehe Titelbild).
Die Sorgfalt der Präsentationen in den Räumen lässt genügend Zeit, um das Sichtbare in Empfindungs- und Denkräume zu wandeln.
Highlight in der nahe gelegenen Kunsthalle ist eine Installation, die unser tägliches Ausdrucken von farbigen Dokumenten/Fotos übersetzt. Da sind auf einem raumgreifenden Teppich vier «Springbrunnen», deren «Wasser» mit dem bekannten Quartett von Cyan, Yellow, Magenta und Schwarz versetzt ist und sich über feine Schläuche in minimalen Dosen miteinander vermischt, bis wohl gegen Ende der Ausstellung im Herbst alles Fliessende grau ist. Soll man es über die visuell spannende Anlage hinaus symbolisch verstehen oder als Analyse eines alltäglich gewordenen Prozesses? – Ich denke hier eher an zweiteres.
Bleibt der Hinweis auf die neueste Arbeit, die – der Ausdruck der Künstlerin im Gespräch mit der Kuratorin zeigte es in sympathischer Art und Weise – das Happy End eines schwierigen Prozesses ist. Unter dem Aspekt, dass Metalle unterschiedliche Schmelzpunkte haben, suchte sie mit einem libanesischen Giesser nach dem Punkt, da sich zum Beispiel Aluminium und Kupfer zu einem Block zusammenfügen lassen. Auch wenn die Bedingungen der «Colliding Forces» hier nicht so offensichtlich sichtbar sind, so zeigen die Arbeiten doch das stetig forschende Moment im Werk der Künstlerin.
Die Ausstellung ist nicht zuletzt ein Hinweis darauf, dass die Materie als Kern des Planeten Erde immer noch im Zentrum von Kunst sein kann. Und das freut mich.
Es gibt nicht nur rein künstlerische Aspekte, die eine Ausstellung rechtfertigen, sondern auch kulturelle. „HINTERM HORIZONT GEHT’S WEITER“ im Kunstmuseum Olten ist eine solche. Die Museumsleitung MUSSTE auf die aus meiner Sicht beschämende Art und Weise wie die städtische Politik (Olten ist ein städtisches Museum) ausgereifte Projekte für eine Sanierung, einen Standortwechsel sistierte, reagieren. Der Titel verweist auf einen Song von Udo Lindenberg und seine «Panikgang», doch man versteht den «Mutmacher» auch ohne das. Das Museum verschickte an die Kunstschaffenden, die in den letzten Jahren im Museum ausstellten, einen Brief und lud sie zu einem themenrelevanten Ausstellungsbeitrag ein. Eigentlich war klar, dass das Echo überwältigend sein würde, denn das Museum geniesst seit langem einen guten Ruf und besitzt eine Sammlung von nationaler Bedeutung. Man denke zurück an die Zeiten der Direktion von Peter Killer und Patricia Nussbaum. Bis dann die Alpiq-Krise und das finanzielle Desaster kam aus dem die Stadt bis heute nicht herausgefunden hat und «selbstverständlich» an der Kultur spart(e), auch wenn sie damit Sponsorengelder in den Sand setzt(e).
Nicht weniger als 55 Positionen sind in der Ausstellung vertreten – gute und weniger gute. Es sind Arbeiten, die eher indirekt auf Olten eingehen, eher Krisensituationen allüberall in der Welt im Visier haben. Da und dort hat man auch den Eindruck, dass einfach die Chance gepackt wurde unjuriert wieder einmal in einem Museum auszustellen.
Zu den wunderbar hinterhältigen Arbeiten gehören z.B.die Fotografien von Sonja Feldmeier, welche (2004 ongoing) Potentaten und Symbole dieser Welt in Gemüse, Früchte, Brötchen formte und Tiere, welche diese lieben darauf losliess. (Im Bild: Idi Amin-Affe und die Freiheitsstatue) Abstrakter, aber thematisch beeindruckend wirkt der mit Pigmenten in Kaseinlösung auf Pappelholz gemalt/gezeichnete, gänzlich leere, gleichzeitig aber vielfarbige Raum von Andreas Hofer.
Berührend ist der «Lobgesang» von Mark Staff Brandl an die Direktorinnen des Hauses. Zum Nachdenken anregend ist die Camera Obscura-Fotografie von Andrea Good, welche die «Prison de la Tuilière» (Lausanne) vom Büro für Sozialpädagogik aus belichtete. Literarisch-bildhaft-philosophisch ist die Mischtechnik-Zeichnung «Der Horizont wohnt im Auge» von Sandra Böschenstein. Am «Käfig» der für die Künstlerin typischen Modellanlage findet sich die Bezeichnung «Tellurium in Delirium», was auf eine extreme, auf eine Vergiftung mit Tellur zurückgreifende Verwirrtheit verweist. Etwas brachial wie dies zu Pavel Ferus gehört, ist die Arbeit, die einen Betonklotz mit von der Anstrengung des Stossens rot geäderten Leggins zeigt und den Titel «You better run» trägt(Bild).
Und vieles, vieles mehr! Ein Potpourri, das ein politisches Zeichen ist.
Ein Aspekt muss zusätzlich erwähnt werden. Die grosse Anteilnahme der Künstlerschaft ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass die meisten wussten, dass der eben offiziell publizierte Rücktritt von Dorothee Messmer einen gesundheitlichen Hintergrund hat. Allerdings wirkt die überaus anerkennende Medienmitteilung seitens der Behörden zur Direktionszeit von Dorothee Messmer auf mich schon fast zynisch angesichts der Situation des in seiner Existenz bedrohten Museums.
Möge es nichtsdestotrotz «Hinterm Horizont» weitergehen; möge die bisher ad interim tätige alt/neue Direktorin, Katja Herlach, nicht aufgeben.
Zu guter Letzt noch ein Gedanke:
Nicht wenige machen sich Sorgen um den Fortbestand der Kunstkritik in unseren Medien, wobei «Kritik» ein meinungsbetontes, analytisches Mitverfolgen des Kunstbetriebs in der Schweiz und darüber hinaus meint. Da habe ich mir (nicht ganz ernsthaft) überlegt, ob es wohl sinnvoll wäre eine Plattform für missratene Ausstellungen zu gründen, weil das mehr «Pfeffer» hätte als Lobhudeleien. Aber eben: Loben ist einfacher als Kritisches pointiert und sachgerecht formulieren. Auch ich halte es in meinen Newslettern so. Wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke, so gäbe schon einiges, das ich auf dieser fiktiven Plattform abhandeln könnte, nicht im Sinne von «verreissen» aber doch Fragezeichen setzend.
Genug für heute!
- Mai 2026 Annelise Zwez