Newsletter Juni 2019

azw in „Inversion“ von Stefan Gritsch im Aargauer Kunsthaus Foto: Brigitte Morach

Viel (Frühlings)-Arbeit in und um die von mir betreuten Häuser und Grundstücke, längere Texte privater Art sowie allerlei (Zahn)-Arzt- resp. Physiotherapietermine (Ü70 halt!) haben die Musse, hier und dorthin zu fahren, um das Spannendste der aktuellen Ausstellungen in der Schweiz zu sehen, etwas zurückgedrängt. Trotzdem habe ich einiges gesehen – berichte aber etwas erzählerischer als sonst.

Der Mai steht in Biel seit Jahren im Zeichen des sogenannten „Joli mois de mai“ (Jolimai) in zwei benachbarten Ausstellungslokalitäten in der Altstadt. Von Mittwoch bis Sonntag gibt es daselbst von 18 bis 22 Uhr Ein-Abend-Ausstellungen (oder auch Aktionen/Performances/ Konzerte) der lokalen Künstlerschaft. Das Zielpublikum ist dabei nicht ein überregionales, sondern Präsentation und Austausch unter den in der Region Biel tätigen Kunstschaffenden. Um einen solchen Gemeinschaftssinn wird Biel vielerorts beneidet. Die Qualität ist selbstverständlich unterschiedlich – reicht von klassischen Ausstellungen mit Fotografien und/oder Bildern an der Wand bis zu originellen Installationen und/oder unbekannten Werkgruppen. Ich habe selbstverständlich nicht alle gesehen, aber gleich am 1. Mai gab es u.a. exquisite Aquarelle von Pavel Schmidt mit für ihn typischen (sprachlich brillanten) Texteinschüben; von der „Ungewissheit des Gewissens“ war z.B. die Rede und gleich darunter vom „Vergewissern des Ungewissen“ – sehr schön!

Überrascht hat auch die reiche Ausstellung von Mireille Henry (Bild), die jeweils für den Jolimai aus dem Jura nach Biel kommt.Ihre Malerei mit im weitesten Sinn architektonischen Motiven zeigt sich fragil zwischen Präsenz und „Nichtpräsenz“, man  könnte auch sagen, einem Tasten nach Präsenz; ich mag dieses Behutsame, das sich auch farblich in einem Zwischenfeld bewegt. –

 

Andrea Nyffeler, die vor einiger Zeit von Biel nach Bern zog und jetzt im ehemaligen Atelier von Mariann Grunder arbeitet, kam für den Jolimai zurück. Typisch für sie ist immer wieder die bewusste Nähe zur Sonntagsmalerei, zuweilen haarscharf beim Kipp-Moment. Diesmal zeigte sie Leihgaben einer längst vergessenen Bieler Blumen-Malerin im Dialog zur eigenen Lust, sonntägliche Blumen zu malen; köstlich! Anspruchsvoll und qualitativ überzeugend erlebte ich Hansjörg Bachmanns assoziativ „erzählte“ Geschichte des weissen Fuchses aus dem japanischen Inari-Legendenschatz. Dass sie der Künstler mehrheitlich im winterlich verschneiten Jura inszenierte respektive fotografierte ist ein schöner Kultur-Transfer. –

 Mit viel Tageslust und so richtig gut für den Jolimai war die „Avalanche“ des Trios Isabelle Hofer-Maigraitner, Christiane Lenz und Jocelyne Rickli aus vielen Hundert zerknüllten Zeitungen!

Endlich war ich wieder einmal im Fotomuseum in Winterthur. So richtig begeistert war ich allerdings nicht von dem was ich zu sehen bekam. Gewiss, die Ausstellung von Salvatore Vitali (I/CH) über das (versteckte) Sicherheitssystem der Schweiz ist grundsätzlich interessant und war auch gut inszeniert, aber mir fehlte etwas das Interesse. Und die Ausstellung von Anne Collier (* 1970 Los Angeles) über die Strategien der Fotografie in der Pop-Kultur aus heutiger Sicht fand ich gut, aber auch nicht mehr. Ich ärgerte mich einmal mehr über die Werbung mit sexuell anzüglichen Frauenbildern – hier für Kameras. Aber gerade das intendierte die Fotografin ja natürlich.

Mit Vorfreude ging ich nach Solothurn in die „All Tag“ betitelte Ausstellung von Isabelle Krieg (* 1971). Tatsächlich ist es der in Leipzig wohnhaften Schweizer Künstlerin einmal mehr gelungen, Alltägliches in überraschende Materialität umzusetzen. Und zwar ohne künstliche Überhöhung, sondern nahe an den Dingen. Highlight ist dabei ohne Zweifel die raumfüllende, weiche Ur-Schnur in der Mitte des ersten Saales (Bild).

Ein Must war mir der Besuch der Ausstellung von Stefan Gritsch im Aargauer Kunsthaus in Aarau, habe ich doch schon 1982 (!) den ersten Text zu einer Ausstellung von ihm geschrieben und später noch 5 weitere (siehe unter „Herausgegriffen“ auf dieser Seite. Highlight der aktuellen One-man-show ist der tapezierte Raum mit dem Titel „Inversion“ (siehe Titelbild). Zum einen liebe ich es, von Kunst umfangen zu sein, zum andern gelingt es dem Künstler hier seinen „Markenzeichen“ – den vor allem im Inneren vielfarbigen Farbklumpen und Farbkuben – ein neues Kapitel hinzuzufügen, ist hier doch das Aussen unverhofft mit dem Innen vertauscht. Auch Stefan Gritsch selbst ist begeistert: „Ein fototechnisches Meisterwerk“, sagte er anlässlich des Künstlergesprächs mit Yasmin Afschar (Co-Kuratorin). Auch in den übrigen Räumen war der Künstler überraschend redefreudig (wo er doch sonst manchmal eher abweisend wirkt), erzählte u.a. vom steten Prozess seines Schaffens. „Nur was nicht mehr im Atelier ist, entgeht der Wandlung“. (Gut ist mein Farbklumpen hier bei mir sicher vor ihm!). Gelacht habe ich als er die Tiere aufzählte, die zu „Selbstporträts“ wurden, neben dem DOG und der COW war da nämlich auch auch der APE – wie war das doch 1982, als er den Boden der Städtischen Galerie in Lenzburg mit eleganten, pinselstrichbetonten Affen mit langen Ringelschwänzen auf Papier auslegte! Da war er also schon, der Affe, und die aktuelle Tapete in gewissem Sinn auch.

Trotzdem hätte ich – wäre ich denn die Kuratorin – die Ausstellung anders aufgebaut, zum Beispiel vom „horror vacui“ ausgehend – Stefan Gritschs wieder und wiederkehrende Methode von einer wie auch immer gearteten Struktur auszugehen, um sie zum Bild werden zu lassen. In den 80ern waren das die Umrisslinien seines eigenen, zusammengekauerten Körpers, später u.a. Orangenschalen und jetzt in der Ausstellung ist es u.a. seine Sammlung an kleinen Landkarten, die sich als Netzwerke gleichsam verselbständigen und doch eine Rückbindung haben – formal aber auch inhaltlich, da all diese Landvermessungen aktuelle Konfliktgegenden betreffen.

Die Ausstellungen im Centre Pasquart in Biel besuche ich mindestens zwei Mal. Was an Spannendem direkt vor der Haustüre stattfindet, will ich vertieft erinnern, finde es auch spannend die eigene Reaktion auf einen zweiten Rundgang zu beobachten. Im Fall von Philippe Vandenberg (1952-2009) teilte sich meine Haltung noch stärker als zuvor. Das Werk des Belgiers drückt Selbstzerstörerisches aus und ist von Albträu-men und Depressionen geprägt, z.T. als Folge von Drogenkonsum. Entsprechend ist auch der Titel der Ausstellung: „Kamikaze“. Wiederkehrende Worte sind darüber hinaus auch immer wieder „Kill them all“. Und den Auftakt zur Ausstellung bildet ein Grossformat, das nur noch die Kratzspuren seiner einstigen Bildhaftigkeit zeigt. Das löst bei mir Abwehr aus, auch wenn sehr wohl zu erkennen ist, dass es immer wieder Serien mit geometrienahen Werken gibt, die das Chaotische der expressiven Phasen zu bannen suchen. Andererseits ist unter dem Aspekt der künstlerischen Authentizität die subjektive „Wahrheit“ der Zeichnungen und Bilder unbestritten. Das ist keine Markt-Kunst, das sind viel mehr Schreie wieder den eigenen Schmerz, was immer ihn ausgelöst haben mag. Aber: Man muss sie ertragen können, diese Gewalt, dieses Zerstörerische in Wort und Bild. Abbildung: Das Paradies kennt keine Schatten 96_98

Im Fall der gleichzeitig stattfindenden Ausstellung von Melanie Manchot, die eine überaus gelungene, künstlerische Reportage zum Touristenort Engelberg zeigt, dämpfte der zweite Besuch die anfängliche Begeisterung etwas. Was mir zunächst als ausgezeichnetes Beispiel einer künstlerischen Annäherung an ein Dokumentarthema erschien, war ohne den Überraschungseffekt der ersten Begegnung etwas abgeflacht. Das heisst nicht, dass ich die präzis durchdachte Choreographie ihrer Annäherung an Engelberg plötzlich nicht mehr gut fände, wohl aber, dass die inhaltliche Tiefe, die Bedeutungsschicht, die bei jedem Betrachten tiefer in die Thematik führen würde, doch nicht ganz so gross ist.