Newsletter März 2019

 

Miriam Cahn – Kunstmuseum Bern; Beispiele aus der provokativen Serie der Schönheit von Atompilzen. Foto: azw

Diskussionspunkt Nummer 1 in der aktuellen Ausstellungsrunde der Schweizer Kunstmuseen ist zweifellos die Retrospektive von Miriam Cahn in Bern.

Ihr Werk beschäftigt mich seit bald 40 Jahren – d.h. seit dem legendären „Mein Frausein ist mein öffentlicher Teil“. Dieser Satz passt unglaublich in die aktuelle Aufruhr-Situation, in der sogar ein Frauen-Streik geplant ist. Mir kommt das alles ein bisschen vor wie „kalter Kaffee“. Allerdings gibt es markante Unterschiede: Damals ging es nicht zuletzt darum, Sigmund Freud endlich zu widersprechen, die eigenen, auch sexuellen, Empfindungen als etwas Existentielles zu formulieren. Heute hingegen geht es den meist jungen Frauen jedoch viel mehr um eine gesellschaft-liche Gleichwertigkeit, die Frauen mit Kindern nicht diskriminiert, sondern in ein Ganzes integriert. Da ist tatsächlich noch vieles zu tun!

Miriam Cahn geht es nicht darum – sie gehörte einst zu jenen, welche die traditionelle Familie mit Kindern als „alten Zopf“ bezeichneten! Ihr Credo hat sich nur dahin geändert als sie heute nicht mehr sagt: „Ich als Frau“, sondern „Ich als Mensch“ und damit die Empfindungen aller, egal ob Mann, Frau, Kind, Transgender, dunkel- oder hellhäutig oder dazwischen als gleichwertig betrachtet wissen möchte.

Diesen Wandel macht die Ausstellung insbesondere in den neueren Werken sicht- und fühlbar und berührt mich da.

Wo das ICH hingegen auch 2018/19 immer noch dominiert, ist der Bereich der Sexualität. Provokative Haltungen, Sexualität als „Kampf“ der Geschlechter, gab es in ihrem Werk schon immer und so ist auch der umstrittene „Sex-Raum“ in dem an den Hodler (!)-Saal angrenzenden Kabinett kein #MeToo-Manifest im Sinne eines Aufbäumens wider männliche Gewalt. Es ist vielmehr eine bewusste Provokation, die Sexualität bis heute als ein sehr direktes Kräftemessen zwischen Mann und Frau sieht. Angestrebt wird dabei nicht das K.O. , nicht der „Sieg“ der Frau, sondern der Sieg der „Lust“ am „Kampf“. Nicht umsonst trägt eines der grossen Bilder im Sexraum den Titel „Schön“.

Dass die Sexbilder umstritten sind, liegt auf der Hand, denn es braucht eine ganze Weile, bis man sie durchschaut – gerade in der heutigen, verkrampften Diskussion, wo jede Umarmung schon als Übergriff gewertet wird. Bis man zum Schluss kommt, in welchem Mass Miriam Cahn – durch und durch sie selbst – hier eben einmal mehr kontert und nicht etwa mit den anderen Frauen mitzieht; das war noch nie ihr Anliegen. Das wissen all jene, die einst MIT ihr gestritten haben und heute fast alle – oft zu deren Leidwesen – keinen Kontakt mit der Künstlerin mehr haben.

Dass ich mich kürzlich mit der Basler/Innerschweizer Künstlerin Monika Dillier (*1947) in der Galerie Stampa in Basel, wo Dillier zur Zeit ausstellt, traf, war für mich ein Akt des Interesses aber auch der symbolischen Bedeutung. Monika Dillier war damals, um 1980, eine ganz wichtige – radikale! – „Mitstreiterin“ für die Sache der Frau. Die Galerie Stampa war gleichzeitig die erste Galerie, welche die „Frauenbewegung“ von damals (insbesondere auch über Videos) zeigte und überdies Miriam Cahn lange Jahre vertrat – auch zu Zeiten als diese von der Kunstszene eher stiefmütterlich behandelt wurde. Bis es dann zum Bruch kam; heute wird Cahn von keiner Schweizer Galerie mehr vertreten.

Was sich im Vergleich von Cahn und Dillier zeigt, sind zwei Lebenswege. Cahns Thematik hat sich seit den 1970er-Jahren nicht grundlegend verändert; das gibt ihrem Werk eine Kohärenz, die speziell bei Frauen sehr selten ist und vom Kunstmarkt geschätzt wird. Man kann das also positiv sehen; die Frage ist nur, ob es nicht auch heisst, sich von etwas nicht lösen können?

Monika Dillier steht heute an einem ganz anderen Ort als in den 1980ern (als sie vorab im Bereich Theater/Performance/Film/Installation in Erscheinung trat). Sie ist immer noch eine dezidierte Frau mit unzimperlicher Meinung, aber in ihrem bildnerischen Schaffen sucht sie nicht (wie Cahn) nach der Schönheit eines Atompilzes, so

ndern sehr viel subtiler nach Momenten des „Glücks“ – dem Kleinen, unscheinbaren Ort oder Geschehen, der – aufgeladen mit der eigenen Freude daran – zur Ballade, zum Lied, zur Hommage an etwas oder jemanden wird.

Aktuell zum Beispiel an den Film-Pionier Jonas Mekas, dessen Filme sie in einem „wunderbar improvisierten“ Kino in einer Hintergasse der Athener Documenta von 2017 für sich entdeckte und sich über seine Haltung des Direkten, Unmittelbaren, Ungekünstelten und doch Poetischen verwandt fühlte (vgl. die Kolumne von Hans Ulrich Obrist im „Tagi-Magi“ zum Tod von Meka Ende Januar 2019). Überhaupt ist Griechenland für Dillier zu einem „Mekka“ geworden – ihre Aquarelle sind letztlich vielleicht so etwas wie der Ausdruck des weltberühmten Goethe-Zitats „Das Land der Griechen mit der Seele suchend“ .

 

P.S Soll ich es verraten? – Das Zitat war einst (sprich: 1967) das Thema meines Matura-Aufsatzes!