Julia Steiner und Aquarelle heute Pasquart Biel 2011
Im Pasquart lässt sich lustwandeln
www.annelisezwez.ch Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 2. April 2011
Das Museum Pasquart geht mit viel Sinnlichkeit in die 2. Runde 2011. Julia Steiner zeigt überwältigende Zeichnungen und 27 Aquarellisten bringen farbiges Wasser zum Leuchten.
Aquarelle heute ist eine überraschende Ausstellung für Biel, fanden im Museum Pasquart doch bisher kaum Präsentationen mit Forschungscharakter statt. Es gab wohl thematische Plattformen, aber nie wurde gefragt, wie heutige Kunstschaffende ein spezifisches Medium nutzen. Dient die Wasserfarbe noch immer als Kolorierung wie einst bei Albrecht Dürer? Was hat sich seit William Turners Wolkenlandschaften verändert? Geistert Paul Klees Tunis-Reise noch immer durch die Köpfe? Oder dominieren Experimente?
Für die Ausstellung verantwortlich zeichnet die Kunsthistorikerin Sibylle Omlin, eine bekannte Persönlichkeit in der Schweizer Kunstszene. Dolores Denaro hatte ihr eine carte blanche für eine Gast-Ausstellung gegeben. Und Omlin wählte das Aquarell ich wollte schon lange mal wieder etwas über Malerei im weiteren Sinn machen, sagt sie und erinnerte sich wohl des Projektes Das Gedächtnis der Malerei, das sie vor einigen Jahren mit Beat Wismer vom Aargauer Kunsthaus realisiert hatte.
Die Auswahl liest sich als Whos who von Martin Disler bis Jerry Zeniuk, von Anselm Stalder bis Pawel Pepperstein. Aber auch von Katrin Hotz bis Heinz Peter Kohler aus Biel. Die Wahl ist subjektiv, von praktischen Möglichkeiten mitgeprägt, zeigt aber ohne Zweifel eine breite Palette verschiedenster Ansätze, die bewusst einen Zeitraum von gut 30 Jahren umschreiben. Das Aquarell verlangt viel Könnerschaft; die habe ich bei jungen Kunstschaffenden nicht so zahlreich gefunden, sagt Omlin. Das wundert nicht, ist die Ausstellung doch auch eine Art Rückgriff nach Jahren der Dominanz der Neuen Medien (Fotografie/Video etc.).
Omlin ist mit ihrem Ansatz nicht allein; auch in der Tate Britain in London findet zur Zeit eine Aquarell-Ausstellung statt; dort allerdings historisch ausgerichtet. Und doch gibt es eine Verbindung: Der Schweizer Künstler Uwe Wittwer (geb. 1956) ist hier wie dort vertreten. Zu Recht: Die Grossformate, die er in Biel zeigt, gehören zu den Highlights. Wie er das Fluide der Wasserfarbe nutzt, um eine Art Sehnsucht nach verlorenen Dingen auszud
rücken, ist schlicht grossartig. Ort der melancholischen Reflektion kann die Kunstgeschichte sein, können aber auch hochaktuelle Internetbilder sein, die der Künstler malerisch interpretiert. Das Boot ist, ohne es namentlich zu benennen, möglicherweise bereits eine Arbeit zur Atomkatastrophe in Japan.
Glücklicherweise ist die Ausstellung kein Workshop zur Aquarell-Malerei wie sie das Programm jeder Migros Clubschule anbietet; das heisst, es geht ausser bei Stéphane Brunners Abstrahlungen – nicht um technische Tüfteleien, sondern um malerische, konzeptuelle, inhaltliche Kompetenz, um die Wechselwirkung zwischen Medium und Wirkung auch. So ist bei Josef Herzog (1939-1998) entscheidend wie er den mehr oder weniger farbgetränkten Pinsel übers Papier führt und damit das Erscheinen der Farbspur zum Inhalt macht.
Aquarellieren heisst immer alla prima das heisst, was gesetzt ist, kann nicht mehr korrigiert werden. Konzentration ist gefordert und doch bleibt das sich Zeigende näher an der Vorstellung von etwas als an dessen Präsenz in der materiellen Welt. Das durchzieht die Ausstellung wie ein roter Faden, wobei die Spannweite von inneren Bildern (Klaudia Schifferle, Leiko Ikemura) bis zur Forschung am Medium geht. Thomas Müllenbach zum Beispiel übersetzt die Bilder auf Einladungskarten von Museen und Galerien in Aquarelle unterschiedlichen Formats, womit er nicht nur die Transformation vom Original zum Druck und zurück zu einem neuen Original reflektiert, sondern auch den Kunstbetrieb an sich.
Omlins Konzept ist ein erstaunlich Klassisches; es geht ihr nicht um die Ränder dessen, was man noch als Aquarell bezeichnen kann. Installationen fehlen, es sei denn man bezeichne Vincent Chablais Umsetzungen von Raum- und Seh-Schichten in Papier-Collagen bereits als räumliche Intervention. Ein einziges, leider nur als Video präsentes, Experiment steht im Raum: Hugo Suters farbige Eis-Kugel, die durch drehen, wenden und schmelzen ein Aquarell zeichnet.
Die Ausstellung zu durchwandern ist ein Vergnügen, auch wenn man so bedeutende Künstlerinnen wie Marlène Dumas oder Tracey Emin gerne mit mehreren Arbeiten, nicht nur einem Einzelwerk, vertreten gesehen hätte.
Julia Steiners Kaleidoskop
Dass Julia Steiner (geb. 1982) 2010 den zweiten Berner Manorpreis erhielt, lag gleichsam auf der Hand. Seit der Zuerkennung des Aeschlimann-Cortistipendiums 2006 geht die Karriere der jungen Bernerin nur in zwei Richtungen: Steil hinauf und rund um den Globus. Sie selbst blieb dabei glücklicherweise ganz ohne Allüren. Julia Steiner ist eine unermüdliche Schafferin. Sich mit einem Schälchen von 5cm Durchmesser, wenig schwarzer Gouachefarbe und einem kaum zwei Zentimeter breiten, flachen Pinsel auf die Wände der Salle Poma einzulassen, sagt eigentlich schon alles. Viele Tage hat die Künstlerin unermüdlich gezeichnet, hat ihr inneres Repertoire an organischen, seltener kristallinen Strukturen zu einer faszinierenden, von unsichtbaren Winden in Bewegung gehaltenen Welt wachsen lassen. Und dabei im Zeichenprozess erkannte Gegenstands-formen Vögel, Flügel, Figuren (oder auch nur deren Frisuren) als Zeichen versteckter Lebendigkeit
stehen lassen.
Es ist die erste Wand-Zeichnung der Künstlerin; sie vermag den Dimensionen des Raumes Stand zu halten, auch wenn man sie sich vielleicht noch etwas raumgreifender gewünscht hätte. Vielleicht mischt sich da aber auch nur die raumfüllende, schwarz-weisse Wand-Malerei von Claudia und Julia Müller im Gertsch-Museum in Burgdorf vor einigen Monaten in die Erinnerung ein. Und dann ist da natürlich auch die Nähe zum Bieler Zeichner Matthias Wyss nicht zu übersehen.
Hiefür gibt es allerdings eine einfache Erklärung: Beide waren Bildsprache-Schüler von Beat Frank, der eine an der Schule für Gestaltung in Biel, die andere in Bern. Beat Frank, so Julia Steiner, hat uns enorm Mut gemacht, innere Vorstellungen anzunehmen und ihnen Bildgestalt zu geben. Entsprechend waren die sehr frühen Arbeiten Steiners noch sehr romantisch figürliche Szenen mit Jugendlichen in heiler Berglandschaft etwa. Doch mit dem Hochschul-Studium danach kam die Analyse, die Motive wurden abstrakter, bewusster und doch den Traum, die Phantasie, die Sinnlichkeit nicht über Bord werfend.
Ausgesprochen beredt sind im Pasquart zwei die Zeichnungen auf Wänden und Papieren ergänzende Projekte. Zum einen sind da 140 kleinformatige Etüden in einer Vitrine, die zeigen, dass auch die Intuition der Übung bedarf, um sich professionell äussern zu können. Zum andern ist da der Raum mit dem Archiv eine Vielzahl von Kleinobjekten, die aus Alltagsgegenständen und Fundstücken geformt, gestaltet, genäht, drapiert, verleimt, geknautscht sind. Jedes ist mit seiner eigenen, beschrifteten Kartonschachtel präsentiert. Es ist frappierend, wie diese Fragmente dieser Objekte in den Zeichnungen wiederkehren ohne dort Objektcharakter zu haben, einfach als Muster, die halt doch nicht ungegenständlich sind, sondern in direktem Bezug zu unserer Welt stehen.
P.S.
Die Ausstellung à leau wird ergänzt vom Projekt Fantasmen in Aquarell.
Ingrid Käser (geb. 1976) fordert die Besuchenden auf, ihr auf einem Formular ihre Phantasmen zu notieren.
Die Aufträge werden danach von ihr in Aquarelle umgesetzt und am Samstag, 21. Mai nachmittags präsentiert. Am selben Tag (15 Uhr) findet auch eine Podiumsdiskussion zum Thema Kunstpreise statt.
Bildlegenden:
Klaudia Schifferle, „Ohne Titel“, Aquarell, 30 x 22 cm, 2008. Bild: zvg
Das Boot oder die verlorene Idylle: Aquarell (180×150 cm) von Uwe Wittwer, 2011. Bild: zvg
Ausschnitt aus der Wand-Zeichnung von Julia Steiner in der Salle Poma des Museums Pasquart. Bild: azw

