Newsletter Dezember 2018

Die Jahresausstellungen sind Publikumsmagnete. Hier Vernissage in Chur mit grossformatiger Malerei von Beatrix Sitter-Liver (GR/BE). Titel: Le génie gabonais (2015).  Foto: azw

UNERSCHÖPFLICH. Die regionalen Jahresausstellungen geben zu reden. Bei mir selbst stelle ich fest, dass sich die Ermüdungserscheinungen immer schneller einstellen. Trotzdem weiss ich, dass diese Plattformen für die Kunstszenen von hier und dort wichtig sind. Warum? Wohl, weil sie immer noch als „Gütesiegel“ empfunden werden, weil der Rückgang der Galerien Fenster geschlossen hat, weil die Besucherzahlen die Bilanz der Eintritte aufbessern, weil es trotz der Orientierungsschwierigkeiten in den Sammelsurien wertvolle Begegnungen gibt.

Wichtig wäre indes, dass die Museen – die Gastgeber – diese Ausstellungen mit mehr Ideen bezüglich Inszenierung gestalten. Trotz der knapp bemessenen Einrichtungszeit. Ein simples Nebeneinander ist nicht genug. Ein relativ gutes Beispiel ist heuer – erstaunlicherweise – SCHAFFHAUSEN. Da hat sich die 5köpfige Jury (u.a. mit Rachel Lumsden und Christoph Bauer im Gremium) auf 17 Positionen (aus 102 Eingaben) beschränkt und kaum Einzelwerke gewählt. Das schafft Raum, ist für die Besuchenden verkraftbar und die Substanz anhand von 2 bis 8 Werken fassbar. Nicht zuletzt unterstützt durch einen ansprechenden Katalog.

Auch hat man im Vorfeld offenbar gutes Networking bezüglich Eingaben gemacht, jedenfalls haben sich zahlreiche auswärtige SchaffhauserInnen in ihre „Heimat“-Region zurückgemeldet (z.B. Andrea Heller, das Duo eberli/mantel, Sereina Steinemann u.a.m.)

Auch in SH ist nicht alles Gold was glänzt, aber die neuen Grossformate (Tusche/Aquarell) von Andrea Heller, die von den Parametern eines Luftkompressors (und dem Können des Künstlers) bestimmten Grossformate von Stefan Sulzberger haben sich eingeschrieben. Beeindruckt hat mich auch das Video von Andrin Winteler, das mit den filmischen Möglichkeiten einer Drohne eine einsame Gebirgslandschaft durch laaaangsames Drehen gleichsam in die Rotation der Erde einfügt. Und mehr.

Ausgesprochen zeitgenössisch – sprich: konzeptuell/radikal – hat die Kunstpreisjury (u.a. mit Dorothea Strauss/Mobiliar, Yves Netzhammer) gewählt, als sie der erst 25jährigen Hannah Grüninger den Kunstpreis zusprach. Für Textarbeiten (Siebdrucke auf Pergamentpapier), die ein nicht vorhandenes Bild suggerieren; poetischer als Remy Zaugg seinerzeit, aber in dieser Tradition. Ob das nicht eine zu frühe Auszeichnung ist, und was die ZDHK-Bachelor-Absolventin daraus machen wird, ist noch nicht abzuschätzen.

Themenwechsel: In Bregenz sind Werke von Tacita Dean zu sehen. Ihre grossformatigen Kreidezeichnungen auf Schieferplatten an der Documenta 2012 sind mir unauslöschlich im Gedächtnis. Darum war klar: Nicht verpassen. Die Berglandschaften, die in sich bestehen und zugleich Bezug nehmen zu einer legendenschwangeren Lawine im Montafon im 17. Jh., setzen die Erinnerung fort. Das Licht, der Gegensatz von aufstrebendem Felsen und hinunterdonnerndem, pulverisiertem Schnee ist grossartig eingefangen.Im Zentrum der Ausstellung steht jedoch der neue Film „Antigone“ – wie immer bei Dean als 35mm-Film hergestellt. In der synchronisierten Fassung zweier paralleler Projektionen nebeneinander geht es um endlose Zeiträume (z.T. aufgenommen in dem seit 11’000 Jahren besiedelten Yellowstone-Nationalpark in den USA), aber auch um Schuld und Sühne (Oedipus/Antigone) und von da assoziativ bis zurück zu Moses, der das Volks Israel ins gelobte Land führte, selbst aber zurückbleiben musste. Die alte Bibliothek, in der aus Büchern gelesen wird, schafft Bezüge zum Heute.

Doch: Der Film ist derart befrachtet mit Inhalten, dass er kaum an ein Museumspublikum vermittelbar ist. Ich habe versucht Verweise im Internet zu vertiefen, aber auch so hat sich nicht eigentlich eine Liebe zu „Antigone“ entwickelt und eigentlich auch nicht zu den beiden anderen Installationen, die sich mit dem Medium Film an sich auseinandersetzen. Schade.