Kunsthalle Basel: Netzwerke als Skulptur.Bis 12.11.2000

Raumkörper und andere Gebilde

www.annelisezwez.ch   Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 6. Oktober 2000

Der Basler Kunsthallen-Leiter Peter Pakesch zeigt in „Raumkörper“ oder „Netze und andere Gebilde“ in spannender Weise, wie sich skulpturale Themen wiederholen, wandeln und dabei immer neue Bedeutungen annehmen.

Wer heute von einer Ausstellung hört, die Netze und Raum thematisiert, denkt ohne Zögern zuallerst an die elektronische Vernetzung der Welt im Cyberspace. Die „Raumkörper“ oder „Netze und andere Gebilde“, die Peter Pakesch aus Prag, New York, Frankfurt und Caracas, aber auch der Region Basel zu einer Ausstellung zusammenführte, offenbaren mehr als das. Nämlich, wie sich das Netzwerk-Thema im Laufe der Zeit immer wieder neu formulierte und sich dabei sowohl formal wie assoziativ der Entwicklung innerhalb und ausserhalb des Kunstgeschehens anpasste.

Werke bis zurück in die 50er Jahre zeigen wie der Konstruktivismus der 10er Jahre dem Thema lange zu Gevatter stand, wie die Textilkunst um 1960 den Raum zu vernetzen und zu umgarnen begann, wie die Raumfahrt und mikrokosmische Einblicke den Raum nach innen und aussen sprengten.

Mit dem Verfall des Ewigkeitsanspruchs von Kunst liessen sich neue elastische Materialien ausspannen und zu Raumgebilden dehnen und in der postmodernen Fantasie der Kunst mischt sich letztlich alles mit allem, kreuz und quer um und durch den Globus. Ballone werden zu atomaren Strukturen, Stecknadeln zu Akupunkturpunkten der Welt, transparente Klebebänder zu energetischen Spinnweben, Drähte und Kabel zu Modelliermasse. Die Aktualtität des Raumthemas für die Kunst ist ungebrochen.

Peter Pakesch ist kein Kunsttheoretiker. Das wird ihm in den sprachlichen Fundamenten seiner Ausstellungen oft zum Verhängnis. Auch diesmal ist der Katalog eine Mischung zwischen „schau selbst“ in seiner eigenen Einführung und bei Kunstgeschichtlern in Auftrag gegebenem kunsthistorischem Ballast ohne Spiel und Tanz in den weiteren Texten.

akeschs Stärke ist es indes, dass er spürt, was einander etwas zu sagen hat, unabhängig von Theorie. So koppelt er, zunächst erstaunlich, eine 1994 entstandene, geschlossene Raumskulptur des Aargauers Jürg Stäuble (1948) mit draht-gehäkelten Nerven-Netzen der Amerikanerin Ruth Asawa (1926) aus den späten 50er Jahren. Der Sinn entschlüsselt sich mit einem Modell Stäubles, welches das Gerüst oder Skelett einer möglichen Plastik zeigt. Innenstrukturen, Aussenformen und Realraum vernetzen sich sowohl als Körper wie als Architektur und bieten die Basis zu spannendem Weiterdenken.

Der Reiz der Ausstellung liegt allerdings weniger bei ihrem ästhetischen Gesicht – oft ist kombiniert, was optisch nicht miteinander spricht. Aber als assoziatives Feld in dem sich Ernsthaftes und Ironisches zuzwinkern überzeugt sie. So wirkt zum Beispiel der Knäuel aus farbigen Nylon-Seilen des Deutschen Tobias Rehberger (1966) wie eine ironische Weiterführung dessen, was Grossmutter einst als „Gnusch im Fadechörbli“ bezeichnete, obwohl er offensichtlich auf Kabelgewirre in Grosscomputern bezug nimmt und mit der Arbeit bewusst einen Durchgang unpassierbar macht.

Eindrücklich ist, wie sich die Arbeiten inhaltlich öffnen und doch letztlich immer die Zeit in sich tragen. So sind in den im Raum hängenden Draht-Bild-Zeichnungen des Tschechen Karel Malich (1924) von 1973/79 der abstrakte Expressionismus und Lucio Fontanas raumöffnende Leinwandschnitte deutlicher gespiegelt als heutige elektronische Kabeltänze, zu denen sie auch Bezüge schaffen. Oder: Erst seit Rosmarie Trockels Tricotagen ist Gehäckeltes ohne Kunsthandwerk-Verdacht wieder möglich in der Kunst und erst seit dem Boom der Körperfragmente kann sich beides zur luftigen Installation mit reisgefüllten Körper-Täschchen und schwebenden DNA-Colliers von Denisa Lehocka (geb. 1971 in Bratislava) formen.

Dass Vernetzungen vielfach nur punktuell sichtbar, im wesentlichen aber rein energetischer Art sind, zeigt sowohl der Tuffstein der Ungarin Roza El-Hassan (1961) mit seinen farbigen Stecknadeln wie die kaum sichtbaren Netz-Werke der Aargauerin Franziska Furter (1972), die sich nur als Glanzstreifen auf dem Parkett erkennen lassen.

Pakesch spannt aus, zeigt Aktualität – nicht zuletzt im Netzwerk der Nationen und Generationen, die in ihrem Schaffen demselben Thema Ausdruck verleihen.