Aprikosen entlang der Strasse

Pipilotti Rist: Kunstpreis der Stadt Zürich. 12.01.2001

Am 3. Dezember erhält Pipilotti Rist (39) den Kunstpreis der Stadt Zürich. Fast schon ein Bauchpinseln. Denn die Künstlerin hat mit ihrer sinnlichen Ausstrahlung den Erfolg Zürichs als Kunststadt mitgeprägt.

Wie ein Düsenjet („Mit dem Flugzeug ficke ich den Himmel”) raste Pipilotti Rist in den letzten zwei Jahren um die Welt. Mit einer ständigen Crew von fünf Personen bewältigte sie ein immenses Ausstellungspensum rund um den Erdball. Nun wird sie freiwillig kürzer treten oder, treffender, den Lebensrhythmus für ein Jahr Pepperminta respektive Himalaya (je nachdem ob’s ein Mädchen oder ein Bub sein wird) anpassen. Allerdings nicht in der Schweiz. Im Frühjahr will die Künstlerin mit Baby und Kindsvater Balz Roth nach Los Angeles ziehen, wo ihr die University of California schon vor einiger Zeit einen Lehrauftrag angeboten hat. Im Umfeld von Paul McCarthy und Chris Burden wird sie Studierende in die Video-Kunst einführen respektive das Orten und Visualisieren von Gefühlen lehren.

Vorerst ist aber noch Hochsaison. Am Samstag fand in Zürich in den Räumen des Scalo-Verlags die Buchvernissage zu „Apricots along the street” statt. Ein „extrem philosophisch-poetisches“ Künstlerbuch, wie die Künstlerin sagt. Es zeigt Pipilotti Rists Annährung an die Welt; in Bildern und Texten, die Tagebuchcharakter haben, zugleich aber mehr sind. Nämlich ein Aufzeigen wie entlang der (Lebens)-Strasse Gefundes die eigene Befindlichkeit spiegeln kann. Und dies in Pipilotti-Manier, die da heisst „Körper-Bild-Sprache”.

Wer den Fundus an Atelier- und Reiseaufnahmen, an spontan umgesetzten Bildideen, an Fundstücken und Collagen aus Bildern und Texten mit der Ratio erkundet, wird auf rote Ampeln stossen. Rist ist eine durch und durch romantische Seele – eine Mischung aus Liebeshunger und Todesliebe respektive -angst („Death is a friend, the apricot pip is a friend too”). Beides analysiert sie ganz bewusst nicht über den Intellekt, sondern über eine archetypische Bildwelt, wie sie das Kind und das Kind in der Frau kennen, aber meist nicht zulassen.

Pipilotti Rist spielt damit, sie weiss, wo sie hocken, diese Bilder und zieht sie als Bildmagierin ans Licht. Das können zum Beispiel adaptierte Fingerreime sein, wie sie einst die Mutter erzählte: „Das isch dr Dume, dä schüttlet Pflume …”. Sie schreibt sie in englisch und von Hand rund um (phallische) Finger mit abgekratzem Nagellack, Trauerrändchen und Beissspuren. Rist schönt das Leben nicht, zeigt ihm aber sehr wohl ihre Liebe. Zuweilen in geradezu walserschen Kurztexten: Da etwa, wo neben einem als Scherenschnitt eingelegten, weissen Blatt steht: „Sei meine Braut und ich bin dein Laub”. Andere Texte verweigern sich direktem Nachvollzug – die liest man besser laut, wie Musik, und fährt damit durch die gedruckten Video-Stills. Pipilotti wäre nicht Pipilotti, wenn sie ihre Leser/-innen nicht direkt einzubeziehen versuchte. Am Schluss des Buches zum Beispiel gibt es eine Doppelseite mit „Bild-Aufklebern” für die „Buffalo section” oder für das „Bicycle”.

Man kann das alles auf die leichte Schulter nehmen, doch dann wird man das Buch schnell weglegen und nicht merken, dass das, was Pipilotti Rist eigentlich will so etwas wie eine ebenso sinnliche, wie lebenshungrige, wie verletzbare, wie beschwörende „Hoffnungsmaschine” ist.

„Apricots along the street”, Scalo-Verlag, 224 S., broschiert, 48 Franken.