Maria Dundakova Rathaus in Aarau. Bis 04.10.2002

Lebensspur zwischen Salz und Honig

www.annelisezwez.ch     Annelise Zwez in Aargauer Zeitung August 2002

Gegenläufiges mit temperamentvoller Geste zu verbinden, ist eine der Stärken von Maria Dundakova. In ihrer Ausstellung im Rathaus in Aarau schlürft die Honigfrau den Sekt des Löwenmäulchens. Über salzigen Spuren der Vergangenheit.

Das Rathaus war randgefüllt als Paolo Bianchi an der Vernissage die Poesie als den Kern von Maria Dundakovas Schaffens bezeichnete. Poesie als Kraft des Wandels der Dinge durch die Geste der Emotion. Das Zusammensehen von Welten wie Salz und Honig. Dazu Musik – nicht als nette Umrahmung – sondern von der Künstlerin in Zusammenarbeit mit Holger Stenschke komponierte. Ein elektronisches 6-Minuten-Stück, von mehreren Lautsprechern zusammengeführt. Ein Stück, kürzlich am Festival für elektronische Musik in Bourges (F) uraufgeführt, in dem die Stimme eines Kindes im Spiel mit tanzenden Wassertropfen und einem Vogel zum Sinnbild der Erneuerung wird. Maria Dundakova nennt es eine Erweiterung des Sun Rite-Projektes, das 1991 in Dublin seinen Anfang nahm. Keinesfalls ist das Vorstossen in die Musik eine Abwendung vom Bildnerischen; schon immer tanzte die in den 60er Jahren in Sofia in Wandmalerei und Film Ausgebildete zwischen den Medien.

An der Vernissage (leider kann die Musik aus ortsspezifischen Gründen nicht dauernd gespielt werden) verbanden die trillernden und trällernden Sommer-Klänge die Werkgruppen: Fotografien und Materialarbeiten aus dem „Bauernhaus-Ritus“ von 1988/91 und üppig sinnliche Lebensbilder von 2000/2002. Damals wurde vor ihrem Atelier in Aarau ein Bauernhaus abgerissen um Mehrfamilienhäusern Platz zu machen. Um den Wandel festzuhalten machte die Künstlerin von Türen und Fensterläden, aber auch von Gegenständen Abdrucke mit einer selbst angerührten Papiermasse. Und sie setzte Zeichen in die Baugrube und fotografierte sie, Signale menschlicher Präsenz zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Was in einer Ausstellung 1993 in Oberentfelden – kurz nach der Rückkehr von den Tanz-Performan-ces in Rio de Janeiro – noch als Spuren-Arbeit wirkte, hat jetzt eine Art Memento Charakter. Indem die Künstlerin durch die zwei Ausstellungsteile das Salz der Erde und den Honig der Sinnlichkeit als Gleichzeitigkeiten präsentiert, ensteht ein Zeitrad ewiger Wiederkehr.

Spannend ist auch der Wandel des medialen Blicks. Nahm man die Fotografien 1993 noch primär als Dokumentation einer (heimlichen) Performance in der Baugrube wahr, so sieht sie der Fotografie im Kunstkontext gewohnte Blick jetzt viel stärker als Bilder, was ausgesprochen gewinnbringend ist, umsomehr als die Künstlerin die Fotos heutiger Praxis entsprechend hinter Plexiglas aufziehen liess. Überzeugend insbesondere in der direkten Gegenüberstellung des grössten „Materialfragmentes“ und einer grossformatigen Gesamtaufnahme der Baugrube: Körperhaftigkeit da, virtuelle Bildpräsenz dort.