„Painting on the Move“ in drei Basler Museen 2002

Hat die Malerei noch eine Chance?

www.annelisezwez.ch     Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 4. Juni 2002

Die Malerei hat im 20. Jahrhundert Revolutionen erlebt. Um 1970 wurde sie für tot, 1980 für reanimiert und 1990 erneut für tot erklärt. Jetzt versucht Basel – im Vorfeld der „Art“ – erneut sie zu wecken.

Wenn die drei öffentlichen Kunstinstitutionen – das Kunstmuseum, das (dazugehörende) das Museum für Gegenwartskunst und die Kunsthalle – zur ersten gemeinsamen Ausstellung seit Jahrzehnten finden, muss der Druck gross sein. „Painting on the Move“ ist nichts weniger als der Versuch, der seit rund 10 Jahren (wieder einmal) totgesagten Malerei eine neue (Markt)-Plattform zu geben. Das Timing ist perfekt, in drei Wochen öffnet die weltgrösste Kunstmesse, die „Art 33“ in Basel ihre Tore. Und die den Kunstmarkt tragenden Galerien können Malerei halt noch immer besser verkaufen als Fotografie, Video und Installationen. Kunststück, dass sie lobbyieren. Und die Museen Basels kooperieren. Zum einen weil es höchste Zeit ist, Basel mit einem Coup (wieder) als Gegenkraft zur Kunststadt Zürich zu positionieren, zum andern, weil die Kunst selbst ihnen recht gibt.

Die Malerei war nie tot, sie war für viele Kunstschaffende immer das Labor, in dem sich Bild-Forschung am nächsten beim Individuum entfalten konnte. Aber der Kunstblick richtete sich weniger darauf. Jetzt, 2002, auf das „Jahrhundert der Malerei“ zurückzublicken, ist spannend und die Frage nach dem heute und wohin ebenso. Ob allerdings, wie etwa 1981 im Rahmen von „Westkunst“ in Köln, eine neue Welle der Malerei – damals die italienische „Transavanguardia“ und die deutschen „Wilden“ – losgetreten werden kann, ist fraglich. Dazu bieten insbesondere die Werke der mehrheitlich jungen Malerinnen und Maler in der Kunsthalle Basel zu wenig wirklich Neues. „Nach der Wirklichkeit“, so der Titel, hat nicht die Kraft, „Malerei nach der Malerei“, wie vor einigen Jahren in Winterthur die „Fotografie nach der Fotografie“ zu sein; déjà vu und Nuancen sind der Tenor (mit Ausnahmen).

„Painting on the Move“ ist nur zum Teil eine Gegenwartskunst-Ausstellung. Die Initiative kam vom Kunstmuseum, das, so sagt man, europaweit eine der schönsten Sammlungen an Malerei des 20. Jahrhunderts besitze. Und es gehört zum guten Museumston heutzutage – man denke an die noch laufende und sehenswerte „Zeitmaschine“ in Bern – die Sammlung neu aufzumischen. So hat auch Bernhard Bürgi in seiner ersten grossen Schau im Haupthaus die Spätimpressionisten, die Kubisten und Expressionisten, die Konstruktiven und Surrealisten über die Popartisten bis zur Gegenwart neu kombiniert und mit Leihgaben bis hin zur „Strasse“ von Kirchner aus dem Moma in New York aufpoliert. Er agiert dabei nicht ganz so wild wie Ralf Beil in Bern, aber auch mit Lust und Fantasie.

Die grossen Strömungen werden in ihren Wandlungen und Gleichzeitigkeiten ausgespannt, mal mit überraschenden Effekten, mal weniger geglückt. Bezeichnend, dass die Basler Zeitung, die „ihr“ Haus am besten kennt, die Schau in ihrem ersten Kommentar zerzaust – so verkrustet und „heilig“ ist offenbar der Blick auf die grossen Schätze. Keine Logik, kein roter Faden, Dialoge wo es in der Geschichte nie welche gab, wirft Hans Joachim Müller dem Museumsdirektor vor. Falsch. Bürgi befragt ganz bewusst und gezielt das Einzelbild und dies aus dem Blickwinkel der Gegenwart (Bürgi war vor seinem Amtsantritt in Basel Direktor der Kunsthalle Zürich). Und die Gegenwart denkt nicht in Linearitäten, sondern in Gleichzeitigkeiten, kombiniert Kontraste und Ähnlichkeiten, die real vielleicht nie gedacht wurden, sich in der medialen Gegenwart heute aber so zeigen und dementsprechend neue Dialoge evozieren. Bürgis beste Beispiele sind dabei jene, die nicht von Theorie, sondern ganz vom Bild als Bild ausgehen: Da hängt zum Beispiel ein hochformatiges Werk von Emil Nolde von 1911, das deutlich beeinflusst von der gegenständlichen Symbolsprache Afrikas „Figur und Maske“ zeigt, schwarz-weiss-gelb-blau. Daneben das ähnlichformatige, konstruktive, zwischen Kalligraphie und Gitter stehende, ungegenständliche „Noir et blanc“ von Theo van Doesburg von 1918. Die Spannung der 10er Jahre – der Revolutionsjahre der Malerei des 20. Jahrhunderts – könnte spannender kaum zum Ausdruck kommen.

Konnte Bernhard Bürgi die Schau bis 1960 mehrheitlich aus eigenen Beständen bestücken, musste er danach auf Brautschau, zum Beispiel bei der Daros- oder der Flick-Collection. Die 80er Jahre sind dennoch schwach vertreten und der Gegenwarts-Saal reichlich zufällig. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass das Basler Museum für Gegenwartskunst respektive die integrierte Emanuel Hoffmann-Stiftung seit den 70er Jahren vor allem auf Reduktion und Konzept ausgerichtete Arbeiten sammelte.

Entsprechend zeigt sich der zweite Teil von „Painting on the Move“ mit dem Titel „Es gab nie ein letztes Bild“ verhalten. Der einzige „Immendorf“ hängt mit seiner provokativen Frage „Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?“ ziemlich einsam. Stattdessen steht die Antibild-Haltung im Vordergrund, die Reduktion von Malerei auf den Pinselabdruck Nr. 50 bei Niele Toroni etwa oder – nur scheinbar üppig – die Ausrichtung auf Farbe und Gestus an sich beim Franzosen Bernard Frize. Knapp am Tod der Malerei vorbei, zeigen sich die mit malerischen respektive figurativen Erinnerungen spielenden Werke Raoul de Keysers und Luc Tuymans geradezu erzählerisch während sich die lackfarbenen Bodenstücke von Adrian Schiess mit Spiegelungen begnügen. Die Zukunftsentwürfe? Sie schreiben vor allem Vergangenheit fort; Gary Hume und Laura Owens, die quasi fürs 21. Jahrhundert stehen, überzeugen wenig.

Entsprechend lastet die Frage nach der Chance der Malerei bei der Kunsthalle. Indem Peter Pakesch seine Auswahl auf die Frage, wie jüngere Kunstschaffende technische Bilder in Malerei verwandeln, beschränkt, setzt er indes nur partiell Akzente. Denn es geht nicht um Wechselwirkung in einem umfassenden Sinn, sondern um Fotografie (seltener Film) als Malerei. Geschichtlich vom Fotorealisten Cuck Close ausgehend, der das fotografische Bild aufbläst und den Raster in Pattern Art verwandelt, führt der Weg über Untersuchungen zu farblichen und räumlichen Wirkungen hin zur Subjektivität des Sehens als Trumpf für die Malerei.

In die Malerei könne man Zeit einbringen, sagt Antje Majewski. Bildfehler können entscheidend sein für die malerische Stimmung, meint Xie Nanxing. Dennoch ist es nur eine Nuance vom Fotorealismus der späten 60er Jahre zu den Bildern Majewskis. Xie Nanxings nach fotografierten TV-Bildern gemalten Blow Up-Ausschnitte in Blautönen sind da schon geheimnisvoller. Die junge Lucy McKenzie komponiert von Fotografie in Malerei Übertragenes zu „globalen“ Konstellationen, Martin Kasper schält aus Raum-Fotografien Farbe und Konstruktion heraus, zwei spannende, wenn auch nicht wirklich neue Ansätze. Immerhin besser als die zahlreichen Porträts, die der aktuellen Fotografie qualitativ schlicht nicht stand zu halten vermögen. Mit einer Ausnahme: Martin Kippenberger malte kurz vor seinem Tod eine Möchtegerne-„Prinzessin“; indem er ihre rechte Iris am Augenlid „aufhängt“ hebt er die Sicht aus den Angeln und lässt sie und die Betrachter neu schauen. Dass Malerei Film aufladen kann indem sie Bewegung in angehaltene Zeit verwandelt, zeigt – überzeugend – die Hinterglasmalerei der Bernerin Silvia Gertsch.