Frühwerke erlauben neue Rück-Sicht

Retrospektive Serge Brignoni in der Fondation Saner in Studen. Bis 27.06.2004

80 Jahre lang hat Serge Brignoni gemalt. Er gilt als einer der wichtigen Schweizer Surrealisten. Vor anderthalb Jahren verstarb er in Bern. Die erste Rück-Sicht ist jetzt in der Fondation Saner in Studen zu sehen.

1940 kam der Maler und Bildhauer Serge Brignoni mit seiner Frau Aranis halsüberkopf zurück nach Bern. Krieg. Das seit 1923 in Paris geschaffene Werk hatte er früher schon in einen Keller eingelagert. Nicht Bomben, sondern eine Überschwemmung zerstörte indes das gesamte Kunstgut.

Dieses kapitale Ereignis prägte in der Folge nicht nur das zukünftige Schaffen Brignonis, sondern auch die Rezeption seines Werkes. Die wenigen erhaltenen Werke vor 1940 waren immer nur eine Andeutung seiner Rolle im Kontext des Surrealismus. So ist es denn von unvergleichlicher Bedeutung, dass in allerletzter Zeit in der Galerie Jeanne-Bucher in Paris, wo Brignoni in den 30er-Jahren ausstellte, unverhofft einige kleine wichtige Werke zum Vorschein kamen.

Die Fondation Saner kann nun in ihrer Ausstellung mit knapp einem Dutzend Arbeiten aus der Frühzeit glaubwürdig dokumentieren, dass Serge Brigonis surrealistisches Gesamtwerk nicht ein verspätetes ist, sondern seinen Anfang in den wichtigsten Jahren nahm. Als in Paris freie, aus der Psyche geborene Formen zu realitäts-unabhängigen (sur-realen) Geschichten wurden.

Erstmals wurde dieses erweiterte Konvolut im vergangenen Jahr in der Villa Cedri in Bellinzona gezeigt. Brignoni war ursprünglich Tessiner. Die Ausstellung in der Fondation Saner in Studen ist nicht eine Übernahme dieser Ausstellung zum 100. Geburtstag des Künstlers, wohl aber in Zusammenarbeit entstanden. Sie kann überdies davon profitieren, dass 2003 im Kontext der Tessiner Ausstellung im Benteli-Verlag eine Monographie erschien, in welche, unter anderm, die neue, ergänzte Sicht auf Brignonis Werk formuliert (Karl Biffiger).

Wie die Gruppe – es ist bei weitem nicht das gesamte erhaltene Frühwerk – aufzeigt, war Brignoni nicht ein radikaler Surrealist der ersten Stunde. Er verkehrte zwar in den eingeschlägigen Kunstkreisen, gehörte aber nicht zum engeren Umfeld André Bretons. Er suchte vielfach die Kombination von traditioneller Komposition und freier figürlicher Form. Die typische, später in tausend Varianten wiederkehrende Brignoni-Figur, die den (weiblichen) Körper in organischen Rundformen wachsen und wuchern lässt, ist da bereits geboren. Es gibt aber auch theatralische Inszenierungen, wie „les acrobates“ von 1926 oder „Affinités secrètes“ aus demselben Jahr, die dunkle Bezüge zur „pittura metafisica“ schaffen.

Als Brignoni 1940 nach Bern kam, war er mausarm. So malte er – contre coeur, aber doch zur Anpassung bereit – in der Folge zahlreiche Berner und Tessiner Landschaften, in einem dem Pointilismus verwandten Stil. Ein Beispiel dokumentiert in Studen diese kunstgeschichtlich wenig wichtige Phase. Das Interesse der Ausstellung gilt der Wiederkehr und der neuen Blüte der surrealistischen Malerei. Diese ist fortan stärker der Natur verbunden, erinnert daran, dass Brignoni schon als Jugendlicher von den Naturwissenschaften fasziniert war. So kann man viele spätere Werke des Künstlers als malerische Blicke ins Innere von Naturprozessen – insbesondere von Zellanhäufungen, -wanderungen, -teilungen, Samensträngen und –reisen bezeichnen. Gleichzeitig ist aber auch Brignonis grosse Interesse an der aussereuropäischen Kultur zu als Ort der Inspiration zu nennen, vor allem im Bereich der Figur.

Allerdings erreicht das Werk des Künstlers, mit Ausnahmen, erst in den 60er-Jahren wieder die Freiheit, die einst die 30er-Jahre anlegten. Die Ausstellung betont denn auch die Periode von den farblich feinabgestuften 60ern zu den intensiv farbigen, oft auf grün und blau mit gelb und rot aufgebauten 70er- und 80er-Jahren, ja es gibt da sogar die Staffelei mit dem „letzten Bild“ des Künstlers. Die malerisch und kompositionell eindrückliche Befreiung in den 60er-Jahren, die verbunden ist mit einem stetig steigenden kommerziellem Erfolg, ist im Kontext des abstrakten Surrealismus zu sehen, der damals in der Schweiz eine heute fast vergessene Hochblüte hatte.

Brignoni gilt in der Schweizer Kunstgeschichte nicht nur als wichtiger Vertreter des Surrealismus im Bereich der Malerei, sondern auch als bedeutender Plastiker. Eine 1934 geschaffene Skulptur gilt als die erste Eisen-Skulptur in der langen Tradition dieser Gattung in der Schweiz überhaupt. Die grosse Ausstellung im Kunstmuseum Bern 1997 setzte den Akzent hierauf. In Studen sind einige Beispiele ausgestellt, vermögen aber die Dimension, die das Plastische im Gesamtwerk einnimmt, nicht gültig aufzuzeigen.

Wie fast immer stehen die Austellungen in der Fondation Saner in Wechselwirkung mit der Sammlung des Unternehmers Gerhard Saner. Auch diesmal loten prägnante Werke der Sammlung aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren einen malerischen Bogen über 30 Jahre hinweg aus.