Tanzende Tüten – was mehr?

Videoinstallation Martin Guldimann im Espace libre in Biel. Bis 04.06.2004

Farbige Plastiktüten tanzen im Bild und tausende türmen sich auf dem Boden des Espace libre im Centre PasquArt. Für die Installation zeichnet der Berner Foto- und Video-Künstler Martin Guldimann.

Der von der visarte Biel betriebene „Freie Raum“ im PasquArt-Areal hat zur Zeit einen guten Draht zur Berner Kunstszene. Nach Andrea Nyffeler ist jetzt Martin Guldimann zu Gast. Der 1970 in Solothurn geborene weilte 2002 mit einem Stadtberner Stipendium in New York. Da entstand auch „Floating“, die Video-Installation, die er im Espace libre zeigt.

Die hauchdünnen, farbigen Plastiktüten, die auf der Videoprojektion tanzen und dabei geradezu körperlich werden, sind verführerisch leicht. Rot und blau und gelb und weiss und grün fliegen sie im (Ventilator-)wind auf und ab und hin und her, füllen sich und fallen wieder in sich zusammen respektive aus dem Bild. Oder, könnte man sagen, zurück ins Meer der wie Herbstlaub den Boden bedeckenden Plastiksäcke. Weich fliessende (von Javonne Randle für die Arbeit komponierte) Musik lullt die Kunstgänger, die irgenwo in den Tüten stehen, ein.
Wer sich an den Film „American Beauty“ erinnert fühlt, wo ein Knabe mit einer Videokamera einen von Windstössen getriebenen Plastiksack verfolgt und sich von dessen Tanz betören lässt, hat recht. Der Film war dem Künstler Inspiration, gekoppelt mit dem Erlebnis der Omnipräsenz der farbigen Tüten im amerikanischen Alltag. Bestehendes Bildmaterial nicht nur manipulieren, sondern recht eigentlich neu interpretieren, ist typisch für Martin Guldimanns Arbeitsweise. Es ist gibt zum Beispiel auch Reanimationen von Zeitungsbildern.

Ob Guldimann im Fall von „Floating“ über ein kurzes Wohlgefühl hinaus genügend Substanz erreicht, ist indes fraglich. Möglich, dass für Amerikaner und Amerikanerinnen die unmittelbar-eigene Beziehung zu den täglich genutzten Säcken das Erlebnis der Installation potenziert. Hierzulande fällt dieser Aspekt aber weitgehend weg, da wir in unserem Alltag mit anderen Säcken aus den Läden kommen. So fällt die heimlich-kritische Facette des „täglichen Konsums“, wie ihn die Direktorin des Kunsthaus Langenthal, Marianne Burki, in ihrem Text zur Ausstellung erwähnt, weitgehend weg. Und es bleibt eigentlich nur die „Malerei“, das „Spiel“, der Wechsel vom Rascheln der Säcke beim Umhergehen im Raum zum bewegten Tanz. Das ist schön, das ist leicht, das ist poetisch, aber es reicht nicht ganz, um sich als Geheimnis dauerhaft einzuschreiben. So ist das Erlebnis wie das Video selbst – ein Moment, gefüllt mit Luft, ein Moment der Betörung … bis die Luft draussen ist und das Bild wieder vergessen geht (bis 4.Juni).