Die glorreichen 50er – Sam Francis und Bern

Ausstellung im Kunstmuseum Bern. Bis 18.06.2006

Ob in Zürich, in Basel oder in Bern, allenthalben buhlen die Kunstmuseen um die Gunst potenter Sammler; offenbar ein Zeichen der Zeit. In Kunstmuseum Bern wird nach China schon wieder ein „China-Fenster“ gezeigt, um Uli Sigg die Referenz zu erweisen. Und in der aktuellen Hauptausstellung geht es um die langjährige Liebe von Sam Francis zu Bern respektive den Einfluss des US-Tachisten auf junge Berner Künstler wie Franz Fedier, Samuel Buri, Rolf Iseli und Peter Stein in den 1950er-Jahren.

Für die Schweiz entdeckt wurde der damals in Paris lebende Francis (1923-1994) vom Leiter der Kunsthalle Bern, Arnold Rüdlinger, der ihn in „Tendances actuelles III“ 1955 zeigte. Danach jedoch beruhte Francis Beziehung zu Bern auf der Freundschaft mit dem Berner Kunsthändler und Sammler Eberhard W. Kornfeld, der zu einem der wichtigsten Galeristen Francis’ in Europa wurde. Und so folgt im Berner Museum nun nach der Ausstellung zum 70sten Geburtstag von Eberhard W. Kornfeld der Ausdruck der Wertschätzung als Freund und Geschäftspartner Francis’. Die Folge davon ist direkt ablesbar: praktisch alle gezeigten Werke des Künstlers stammen aus Schweizer Privatbesitz.

Die von Matthias Frehner, Simon Oberholzer und Betty Stocker (Biel) kuratierte Ausstellung ist eine Augenweide – zumindest empfinden wir Francis’ losgelöst von jeglicher Gegenständlichkeit mit rhythmischer Souplesse auf meist grosse Formate gesetzte Farbflecken heute so. Und können uns nur mit Mühe vorstellen, welche Revolution die sinnlich-gestische Befreiung vom Gegenstand beinhaltete und welch heftige Diskussionen sie in den 1950er-Jahren auslöste. Das nimmt der Ausstellung die unmittelbare Brisanz. Wichtiger ist, dass sie den weltweit populären Künstler auf seine Entwicklung von 1950 bis ca. 1980 zurückführt und damit die Essenz seines Schaffens zeigt.

Auch kaum mehr nachvollziehbar ist, welchen Mut es für die jungen Berner Künstler damals brauchte, sich von der Tradition abzusetzen und den Strömungen des Tachismus und des abstrakten Expressionismus zu folgen. Doch vielleicht gerade deswegen überzeugt die Frische und die Ausdruckskraft der Werke von Fedier, iseli, Stein und Buri aus den späten 1950er-Jahren bis heute; aus Schweizer Sicht ist der diesbezügliche Hauptsaal vielleicht sogar das Highlight der Ausstellung. Für sie war Sam Francis, oder träfer, alles was Rüdlinger damals mit dem hauseigenen Transportcamion von Paris in die Kunsthalle Bern karrte, von virulenter Bedeutung. „Rüdlinger schickte uns alle nach Paris in die Ateliers – es lebten damals ja so viele Amerikaner da – und die Diskussionen im Stammlokal „Deux Magots“ waren für uns Elixier“, sagt Rolf Iseli und der kürzlich verstorbene Franz Fedier hätte ihm sicher beigepflichtet, lebte er doch damals primär in Paris. Während Peter Stein betont, er sei nicht von den gemeinsamen Besäufnissen beeinflusst gewesen, er habe für sich experimentiert. Eine Art Exklave – einer von hoher Qualität notabene – sind die Arbeiten des 20jährigen Samuel Buri aus dieser Zeit, Werke die der bald schon wieder zur Gegenständlichkeit Zurückkehrende immer unter Verschluss hielt. Doch ob nicht gerade er am meisten von Francis’ Mut zur strahlenden Farbe profitiert hat, steht nach dieser Ausstellung zumindest zur Diskussion.

Kontrovers wird in Bern darüber gesprochen, warum gerade diese vier Künstler ausgewählt wurden, standen doch viele mehr im Banne dessen, was sich in den 50er Jahren in der Kunsthalle Bern tat. Die Ausstellung, so Matthias Frehner, wolle keine Aufarbeitung der 1950er-Jahre sein, sondern exemplarisch zeigen, wie direkt die Internationalität Berns damals auf das lokale Klima wirkte. Ein vertiefender Blick habe überdies klar werden lassen, so Frehner, dass nur wenige Berner Maler die Einflüsse schon in den 50er-Jahren in amerikanische Formate umsetzten, für die meisten sei der Umschwung erst ab 1960 aktuell geworden.

Der Katalog enthält u.a. einen fundierten Text von Hans Joachim Müller. Fr. 38.-