Rückschau auf 20 Jahre Stiftung Sammlung Pasquart Biel_Buchtext 2010

„Sammeln von Kunst – Sie wissen es – ist keine einfache Sache“

www.annelisezwez.ch    Annelise Zwez in der Buchpublikation zum 20-Jahr-Jubiläum  des Centre Pasquart in Biel. Hauptbeitrag des Kapitels „Stiftung Sammlung Pasquart“


„Es gibt keine überzeugendere Form, einem Kunstschaffenden Anerkennung zu zeigen, als die eines Kunstankaufs“. Der erste Punkt von Andreas Meiers Plädoyers für das Sammeln von Kunst in einer öffentlichen Institution anlässlich der Vernissage der Ausstellung „Im Bereich des Möglichen II“ am 28. März 2000 in Alt- und Neubau des Pasquart, hält in knappsten Worten das Konzept der Stiftung Sammlung Pasquart fest.

Vor allem geht aus dem Zitat klar hervor, dass das Sammeln von Kunst in der Vision des Gründungsdirektors in direkter Wechselwirkung zum Schaffen von Kunst steht, dass Innovation und Bewahren keine Widersprüche sind, das Sammeln vielmehr die Basis für eine lebendige Geschichte beinhaltet.


Die Ausstellung „Im Bereich des Möglichen“ skizziert einen möglichen Umgang mit dem Thema  Sammlung zehn Jahre nach der Eröffnung des Bieler Kunsthauses. Sie speist sich aus Schenkungen und Ankäufen 1990-2000 an und für die Stiftung Sammlung Pasquart sowie aus Werken der Städtischen Kunstsammlung und  aus Privatbesitz. Eine Trinität, die vor allem im ersten Pasquart-Jahrzehnt Maxime ist. Beredtes Highlight für das Ausstellungs-konzept ist die Kombination des installativen und multimedialen „Lust-Gartens“ von Chantal Michel mit ernsthaften Auseinandersetzungen mit Phänomenen der Natur von Herman de Vries, Mario Reis, Ruedy Schwyn und Giuseppe Penone.


Bereits 1991/92 hatte Andreas Meier eine Ausstellung mit demselben von Markus Raetz geborgten Titel eingerichtet, damals, noch ganz am Anfang der Geschichte des Pasquart, als „visualisierte Absichtserklärung“ und klar auf die gerade abgeschlossene Epoche der 1980er-Jahre ausgerichtet. Es wurde quasi aufgezeigt, wie eine aus regionaler und nationaler Aktualität der Kunst hervorgehende Bieler Kunstsammlung aussehen könnte. Ausgestellt waren Leihgaben aus Privatbesitz, aus der Berner „Stiftung Kunst heute“, der städtischen Sammlung sowie der noch bescheidenen Pasquart-Sammlung; Werke von Ueli Berger, Heinz Brand, Carl Bucher, Roman Buxbaum, Miriam Cahn, Martin Disler, Peter Fischli/David Weiss,  Franz Gertsch, Mariann Grunder, Josef Felix Müller, Markus Raetz, Klaudia Schifferle, Ben Vautier, René Zäch und anderen.


Mit Freude – und auch ein bisschen Staunen – kann man aus der Rücksicht von 2010 feststellen, dass mit Ausnahme von Müller und Gertsch alle diese Kunstschaffenden heute definitiv in der Stiftung Sammlung Pasquart vertreten sind. Und dies obwohl die von Donald Hess alimentierte „Stiftung Kunst heute“ ihr Domizil nicht – wie einst erhofft – in Biel fand, sondern in Bern.


Die Sammlungs-Ausstellungen verweisen im Verbund mit weiteren bis in die frühen 1980er-Jahre zurückreichenden Aktivitäten, dass dem Aspekt eines Kunstmuseums, das sowohl Wechselausstellungen zeigt wie Kunst sammelt und zeigt, eine wichtige, anfänglich sogar dominante Rolle zukommt. Erst im neuen Jahrtausend gerät der museale Strang etwas ins Stocken, sodass sich just zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Publikation eine neue Strategie aufdrängt respektive bereits in die Wege geleitet ist.

Alles beginnt 1975. Und ähnlich wie einst bei Oberst Friedrich Schwab, gut 100 Jahre später bei Aristide Poma (1993) und eben erst bei Alice Meier…mit einem Testament respektive einer Erbschaft. Dora Neuhaus (1889-1975) vermacht ihre Gebäude an der Schüss-promenade der Stadt Biel mit dem Auftrag, darin ein Kunstmuseum zu etablieren. Biel muss sich mitten in der Uhrenkrise bewusst werden, dass das 1873 eröffnete Museum Schwab Biel  zwar zur ersten Stadt im Kanton Bern mit einem eigenen Museum für Kunst und Geschichte machte, dass die Lorbeeren von einst aber gründlich ausgedörrt sind und im Vergleich zur übrigen Schweiz Nachholbedarf besteht. 1979 gründet die Stadt eine Abteilung Kultur und wählt Andreas Schärer zu deren Sekretär. Aufgrund einer Initative der Kunstkommission erwirkt er im Verbund mit Departementschef  Fidel Linder (FdP), dass der seit langem kulturpolitisch aktive Bieler Kunsthistoriker Andreas Meier 1983 den Auftrag erhält „Ausstellungsmöglichkeiten für das städtische Kunstgut“ abzuklären. Ausgangspunkt ist somit die Idee eines Museums, nicht einer Kunsthalle. Gesucht wird ein Ort, um die Sammlung der Stadt Biel öffentlich zu machen.


Wie um dies zu untermauern, verkauft die Stadt 1983 über das Auktionshaus Dobiaschofsky in Bern Teile der einst unter falschen Annahmen erworbenen Reder-Sammlung und erzielt damit einen Erlös von 105 000 Franken. Diese werden sogleich in Ankäufe umgesetzt, namentlich Illustrationen von Jörg Müller und Emil Zbinden sowie ein Hauptwerk von Bruno Meier. Dass der Weg zu einem Bieler Kunstmuseum noch manche Hürde zu nehmen haben würde, zeigt die bittere Anekdote, die gleich darauf folgt. Alt-Baudirektor Hans Kern wirft der Stadt vor,  mit den getätigten Ankäufen ihre bei 100 000 Franken limitierte Finanzkompetenz um 5000 Franken überschritten zu haben. Als Konsequenz muss die Kunstkomission den Betrag zurückbezahlen, respektive eine Budgetkürzung über  5 x 20 000 Franken hinnehmen. Ein Schlag ins Gesicht.


Unabhängig davon kommt Andreas Meier in seiner ersten Analyse zum Schluss, dass sich die bestehenden Neuhaus-Gebäude wohl für ein kulturgeschichtliches Museum eigneten, für die Präsentation der städtischen Kunstsammlung aber ein Anbau realisiert werden müsse. 1985 wird das Museum Neuhaus eröffnet und darin auch die als Stiftung konzipierte Sammlung Robert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In der Bieler Kunstszene wird befürchtet, dass das Projekt eines auf die Gegenwart ausgerichteten Kunstmuseum nun auf die lange Bank geschoben werden könnte. Darum melden sich weitere Kreise zu Wort respektive Bild.


1986 findet im Soussol des Gymnasiums Strandboden eine Ausstellung mit Werken aus dem Besitz der Stadt Biel statt. Kurator ist der Kunsthistoriker Klaus Pressmann. „Biennimago“ ist  für ein breites Bieler Publikum eine Art Beweis, dass es sich tatsächlich lohnt, Räume für  das Kunstgut der Stadt zu bauen und die Sammlung weiter zu entwickeln. Auch wenn sich – vor allem historisch – die beschränkte Bedeutung manifestiert, so zeigt die Präsentation doch eindrücklich, dass die seit Mitte der 1970er-Jahre tätige Kunstkommission nicht nur „Büroschmuck“, sondern auch raumgreifende Werke wie zum Beispiel die „Elements spatiales“ von Elsi Giauque ankaufte oder die Bieler Plastikausstellungen in „Bildhauerzeichnungen“ spiegelte.


Und überdies im Bereich der Fotografie Pionierarbeit leistete, indem sie, angeregt von der Präsenz des 1984 gegründeten Photoforums, auch Fotografien ankaufte, was Mitte der 1980er-Jahre noch keineswegs die Regel ist. Der jährliche Ankaufsetat von 80 000 Franken (heute 100  000) ist für die 1980er-Jahre eine stolze Summe, die durchaus als Willensakt im Hinblick auf ein Kunstmuseum gelesen werden kann.


In der räumlich nicht sonderlich überzeugenden Ausstellung sind im zeitgenössischen Feld unter anderem Arbeiten von Urs Bänninger, Urs Dickerhof, Lis Kocher, Ilse Weber, Claude Sandoz, Benz Salvisberg, Esther-Lisette Ganz, Samuel Buri, Eva Haas, Jean Baier, Bernhard Luginbühl, Jean-François Comment, Rolf Spinnler Werner Witschi, Martin Ziegelmüller und Schang Hutter zu sehen.


Es mag sein, dass sich hinter „Biennimago“ auch Interessen- und Generationen-gruppen konkurrenzierten, Fakt ist jedoch, dass der Bieler Gemeinderat 1987 erneut Andreas Meier zum Projektleiter Kunsthaus ernennt und ihm den Auftrag erteilt, weitere Abklärungen zu treffen. Departementschef ist damals der SP-Gemeinderat Raymond Glas.  Meier erwirkt im Einvernehmen mit den fürs Museum Neuhaus Verantwortlichen den Stopp des bereits vom Gemeinderat genehmigten Ausbauprojekts. Denn es zeigt sich ihm und seinem Mitdenkern schnell, dass für eine gewinnbringende Bieler Museumspolitik die kulturhistorische Epoche, inklusive die bildende Kunst vor 1950, und die zeitgenössische Kunst gänzlich getrennt betrachtet werden müssen. Das Museum Neuhaus erarbeitet in der Folge sein eigenes Raum- und Inhalts-Konzept, wird renoviert und öffnet 1995 seine Tore in der heutigen Form. Das Kunsthaus-Projekt geht, nun unter der Schirmherrschaft Erica Wallis, eigene Wege.


Der Zu-Fall will es, dass die gleichzeitige Evaluation der Umwandlung des temporär für Schulzwecke genutzten Alten Spitals in ein Alterszentrum negativ verläuft und sich trotz weiterer Standort-Untersuchungen das Pasquart als Kunsthaus geradezu aufdrängt.

Andreas Meier kann sich bei dabei auf das Interesse weiterer Bieler Kulturorganisa-tionen stützen und so kommt es in seiner „Konzeptstudie Kunsthaus“ von 1988 zum zukunftsweisenden Vorschlag, Kunsthaus, Kunstverein, Photoforum und Filmpodium zu einem „Centre Pasquart“ zu vereinen.


Es ist klar, dass angesichts der Projekte Neuhaus und parallel auch Museum Schwab an eine umfassende Renovation des Alten Spitals nicht zu denken ist und das Kunsthaus sich mit bescheidenen Mitteln würde durchschlagen müssen. 1990 werden die Räumlichkeiten mit viel Einsatz und einem minimalen Kredit von 50 000 Franken instand gestellt; offiziell im Hinblick auf die Schweizer Plastikausstellung von 1991, dem nationalen Bieler Aushängeschild in Sachen Gegenwartskunst, inoffiziell für das künftige Kunsthaus. 


Es darf an dieser Stelle eine für die damalige Stimmung in hohem Mass signifikante Anekdote erstmals im Detail verraten werden: Stéphane de Montmollin (Architekt) und Andreas Meier sind gerade auf der Pasquart-Baustelle als Heinz Peter Kohler mit einem Plastiksack in der Hand auftaucht. „Da – das könnt ihr sicher gebrauchen“, sagt er in der für ihn typischen lakonischen (aber von innerem Feuer beseelten) Art und Weise. „Für die Inneneinrichtung“. „Brauchts niemand zu wissen.“ Dreht sich und geht wieder. Im Plastiksack sind zwei Goldbarren.


Nach der nur das Allernötigste umfassenden Renovation der Räumlichkeiten wird im Spätherbst 1990 das Kunsthaus Pasquart mit Werken von 21 Kunstschaffenden aus der Region eröffnet. Dieses Bekenntnis zur Region drängte sich nicht zuletzt darum auf, weil das Kunsthaus nicht als abgehobene kulturpolitische Aktion entstand, sondern von der lokalen Kunstszene massgeblich unterstützt wurde. Das wiederum ist Ausdruck der Zeit. In den 1970er-Jahren entsteht in vielen Regionen der Schweiz ein neues künstlerisches Bewusstsein, vielerorten ist es auch politisch untermauert. So ist zum Beispiel der Maler Heinz Peter Kohler in dieser Zeit Mitglied des Stadtrates und kann so das Testament von Dora Neuhaus von 1975 sogleich mit einer Motion für ein Bieler Kunsthaus auf die politische Agenda setzen.


Auch andere Künstler wie zum Beispiel Martin Ziegelmüller sind aktiv, von der engagierten Stimme des Kunstvereins-präsidenten Hans Dahler gar nicht zu reden. Die Regionen als Kulturzentren sind national im Gespräch. Bis sich dann in den 1990er-Jahren der bis heute massgebende Trend zum Urbanen Bahn bricht und die regionalen Kunstszenen ins Offside geraten.


Anzumerken ist, dass Andreas Meier 1987 klugerweise eine Bedingung stellte, bevor er sich zum „Projektleiter  Kunsthaus“ wählen liess. Er erwirkte sich von seinen Vorgesetzten die Erlaubnis, bereits im Vorfeld Aktivitäten im Hinblick auf ein Kunsthaus lancieren zu dürfen. So konnte er das künftige Publikum bereits auf das Kommende einstimmen und überdies die lokale Künstlerschaft einbinden. Aufschlussreich ist dabei, dass Andreas Meier praktisch als Erstes, das heisst noch 1987,  in der Alten Krone die Schenkungen für die Kunstsammlung der Stadt Biel zeigt. Es waren dies Fotos von Hans Baumgartner, Werke von Ueli Berger, Peter Stein, Bruno Meier, die Sammlung Heinz Peter Kohler (Oscar Wiggli, Rolf Spinnler, Lis Kocher, Friedrich Kuhn, Hans Aeschbacher) sowie von Dritten geschenkte Werke von H. P. Kohler. Damit unterstreicht er einmal mehr, dass für ihn ein Museum auf der Basis einer Sammlung funktioniert und postuliert indirekt, dass Schenkungen jederzeit willkommen sind.


Das regionale Engagement Andreas Meiers bedeutet keineswegs, dass der zuvor am Kunstmuseum Bern tätig Gewesene den Blick auf die Region verengt hätte. 1988 zeigt er in den Sonntags-Ausstellungen in zwei ausgeräumten Schulzimmern des Alten Spitals unter anderem Werke von Felix Valloton und im Bahnhof-Wartsaal werden 1989  nach einem Konzept von Chiarenza/Hauser regionale und internationale Installationen gezeigt. Auch die Walser-Brüder sind  mehrfach ein Thema und gipfeln in einem vom Lion’s-Club Biel finanzierten Walser-Denkmal von Markus Raetz vor dem Museum Neuhaus.


Am 16. Mai 1990 wird die „Stiftung Kunsthaus-Sammlung Pasquart“ gegründet. Das heisst vier Jahre vor der Gründung der Fondation Centre Pasquart wird als erste Trägerschaft für das Kunsthaus Pasquart eine Stiftung gegründet, die zum Ziel hat,  in Ergänzung zur städtischen Sammlung eine überregional ausgerichtete museumseigene Sammlung aufzubauen. Allerdings ist die Stiftung Sammlung Pasquart mit Hans Dahler als erstem Präsidenten bis zum Ende der Ära Andreas Meier im Jahr 2001/2002 weit mehr als eine Gönnervereinigung. Sie ist recht eigentlich die „Rückendeckung“ für den Projektleiter, der sich hier auf ein Gremium verlassen darf, das auch in bewegten Zeiten vorbehaltlos zu ihm steht.  


Als Anfangskapital stehen der Stiftung 200 000 Franken zur Verfügung, darunter ein Legat von Hedi Hirt in Höhe  von 100 000 Franken. Weitere Gelder kommen durch eine Spendenaktion zusammen. Im entsprechenden Prospekt schreibt die Stiftung: „Zielsetzung ist…zum Aufbau einer permanenten Kunsthaus-Sammlung einen namhaften Fonds zu schaffen. Dieser soll es ermöglichen, Kunstwerke zu erwerben, Werkaufträge an KünstlerInnen zu erteilen und auch temporäre Ausstellungen zu unterstützen. Grundgedanke der Stiftung ist es, der Stadt Biel, welche erste Schritte zur Gründung eines Kunsthauses gemacht hat und den Ausbau des Gebäudes plant, zu zeigen, dass sie bei der aktuellen städtischen Finanzlage nicht allein dasteht, sondern mit der Unterstützung von privater Seite rechnen kann, insbesondere im Bereich der Ankaufstätigkeit.“


Man kann sich, einen Moment innehaltend, fragen, warum die Konzeption eines Bieler Kunstmuseums von Anfang an so stark auf den Aspekt „Sammlung“ ausgerichtet ist. Das eingangs erwähnte Credo der Wertschätzung eines Künstlers durch Ankäufe ist ein wichtiger Punkt, doch wirkten vermutlich drei weitere Momente mit. Zum einen ein strategischer: Räume für eine bestehende respektive sich im Aufbau befindliche Sammlung schaffen, ist politisch viel einfacher durchzusetzen als der Ruf nach einem Ort für Ausstellungen (unverständlicher) zeitgenössischer Kunst.


Zum andern spielte wohl auch das Fehlen einer historischen Bieler Sammeltradition, das Fehlen einer vermögenden Bürgerschicht, die sich bis zurück ins 18. Jahrhundert der Kulturpflege gewidmet hätte, eine Rolle. Das sollte nun – eher psychologisch als konzeptuell motiviert –  in der Gegenwart wett gemacht werden und Biel ein Museum bescheren und nicht eine Kunsthalle. Das Kunsthaus Pasquart wurde bekanntlich erst 2008 in den Verband der Schweizer Museen aufgenommen, weil die Verbandsleitung erst da die Doppelfunktion des Hauses als Ort für Ausstellungen und Sitz einer Sammlung anerkannte.


Und zum dritten ist die Nachwirkung der grössten Schlappe Biels in Sachen Kunstsammlung zu erwähnen: In den 1940er-Jahren stellte das Sammlerehepaar Hermann und Margrit Rupf der Stadt eine Schenkung ihrer hochkarätigen Werke aus der Zeit der klassischen Moderne in Aussicht, sofern die Stadt hiefür Museumsräumlichkeiten bereit stelle. Biel tat das bekanntlich nicht und so ging die Sammlung Rupf schliesslich an die verschiedensten Museen der Schweiz, insbesondere ans Kunstmuseum Bern.


Die Spendenaktion von 1990 bringt der Stiftung Sammlung Pasquart weniger ein als erhofft – in Träumen war von 1 bis 2 Millionen Franken die Rede – sie erlaubt aber immerhin einen Start. Aus den jährlich zugesicherten Gönnerbeiträgen und Kapitalerträgen stehen der Stiftung nun 20 000 Franken pro Jahr zur Verfügung. Damit wird im ersten Jahr ein kleiner Kunst am Bau (Kunst am Pasquart)-Auftrag an René Zäch finanziert. Der Künstler entwirft 22 Fassadenzeichen in Form von auf- und abwärts gerichteten Dreiecken, welche die markante Fensterfront des Alten Spitals zur Seevorstadt hin markieren. Sie versinnbildlichen in den Augen des Künstlers die Verbindung von regional und international und spiegeln so die Ausrichtung des Hauses zwischen Biel und der Welt. Einen feinsinnig-humorvollen Beitrag zur Eröffnung des Hauses im Spätherbst 1990 leistet im Auftrag der Stiftung  Walter Kohler-Chevalier. Quasi als Hommage an die Bieler Bevölkerung reiht er im Entrée in farblicher Akzentuierung sämtliche Telefonbuchseiten von Biel auf.


Mit der Unterstützung von zwei Donatoren konnte  ferner je ein grösseres Werk von Dieter Seibt und Lis Kocher erworben werden. „Es zeigt sich“, so schreibt Andreas Meier im Jahresbericht 1991, „dass es leichter ist, Unterstützung für den Ankauf eines bestimmten Werkes zu erhalten als durch einmalige Stiftungsbeiträge und alljährlich wiederkehrende Beiträge ohne Auflage für deren Verwendung.“


Bezeichnend ist, dass Andreas Meier im Weiteren nicht nur auf diese zwei Ankäufe aus der Jubiläums-ausstellung „100 Jahre Kunstverein“ (Ende 1990/anfangs 1991) hinweist, sondern auf die „insgesamt sieben Werke, die bei dieser Gelegenheit in öffentlichen Besitz übergingen“. Er versteht Sammeln ganz offensichtlich als Gemeinschaftsaufgabe und zielt nicht  mit einengendem Besitzerblick auf die Pasquart-Kollektion. Dennoch ist der „Stolz“ des Direktors aus seinem Bericht herauslesbar, wenn er von der Grosszügigkeit des deutschen Künstlers Mario Reis (geb. 1953) spricht, welcher der Stiftung Sammlung Pasquart 1991 fünfzehn seiner  Naturaquarelle zum „sehr günstigen Preis“ von 18’480 Franken überlassen habe. Ganz wichtig ist hierbei die Beobachtung, dass Meiers Sammlungsvision von Anfang an nicht ausschliesslich auf die Schweiz ausgerichtet ist, sondern auch thematische Schwerpunkte wie zum Beispiel „Natur“ anvisiert. Später kommen zu diesem Thema unter anderem wichtige Arbeiten von Hermann de Vries hinzu.


Bereits im Vorfeld der Pasquart-Gründung setzt Meier auf das „Kapital“ Schweizerische Plastikausstellung. Aus dem „Nationalstolz“ für diese alle fünf Jahre stattfindenen Skulpturenschau kann er der dem Treiben im Pasquart vorsichtig zuschauenden Stadt Biel zum Beispiel die Gelder für die erste Renovation des Hauses entlocken. Zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft im Jahr 1991 steht denn auch das Pasquart im Verbund mit der Stiftung Plastikausstellung ganz im Zeichen der dreiteiligen Schweizerischen Skulpturenschau, wobei sich Andreas Meier mit  „Memento Mori“ einbringt, einer Ausstellung zum Thema „Denkmal“ von der Schrifttafel zu Ehren Goethes (an der Alten Krone in Biel) über das „Kriegsdenkmal“ von Carl Bucher bis zu den ironischen Flughafen-Fotos von Fischli/Weiss.


Die Stiftung beteiligt sich sowohl an den Kosten der Ausstellung wie des ersten ausstellungsbezogenen Pasquart-Kataloges und kauft im Jahr darauf eine der  Denkmal-Figuren von Carl Bucher sowie – etwas später – die Flughafenfotos von Fischli/Weiss. Letztere zählen bis heute zu den meistausgeliehenen Arbeiten der Sammlung. Denkt man die eher überraschenden Ankäufe zweier Teile einer Trilogie des „Agent provocateur“ Ben Vautier zum Thema „Schweiz“,  die „Golfkrieg“-Bilder von Walter Kohler-Chevalier, „Des Königs  Mantel“ von Leopold Schropp und die „Kalenderblätter“ von Roman Buxbaum, die abgesehen von Vautier mit privaten Geldern angekauft wurden, hinzu so ergibt sich bereits in dieser frühen Sammlungsphase neben dem Thema „Natur“ eine Stossrichtung, die politische, geschichtliche und zeitkritische Aspekte betont.


Das Jahr 1992 ist zweifellos das turbulenteste der bisherigen Pasquart-Geschichte, eine Art Katastrophe mit Happy End. Im Sommer 1992 beschliesst der Gemeinderat aufgrund der schwierigen finanziellen Situation der Stadt, die bisher provisorisch bewilligten 2.33 Stellen für die Pasquart-Mitarbeitenden aus dem Budget 1993 zu streichen und das Kunsthaus zu schliessen. Dies ausgerechnet nachdem das Photoforum vom Museum Neuhaus ins Pasquart umgezogen ist, der Kunstverein seine Ausstellungsräumlichkeiten in der Stadt aufgegeben hat und ebenfalls im Pasquart Quartier Einzug gehalten hat und der Kanton kurz zuvor einen Beitrag an die Realisierung eines Kinoraumes für das Filmpodium sprach.


Der Aufruhr ist weit über die einschlägigen Kulturkreise hinaus gross. Sowohl in den Medien wie auf der politischen Ebene hagelt es negative Kommentare, Aufrufe, Motionen und Interpellationen. Weit über Biel hinaus melden sich Stimmen, die sich für den Erhalt des Centre Pasquart einsetzen. So sehr, dass man sich im Rückblick fragen muss, ob Stadtpräsident Hans Stöckli wirklich das Pasquart schliessen oder ob er vielleicht ganz einfach einen Test lancieren wollte, ob den Bielern ein Kunsthaus wirklich am Herzen liege. Stimmt Zweiteres, so ist ihm dieser Coup gelungen.

Denn erstens pfeift der Stadtrat den Gemeinderat bereits in seiner nächsten Sitzung zurück und sichert damit die Fortführung der Aktivitäten im Pasquart. Doch das „zweitens“ ist viel gewichtiger. Zwar ist die Reihenfolge der zu Beginn unsichtbaren Beschlüsse nicht ganz klar und auch das Moment des „Schicksals“ spielt hinein. Doch 1993 platzt anlässlich der Testamentseröffnung von Paul Ariste Poma (1906-1993) eine „Bombe“:  Der Bieler Uhren-Unternehmer vermacht der Stadt rund 7 Mio Franken zum Zweck der Errichtung eines Bieler Kunsthauses, wobei das Legat nur dann seinem Zweck zugeführt werden könne, wenn die Stadt den doppelten Betrag aufbringe und der Beschluss dazu innert zweier Jahre falle. Eine wichtige Rolle bei der Definition des Testaments spielen der Kultursekretär Andreas Schärer und der Bieler Rechtsanwalt Marc F. Suter. Das politische Gespür des Letzteren ist aus der auf Realisierung und Tempo angelegten Formulierung deutlich herauszuhören.  Auch bezüglich der möglicherweise match-entscheidenden Interpretation des Testaments kommt Suter grosse Bedeutung zu. Denn er erlaubt unter anderem, dass für die geforderten 14 Millionen eine Anrechnung in Kunstwerken – also der Sammlung –  möglich sei und anerkennt die Stiftung Sammlung Pasquart als rechtlich gültige Institution, um hiefür gespendete Werke anzunehmen und in Wert zu setzen. 


Damit wird eine wahre Welle an Aktivitäten ausgelöst, die ihren Abschluss erst zur Jahrtausendwende, das heisst mit der Eröffnung des Neubaus von Diener&Diener ihren Abschluss finden. Denn so grosszügig sich in der Folge viele Donatoren zeigen, ohne Anstrengungen seitens Andreas Meier und seinem Umfeld können sie nicht gewonnen werden.


Um die Sammlung nicht zu einem Basar verkommen zu lassen, ist nun die Fachkommission für Ankäufe gefordert, denn bereits im Jahresbericht von 1993 schreibt Andreas Meier von einer „sehr erfreulichen spontanen Schenkungswilligkeit von Künstlern und privaten Sammlern“. Die Fachkommission hält unter anderem fest: „Mit Schenkungen dürfen keine Ausstellungsversprechen verknüpft werden.“ Und: „Die Sammlung sollte durch diese Schenkungen nicht ein allzugrosses Übergewicht an regionaler Kunst erhalten, sondern die Zielsetzung eines breit angelegten Sammlungshorizontes beibehalten“.


Schon 1993 kommt es zu einem gewichtigen Legat durch den Berner Galeristen und Sammler Toni Gerber (1932-2010). Zu erwähnen sind insbesondere Werke von Leopold Schropp, Leiko Ikemura, Franz Wanner, Christian Denzler und Eva Bechstein. Toni Gerber soll dabei ausdrücklich das bisherige Ausstellungsprogramm des Centre Pasquart und die Ankaufsbemühungen der Stiftung Kunsthaus-Sammlung gewürdigt haben. Auch die lange Zeit im Park des Pasquart aufgestellt gewesene „Umkehrtreppe“ von Ueli Berger kommt 1993 im Kontext seiner Parallel-Ausstellung in Biel und Neuenburg als Donation in die Sammlung.


Noch ein anderes wegweisendes Moment wird 1993 „genagelt“: Der Gemeinderat beschliesst kurz vor Jahresende, dass das Legat Poma „zur Renovation des alten Spitals“ eingesetzt werden soll. Das erscheint Hans Dahler, Präsident des Kunstvereins und der Stiftung Sammlung Pasquart in Personalunion, und seinen Mitdenkenden zu wenig mutig, wegweisend und zukunftsorientiert. In Eile organisiert er eine sonntägliche Gesprächsrunde mit dem Stadtpräsidenten. Dabei kann erreicht werden, dass Hans Stöckli den Gemeinderat dazu bewegt, den Beschluss in „Renovation + Anbau mit grossem Raum“ zu ändern. Damit ist der Weg frei für den Neubau inklusive Salle Poma.


1994 wird im Kontext der nun mit Siebenmeilen-Stiefeln vorangetriebenen Pasquart-Geschichte die „Stiftung Centre Pasquart“ gegründet und zwar mit der Einwohnergemeinde Biel, der Stiftung Kunsthaus-Sammlung, dem Kunstverein, dem Verein Photoforum, dem Verein Filmpodium und der GSMBA (heute visarte) Biel als Gründungspartner. Um Geld zu generieren, aber auch um das Vorhaben „Pasquart“ in die Bevölkerung hineinzutragen, veranstaltet die Stiftung Sammlung im September ein dreiwöchiges „Brocante“-Festival mit zahlreichen kulturellen Highlights. In der Endabrechung fliessen ihr 19’500 Franken zu.


Von den Donatoren dieser Zeit (Sammler und Künstler) seien unter anderen Peter und Meta Böhm (Werke von Werner Otto Leuenberger, Res Ingold, Heinz Brand und anderen), Lotti Pulver, Lydia Megert, Heinz Peter Kohler, Martin Ziegelmüller, Urs Dickerhof, Dorothee Freiburghaus, Franz Mäder, Hans Dahler (Werke von Gian und Erica Pedretti, Lis Kocher, Christoph Rhis u.a. ) und Mariann Grunder erwähnt.

Es steht ausser Zweifel: Die Bemühungen zur Erlangung der im Testament Poma geforderten Geldsumme wird dank der Grosszügigkeit engagierter Kreise zu einem ausserordentlichen Motor für die permanente Kunstsammlung. Bis zur Volks-abstimmung vom Herbst 1995 kann die Stiftung Kunsthaus-Sammlung einen Wert an Kunstwerken und Barvermögen von rund 1.5 Mio Franken an die von Stiftung CentrePasquArt und Stadt Biel zu erreichenden 14 Millionen ausweisen. Zusammen mit dem Terrain, den Gebäuden und einem auf 5 Jahre kapitalisierten Betriebskredit seitens der Stadt sowie einer Million des Kantons Bern ergibt sich ein Betrag von 12 Mio Franken, sodass das Bieler Stimmvolk schliesslich nur über einen Sonderkredit von 2 Mio Franken abstimmen muss. Dieser wird von einer überwältigenden Mehrheit von 70% befürwortet. Vielleicht nicht zuletzt als Antwort auf susanne mullers auf dem Dach des Pasquart-Gebäudes platzierten „merci“ in rot-leuchtender Neon-Schrift.


Obwohl viel Energie in die Zukunft des Pasquart fliesst, vernachlässigt die Stiftung ihr Kerngeschäft – den Ankauf von Kunstwerken – nicht. 1994 kommen durch Erwerbung Werke von Marianne Geiger, Pavel Schmidt (der „Glassturzbläser“) und Carlo Lischetti in die Sammlung. 1995 können – dank finanziellen Zuwendungen – Werke im Wert von fast 275 000 Franken erworben werden (effektiv bezahlt: 169 000 Franken). Zu erwähnen ist insbesondere „Looking Glass“ und „Form im Raum“ (Mickey) von Markus Raetz, erworben mit Hilfe der Jubiläumsstiftung der Schweiz. Bankgesellschaft (heute UBS) und der SBG-Filiale Biel.


„Zusammen mit der ‚Hommage an Robert Walser’ vor und im Museum Neuhaus, besitzt Biel nun eine repräsentative Anzahl von Werken dieses weit über die Landesgrenzen hinaus profilierten Künstlers, der in Büren a. A. aufgewachsen ist“, schreibt Andreas Meier im Jahresbericht von 1995. Das gilt heute in noch stärkerem Mass als damals, denn später kommt zur erwähnten Gruppe noch die Eukalyptuszweige-Arbeit „Torso selbdritt“ von 1984 sowie das Portfolio „No w here“ mit einer Kaltnadelradierung und sieben Aquatinten von 1991 hinzu. Und im Kontext der Präsentation der Werke von Markus Raetz zur Eröffnung des ersten permanenten Sammlungsraumes im Herbst 2009 schenkt der einst als Lehrer in Brügg tätige und seit 1960 (!) in Biel ausstellende Künstler der Sammlung eine Mappe mit 17 Heliogravuren nach Glasklischees, die er 2007 bei Michéle Dillier im Atelier de Gravure in Moutier erarbeitet und gedruckt hat.


Erinnert sei an dieser Stelle auch an die eindrückliche Ausstellung mit Werken von Markus Raetz im Jahr 2001, namentlich an die Salle Poma, in welcher Raetz erstmals all seine anamorphotischen Werke der 1990er-Jahre vereint und zur Installation fügt. In Kombination mit einer der schönsten Raetz-Publikationen überhaupt (Einzelblätter in Schachtel), herausgegeben von Andreas Meier, zeigt sich, dass Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit wenn immer möglich in langfristigem Dialog stehen.


Auch ins Jahr 1995 fällt der Ankauf respektive die Schenkung der Werkgruppe von Martin Disler, bestehend aus der markanten Bronze-Skulptur aus der Serie „Häutung und Tanz“ von 1990-91, die mit ihrem permanenten Standort auf der rückseitigen Altbau-Terrasse zu den bekanntesten Werken der Sammlung zählt. Gleichzeitig kommt auch die bedeutende, 8-teilige Grafik-Mappe „Museum of Desire“ von 1990 als Schenkung von René Steiner, Galerist und Mitglied des Stiftungsrates, in die Sammlung.


Das bereits mehrfach erwähnte Zusammendenken aller in Biel aktiven Sammlungsaktivitäten, zeigt sich 1995 sehr schön am Beispiel dreier Ankäufe des Natur und Leben als Zu-Fälle postulierenden Holländers Hermann de Vries, der auf Initiative von Andreas Meier mehrfach in der Region weilte, hier arbeitete und 1995 ausstellte. „Rosa canina“ (30 Rosenzweige in Serie) wird von der Stadt Biel angekauft, die 28-teilige Arbeit „quercus“ (eine Untersuchung zu Regel und Abweichung von Eichenblättern)  von der Stiftung Sammlung Pasquart und das 44-teilige „Journal de Bienne“ mit Pflanzen und Erdausreibungen von der Stiftung Sammlung Robert.


Ähnliches gilt für René Zäch, welcher der Stiftung die 72-teilige „Arbeit der Maschinen“ schenkt, während die Stadt Biel gleichzeitig eine Serie von Zeichnungen erwirbt. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass auch René Zäch, analog zu Markus Rätz, die Chance der Salle Poma wahrnimmt wenn er 2001 eine sich wellenförmig steigernde Skulpturen-Installation in diese ausserordentlichen räumlichen Verhältnissen einpasst.

Einen noch immer noch nicht gehobenen Schatz aus diesem für die Sammlung wohl wichtigsten Jahr bildet die Schenkung des fast lückenlosen Graphik-Portfolios von Martin Ziegelmüller, einem der engagiertesten Künstler der Region auf dem Weg zur Realisierung des Kunsthaus Pasquart. 


So schreibt er zum Beispiel 1990 als Barbara Engel mit einer Kolumne in der Zytglogge-Zytig die Bieler Kunsthaus-Aktivisten als „grössenwahnsinnig“ abfackelt: „Du irrst, Barbara, anzunehmen, es gebe keine tragfähigen Utopien, nur weil Du keine hast. Grössenwahnsinnig nennst Du uns, weil Du meinst, für uns sei ein Kunsthaus bloss das, was es für Dich ist, ein Prestigeobjekt. Für uns geht es um mehr. Für uns geht es darum, einen Ort zu schaffen, wo Kreatives möglich ist, wo wir uns auch ein klein wenig zu Hause fühlen. Ohne ein Minimum an Geborgenheit verkommen wir Künstler zu selbstquälerischem Querulantentum und das Kunstpublikum zu elitärer Hochnäsigkeit“.


Das mehrere grossformatige Kartonschachteln umfassende Portfolio Ziegelmüllers geht zurück bis in die 1960er-Jahre und enthält mit seinen gerade in der Frühzeit den Neuerungen in der Kunst kritisch gegenüberstehenden Blättern köstliche Zeitdokumente wie etwa „Hommage à Szeemann“ von 1969, das „Die Mutter des Zyklopen“ betitelt ist oder die Reihe „Ärger mit Bernhard Luginbühl“ von 1971. Vom Zyklus der „Hexen“ und der „Beobachtungen im Operationssaal“ gar nicht zu reden.


Von all diesen Schenkungen und Ankäufen (inklusive jener der Stadt Biel) kann sich das Bieler Publikum 1996 in einer Ausstellung ein Bild machen. Darin findet sich auch das motorbetriebene Multiple „Bleistift-Flügel“ von Rebecca Horn, das Teil der Ausstellung „Cinéastes – Artistes“ war. Bis heute sei er sich nicht sicher, so Andreas Meier, ob er sich damals in Paris habe verführen lassen.


Er war in Vorbereitung der Bieler Ausstellung im Atelier der international bekannten Künstlerin in Frankreichs Hauptstadt. Da meinte diese unvermittelt, sie brauche Geld und sie würde ihm das „Zitterbleistift“ für 16 000 Franken überlassen; ein äusserst verlockendes Angebot. Andreas Meier sagte spontan zu und die Kommission sanktionierte später seine Entschlussfreudigkeit. Das Werk blieb ein Einzelstück in der ansonsten weitestgehend auf Kunst aus der Schweiz konzentrierten Sammlung, doch hört man sich bei den heute aktiven Stiftungsrats-Mitgliedern um, keiner und keine würde die Arbeit hergeben, im Gegenteil man freut sich noch heute über den Zu-Fall.


Dass die aktive Bewirtschaftung einer Sammlung respektive ihre kontinuierliche Äufnung potentielle Donatoren animieren kann, ist nicht nur eine Binsenwahrheit, sondern in Biel 1996 eine Realität. Zum einen erhält die Stiftung Sammlung Pasquart von einem ungenannt bleibenden Mitglied des Kunstvereins ein Legat in Höhe von 250 000 Franken. Es handelte sich dabei um die Weitergabe einer Erbschaft von Emma Baer, die in den 1950er-Jahren in Biel berufstätig gewesen war. Als bezüglich Kapital unantastbarer „Fonds Emma Baer“ figuriert die Viertelmillion bis heute in der Buchhaltung der Stiftung, während die Erträge zur Erfüllung des Stiftungszweckes eingesetzt werden.


Zum andern erhält die Stiftung 301 Werke des 1967 verstorbenen Malers Bruno Meier als Depositum. Der Künstler hat in den 1940er-Jahren in Biel entscheidende Schritte in seiner Werkentwicklung vollzogen. Andreas Meier war seit langen Jahren mit der Witwe des Künstlers in Kontakt und es fanden mehrere Ausstellungen statt. 1984 kaufte die Stadt Biel ein erstes repräsentatives Werk und erhielt ein weiteres als Geschenk. 1992 kommt es zu einer ersten Ausstellung im Pasquart, 1997 zum Deponatsvertrag inklusive 50 000 Franken, 2005 zu einer weiteren Ausstellung im Pasquart (kuratiert von Caroline Nicod) und nach dem Tod von Alice Meier im Jahr 2009 schliesslich zur definitiven Erbschaft des gesamten Nachlasses inklusive das Finanzportefeuille in Höhe von 850 000 Franken für die Bewirtschaftung der Sammlung sowie – aus den Erträgen – für die Äufnung der Sammlung.


Weitere Schenkungen geben der Sammlung auch 1996 weiteren Schwung. Erwähnt sei „Hommage à Robert Walser“ von Heinz Egger, eine Grafik-Serie von Claude Sandoz, ein „Nichts“-Bild von Martin Schwarz, „Wasser“ von Walter Kohler-Chevalier (durch Dora Hirt) sowie den „Bieler Stuhl“ von Daniel Berset (durch Hans und Maja Dahler).

Urs Dickerhof hat der Stiftung bereits 1995 eine Serie von 12 Lithographien geschenkt, nun kommen unter dem Titel „Schenkung I“ eine Serie von Zeichnungen und Polaroid-Arbeiten hinzu; in Ergänzung der Ankäufe durch die Stadt Biel.


Kein Gremium, das nicht auch darauf bedacht ist, eine minimale soziale Einheit zu bilden. So gehört auch zum Jahresprogramm der Stiftung Sammlung Pasquart  auch ein alljährlicher, kultureller Anlass; 1996 zum Beispiel fliegen 12 Stiftungsräte sowie Donatoren und Donatorinnen nach Winterthur aus, um daselbst die Sammlung des Kunstmuseums, die Villa Flora (Slg. Hahnloser) sowie das neue Fotomuseum zu besichtigen.


Wirft man einen Blick auf die Sammlung wie sie sich 1997 – nur sieben Jahre nach der Gründung der Stiftung präsentiert ­– so fällt auf, dass die zahlreichen Schenkungen im Zusammenhang mit der Erfüllung der Testamentsvorgaben von Paul Ariste Poma die ursprüngliche Vision des Spurenlegens, der direkten Spiegelung der Ausstellungs-tätigkeit gesprengt haben. Die Sammlung  zeigt sich 1997 bereits wesentlich breiter angelegt. Dort, wo Andreas Meier respektive die Ankaufskommission mit Donatoren direkt in Kontakt waren, kam es zu Bereicherungen für die Sammlung, die bis heute zu den Highlights zählen (z.B. bei Markus Raetz, Martin Disler,  René Zaech, Martin Ziegelmüller), in anderen Fällen konnte ein gewisses Puzzle von Einzelwerken nicht vermieden werden. Nur vereinzelt sind diese seither mit Zukäufen zu Gruppen erweitert worden. Gesamthaft konnte aber das Ziel musealer Qualitäts-Massstäbe weitgehend gehalten werden und in Kombination mit den gezielten Ankäufen kann 1997 der Begriff „Sammlung“ bereits zu Recht angewendet werden.


Obwohl lange Unsicherheit herrscht, ob 1997 überhaupt noch Ausstellungen im Pasquart-Gebäude würden stattfinden können oder ob bereits die Um- und Neubau-Bagger auffahren würden, kommt es ausgerechnet in diesem Jahr zu einer Ausstellung, die im Kunstkontext bis heute immer wieder zitiert wird: „Nonchalance“ – eine Koproduktion des Direktors mit dem freien Kurator Christoph Doswald. Es gelingt der Ausstellung ganz offensichtlich einen Zeitgeist aufzugreifen. Umso erfreulicher ist es, dass einige Werke für die Sammlung erworben werden können, namentlich „Raoul Pictor“ von Hervé Graumann, ein Computer, der nach Vorgaben des Publikums Zeichnungen konzipiert und ausdruckt. Aber auch die Videoinstallation „Heimlich“ von Pascale Wiedemann – ein in einen langen, gestrickten Schlauch eingebauter TV-Monitor, auf dem abstrakte Strick-Muster zu sehen sind.


Im selben Kontext kommen 1997/98 auch Werke von Stefan Banz (Ankauf/Schenkung), das Video „Childish Behaviour“ von Lang/Baumann in die Sammlung, sodass „der Geist von ‚Nonchalance’ nun gültig in Biel vertreten ist“ (A.M.)  An Käufen sind ferner zu erwähnen ein Installationsobjekt von Anita Kuratle und 2 Aquarelle von Uwe Wittwer. Es stand hiezu der in diesen Jahren massgebende Kredit von 40 000 Franken zur Verfügung.


Dass die Städtische Kunstkommission in dieser Zeit bei ihren Ankäufen stets das Potential des Kunsthaus Pasquart mitdenkt, zeigt sich zum einen an ihren Ankäufen von Videoarbeiten von Eric Lanz und Marie José Burki, zum andern an der 1997 erarbeiteten vertraglichen Vereinbarung, dass das Centre Pasquart die Video-Werke der städtischen Sammlung verwaltet.


Im Übrigen ist die Stiftung Sammlung Kunsthaus in den Jahren des Bauens nicht allzu aktiv, die Kräfte werden andernorts absorbiert. Und was macht ein Kurator, der einen Jahresbericht schreiben muss über eine Zeit, in der wenig Konkretes läuft? Er macht sich Gedanken. So fragt sich Andreas Meier im Bericht 1998, ob seine schon seit einiger Zeit gehegte Idee eines ersten Sammlungskataloges nicht hintan gestellt werden müsste, weil sich mit der Neueröffnung vielleicht der eine oder andere Sammler entschliessen könnte, dem Pasquart Werke anzuvertrauen. Offenbar gab es da gewisse Kontakte. Angeregt vom Deponat Bruno Meier denkt Andreas Meier im selben Jahresbericht auch über die Möglichkeiten nach, Nachlass-Sammlungen zu übernehmen, um so zum „Betreuungsort einer Reihe von gut eingeführten Werken der schweizerischen Kunst des 20. Jahrhunderts zu werden“.


Nun, vorläufig tritt anderes in den Vordergrund. 1999 stehen die Aktivitäten der Stiftung Sammlung Pasquart ganz im Zeichen der geplanten Kunst am Bau-Interventionen für das neu/alte Pasquart, insbesondere im Eingangsbereich. Es sollen nicht fest installierte Werke sein, sondern dem „Konzept der Offenheit“ des Hauses entsprechende Arbeiten. Und zwar von Thomas Huber, Christian Robert-Tissot und Daniel Zimmermann.


Der in Deutschland lebende Schweizer Maler Thomas Huber ist für gesellschaftsrelevante Tätigkeiten und Räume wie Banken oder Bibliotheken inszenierende Grossformate bekannt.  Für Biel entwirft er das Bild „Die Bühne“, ein Werk, das die Frage nach dem Ort aufwirft, wo Bilder entstehen und wo sie gezeigt werden. Das grossartige Bild charakterisiert bis heute das Foyer des Pasquart-Neubaus, wenn nicht gerade eine Wechselausstellung die temporäre Entfernung notwendig macht.


Christian Robert Tissot (Genf) arbeitet mit Worten; für „Nonchalance“ prägte er den ebenso präzisen wie emotionalen Satz: „Jusqu’où irez-vous ?“ Nun entwickelt er im Auftrag der Stiftung ein 2-Jahres-Projekt für das Treppenhaus, wo sich im Abstand einiger Monate immer wieder neue Worte und Sätze in drei Sprachen abwechseln sollen. Und zwar auf der Basis eines Depots an schwarzen, metallenen Buchstaben im Erdgeschoss. Am Ende des Projektes bliebe dann ein Wort im Besitz der Sammlung. Leider ist dieses zur Zeit nicht vor Ort, da es beschädigt ist.


Der Bieler Künstler Daniel Zimmermann hat sich unter anderem mit Projekten Gehör verschafft, welche optisch überraschende Sichten vermitteln. Eines davon überrascht 2010 vielleicht fast noch mehr als bei der Eröffnung des Pasquart. Mit einem Blick in den 3 D – Betrachter in der Ecke des Neubaus kann der Museumsbesucher die Zeit zurückdrehen und einsehen, was sich dem Auge an dieser Stelle vor dem Bau des neuen Pasquarts zeigte.


Die Finanzierung der drei Werke übersteigt die Möglichkeiten der Sammlung bei weitem, belaufen sich doch die Kosten auf über 120 000 Franken. Private Spenden sowie ein Beitrag des Kantons helfen fürs Erste über die Runden, doch wird es bis ins Jahr 2001 dauern bis die Schulden abgetragen werden können. Trotzdem war es 1999 dank der Unterstützung durch den Rotary Club Biel und weiteren Spenden möglich, das Bild „Sketchbook Painting“ von M.S. Bastian sowie die Laserfotografie „Atelier“ von susanne muller zu erwerben.

 

Der Pasquart-Sammlung kommt im Rahmen der Eröffnungsaktivitäten des Kunsthauses jene Rolle zu, die ihr Andreas Meier seit der Gründung beigemessen hat und wie sie zu Beginn dieses Textes angeführt ist.  Im Übrigen weckt die Grösse des Hauses Erwartungen seitens von Sammlern und Kunstschaffenden, die Biel nun gerne als Standort für ihre Werke sehen.


So gelangen mehr und mehr Leihgaben in die Sammlung (Minkoff/Olesen, Grunder, de Vries, Disler, Linck, Indermühle, Turo Pedretti, Niki de St. Phalle), die allerdings nicht immer ganz unproblematisch sind, weil oft unausgesprochene (Ankaufs)-Hoffnungen mit eingeschlossen sind. Von grösseren Ankäufen kann indes trotz Wunschliste nicht die Rede sein, denn nicht nur die Stiftung Sammlung Pasquart hat schlicht kein Geld, das Centre Pasquart insgesamt kämpft existentiell darum, seinen Verpflichtungen nachzukommen.


Die aus Rücksicht auf die politischen Gegebenheiten so bescheiden wie möglich budgetierten Betriebskosten des nun über 1400 m2 Ausstellungsfläche verfügenden Hauses, erweisen sich als illusorisch. Dem Pasquart stehen aus Subventionen und Einnahmen nur gerade 800 000 Franken für sämtliche Ausgaben inklusive Löhne zur Verfügung. Andreas Meier versucht alles auch nur Denkbare, um das Defizit  von 100 000 Franken in der Jahresrechnung 2000 abzuwenden, doch vergeblich. Das Fazit ist brutal: Das Kapital der Stiftung Centre Pasquart ist aufgebraucht, die Möglichkeiten weiterer Darlehen (u.a. wurde auch der Fonds Emma Bär der Stiftung Sammlung Pasquart belehnt) ausgeschöpft.


Andreas Meier demissioniert per Ende 2001, ist aber schon im Laufe des Jahres nur noch teilweise arbeitsfähig. Heute würde man von einem „burn out“ sprechen. Doch so aufgeschreckt und niedergeschlagen alle sind, niemand macht dem im Dezember 2000 mit der „Anerkennung für kulturelle Verdienste“ Ausgezeichneten auch nur den Hauch eines Vorwurfs, im Gegenteil, unisono wird die Situation als ebenso persönliches wie kulturelles Drama empfunden. Hélène Cagnard, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Hauses, hält den Betrieb so gut als möglich aufrecht.

Stiftungsratspräsident Hans Dahler und seine Mitstreiter versuchen einmal mehr, die Situation zu retten, auf Zukunft auszurichten. Kurz nach Ostern 2001 schreibt die Stiftung einen Brief an alle „die ein lebendiges Kunsthaus in Biel für wichtig halten“. Ziel der Aktion ist es, einen Fonds mit einer Million Franken zu äufnen, um aus dem Erlös künftig Ausstellungsprojekte im Kunsthaus Pasquart mitzufinanzieren. Das gelingt zwar nicht vollumfänglich, aber Ende Jahr verzeichnet der Fonds doch immerhin ein Kapital von 360 000 Franken. Die sinkenden Zinsen auf Wertpapieren verunmöglichen in der Zukunft indes den erhofften Ertrag von 4% zu generieren.

Wohl nicht zuletzt aufgrund der bedrohlichen Situation erhält die Sammlung 2001 weitere Werke als Geschenke oder Leihgaben, u.a. von Gian Pedretti, Georges Item, Klaudia Schifferle und Erik Dettwiler. Und trotz allem können auch bereits früher angedachte Erwerbungen umgesetzt werden; zum Beispiel der Ankauf des grossformatigen Bildes „Swim Suit“ von Claude Sandoz aus der Ausstellung „Dancing Flowers“ mit  einem 50%-Beitrag der Eidgenossenschaft. Der Künstler quittiert den Ankauf mit einer Schenkung von 7 Aquarellen. Auch das schon länger auf der Wunschliste stehende neue Software-Programm für „Raoul Pictor“ (Hervé Graumann) sowie eine vierteilige Arbeit von Ruedy Schwyn werden 2001 dank einer Zuwendung Teil der Sammlung.


Mit dem Amtsantritt von Dolores Denaro als neuer Direktorin des Kunsthaus Pasquart per 1. Januar 2002 geht für die Stiftung eine Ära zu Ende. Denn unter Andreas Meier war die Stiftung, wie dieser Text zeigt, ein weit über den Sammlungsauftrag hinaus förderndes, unterstützendes, „mitstreitendes“ Gremium. Sie war das Gefäss für die Geschichte des Pasquart. Und auch als 2004 die Stiftung Centre Pasquart gegründet wurde, blieb die enge Verknüpfung, denn mit Andreas Schärer  wurde einer der wichtigsten Mitstreiter von Andreas Meier erster Stiftungsratspräsident.


Zwar ist bereits aus den Jahresberichten der späten 1990er-Jahre herauszuhören, dass die Doppelspurigkeit zwischen Stiftung Sammlung Pasquart und Stiftung Centre Pasquart strukturell nicht optimal ist, doch mit dem neuen Pflichtenheft für die Kunsthaus-Direktorin wird ohne Absicht eine schwierige Ausgangslage geschaffen.

Dolores Denaro wird zwar wie vorgesehen Präsidentin der über Ankäufe befindenden Kommission und die Leitung des Kunsthauses wird mit der Verwaltung der Sammlung betraut, doch die hiefür aufzuwendende Arbeitszeit wird nicht explizit geregelt und auch Finanzielles ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen.


Die im Vergleich mit der Organisation anderer Museen ausserordentliche Situation, dass das Kunsthaus und die Sammlung zwei verschiedenen Stiftungen unterstehen, wird sich in den kommenden Jahren insbesondere für die Sammlung als nicht eben einfache Struktur erweisen. Die zwar im Laufe der Zeit durch Subventions-erhöhungen stabilisierte, aber dennoch weiterhin finanziell und personell prekäre Situation des Kunsthauses trägt das ihre dazu bei.


Vor allem aber versteht die von einer anderen Zeit geprägte junge Direktorin das Haus in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist ihrer Generation als Ort lebendiger Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Entsprechend misst sie dem Wachsen eines Museums in Wechselwirkung mit seiner Sammlung nicht dieselbe Bedeutung zu bei wie dies ihr viel stärker von musealer Tradition geprägter Vorgänger aus innerer Überzeugung getan hat. Die Kunsthalle steht im Vordergrund, nicht das Museum.


Es gelingt Dolores Denaro denn auch, das Haus mit präzise in den Geist der Zeit eingebetteten Ausstellungen national zu profilieren, aber die Sammlung gerät ohne explizite Bewirtschaftung und ohne Fenster zur Öffentlichkeit etwas ins Hintertreffen. Entsprechend vermindert sich auch das Interesse von Dritten, die Sammlung mit bedeutenden Legaten und Schenkungen zu äufnen. Dennoch ist es auch Dolores Denaro ausdrücklich ein Anliegen, dass die Sammlung weiterhin eine „Fährte“ durch die Ausstellungsgeschichte legt. „Unser Problem ist, dass wir nicht die Finanzen haben, eine Teilzeit-Konservatorin einzustellen, wir mit unserem minimalen Personalbestand aber prioritär dafür sorgen müssen, dass der Betrieb läuft.“


Der Reihe nach: 2002 zeigt sich die Sammlung im Pasquart in der ersten Version von „Kinderspiel“ – einer Ausstellung, welche im Kontext der verstärkten Bemühungen um Kunstvermittlung steht.  Sie ist von Workshops für Schulen und Familien begleitet. Ansonsten stehen die Aktivitäten auf Neuorientierung. Immerhin kann, erneut mit Hilfe der Eidgenossenschaft, das für Biel geschaffene Video von Marie José Burki „Horizons of a world“ erworben werden.


Im Januar 2003 wird Heidi Schwab zur Nachfolgerin von Hans Dahler als Präsidentin der Stiftung Sammlung Pasquart gewählt. Sie trifft die Stiftung als „Patientin“ an. So können 2003 keine Ankäufe getätigt werden und das dringend notwendige Inventar kann nicht vorangetrieben werden, da nach dem Wirbel um den Abgang der Pasquart-Vizedirektorin Hélène Cagnard per 1. Mai 2003 niemand mehr zur Verfügung steht und ihre Stelle aus finanziellen Gründen erst per 1. Januar 2004 wieder besetzt werden kann.


Dennoch gibt es auch positive Signale. Dolores Denaro gelingt es mit Erik Steinbrecher und Fabrice Gygi, die beide 2003 mit Einzelausstellungen im Kunsthaus Pasquart auftreten, Gegenleistungen für geleistete Produktionsbeiträge in Form von Schenkungen zu vereinbaren. So überlässt Fabrice Gygi der Sammlung zwei seiner für die Ausstellung neu produzierten Gemälde mit dem Titel „Happiness Overdose“ und Erik Steinbrecher das für die Ausstellung produzierte Objekt „Unterstand“. Zusätzlich blieb das Zaun-Objekt „Avantgarde“ als Deponat in Biel. Auf der Anhöhe hinter der Villa ersetzt es für mehrere Jahre den „Bär“ von Niki de St.Phalle, der vom Eigentümer an die Sammlung Würth verkauft wird (er steht heute in Chur).


Der Stiftungsrat anerkennt die schwierige Situation des Kunsthauses, mit dem vorgegebenen Budget ein Programm zu realisieren, das der Grösse des Hauses und der Zielsetzung nationaler Ausstrahlung entspricht. Er teilt darum die zur Verfügung stehenden Geldmittel dem Stiftungszweck entsprechend auf in Sammlungstätigkeit einerseits, Unterstützung des Ausstellungsbetriebes andererseits. Die Beiträge ans Kunsthaus variieren zwischen 10 000 und 25 000 Franken pro Jahr.


Was das Thema „Sammlung“ innerhalb des Ausstellungsprogramms anbetrifft, so kann das Kunsthaus bereits 2003 seine neue Politik umsetzen, nämlich die Präsentation von Privatsammlungen. Dies mit dem Ziel breitere kunstgeschichtliche respektive geographische Felder im Spiegel individueller Kollektionen in Biel zu zeigen. Als erstes gewährt der bedeutende Berner Sammler Donald Hess Einblick in seine Sammlung, im Jahr darauf gefolgt von Sabine und Andreas Tschopp-Hahnloser, Alexander Jolles sowie Jasmine und Jobst Wagner.


Auch 2004/2005 krankt die Stiftung an den allzu bescheidenen Mitteln, die ihr für Ankäufe, für die Unterstützung des Ausstellungsbetriebes im Kunsthaus,  für die Inventarisierung der Sammlung und mehr zur Verfügung stehen. Daher ist leider „Geld“ das beherrschende Thema, auch wenn erfreulicherweise jedes Jahr Spenden in Höhe zwischen 20 000 und 40000 Franken zu den Erträgen aus diversen Fonds hinzukommen.  So können doch immerhin aus der Einzelausstellung von Klaudia Schifferle zwei Werke erworben werden; ein drittes kommt als Abgeltung für geleistete Produktionskosten hinzu. Zusammen mit dem zwei Jahre später zusätzlich erworbenen Werk „Allüre“ (1984) ist die Künstlerin aktuell mit fünf Werken und somit einem gerundeten Ensemble in der Sammlung vertreten.


Im Mai 2005 lanciert Heidi Schwab eine Gönnervereinigung innerhalb der Stiftung; kein leichtes Unterfangen. Es gelingt ihr jedoch bis Ende 2005 mit grossem Einsatz 21 Gönnerinnen und Gönner für ein längerfristiges Engagement für das Kunsthaus Pasquart und die Sammlung zu motivieren. Eine Zahl, die inzwischen erfreulicherweise auf 29 respektive jährlich rund 32 000 Franken angestiegen ist, den Möglichkeiten der Stiftung aber immer noch enge Grenzen setzt.


Höhepunkt dieser Zeit ist der Ankauf des schon längere Zeit als Deponat aus Privatbesitz in der Sammlung befindlichen „Torso selbdritt“ von Markus Raetz, eine der frühen Arbeiten des Künstlers mit Eukalyptus-Zweigen, die in Umrisslinien drei fragile weibliche Torsi in der Bewegung des Aufstehens zeigt.  Da die Arbeit an Dritte verkauft werden sollte, setzte die Stiftung alles daran, sie in Biel zu halten, was ihr dank gezielter Donatoren-Suche schliesslich auch gelingt, obwohl der Preis von 60 000 Franken nicht für den Marktwert des Künstlers aber für die Stiftung eigentlich ausser Reichweite liegt.


Wie schon bei Werken von Claude Sandoz und Marie José Burki, kann die Stiftung auch 2005 ein bedeutendes Werk mit Hilfe des Bundesamtes für Kultur erwerben, nämlich „Where“ der in den Los Angeles lebenden Schweizer Künstlerin Francesca Gabbiani, die 2005 in Biel  ihre bisher grösste Ausstellung in der Schweiz realisierte. Dem Modus Schenkung versus Produktionsleistungen verdankt die Sammlung 2005 drei Video-Arbeiten der heute in Zürich, früher während langer Jahre in Biel ansässig gewesenen Künstlergruppe „Relax“ (Marie Antoinette Chiarenza/Daniel Hauser).

2006 hinterlässt erstmals eine das Kunsthaus Pasquart mehr und mehr charakteri-sierenden thematischen Ausstellungen ihre Spuren in der Sammlung.

Dank der Gönnervereinigung kann aus „Branding“ die Arbeit „Look I am Blind Look“ (1998/99) des 2005 verstorbenen Schweizer Künstlers Remy Zaugg sowie den für die Ausstellung realisierten „Stammtisch“ von San Keller angekauft werden.  Im Jahr darauf kommt aus „Surréalités“ die Zeichnung „Mon Temple Végétativ“ von Victorine Müller hinzu.

Als Schenkungen darf die Sammlung 2006 nicht nur die anfangs Jahr in der Salle Poma gezeigte, raumgreifende Installation von Stefan Banz „Laugh I nearly died“ (ein als Malerei-Depot eingerichteter, entzwei gesägter Auto-Anhänger)  entgegennehmen, sondern auch die Arbeit „Sediment“ (Glassäule mit sedimentierten Kleidern) von Ruedy Schwyn. Dies im Nachgang zu seiner Einzelausstellung im Kunsthaus Pasquart.

Von langfristiger Bedeutung ist zweifellos die wichtigste Schenkung des Jahres, die kinetische „Säule“ (1962) des deutschen Documenta 64-Teilnehmers Harry Kramer (1925-1997), die als Legat einer der wichtigsten Bieler Mäzeninnen, nämlich Marianne Spinner, in die Sammlung gelangt. 2007 gelangt auf diesem Weg auch „Schiffbruch“ (1983) von Martin Schwarz in die Sammlung. Neben dem Engagement des Ehepaars Spinner für die Sammlung Robert, machte Marianne Spinner bereits seit der Gründung der Stiftung immer wieder Ankäufe möglich, so unter anderem von Dieter Seibt, Walter Kohler-Chevalier u.a.


Anders als zu Zeiten von Andreas Meier, speist sich die Sammlungsausstellung 2006 unter dem Titel „Kinderspiel II“ ausschliesslich aus der Pasquart-Kollektion ohne die Werke aus städtischem Besitz mitzudenken oder mit auszustellen. Die Ausstellung hat eine klar didaktische Ausrichtung, versammelt Werke unter den Grundbegriffen von Linie, Farbe, Material, aber auch Raum und Zeit. Sie richtet sich dementsprechend vor allem an Schulen und Familien. Sie gibt aber auch Gelegenheit, Neueingänge der letzten Jahre erstmals öffentlich zu zeigen.


Erfreulicherweise kann die kleine Sammlungs-Gruppe von Werken des Genfer Künstlers Hervé Graumann aus Anlass seiner Einzelaustellung im Pasquart ergänzt werden, nämlich durch die Fotografie „Oriental Carpet“ (2006) aus der Reihe der „Patterns“, die zuvor als offizieller Beitrag an der Biennale Kairo ausgestellt war. Als Schenkung kommt das in Biel ebenfalls gezeigte Video „Berglandschaft“ (2006) hinzu. Im selben Jahr erfolgt auch der Ankauf des Leinwandbildes „Die Ankunft“ von Franciso Sierra ( Ausstellung „Unter 30“).


Auf ausdrücklichen Wunsch der Gönnervereinigung erwirbt die Stiftung 2008 das Werk „Année 70“ der in Biel ansässigen Künstlerin chinesischer Abstammung Luo Mingjun aus ihrer Einzelausstellung im Pasquart. 2009 folgen die Ankäufe eines zweiten Werkes von Francesca Gabbiani („Higher Harvest“) und – nach langen Diskussionen – „Le Déjeuner“ (frei nach Edouard Manet) von Stéphane Zaech.


Dass ansonsten weder 2008 noch 2009 weitere Ankäufe getätigt werden, erklärt sich weiterhin mit den limitierten Ressourcen, vor allem aber auch mit einem gezielten Marschhalt. Die Ankaufskommission will ihre bisherige Tätigkeit konzeptuell überdenken. Die Grösse der Sammlung mit über 1000 Einzelwerken und grafischen Blättern erfordere es, die Sammlung nicht einfach grösser werden zu lassen, sondern ihr vermehrt ein fassbares Profil zu geben. Wohin diese Reise führt, wird die Zukunft zeigen.


Ein wichtiges Ziel hat die Stiftung 2009 mit der Einweihung eines eigens zu diesem Zweck her gerichteten ersten permanenten Sammlungsraumes im Altbau erreicht. Frühere Bemühungen in diese Richtung waren an der schwierigen Abgrenzung zwischen Kunsthaus-Betrieb und Stiftung gescheitert. Fortan soll hier ein jährlich zwei Mal wechselndes Fenster zur Sammlung auf deren Existenz, deren Aktivitäten, deren Bestände hinweisen. Ob der Wunsch, dem einen Raum zwei weitere hinzuzufügen, schon bald Realität wird, ist noch ungewiss.


Sicher ist aber, dass die  Jahre 2009/2010 in die Annalen der Stiftung eingehen werden, denn aus dem Testament der 2009 verstorbenen Alice Meier geht nun definitiv hervor, dass die Stiftung Sammlung Pasquart Erbin des bereits seit 1997 als Leihgabe im Pasquart befindlichen Nachlasses von Bruno Meier (1905-1967) im Umfang von rund 350 Ölbildern und Papierarbeiten wird. Mit der Einrichtung des Sammlungsraumes als „Hommage“ an Bruno und Alice Meier äussert die Stiftung ihren Dank für das grosszügige Erbe. Dieses ermöglichte es bereits anfangs 2010 der Bieler Kunsthisto-rikerin Betty Stocker den Auftrag zu geben, das bisherige Inventar heutigen Standards entsprechend zu überarbeiten und zu vervollständigen, um die Sammlung künftig aktiver und quasi aus eigener Kraft in Szene setzen zu können.