Newsletter Website  August/September 2021

 

Bewegungen im Bild-Körper, im Raumkörper;  was davor, was dahinter ist;  das Innen, das Aussen – physisch, emotional, …: Yael Davids (*1974 Israel) „One is always a Plural“, Ausstellung Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich/Löwenbräu. Bild: Marlène Dumas. Foto:azw

Heute ein Newsletter, der seinem ursprünglichen definierten Profil entspricht, nämlich Kommentare zu einigen Ausstellungen, die ich hier oder dort gesehen habe. Ich steige allerdings nicht mit einer gewöhnlichen Besprechung ein, sondern einem persönlichen Erlebnis. – Viele zeitgenössische Ausstellungen sind heutzutage eine Art Beteiligungs-Parcours. Die jungen Kunstschaffenden wollen keine abgeschlossenen Werke schaffen, sondern gedankliche, gesellschaftliche, politische Prozesse in Gang setzen. Meist fängt mich das nicht, bin ich die von einer anderen, früheren Zeit Geprägte, als «Werke» noch ganze Kosmologien in sich vereinten.

Doch dann die Überraschung:  Yael Davids (*1974 Israel) verfolgt in ihrem Schaffen einen Zugang, der mir vertraut ist, ich aber bisher nie in einen Kunstkontext stellte. Sie arbeitet auf der Basis von «Feldenkreis», einer Körpertherapie, die auf äussere und innere Bewegungen und entsprechende Bewusstseinsströme ausgerichtet ist. Das gab mir die Möglichkeit, einmal etwas zu wagen und so meldete ich mich für einen Feldenkreis-Kurs in der Ausstellung «One is always a Plural» im Migros Museum für Gegenwartskunst  in Zürich an. Die Ausstellung ist ein Konglomerat von Werken aus der Sammlung des MMG, Arbeiten von Yael Davids selbst und solchen von Freund*innen, ausgewählt auf die Möglichkeit hin, die darin enthaltenen «Bewegungen» entweder real durch umschreiten, durch die Wahrnehmung verschiedener Ebenen zu erfahren oder indem man den figürlichen Bewegungen im Bild (Malerei/Fotografie) nachspürt und sie in sich auf ihre Bedeutung prüft.

Der Kurs war in gewissem Sinn eine Anleitung dazu, mit einem Praeludium vor einigen Werken und dann, der üblichen Therapiearbeit entsprechend, auf dem Rücken auf der Matte liegend und mit Körperdrehungen, Kreis- und Dehn-Bewegungen von Armen und Beinen etc. langsam die inneren und äusseren Räume abtastend.

Leider verstand ich nur einen Bruchteil ihrer Anleitungen (Maske und die nicht sehr deutliche, englische Aussprache sowie mein Ü70-Gehör!). So schaute ich die Anweisungen bei der Nachbarin ab und begab mich der Melodie von Yael Davids Sprache folgend auf eigene Tagtraum-Reisen durch mir vertraute Bildwerke. Und siehe da, das funktionierte und wurde unverhofft zu einem ausserordentlichen Erlebnis, ermöglicht durch die im Raum mäandernde Energie!

EINE ANDERE AUSSTELLUNG, die mir Freude machte, war «I like a bigger garden» (ein Ausspruch der legendären New Yorker Galeristin Betty Parker von 1951) im Kunstmuseum Luzern mit JOSEPHINE TROLLER (1908-2004) im Mittelpunkt und im Spiegel zweier zeitgenössischer Kunstschaffenden, CHARLOTTE HERZIG und BEN SLEDENS, mit nach Ansicht von Kuratorin Fanni Fetzer vergleichbaren Visionen. Beim Belgier Ben Sledens (*1991) erscheint dies zunächst offensichtlich, antworten die fantastischen Landschaften doch dem Cliché des Märchenhaften, das man  lange auch Josephine Trollers Paradies-Gärten zuordnete. Indes: Im Vergleich mit Trollers Gärten, welche die biblischen Beschreibungen symbolhaft aufnehmen und verzaubern, wachsen Sledens Tiger und Blumenmädchen für mich nicht über sich selbst hinaus. Hingegen lohnt sich ein Verweilen in Charlotte Herzigs malerischen Raum-Installationen (siehe Bild), die mit floralen Mitteln die Grenzen des Materiellen zu durchbrechen suchen. «Remember the Door ist he Heart» ist der Titel des wandfüllend projizierten Videos; es könnte Titel ihrer Ausstellung sein, in die sie auch Werke von Josephine Troller integriert hat.

Sicher ist aber, dass die Kombination der drei Kunstwelten zur differenzierten Wahrnehmung  der Werke von Josephine Troller führen, was definitiv ein Gewinn ist und sicher auch Intention der Ausstellung. Insbesondere die biblische Symbolik des «Hortus conclusus» in den auf das «Tor der Erkenntnis» ausgerichteten Paradiesgärten der späteren 1960er-Jahre zeigt sich im Vergleich als sehr bewusste, persönliche Kosmologie. Aus heutiger Sicht mutet es geradezu unglaublich an, dass Trollers Schaffen so lange als das «naive» Werk einer Sonntagsmalerin gebrandmarkt wurde, statt sich mit der Bedeutung der Türme und Tore, der Blumen, der Schlange und mehr auseinanderzusetzen. Zu den Highlights der Ausstellung gehören auch die ganz frühen, mit dem Puls der Zeit gleich ziehenden Aquarelle von 1946/48. Luzern hat Trollers Werk in den letzten 30 Jahren immer höher eingestuft und 2007  mit einer wichtigen Publikation  vertieft (Hrsg. Christoph Lichtin), doch erst im aktuellen Dreier-Ping-Pong zeigt sich die Kraft und das starke Bewusstsein ihres Oeuvres so richtig, ohne aus ihr gleich eine intellektuelle Künstlerin zu machen oder die Grenzen ihrer Motivwelt zu verschleiern.

 

Last but not least  will ich auf die ausserordentliche Ausstellung von Emilia Skarnulyte (*1987 Littauen), hinweisen. «Sunken Cities» benennt insbesondere die immense Video-Installation, welche sämtliche Neubau-Räume im 1.Stock des Centre Pasquart in Biel (über Spiegel sogar verdoppelt) bespielt. Wir schwimmen mit der Künstlerin durch eine bildintensive, teils dokumentarische, teils fiktive Unterwasser-Welt, in der sich Schönheit und Bedrohung durch Recherchen zur (Aus)-Nutzung paaren. Geschickt appelliert die Künstlerin an unsere emotionale Wahrnehmung im Widerstreit der Kraft der Natur und der Kraft der Industrie. Farben. Vervielfachungen, Wellen und Wogen antworten auf unseren Hunger nach «Schönheit» und lassen uns entsprechend abweisend auf Roboter mit langen Greifarmen, auf Labore und mehr reagieren. Der Verführung zum Trotz birgt dies auch die Gefahr der Undifferenziertheit.

In den Räumen des Altbaus werden weitere filmische Arbeiten, aber auch  Objekte und mehr gezeigt. Nicht alles fesselte mich gleich, aber ein Film rührte mich zu Tränen. Er zeigt eine alte, fast erblindete Frau (die Grossmutter der Künstlerin?) unterwegs in einem waldähnlichen Park mit monumentalen Skulpturen aus der Sowjetzeit (Stalin, Marx, Lenin etc). Weil sie sie nicht mehr sehen kann, tastet sie die Bronzefiguren ab und man spürt förmlich wie sie sich an vergangene Zeiten erinnert. Dann kehrt sie in ihre einfache Behausung zurück und schält wohl am Boden zusammengelesene Äpfel, für Apfelmus lassen sie sich gewiss noch verwenden. Ein moderner Wasserkocher und vor allem ein Transistor-Radio verweben das einst und das jetzt, lassen die Melancholie eines bald zu Ende gehenden Lebens und damit auch einer Zeitepoche einfühlsam wahrnehmen.

Die Ausstellung fügt sich ins internationale Profil des Hauses mit zahlreichen Schweizer Erstausstellungen und wurde von Stefanie Gschwend, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Hauses, kuratiert. Ein Gewinn!