Newsletter Dezember 2022

 

1992 IM FOKUS:  Eine Auswahl von Text-Links. Darunter: „Impetus der Ich-Erfahrung“, zur weiblichen Sexualität. Kritisch hinterfragend. Z.B. die Frage aufwerfend, ob diese frühe Zeichnung von Sophie Täuber-Arp (*1889) von 1907 bereits aus einem  Ich-Impetus entstanden ist oder der Konvention der Akt-Darstellungen der Zeit entspricht. Foto: azw

Immer mal wieder etwas Neues. Bekanntlich ist diese Webseite primär ein Archiv, das weiter zu vervollständigen ich mir in Schüben Mühe gebe, so auch in diesen Wochen. Dabei kam mir die Idee diesen Newsletter mit einer kritischen Sicht der Texte von 1992 zu bestücken. Was weiss ich noch, was ist im Rückblick immer noch spannend, was nicht, wer ist seither komplett verschwunden, wer ist immer noch im Gespräch. Ich hätte auch 1982 in den Fokus stellen können, aber gesamthaft erschien mir das noch zu wenig national, noch zu sehr dem Aargau verpflichtet (wo ich von 1971 bis ca. 1997 lebte).

Somit 1992:

Es war das Jahr als Walter de Marias heute in der Bechtler-Stiftung in Uster (s.Bild) beheimatete «2000 Sculpture» den gesamten Bührle-Saal des Zürcher Kunsthauses belegte. Ich erinnere mich gut. Weil es damals noch im Trend war, die eigene Kunstkritiker(innen)-Stimme direkt in die Texte einfliessen zu lassen, ist meine Skepsis gegenüber dem Absolutheits-Anspruch des 800 fünfseitige, 800 siebenseitige und 400 neunseitige Barren umfassenden Skulpturenfeldes deutlich spürbar, auch wenn ich mir Mühe gab die Zahlenrhythmen in die Nähe von Emma Kunz’ Pendelzeichnungen zu bringen.

https://annelisezwez.ch/wp-content/uploads/Walter_de_Maria_Kunsthaus_Zrich_1992.pdf

Deutlich wird, dass mich die gleichzeitig in Winterthur stattfindende Ausstellung von Agnes Martin  – es war vermutlich meine erste Begegnung mit Originalwerken – sehr viel mehr beeindruckte. Dieses sich selbst Zurücknehmende, diese Haltung gegenüber der minimalen Geste einer Horizontalen, beeindruckte mich tief und tut es bis heute.

https://annelisezwez.ch/1992/agnes-martin-kunstmuseum-winterthur-1992/

1992 war auch das Jahr der umfassenden Ausstellung von Jean-Frédéric Schnyder im Aargauer Kunsthaus. Ich konnte mich nie so richtig damit anfreunden, dass seine banalen Motive von Wartsälen, Gartenzwergen, Spielplätzen, Quartierkirchen usw. nicht ironisch, sondern «todernst» zu nehmen seien. Ich fragte in meinem Text zu Aarau unter anderem, ob da nicht zu viele Missverständnisse im Spiel seien. – Nachdem ich kürzlich im Kunstmuseum Chur das grosse «Apocalypso»-Bild von 1976-78 und die dazugehöhrende «Broderie» von 1973-1981 (wieder)sah, war ich hingerissen vom Erzählfluss dieses «Totentanzes», von der Dichte der Stickerei, während die Doppel-Retrospektive in Bern von 2021 dieses Ambivalente nicht hatte ausradieren lassen. ABER, zweifellos: Wenn einer ein Lebenswerk so erschafft, dann ist es an mir, es ernst zu nehmen!

https://annelisezwez.ch/wp-content/uploads/Jean_Frdric_Schnyder_Aargauer_Kunsthaus_1992.pdf

1992 war auch das Jahr als Stephan Kunz (damals Kurator am Aargauer Kunsthaus, heute Direktor in Chur) die erste Einzelausstellung für Susanne Baumann (*1942) einrichtete. Gerade dieser Tage ist sie endlich wieder einmal im Gespräch, hat Aarau doch ihr Bildwerk «Blaubart» von 1991 (s. Bild) fürs Plakat der Ausstellung «Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau» gewählt. Meine Erinnerung an die Ausstellung hat zwei Stränge. Zum einen ist da die gelungene Ausstellung einer wichtigen Aufbruch-Frau, die Kunst, Design und Lebensperformance, Atelier und Wohnraum samt Pflanzen und Tieren als ein Ganzes betrachtete und auch lebte. Das beeindruckte mich nachhaltig.

Zum andern ist da der Katalog, für den ich einen grösseren Text unter dem Titel «Künstlerinnen im Kraftfeld der Berner 68er-Jahre» schreiben durfte. Der Text ist soweit gut, aber es war falsch ihn an den Anfang des Kataloges zu stellen, da er sich zu wenig mit Susanne Baumann befasste (was ja nicht der Auftrag war) und mir später dennoch indirekt zum Vorwurf  gemacht wurde. Es kommt hinzu, dass jeder Gedanke an die Künstlerin die tragische Fortsetzung ihres Lebens mitbeinhaltet und dass man es auch nicht geschafft hat, sie aus ihrer Verbitterung, ihrem Gefühl, die ganze Welt arbeite gegen sie, herauszuholen.

https://annelisezwez.ch/wp-content/uploads/Suzanne_Baumann_Retrospektive_Aargauer_Kunsthaus_1992.pdf

https://annelisezwez.ch/1992/kuenstlerinnen-im-kraftfeld-der-berner-68er-jahre/

Was für ein Jahr!

1992 hatte ich auch meine erste Führung im 1991 eröffneten Emma Kunz Zentrum in Würenlos. Es gibt dazu Notizen, die mein Engagement, meinen Fleiss im Zusammentragen von möglichst vielem damals Bekanntem spiegelt.

Was mich bei all diesen Führungen (bis ca. 1998) immer wieder frappierte, war, wie schnell ich spürte, was für eine Gruppe ich vor mir hatte. Eine Emma Kunz und ihrem aussergewöhnlichen Zugang zur Welt gegenüber offene oder eine gegenüber Übersinnlichem durch und skeptische. Im ersten Fall erhielt ich von den Teilnehmenden laufend Energie und sprudelte in meiner Erzählung, in zweiterem sagte ich einfach, was ich auswendig wusste.  Gemerkt haben das die Gruppen wahrscheinlich wenig, aber ich schon.

https://annelisezwez.ch/1992/emma-kunz-erste-fuehrung-im-zentrum-1992/

 

Und dann auch noch dieser – ich glaube wichtige – Text, der lange in meinem Kopf kreiste bis ich mich endlich traute, ihn zu schreiben, immerhin geht es darin um eine These zum weiblichen Empfinden von Sexualität. Man könnte mir angesichts des aktuellen LGBTQ-Hype vorwerfen, ich hätte das Thema mit der Beschränkung auf Mann und Frau viel zu wenig differenziert betrachtet, aber derlei Diskussionen standen 1992 noch nicht im Fokus. Nach einem guten Jahrzehnt mit vielen spannenden und oft ich-bezogenen Werkzyklen von Künstlerinnen, war mir aufgefallen, dass Frauen ihre Sexualität  immer über ihren eigenen Körper ausdrücken, während Männer sie sehr oft als Projektionen verbildlichen. Und dies bis in die Zeiten Sigmund Freuds zurück. «Der Impetus der Ich-Erfahrung» überschrieb ich den Text vom November 1992, der dann anfangs 1993 in der Kunstzeitschrift artis erschien.

https://annelisezwez.ch/1992/der-impetus-der-ich-erfahrung-artis-1993/

 

Ich glaube, es war das verrückteste Jahr meines Lebens, auch privat. Im März hatte mein Lebenspartner einen Hirnschlag mit weitreichenden Folgen, im Mai starb die der Familie eng verbundene «Tante Ruth» und im November starb mein Vater an den Folgen eines Autounfalls, just am 20sten Geburtstag meines Sohnes und gleichzeitig wurde meine Schwester Aargauer Regierungsrätin. Unglaublich!