Newsletter Website Juli 2022

Emma Lucy Linford: Vom Kleid zur frei im Raum schwebenden, aus Kupferdraht gestrickten Körperskulptur.

Ich muss mit einem Nachtrag beginnen, der mir unter den Nägeln brennt:

Jedes Jahr werden parallel zur Art in Basel die Eidgenössischen Kunststipendien – pardon: die Swiss Awards – vergeben. Nicht mehr so viele wie früher, da ein Teil der Gelder zur Pro Helvetia abgewandert sind. An der Messe wird jene Kunst gefeiert (und verkauft), die marktgängig ist (sprich: problemlos in eine Kunstsammlung integrierbar ist). Die Eidgenössische Kunstkommission macht in der Halle nebenan genau das Gegenteil. Da geht es über weite Strecken zu wie in den 1970er-Jahren als «Museumskunst» als «anrüchig» galt, das heisst es wird mehrheitlich «Off-Space»-Kunst (im weitesten Sinn) ausgezeichnet und überdies auf politische Korrektheit geachtet. Schweizer Künstler/in ist man – überspitzt formuliert – wenn man in Argentinien, in Russland, in der Türkei, in China oder zumindest in Deutschland geboren ist und in der Schweiz arbeitet oder umgekehrt in Zürich geboren ist und Wohnsitz in New York, London, Berlin hat.  Ich weiss: Vorsicht ist geboten, denn hinter den Namen können sich durchaus 2.Generation-Kunstschaffende verbergen, wie z.B.  die mir bisher unbekannte JiaJia Zhang, die Künstlerin und Kunstbulletin-Autorin ist; ihre Video-Collage mit found-footage-Youtube-Ausschnitten aus allen Zeiten und allen Weltgegenden ist überdies unglaublich humorvoll und stimmig und der Preis ohne weiteres nachvollziehbar. Es ist auch nicht so, dass nun die meisten Preise an die globalen Wanderer gegangen wären, nein, aber die Tendenz ist trotzdem eindeutig. Das gilt auch für den Quoten-Preis an die einzige ältere Künstlerin, die mit Naturprozessen arbeitende in Buus (BL) lebende Konzept- und Performance-Künstlerin Sandra Knecht *1968 (siehe „Gletschermilch“ im Bild).

Nun kann man sagen, dass ausserhalb des Marktes mehr gedacht und geforscht wird als innerhalb, dass Off-Space-Kunst Unterstützung nötiger hat als (theoretisch) verkäufliche Kunst. Die Präsenz der Swiss Awards-Ausstellung an der Messe wäre dann fast gar ein Manifest. So wie heuer erlebt, wirkte  es auf mich indes eher als etwas überhebliche Besserwisserei.

Doch genug davon.

Meinem Vorsatz treu, die Westschweiz im Fokus zu behalten, war ich anfangs Juli im Musée des Beaux Arts in Le Locle. Eigentlich weil da eine Ausstellung Emma Lucy Linford angesagt war, eine junge Westschweizer Künstlerin, die vom Kleid zur frei im Raum schwebenden Körperskulptur kam, gestrickt aus feinen Bändern von Abfallsäcken (schwarz) respektive Kupferdraht (hell); als Duo ein eindrückliches Memento mori. Ich hatte auf eine erweiterte Ausstellung gehofft nachdem ich ähnliche Arbeiten bereits in der Galerie C in Neuchâtel gesehen hatte. In Le Locle stehen ihre beiden sehr schön (Licht/Schatten) ausgestellten Arbeiten als radikal zeitgenössische Position in einem Ensemble von Ausstellungen zum Thema des Kleides, der Verkleidung, der Maskerade im Dienste von Ritualen, Volks-Traditionen in aller Welt bis hin zur Art brut. Im Zentrum steht hierbei der französische Fotograf Charles Fréger (*1975). Er hat in den letzten 20 Jahren die Welt vom hohen Norden über Japan bis Patagonien bereist und ein enormes Panoptikum von traditionellen Kostümen dokumentiert respektive für die Kamera inszeniert. Sein Interesse galt und gilt dabei ganz primär dem Menschen, der diese (oft von Männern inszenierten) Rituale ausübt, lebt, tanzt. Fréger kommt von der Porträt-Fotografie und hält diese Optik auch bei «wilden Männern» (siehe Bild) bei.

Es ist die letzte Ausstellung von Herschdorfer, die dieser Tage als Direktorin ans Elysée in Lausanne wechselt. Sie hat das Musée des Beaux Arts in Le Locle in den letzten 10 Jahren vor allem im Bereich der Fotografie national in Szene gesetzt, die Besucherzahl von 1000 auf 10’000 im Jahr gesteigert, chapeau! Ihre Nachfolgerin ist die 39jährige Italienerin Federica Chiocchetti.

Bereits Ende Juni habe ich die eindrückliche erste Inszenierung der neuen Direktorin der Kunsthalle Bern, Kabelo Malatsie, gesehen. Noch vor Amtsantritt hat sie die Deutsche Ivana Franke (*1973) eingeladen, ihre Praxis der dunklen Räume in der Kunsthalle Bern umzusetzen. Ich freue mich, dass der Einstieg von Malatsie über eine Ausstellung erfolgt, die Erlebnischarakter und gleichzeitig inhaltliche, gesellschaftsbezogen relevante Substanz hat. Hinter dem Vorhang ist es rabenschwarz; meine Hand an der Wand schafft Beruhigung. Nach einer Weile tauchen erste kleine Lichtpunkte im Dunkel auf; so wagt man es weiter zu gehen – man kennt ja die Architektur des Hauses – und mit der Zeit werden die Lichtpunkte (erzeugt durch gelochte Folien, vermute ich ) zahlreicher, man entfernt sich immer weiter vom Alltag weg und hat im Hauptsaal den Eindruck, man sei in einer Höhlen-Kathedrale. Wunderbar. Der Bauch nimmt wahr, die Augen nur bedingt. Am Schluss kommt man wieder ins Helle und will dieses Helle eigentlich gar nicht. Ich musste mich setzen und langsam wieder zu mir kommen.

Vermutlich wusste Kabela Malatsie nicht, dass es früher schon Dunkelkammern gab in Berner Museen. Unvergessen ist mir die Black Box von Eric Orr im Jahr 1987 in Jürgen Glaesemers legendärer Ausstellung «Die Gleichzeitigkeit des Anderen». 2001 kam dann Ralf Beils «Black Box» , die ich allerdings etwas «professoral» empfand, wie ich damals im Text schrieb.

Es gäbe zusätzlich zu den bereits auf Facebook besprochenen Ausstellungen (insbesondere «Balance» im KM Solothurn und der Art Basel) noch von Carlo Borers Installation in der Kulturstiftung H. Geiger zu berichten (lasse ich weg, weil ich mich nicht entschliessen kann, ob ich sie gut finde oder nicht), von Maria Z’Graggen (Achtung: Nicht Maria Zgraggen)  im Kunsthaus Grenchen (lass ich weg, weil ich nicht so begeistert war, wie ich es gerne gewesen wäre)….doch von einer Überraschung will ich noch berichten. Im Kunstbulletin las ich, dass Ruth Buchanan (*1980 in Neuseeland, lebt in Berlin) die Sammlung des Basler Kunstmuseums Gegenwart  unter dem Stichwort «Wann beginnt die Gegenwart»  neu eingerichtet hat und – fast eine Revolution – die Werke von Joseph Beuys im Dachgeschoss entfernt habe. Das ist vor Ort anregend, aber nicht umwerfend. Vermutlich um Joseph Beuys nicht zu erzürnen (😅) findet in den Parterre-Räumen eine Dokumentations-Ausstellung unter dem Stichwort «Beuys und Basel» statt. Und ich habe nicht schlecht gestaunt als ich unter «1985/86» als Haupt-Text einen Artikel von mir selbst vorfand. Darin winde ich insbesondere auch Jean-Christoph Ammann ein Kränzchen. Da ist er: https://annelisezwez.ch/wp-content/uploads/Beuys_Cucchi_Kiefer_Kounellis_Kunsthalle_BS_1986.pdf

So viel für heute!