Newsletter Dezember 2020


Roshan Adhihetty ist *1990 in Lausanne geboren, absolvierte die Schulen in Solothurn; er lebt heute als Fotograf mit Ecal-Abschluss in Zürich. In Solothurn stellt er im Rahmen des „Freispiels“ eine Art Brutkasten für Avocados, Süsskartoffeln und Ingwer aus.  Foto: azw

Es ist wahrscheinlich die Neuigkeit, dass die Berner Museen ab Dienstag wieder offen sind, die mich die Energie finden lässt, einen Newsletter in Sachen Kunst zu schreiben. Denn trotz allem habe ich seit Mitte November einiges gesehen. Doch wenn ich beim Besuch des Aargauer Kunsthauses (Foto: Silvia Bächli), der Galerie C in Neuenburg, am Zurich Art Weekend, im Gluri-Suter-Huus, im Kunstmuseum Luzern, im Kunstmuseum Solothurn etc. Bekannte angetroffen habe, so war das ebenso ein Highlight wie ausgewählte Werke.

Denn zum Belastendsten der Zeit gehört für mich, dass ich das Gefühl habe all die Menschen, mit denen ich mich gerne austausche, würden aus der Realität verschwinden, existierten nur noch in der verblassten Form einer Erinnerung an früher oder virtuell im Netz. Wobei ich – ich gebe es zu – mit Online-Konferenzen u.ä. wenig anfangen kann. Vielleicht sollte ich mir da einen –«Schupf» geben.  Einmal in den letzten Wochen war ich im Atelier einer Bieler Künstlerin und wir haben intensiv diskutiert – wie bereichernd war das!

Doch halt, klagen nützt nichts – sich fügen und das Beste draus machen, muss die Devise sein.

Es ist die Zeit der Jahresausstellungen.  Aarau ist – wie alljährlich – ein Must. Wieder haben es die Aargauer – das Kunsthausteam im Verbund mit dem Aarg. Kuratorium – fertig gebracht, dass sich ebenso seit langem wichtige Kunstschaffende wie auch Junge und Youngster mit substanziellen Dossiers um eine Teilnahme (oder ein Stipendium, einen Preis, einen Ankauf) beworben haben. «Generationenübergreifend» ist in Aarau als Charakteristik berechtigt, während es sich in Solothurn, wo das Wort auch gebraucht wird, eher schaal anhört, dominieren hier doch trotz Delia Ferraro mit Jahrgang 1996 die über 40, 50, 60, 70 jährigen (z.B. F.A. Wyss, René Zäch). Mit Qualität hat das nichts zu tun, wohl aber mit überraschenden Blicken in die Zukunft. In Aarau habe ich das Gefühl der Senior – Max Matter (*1941) – habe längst ein subversives Konzept daraus gemacht,  die Juries so lange es ihm physisch und/oder mental möglich ist mit grossformatigen Werken herauszufordern und zu schauen, wann die erste Crew ihn rausschmeisst. Heuer nicht. Zu sehen sind acht für ihn seit Jahren typische Injektions-Streifen, die sich «in Verläufen (an Inside)» von einer Rot- in eine Grüntonigkeit (oder umgekehrt) wandeln.

Delia Ferraro „Der Besuch der Tante…“, Stickerei

Die Ausstellung in Aarau ist tendenziell zweigeteilt, im 1. Stock viele vertraute Namen (auch Silvia Bächli, Dominique Lämmli, Eric Hattan), im Soussol insbesondere Video-Arbeiten (was räumlich-technisch bedingt ist). Ein wichtiges Element: Im Gegensatz zu Solothurn, welches Parterre und Kabinett («Freispiel») zur Verfügung stellt, Luzern, das nur knapp die Hälfte der bespielbaren Räume «zentral» widmet, bespielt Aarau das gesamte Ober- und Untergeschoss. Das gibt Grosszügigkeit, z.B. für eine mehrteilige Serie von Hochformaten von Mireille Gros (siehe Foto), die eine Entwicklung ihres «fictional plants»-Herbarium hin zu vertieft malerischen Lösungen aufzeigen. Dass das Hauptwerk des Obergeschosses – das «kosmologische» Universum von Philippe Fretz (*1969, Werkbeitrag Kuratorium) von einem «Auswahl»-Habitué stammt, erstaunt in dem Sinn, als es dem Genfer praktisch Jahr für Jahr gelingt, den Röschtigraben zu überspringen und die Jury zu überzeugen; möglicherweise weil fiktionales Erzählen in der Romandie mehr Tradition hat und darum in der Deutschschweiz immer wieder überrascht.

Ein Fauxpas ohne gleichen ist meiner Meinung nach hingegen, Rolf Winnewisser (71) einen Förderpreis zu verleihen!

Luzern (ich hätte nicht gedacht, dass Fanni Fetzers beiläufiger Satz «Ich bin so froh, konnten wir eröffnen» eine Vorahnung war –eben wurden die Museen bis 22. Jan. geschlossen) ist als Plattform für die gesamte Innerschweiz umfangmässig relativ klein. Von 210 Dossiers wurden gerade mal 29 ausgewählt; im Gegensatz zu Solothurn, wo die Jurypräsidentin Marie-Antoinette Chiarenza festhält: «Angesichts von Corona wollten wir möglichst vielen die Möglichkeit der Sichtbarkeit geben»  ( 49 Positionen von 181 Eingaben).

Qualitativ ist Luzern tatsächlich höher einzustufen als Solothurn, aber persönliche Highlights findet man hier wie dort. In Solothurn ist es u.a. die 8teilige Foto-Leuchtkasten-Serie «en dernier lieu», die Walliser Berglandschaften mit einsamen Wegen dem «musée de la nature»  mit ausgestopften Wölfen gegenüberstellt.  Genannt seien aber auch die Zeichnungen von Andreas Hofer (*1956), die scheinbar zeigen wie der Künstler sich selbst zuschaut wie er die Tusche-Linien auf dem Papier zieht.

 

In Luzern ist es vielleicht das «blaue» Video «Le baiser», das die Bein/Schoss-Partie einer mehrfigurigen Bronze-Skulptur aus dem 19. Jh. zeigt, welche die Künstlerin (Lotte Gadola *1991) sorgsam mit weissen Pinselstrichen entlang den Gliedmassen berührt, streichelt, ertastet. Das berührt, gerade jetzt!  Siehe Abbildung. Im Covid-19-Zusammenhang sei aber auch die Serie «Eingeschlossen» von Elisabetha Günthardt (*1943) genannt, die Camera obscura-Aufnahmen ihrer selbst zuhause und im Garten zusammenstellt.

Nicht verpassen sollte man in Luzern die aufwändigen Raum-Einbauten des Manor-Preisträgers Micha Zweifel (*1987),die einerseits den Einfluss von Räumen auf unser Empfinden von Räumlichkeit befragen, andererseits Handschrift/Handwerk zeigende Skulpturen (Holz geschnitzt, Bronze gegossen, geschweisst) und Wand-Decors in Form von tapetenartigen Zeichnungen respektive Gips-Reliefs dazu in Beziehung setzen. Das alles ist geheimnisvoll, anregend, Atmosphäre erzeugend.

 

Es gäbe mehr zu sagen, zu Annatina Grafs «goldigen» Nachtszenen bei Abbühl in Solothurn zum Beispiel, zu Barbara Ellmerer bei Talmann in Zürich, zu Léopold Rabus  bei «C» in Neuenburg, zu Reto Leibundgut bei Bernhard Bischoff in Bern, zu Koenrad Dedobbeler/Luigi Ghirri (resp. Mondrian) bei Mai 36 in Zürich, aber fürs erste mache ich hier Schluss.