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„Grotte“ von Sara Masüger in der Ausstellung „Schwarzes Licht – Positionen des Erhabenen in der Kunst“ im Kunstmuseum Solothurn. Foto: azw

Ausstellungen, Künstler/innengespräche besuchen gehört für mich zum Leben. Vielleicht sind sie sogar mein Lebenselixier. Das heisst nicht, dass ich nicht seeehr viel an Spannendem verpasse, weil die Möglichkeiten für einen Off-Tag (oder zumindest Off-Nachmittag) ebenso begrenzt sind wie die Kräfte. Doch:

Die «Wiederentdeckung» von Otto Wyler (1887-1965) im Museum Gertsch in Burgdorf war für mich, die ich so lange im Aargau als Kunstkritikerin tätig war, ein Must – und eröffnete erstaunlicherweise viele neue Perspektiven. Der Aargau hat Otto Wyler stets als «Aargauer Künstler» gefeiert, als Mitbegründer der Aargauer Sektion der GSMBA im Jahr 1904 usw. Und stets als Vater der Aargauer Künstlerin Lotti Fellner, während von den drei älteren Geschwistern nie die Rede war. Doch nun zeigen insbesondere die Forschungen des in Israel lebenden Enkels Yehuda R. Sprecher (denen man im Aargau lang skeptisch gegenüber stand) eine Internationalität des Künstlers und einen Umfang des Werkes, dass eine neue Sicht absolut berechtigt ist. Auch wenn die Burgdorfer Ausstellung ( wohl aus Budgetgründen) ganz primär mit Werken aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses und der Stadt Aarau – somit den mir bestens vertrauten Werken – bestückt ist. Aber ein Blick auf die hervorragende Homepage zu Otto Wyler zeigt, dass auch eine grosse Museumsausstellung möglich wäre.  Mein Lieblingsbild ist und bleibt aber trotz allem die «Fräulein Stähelin», die früher gleichsam zu jeder Sammlungsausstellung in Aargauer Kunsthaus gehörte.

Es ist nicht das erste Mal, dass Burgdorf einen Schweizer Künstler der älteren Generation in neues Licht rückt – man erinnere sich der Ausstellung des Berners Max von Mühlenen (1903-1971). Als nächstes würde ich hier die Aargauer Künstlerin Ursula Fischer-Klemm vorschlagen oder die Berner Künstlerin Marguerite Frey-Surbek, auch wenn es (meines Wissens) im Gegensatz zu Wyler weder hier noch dort einen finanzkräftigen Background gibt, der vorgängig eine kunstwissenschaftliche Aufarbeitung möglich machen würde…..!

 

Klar gehörte zum Besuch im Gertsch Museum auch ein Rundgang durch die Ausstellung Lisa Hoever im Kabinett. Schön der Link zu Franz Gertsch über die ähnliche und ganz andere Darstellung von Natur in der Malerei. Vielleicht ist es darum, dass hier vor allem jene Aquarelle überzeugen, die Gegenständlichkeit und Wandel in Farbe und Raum zu einer Einheit formen.

 

 

Gespannt war ich auf das «Schwarze Licht, Positionen des Erhabene in der Kunst» im Kunstmuseum Solothurn, kuratiert von Robin Byland, der damit, so Direktor Christoph Vögele, sein «Gesellenstück» am Ende seiner Zeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter abliefert. Ich hatte Byland als ausgesprochen konzeptuell denkenden jungen Kunsthistoriker kennengelernt. Würde es ihm gelingen, dieses spirituelle, zum Pathos hin tendierende Thema einzufangen? Mein Fazit: Besser als erwartet, wobei er allerdings auch eine Art Kontra-Indikationen einbezieht, z.B. Francisco Sierras fotorealistischer Flugzeug-Hangar (Bild). Highlight ist für mich Sara Masügers raumfüllend-begehbare Grotte, die einem aus dem Dunkel hinaus Sichtfelder ins Licht gewährt. Dass Byland in Sichtnähe Caspar Wolfs 1778 gemalte «Bärenhöhle von Welschenrohr» präsentiert, liegt auf der Hand. Ein Bild, das auch Robert Zandfliet zu einem grossformartigen Gemälde angeregt hat, das als Dauerleihgabe Teil der Solothurner Sammlung ist. In Saal 1 finden sich auch die klassisch das Erhabene evozierenden Landschaften des 19. Jh. wie der «Gewittersturm» von François Diday oder Ferdinand Hodlers «Lawine». Sinn und Humor verbinden sich in Fischli/Weiss’ köstlichen Fragebändern: «Kann man alles denken?» oder «Dürfte man Neandertalerfleisch essen?» oder «Ist das Schöne am Arbeiten, dass man keine Zeit mehr hat?»

Karin Sanders typische Malerei in den oberen Ecken von Räumen, wären leicht ins Thema zu integrieren, aber ihre Verpackungsreste mit Spuren des Versandes rund um die Welt, wirken im Kontext doch eher angestrengt.

So geben sich in der Ausstellung die positiven und eher zurückhaltenden Reaktionen ständig die Klinke.

Selbstverständlich gehörte zum Besuch in Solothurn auch ein Rundgang durch die Ausstellung von Meret Oppenheim «Arbeiten auf Papier», die mich rundum überzeugte, da sie mit dem intimeren Charakter von Zeichnungen näher an die facettenreichePersönlichkeit der Künstlerin herankommt als die Skulpturen und Leinwände.