Newsletter Juni 2020

El Anatsui, Kunstmuseum Bern (Foto: azw)

Endlich wieder ein „normaler“ Newsletter, eine Art Kurzberichterstattung über einige Ausstellungen, die ich in den letzten Wochen gesehen habe. Der erste Ausflug führte mich ins Kunstmuseum Bern, wo ich die grosse Ausstellung des ghanesischen Künstlers El Anatsui (*1944) noch nicht gesehen hatte;  ehrlich gesagt war sie – fälschlicherweise, wie ich nun weiss – zu Beginn auch nicht zuoberst auf meiner Prioritätenliste. Ich dachte – wie viele – ach, diese „Vorhänge“ aus Flaschendeckeln  kenne ich doch von der Biennale Venedig. Und dann die Überraschung: Da gibt es vor den Metallverschluss-Arbeiten ein holzbildhauerisches Werk von ebenbürtiger Qualität und ein zeichnerisches/druckgraphisches Oeuvre aus den 1970er/80er – ja sogar der 1960er – Jahren, das einen engagierten, kritischen, aber ebenso künstlerisch formbewussten Studenten der Kunsthochschule in Ghana zeigt. Und die frühen, der Natur nachempfundenen Hohl-Körper aus Ton…Meisterwerke!

Das Interessante ist, wie es Anatsui gelingt, afrikanische Motiv-Traditionen in eine künstlerische Sprache umzusetzen, die ebenso seine Verwurzelung wie ein Wissen um die Weltsprache der Kunst aufzeigt. Und insofern ist uns sein Schaffen, sein Umgang mit der Kettensäge zum Beispiel, keineswegs fremd und ist doch ganz autonom, auch gepflegter als ein Baselitz oder in der Schweiz ein Josef Felix Müller in den 1980ern mit der Kettensäge umgingen. Alles in allem: Eine beeindruckende und nachhaltig wirkende Ausstellung; Gratulation an Kathleen Bühler, welche die ursprünglich vom verstorbenen Okwui Enwezor initiierte Ausstellung von München nach Bern brachte.

Ernüchternder war der Besuch der Kunsthalle Bern, wo Marc Chamille Chaimowicz (*1947) eine Ausstellung unter dem Titel «Dear Valerie…» eingerichtet hat. Meine Einschätzung ist dabei sehr subjektiv, denn gegen die von ihm praktizierte Verbindung von angewandter und konzeptueller Kunst zu einer Art kuratorischer Inszenierungs-Kunst habe ich eigentlich gar nichts einzuwenden. Es ist die inhärente Selbstinszenierung, verbunden mit der geradezu tänzerischen Hochstilisierung von allem, was er tut – und sei es auch nur einen Brief schreiben – die ich nicht mag. Da ist mir zu viel Luft und zu wenig Erde. Jede Arbeit zeigt er an verschiedenen Orten in wechselnden Kombinationen und lobpreist damit indirekt sein eigenes Tun. Jeder Kontakt mit Künstlern (vorwiegend Männern), KuratorInnen, Architekten, Sammlern usw. wird zum Ereignis, das letztlich ihn selbst in Wert setzt. Es mag sein, dass das vom ihm entworfene Berner Konzept, das Briefe des in London, aber meist in Hotels zwischen Wien, Paris und New York residierenden Künstlers mit einschliesst, seine oft geradezu devote, aber gleichzeitig das Gegenteil meinende Haltung gegenüber den Adressaten  besonders betont; mehr als Präsentationen, die ihn anonymer als Raum- und Objektgestalter zeigen. So aber fühlte ich mich als Betrachterin eher als Voyeurin in einem Theater, das mich nicht mit einschliesst und darum auch emotionell nicht berührt.

Meine Eindrücke von der Ausstellung Rebekka Steiger in Grenchen habe ich bereits auf Facebook ausgeführt.

Man weiss es: das akku (die Kunstplattform in Emmen in unmittelbarer Nähe zur Kunsthochschule Luzern) mit ihrem grosszügigen, offenen Hauptraum steckt in einer Finanzkrise. Das heisst aber keineswegs, dass 2020 nicht Spannendes zu sehen wäre. Die Kunsthistorikerin Patricia Bieder (Solothurn) hat ein Gastkuratoren-Programm zusammengestellt. Gestartet ist sie mit Agnes Barmettler, einer der Pionierinnen einer selbst-bewussten Kunst von Frauen in der Schweiz. Bieder hatte 2019 ein Buch zu Barmettler herausgegeben und konnte so aus dem Vollen schöpfen, was sich in der Präsentation und im Rahmenprogramm zeigte. Und sie fährt fort mit Malerei aus der Schweiz – diesmal generationenübergreifend, die bekannte Luzerner Künstlerin Marie-Theres Amici (*1943) dem überregional eher unbekannten Winterthurer Maler Thierry Perriard (*1978) gegenüberstellend. Der schöne Titel: „Bewegungen im Gewölk“ (ein Zitat von Amici) meint Veränderungen in einer von der Natur inspirierten Malerei, die bei Amici stark mit dem zeichnerischen Strich, bei Perriard stark mit der Farbe verbunden ist.

Perriard war für mich eine positiv  überraschende Neubegegnung (siehe Abbildung), die indirekt aufzeigt, wie regional auch gute Kunst in den letzten 20 Jahren wieder geworden ist. Der starke Trend zur Internationalisierung der Kunstszene führt in der Schweiz auf nationaler Ebene zu einer teilweisen Marginalisierung der Kunstschaffenden aus dem eigenen Land. Da gälte es dringend, eine neue Balance zu finden.

Was die Kombination sinnvoll macht, ist, dass beide mit Naturstudien beginnen – Amici eher die Weite suchend, Perriard eher die Nähe – diese in der Arbeit auf Leinwand aber in etwas Autonomes verwandeln, das sich nicht mehr gegenständlich benennen lässt, aber gleichwohl die Atmosphäre, das Empfinden bestimmen.

Gesehen habe ich auch die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Baselland mit Marlene Mc Carty (*1957 NY/BS), Stefan Karrer (*1981 BS), Christoph Oertli ( *1962 ZH/BS). Marlene Mc Carty sucht seit langem – vor allem zeichnerisch – nach einer Verschmelzung von Animalischem, Pflanzlichem und Menschlichem. Diesmal versuchte sie über Pflanzen, deren Wirkstoffe den Menschen heilen oder vergiften(Tollkirsche), die Natur direkt ins Museum zu bringen – aber wie fast alle dieser Versuche (es sei z.B. an Mirco Baselgia in Bellelay 2018 erinnert) scheitert auch sie; die Pflanzen wuchern oder gehen ein im künstlichen Licht, sodass von einer Bewunderung für die Kraft und Vielfalt der Natur, von einem Spüren der Verbindung kaum die Rede sein kann; schade.

Stefan Karrers Auseinandersetzung mit der Höhle der Kalypso auf Malta überzeugte mich nicht. Highlight der Ausstellung ist „Sensing Bodies“, das neue Zwei-Kanal-Video von Christoph Oertli, das sich vorwiegend in Parkanlagen in Japan abspielt und u.a.aufzeigt wie wichtig Japanern Momente der Ruhe, des Körper-Bewusstseins als Kontrast zur Hektik der Grossstädte sind und wie diese Parks entsprechend von Gärtnern gepflegt werden. Langsamkeit als Zeit für die Betrachtenden, sich mit dem Video(Film)-Geschehen zu befassen ist gleichsam ein roter Faden durch das Schaffen Oertlis, d.h. man findet es als Charakteristikum auch in zahlreichen anderen in Muttenz präsentierten Arbeiten; ebenso wie die bewusste Regieführung des Künstlers, der seine Themen (aus aller Welt) nicht einfach dokumentiert, sondern gestaltet. Wer sich zuvor nie vertieft mit Oertli auseinandersetzte, wird sein Schaffen fortan ohne Zweifel von nahe weiterverfolgen!

Gefallen haben mir  in den letzten Wochen auch «Intense Impressions» – eine Ausstellung zu Malerei-Positionen im Palazzo in Liestal (u.a. mit Urs Aeschbach und Corinne Güdemann), «Centropy» mit Fotografien zu Traum und Wirklichkeit afro-afrikanischen Lebens in den USA von Deana Lawson (Kunsthalle  Basel), der  mehrdeutige «Jardin infini»  mit  (u.a.) in verwelktem Zustand in Bronze gegossenen Allerweltspflanzen (Disteln, Gräser, Königskerzen usw.) von Ursula Palla bei Gisèle Linder und «GA iA, GA JA, JA JA» von Erik Steinbrecher bei Stampa in Basel (siehe Abbildung).Nachgeholt habe ich auch den Besuch der Ausstellung von Brigitte Kowanz und Otto Piene im Haus konstruktiv in Zürich. Prädikat: sehr gut! Nicht sonderlich gefallen hat mir «Private Imaginings» von Nick Mauss in der Kunsthalle Basel – zu privat (verschlüsselt) ist mir die Assoziationskette des Künstlers.