Newsletter Oktober 2019


Fast ein Wahrzeichen: Die Installation von Tomas Saraceno vor einer der zwei Barken-Hallen im Arsenale Nord. Foto: E. Halder

Nachdem ich den „August“ vergessen und den September aktuellen Projekten gewidmet habe, muss es in diesem Newsletter – wie könnte es anders sein – um die Biennale und weitere Ausstellung in Venedig gehen. An fünf zum Teil angenehmen, zum Teil regnerisch-kühlen September-Tagen sind wir („wir“ = meine Tochter und ich) mit höchstmöglicher Aufmerksamkeit durch Arsenale, Giardini, Stadt, Palazzo Grassi (Luc Tuymans) und Fondazione Prada (Jannis Kounellis) spaziert.

Was den Besuch der Biennale „We live in interesting times“ charakterisiert, ist, dass das eigene KünstlerInnen-Hintergrundwissen kaum mehr zu etwas taugt.  Mit Recht  (und durchaus gewinnbringend) hat der bei uns weitgehend unbekannte Kurator Ralph Rugoff (*1957 in NY, tätig in London) zum einen so viele Künstlerinnen eingeladen  wie noch nie und zum andern afroamerikanischen und afrikanischen Kunstschaffenden mehr Gehör verschafft als je zuvor.  Beispiel: Zanele Muholi *1972 Durban (Bild).
Beides führt (logischerweise) dazu, dass viele unbekannte KünstlerInnen (oft in den 1980er-Jahren geboren) das Bild bestimmen. Es kommt hinzu, dass KünstlerInnen heutzutage oft mit ganz verschiedenen Medien, Stilen, Materialien arbeiten. Dies wird heuer umso augenfälliger als viele sowohl im Arsenale wie im Padiglione Centrale in den Giardini ausstellen, das Zusammenführen derselben im Kopf aber ein anspruchsvolles Quiz ist! En passant sei lobend erwähnt, dass der „Short Guide“ hiezu hilfreicher ist als andere Jahre (meist Abbildungen der ausgestellten Werke!).

Die Schweiz ist in der Rugoff-Ausstellung nur sehr bescheiden vertreten. Ich vermute schlicht und einfach aus Unkenntnis. Immerhin ist das 2015 im Mittelmeer gesunkene und anschliessend geborgene Flüchtlingsschiff von Christoph Büchel (in Zusammenarbeit mit einem italienischen Konsortium) ein eindrückliches „Manifest“ , das keiner Worte bedarf.

Eine Überraschung ist die 1971 in Genf geborene Carole Bove (lebt in NY), die hierzulande erst einmal auftauchte (2004 im „Parallelraum“ der Kunsthalle Zürich).  Sie zeigt glänzend lackierte Stahl-Skulpturen – Fundstücke aus der Industrie –  die z.T. weich und biegsam wirken, was aber  (nicht zuletzt als Gender-Statement) täuscht, täuschen soll.

Klar als Schweizer nehmen wir hingegen den in Genf aufgewachsenen Christian Marclay (*1955 in Kalifornien, lebt in London) wahr, obwohl das aus den Bio-Daten in Venedig nicht herauszulesen ist;  mit Stolz sogar, denn einmal mehr zeigt er eine überzeugende Film-Video-Projektion. Er hat Ausschnitte aus 48 Kriegsfilmen zusammengefügt und mit einem sich trichterförmig verjüngenden Rechteck-Raster (die Schusslinie?) überlagert, sodass das Geschehen dahinter nur streifenweise, aber dennoch deutlich genug aufscheint.

m Schweizer Pavillon ist eine von  Pauline Boudry und Renate Lorenz für Venedig realisierte, raumfüllende Film-Installation mit dem Titel „Moving Backwards“ zu sehen. Man kann sie tel quel als postmoderne Choreographie (Urban Dance) anschauen oder – mit Hilfe der Pavillon-Zeitung – in den gesellschaftlichen Kontext, den die beiden der Queer-Bewegung angehörenden Schweizer Künstlerinnen antrieb, stellen. „Moving backwards“ heisst dann nicht einfach rückwärts gehen, sondern vorwärts und rückwärts gleichzeitig (z .T. mit diesbezüglich täuschenden Schuhen). Damit wollen die KünstlerInnen ihre Gefühle bezüglich der in vielen Ländern zu beobachtenden „Backlashes“ ausdrücken; nicht als lapidaren Protest, sondern als  subtile emotionale „Zeichnung“ von Bewegungen und Gesten. Unter diesen Prämissen gewinnt die Zurückhaltung (der Film ist nicht wild und expressiv) an Qualität, spielen sich doch diese „Backlashes“ oft versteckt und gleichsam im Untergrund ab.

Parallel dazu veranstaltete die Schweiz (resp. die Pro Helvetia) im Palazzo Trevisan degli Ulivi (Schweizer Gesandtschaft ) den „Salon Suisse“ mit Performances, Gesprächen u.m. zum Thema „Slow“. Wir haben am 20. Sept. an „Burning out, Breathing In“ mit Helen Hirsch (Kuratorin einer Ausstellung mit Jeppe Hein’s) und Guido Bondolfi („Burn Out“-Spezialist, Uni Genf) teilgenommen und u.a. gestaunt über die grosszügige Gastgeberschaft. Während Gondolfi fachlich überzeugte, blieb die Thuner Museumsdirektorin überraschenderweise hinter ihren Möglichkeiten zurück; Jeppe Hein’s wurde nicht „lebendig“. Trotzdem war es ein anregender Abend, auch wenn wir uns relativ früh verabschiedeten, nicht wissend wann das letzte Vaporetto zurück zum Markusplatz fährt….

Indirekt gab es noch mehr Schweiz. In einer globalen Kunstwelt zählen auch Ausstellungen internationaler Kunstschaffender in Schweizer Institutionen zum Wissenshintergrund. So steht z.B. die Installation von Kaari Upson (*1972 USA) im Dialog mit ihrer Ausstellung in der Kunsthalle Basel, die Werke von Nairy Baghramian (*1971 Iran/ Berlin) respektive Tomàs Saraceno (*1973 Argentinien/ Berlin) mit ihrer Präsentationen im Haus für konstruktive Kunst in Zürich. Lynette Yiadom-Boakye (Ghana) hat mich schon in der Kunsthalle Basel überzeugt und die betont politischen Arbeiten von Teresa Margolles (*1963 Mexico) waren früher schon im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich zu sehen gewesen. Die Installation von Kemang Wa Lehulere (*1984 Südafrika) ergänzt seinen Auftritt im Centre Pasquart in Biel usw. Eine interessante, erzählerische Position vertritt  die argentinisch-schweizerische Malerin Jill Mulleady (*1980 Montevideo, lebt in LA). Der Titel ihrer Ausstellung in der Kunsthalle Bern 2017 „Angst vor Angst“ überschreibt auch die figürlichen Darstellungen in Venedig. Bild!

Gesamthaft gesehen kann man sagen, dass Ralph Rugoff sein Bekenntnis zu einer betont visuellen Kunst, die unmittelbar zum Mitreden, Mitdenken anregt, umzusetzen vermochte und viele KuratorInnen der Länder-Pavillons in eine ähnliche Richtung zielten. Das bewirkt viele emotionale Erinnerungen – Erinnerungen, die oft nachhaltiger wirken als kopflastige Konzepte.