Bibeli und Bobeli im Frühling

Fischli/Weiss im Museum für Gegenwartskunst in Basel. Bis 04.02.2001

Verblüfft haben Fischli/Weiss die Kunstwelt nicht erst mit dem Film „Der Lauf der Dinge“ (1987). Sondern schon 1981/82 mit über 200 Szenen aus Ton. 135 davon sind nun in Basel zwei neuen Arbeiten gegenübergestellt.

„Plötzlich diese Übersicht“ hiess die Ausstellung, die das Zürcher Künstlerduo Peter Fischli (geb. 1955) und David Weiss (geb. 1946) zu Pablo Stählis besten Zeiten in seiner Galerie in Zürich zeigten. In ihrem ersten grossen gemeinsamen Auftritt von 1981 zeigten sie mehr als 200 kleine, vielfach figürliche Szenerien aus ungebranntem Ton. Ebenso begeistert wie irritiert nahm die Kunstwelt die lustvolle Banalität der durchwegs betitelten Figurenszenen und Stillleben wahr. Von „Bibeli und Bobeli im Frühling“ über „Adam schläft im Paradies, bevor es Frauen gab“ bis zu „Mick Jagger und Brian Jones befriedigt auf dem Heimweg, nachdem sie I can’t get no satisfaction komponiert haben“.

Die kritischen 1970er Jahre weit hinter sich lassend, ergaben sich die beiden bereits nicht mehr ganz jungen Künstler dem „Saus und Braus“ der Zürcher 80er Bewegung. Im Gegensatz zu den gleichzeitig aufkommenden „Jungen Wilden“ griffen sie nicht in die grosse Gefühlskiste, sondern formten in einem Crossover von Theatralik und Skulptur eine enzyklopädische Vielfalt von Szenen aus dem Weltwissen der Durchschnittsgesellschaft; ohne ironischen oder anderswie weltverbessernden Ansatz, sondern einfach mit Lust und Lachen … und sehr viel Fleiss.

Hinter verhaltener Hand, fragte man sich, ob das genüge, um „Kunst“ zu sein, doch die Ausserordentlichkeit der immensen Arbeit wurde schnell erkannt – der „Stille Nachmittag“ (ein auf einer Bank sitzender Mann, der Vögel füttert) wurde zum Titel von Toni Stoss‘ erster Übersichtsausstellung zur jungen Schweizer Kunst im Zürcher Kunsthaus (1987). Doch erst jetzt, fast 20 Jahre später, hat ein grosses Publikum die Gelegenheit, die längst legendär gewordene Arbeit in grossem Umfang zu sehen. 135 Szenen sind als einfaches Puzzle auf unterschiedlich hohen Sockeln in der Parterre-Halle des Museums für Gegenwartskunst (MfG) in Basel ausgestellt. Für einmal hat man Verständnis, dass jede Handtasche ins Schliessfach muss, denn die Arbeiten aus ungebranntem Ton sind äusserst fragil. Sie zu überhaupt zu zeigen, forderte bereits ein hohes Mass an Restaurierungsarbeit. Viele gehören der Emmanuel Hoffmann-Stiftung, die ihren Sitz im Basler MfG hat. Andere kamen aus Privatbesitz hinzu; weitere sind wohl bereits unwiederruflich zerbröckelt.

Die (Wieder)-Begegnung mit der Arbeit ist ein Erlebnis. Nicht nur weil sie sich im Rückblick als Pionierarbeit der Low-Culture-Welle der 90er Jahre zeigt, sondern weil dieses Alltägliche so direkt unser Leben darstellt, das es Lachen und Heulen zugleich auslöst. Und in der Gleichzeitigkeit von Humor und Tragik im Kleinen immer auch das Grosse mitträgt. Nicht als Konzept, sondern das eigene, kleinbürgerliche Leben auslotend, haben die beiden ihre Geschichten geformt. Von der Schulerinnerung an die „Schlacht bei Morgarten“ über die „Abstimmung über das Frauenstimmrecht“ bis zu „Herr und Frau Einstein kurz nach der Zeugung ihres genialen Sohnes Albert“. „Vom Partyboot“ über das „Putzen“ bis zu den „Beliebten Gegensätzen“ (Innen/Aussen, Mensch/Tier, Ratte/Elefant, Süss/Sauer), der „Zellteilung“ und dem Fussballmatch „Deutschland gegen Italien“.

Bis gegen Ende der 80er Jahre haben Fischli/Weiss das humoristische Element gepflegt. Der u.a. an der Documenta 9 in Kassel (1987) gezeigte Film „Der Lauf der Dinge“, der Alltagsgegenstände von einem „Unfall“ zum anderen purzeln lässt, ist heute ein Kultfilm.

Ähnlich vielen jungen Kunstschaffenden verweigern sich Fischli/Weiss dem kunsttheoretischen Diskurs weitgehend – ihre Kataloge (längst stellen sie ja in aller Welt aus) sind vielfach Bildersammlungen ohne Text. Das heisst indes nicht, dass die beiden naiv sind. So musste sich auch ihr Schaffen verändern. Das Enzyklopäische, man könnte auch sagen das Masslose – blieb. An der Biennale Venedig von 1995 zum Beispiel zeigten sie 104 Stunden Videofilm. Die aktuelle Arbeit in Basel zeigt als „Sichtbare Welt“ 2800 kleinformatige Diapositive (6 x 8 cm), im 2. Stock auf Leuchttischen endlos aneinandergereiht. Aber das Humoristische ist nicht mehr da.

Die „Sichtbare Welt“ zeigt eine touristische Reise durch mehrere Kontinente – Berge, Gletscher, Seen, Meere, Städte, Steppen, Flughäfen, Sonnenuntergänge, Sehenswürdigkeiten, Blumenbeete usw. Menschen sind nur wenige zu sehen; es geht nicht um Soziologie. Es ist vielmehr der (hoffnungslose) Versuch, die „Sichtbare Welt“ zu fassen. Die Aufnahmen ähneln Millionen von Bildern, die Amateurfotografen in aller Welt auch schon gemacht haben. Fast verzweifelt sucht man sich an Erkennbarem (Venedig zum Beispiel oder die Pyramiden) zu halten, die Konzentration im Vielteiligen nicht zu verlieren, doch das „Ertrinken“ ist vorprogrammiert und das Resultat nicht Lachen, sondern, der Schönheit der Bilder zum Trotz, ein hohles Gefühl. Wieder ist im Kleinen das Grosse, im Unscheinbaren das Philosophische mitenthalten.

In einer dritten, eigens für Basel entstandenen Arbeit – flatternden Schleifen gleich angelegte Schrift-Projektionen – versuchen Fischli/Weiss die Gleichzeitigkeit von „Grossen Fragen“ und „Kleinen Fragen“ Sprache zu geben. „Bellt der Hund die ganze Nacht?“, „Wird die Menschheit zugrunde gehen?“, „Versteht man mich?“ heisst es da etwa. Die Arbeit ist inhaltlich eine Art Synthese der beiden andern, vermag aber ausser der medial anderen Aufmachung nichts grundsätzlich Neues hinzuzufügen.