Kleine und das Möchtegerne

Duo Guggisberg/Lutz Manor-Preisträger St. Gallen. Bis 12.05.2002

Andres Lutz, Wortakrobat der „geholten Stühle“ und Anders Guggisberg, Bieler Musiker in Pipilotti Rists Werkstatt, bilden ein Künstlerduo. Nach Eidgenössischen Preisen gab es jetzt den Manor-Preis St.Gallen.

In vielen Regionen wird zur Zeit das 20-Jahr-Jubiläum der Manor-Kunstpreise in der Schweiz gefeiert. Nicht so im Kanton Bern, da gibt es diesen begehrten, mit 15 000 Franken, einer Museumsausstellung und einem Katalog dotierten Preis (noch) nicht. Denn es gibt sie nur, wo die Warenhaus-Kette Verkaufsgeschäfte führt. Kommen die Pläne für einen Manor in Biel nach Rückschlägen voran, hat Biel reelle Chancen Standort für den Berner Preis zu werden.
Doch ganz leer ging der Kanton respektive Biel dieses Jahr nicht aus: Der aus dem Seeland stammende Anders Guggisberg (36) erhielt zusammen mit seinem Künstler-Partner, dem in Uznach (SG) aufgewachsenen Andres Lutz (34) den St. Galler Manor-Preis zugesprochen. Eine Ausstellung des in Zürich wohnhaften Duos im Kunstmuseum St.Gallen zeigt unter dem Titel „The Great Unkown“ das Schaffen der „Newcomer“ erstmals in grösserem Umfang.

In Zürich wurden in den 90er Jahren in Salons, Clubs und Atelierhäusern viele aufmüpfige künstlerische Energien freigesetzt. Zürich wurde zum Mekka der jungen Kunstszene. Einer dieser vielen Knäuel befand sich an Zypressenstrasse 76, wo unter anderem die Videokünstlerin Pipilotti Rist, der Musiker Anders Guggisberg, der Maler und Kabarettist Andres Lutz und der Schriftsteller Peter Weber arbeiteten und sich gegenseitig inspirierten. Der Katalog zur St.Galler Ausstellung von Lutz/Guggisberg ist ein Produkt der vier. So blumig wie Peter Weber darin die Zusammenarbeit beschreibt, umkreist Pipilotti Rist die Biographien „ihrer Helden“. Von „Guggi“ sagt sie unter anderem, er wisse, dass auch eine Kartonschachtel ein Juwel sein könne.

Wer voreilig denkt, die Installationen von Lutz/Guggisberg seien Abklatsch der Arbeiten von Pipilotti Rist, liegt falsch; und doch nicht ganz. Was das Duo in St.Gallen und früher schon im Rahmen der Ausstellungen der Eidgenössischen Kunstpreis-Träger zeigt, sind mehrheitlich Modelle, Dinge, die im Kleinen von etwas Grossem erzählen. Und dies, wie Pipilotti Rist sagt, mit der „Ernsthaftigkeit von Kindern, die ein Bächlein umleiten“. Doch das ist nur ein Teil, denn im Gegensatz zu Rists Arbeiten, pfeffert das Duo ihre strategische Kindlichkeit mit einem gehörigen Mass an Gesellschaftsironie. Die Pokale und Trophäen, die sie auf einem gläsernen Hochzeitskuchen-Plateau präsentieren, zeichnen Un-Leistungen wie „schenkte seinen Kindern nur Holzspielsachen“ aus oder sie ehren Chefredaktor Flugbert Stalder aus Anlass des 30jährigen Bestehens der Schweizer Vodoofreunde. Das unhörbare Lachen, dass in die Materialien, die Formen und die Worte eingeschmolzen ist, verrät die Lust aber auch das sich lustig Machen. „Die beiden Künstler“, so schreibt Peter Weber, „kultivieren ihr eigenes Geflecht, spannen Pilzfäden quer durch ihre Sammlungen, durch ihren Kompost, den grossen Mulch. Daraus wachsen kleine Fruchtkörper, die Pokale.“

Ihr Schaffen ist immer beides – das Kleine und das Möchtegerne. Ein Phänomen, das wie kaum ein anderes die Gegenwartsgesellschaft rund um den Erdball prägt. Bei den Pokalen ist es die Persiflage auf Starkult und Preisstaffetten, die zugleich den Ehrgeiz enthält, genau damit selbst Preise einzusammeln. Und „The Great Unknown“, wie Ausstellung und Katalog heissen, ist ebenso realistisch gemeint wie auf Umkehrung angelegt. Ja die ganze fiktive Bibliothek des Duos mit Büchern, die nie geschrieben wurden, aber in jedem Büchergestell Status markieren, ist nichts als ein Palmwedel-Sortiment mit kleinen Dornen. So heisst etwa das 12-bändige Lexikon „too much everything“. Selbstverständlich sind auch das gute Dutzend Modelle von Ausstellungen, die in einem sound-beschallten und mit Lichteffekten herausgeputzen Meer von weissen Luftballons balancieren, zugleich ein Potpourri künstlerischer Plagiate wie Möchtegern-Pläne für eigene Ausstellungen. Eine solche kommt übrigens, wenn auch im Kleinen, im April im Rahmen von „enter“ im Kunstmuseum Thun.

Man kann mit Recht die Frage nach künstlerischer Eigenständigkeit stellen, doch ist man damit vermutlich auf der falschen Fährte. Aufschlussreicher ist der Gedanke daran, dass weder Lutz und Guggisberg nur visuelle Künstler sind. Der eine bildet zusammen mit Gerhard Meister das Cabaret „die geholten Stühle“, der andere ist auch Komponist, vorwiegend am PC. Visuelles, Witziges und Musikalisches sind somit zusammenzudenken. Und das gibt etwas Neues, durchaus Spannendes, umsomehr als das ad absurdum Führen von global greifbaren, aber meist unverstandenen Wissensinhalten ein Cabaret-Stoff per excellence ist. Dennoch bleibt die Frage, wie haltbar der Witz des Duos sein wird, ob nicht einmal ausgelacht sein wird, deutlich offen.