Der Körper zwischen aussen und innen

Beatrix Sitter-Liver in der Galerie Silvia Steiner in Biel. Bis 03.07.2004

Immer wieder schreibt Beatrix Sitter-Liver (68) neue Kapitel ins Buch ihrer Kunst. Seit rund sechs Jahren spürt die Raum-, Objekt- und Bildgestalterin dem Faszinosum des inneren Körpers nach. Als Malerin.

Wie viele Künstlerinnen hat sich die Bernerin Beatrix Sitter-Liver (geb. 1938) immer um das Diktat eines geschlossenen Werkes foutiert. In den 70er-Jahren war sie eine der Grossen in der Textilkunst in der Schweiz. Dann wob sie in und mit der Natur, schrieb ihr luftige und archaische Zeichen ein, tanzte mit den Bergen, rieb Erde in grosse Papiere und schaute dann – in der Abbatiale de Bellelay (1999) – von der Erde aus hinauf zu den Sternen und holte sie hinunter in Boden-Bilder. Doch da war in derselben Ausstellung auch eine grosse Holzplatte mit Handgeformtem aus Stein, Holz, Ton, Gips und Wachs. Körpernahe Objekte, der Natur entnommen oder aufgrund von Skizzen im medizinhistorischen Museum in Paris geschaffen. Ausfransende Schalen, „atmende“ Organe, zu Kreisläufen gefügte Stränge. Und auch bereits erste aus den Objekten entwickelte Bilder, wie sie nun im Zentrum der Ausstellung bei Silvia Steiner in Biel stehen.

Erstaunliche Bilder – zwar tragen sie wie Früheres die Wechselwirkung von Forschung und subjektiver Aneignung in sich – doch so scheinbar Materieloses gab es nie zuvor. Schalen, Trichter, Faltkörper, aber auch Knochiges und Gelenkiges liegen, schweben als luzide Formen in einem farblich wenig abgehobenen luftigen Raum. Es könnte auch eine Wasserwelt sein, jedenfalls wartet man im Schauen förmlich darauf, dass demnächst alles von einem unsichtbaren Strom bewegt wird. „Es sind Bilder“, sagt die Künstlerin, „die ich mit der Atmung in meinem Körper ertaste und in Kombination mit dem, was ich vom anatomischen Körper weiss, in Malerei übertrage“. Aussen und innen in einem also. Doch zugleich so stark entmaterialisiert und formal abstrahiert, dass das Körperliche nicht mehr aus Fleisch und Blut zu sein scheint, sondern zeichenhaft zwischen Materie und Licht oszilliert. „Todesbilder?“, fragten wir sie und erhalten ein „Ja, auch“ zur Antwort.

Da fällt der Blick auf weitere Bilder in der Ausstellung. Unschwer zu erraten, dass hier die Gipsstränge von der Platte in Bellelay ihre Umsetzung erfahren haben. Kreisläufe, Netzwerke. Doch entscheidender ist, dass sie eine ganz andere Materialität haben. Zwar sind grau in grau – nicht etwa rot oder ähnlich. Dennoch sind sie handfester. Und da sind auch Bilder, die – „ohne Titel“, wie alle – deutlich auf Fragmente von Organen verweisen, auf Zäpfchen und Tentakel, die das Pulsieren unseres Körpers zeigen. So halten sich in der Ausstellung Körper und Geist quasi die Waage.

Die Bilder sind nicht im luftleeren Raum entstanden, die Kunstgeschichte trägt sie. Beim Nachdenken kommen einem schnell drei Namen und Werke in den Sinn: Georgia O’Keeffes sphärisch-erotische Kallas , Maria Lassnigs Fühlkörper und Mona Hatoums endoskopische Video-Reise durch den Körper. Drei Künstlerinnen – wie könnte es anders sein bei diesem Thema.

Katalog mit Text von Konrad Tobler/Bern.