Gotische Formen in freiem Wandel

Die Bieler Künstlerin Ise Schwartz im Museum in Siegburg (bei Bonn). Bis 13.06.2004

Das Kunstmuseum Siegburg (bei Bonn) ist ein offene Shedhalle in historischem Umfeld. Die aus Bonn stammende Bieler Künstlerin Ise Schwartz spielt darin mit Formen, Stilen und Ornamenten.

Ise Schwartz kam 1989 von Bonn nach Biel. Als erster Künstlerin wurde ihr damals, auf ihre Bewerbung hin, das Atelierhaus Robert für fünf Jahre zugesprochen. Obwohl sie, als Bereicherung für die Bieler Kunstszene, bis heute hier blieb, hat sie die alten Fäden zum Umfeld des Frauenmuseums in Bonn nie vernachlässigt. So kommt es, dass sie jetzt mit einer umfangreichen und von einem konzeptuell überzeugenden Katalog begleiteten Ausstellung im städtischen Museum in Siegburg zu Gast ist.

Ise Schwartz‘ Werk pendelt zwischen gegenständlichen und quasi abstrakten Kapiteln. In Form von Malerei oder plastischen Reliefs. Was sie als roter Faden verbindet, sind zum einen Recherchen zum Thema „Muster“ – seien es persönliche Lebensmuster, weltpolitische Wiederholungen oder Ornamente, die sich wandeln und in Schichten überlagern oder nebeneinander ausbreiten. Zum andern sind es intensive Auseinander-setzungen mit der Beschaffenheit, Wirk- und Ausdruckskraft von Materialien. Nicht zufällig sind die Reliefs aus (selbst) gegossenem Steinholz (Terrazzo) und die Malerei ein – wie Siegburg in bisher nie erreichtem Mass zeigt – grandioses Lehrstück für malerische Möglichkeiten.

Seit manchem Jahr malt Ise Schwartz „Blümchen“. Und wie immer geht es um Komplexeres als sie scherzend sagt. Ihre „Blümchen“ sind Stoff- oder Tapetenmuster, wie sie ihre Jugend, das heisst die Nachkriegszeit, prägten. Indem sie sie am PC vergrössert, ausdünnt, streckt oder staucht und dann (zum Teil via Projektionen) stoffähnlich, freskoartig oder auch geradezu metallen malt, werden die Schichten zu malerisch vernetzten Zeit-Mustern.

In Siegburg zeigt Ise Schwartz zum einen grossformatige, oft über Mehrteiligkeit zusätzlich mit positiven und negativen Formannäherungen spielende Leinwände. Dabei kommt das helle Licht der Shedhalle dem Reichtum der malerischen Oberflächen in hohem Mass entgegen. Das Wechselspiel von matten, transparenten, opaken, saugenden, abstossenden Partien wird so einsichtig, dass die Intentionen der Künstlerin bestmöglich zum Ausdruck kommen.

Doch Ise Schwartz zeigt nicht nur Malerei. Sie hat auch eine mehrteilige, ortsspezifische Installation geschaffen, die ihren Umgang mit „Mustern“ auf eine weitere Ebene trägt. Vom historischen Teil des Museums ragen Fragmente eines gotischen Fenstergewandes in die Kunsthalle. Ise Schwartz hat das ornamentale „Flamboyant“ der Zeit aufgegriffen, spielerisch verdoppelt, in freiem Wechsel von Innen- und Aussenformen neu formuliert und die einzelnen „Gewand“-Teile daraufhin als Terrazzo-Elemente gegossen und in der Shedhalle als „Fenster“-Wand installiert. Vor allem im Nachmittagslicht eine beeindruckende Arbeit. Schön, ist das Museum Siegburg internetmässig à jour, sodass die Installation über www.siegburg.de/virtu von überall her eingesehen werden.

Eigens für Siegburg hat Ise Schwartz auch eine ornamentale Wandmalerei geschaffen, die beinahe weiss in weiss die Mauer (die Materie) betont und über eine Licht-Ebene, die sich durch den Standort des Projektors auf die im Raum stehenden Personen überträgt, zugleich das Immaterielle und die Wechselwirkungen dazwischen aufzeigt.

In der Dreiheit von materiebetonten Reliefs, Visionen in Malerei übertragenden Bildern und in die Immaterie kippende Lichtprojektion erreicht Ise Schwartz in ihrer Ausstellung eine beeindruckende künstlerische Dimension.