Tun wir dem Kitsch unrecht?

Biel: Christina Niederberger bei Silvia Steiner. Bis 27.03.2004

Die Bernerin Christina Niederberger (43) lebt in London. Ihre Dissertation am Goldsmith College befasst sich mit Kitsch. Theoretisch und künstlerisch. Ihre Bilder sind ab heute bei Silvia Steiner zu sehen.

Kitsch verbinden wir gängig mit schlechtem Geschmack. Wir nennen auch einen Sonnenuntergang kitschig, weil er „zu schön“ ist. Kunstphilosophisch bezeichnet man als Kitsch, was früher Formuliertes nur variiert respektive schnulzig aufpeppt. Und genau das ist das Feld, das die an der Universität Bern promovierte Psychologin und aktuelle Dokotorandin im Bereich Visual Art am Goldsmith College in London bearbeitet. Um dem „Kitsch“ eine neue Dimension zu geben. In den farbigen Punkte-Bildern tut sie dies dekorativ und analytisch, quasi als Malerei nach der Malerei. In den „Pussycats“ hingegen untersucht sie ihr Thema mit geradezu subversiver Lust. Und in den Bildern mit Kronleuchtern geht sie dem Phänomen materialisierten Lichts nach.

Die drei Aspekte sind formal völlig verschieden, brauchen einander aber als eine Art Legitimation. Will heissen, die als Marylin-Monroe posierenden Kätzchen mit ihren aufreizenden Röckchen in Form von grossformatigen Kunstfell-Reliefs würden allein vermutlich nur das Prädikat des „schlechten Geschmacks“ ernten. Im Kontext einer intelligenten Untersuchung darüber, was Malerei denn nach ihrem grossen Tod, der Erfindung der Fotografie, in Variationen ihrer selbst heute noch kann, sind die „Pussycats“ schlicht genial. Sie sind so „daneben“, dass sie schlechten Geschmack derart bündeln, dass daraus ein Mehrwert entsteht. Das künstliche Fell in blau, in grau, in beige, die Vermenschlichung von Tieren, das floskelhaft-weibliche Posieren – schlicht grässlich. Und zugleich derart pointiert „Malerei“ – Farbe, Form, Licht – dass sie mehr sind als süffige Thematik.

Auch die Punkte-Bilder sind Recherchen zur Malerei. Es sind scheinbar schwebende „Münzen“, die unser Sehen jedoch zuweilen in Löcher verwandelt, obgleich ihre Schattenwürfe sie mit dem Untergrund zu verbinden scheinen. Am PC entwickelte und in Malerei übertragene Paradoxe, welche die gegebene Bildfläche in Frage stellen und Malerei als schillernde Möglichkeit der Reflektion definieren. L’art pour l’art? – Vielleicht schon ein wenig. Bestechend jedoch da, wo die Künstlerin als Grundlage eine Landschaft von Corot nimmt – ein Bild aus einer Zeit als es die Fotografie noch kaum gab – und sie Kuchenplätzchen gleich „aussticht“ und damit das Gestern und das Heute mit all unseren technischen Seh-Möglichkeiten thematisiert.

Auch die Kronleuchter müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie mehr sind als Kitsch, mehr als materielle Spielerei. Die Rafinesse, mit welcher Niederberger mittels Glasstaub auf Malerei und mit Hilfe von Spotlampen das Phänomen des Lichtes – ein zentrales Thema der Malerei – neu formuliert, nimmt dem kritischen Ansatz indes den Wind aus den Segeln.