30 Jahre Stiftung Ernst Anderfuhren, Biel

„Branding“ fürs Stipendium. Juni 2006

Vor 30 Jahren vergab die Bieler Stiftung Anderfuhren die ersten Stipendien an junge Kunstschaffende. Jetzt will sie sich besser vermarkten.

Er sei ein sanfter Mensch gewesen und habe viel gelacht, erinnert sich Franziska Burgermeister. Die Rede ist vom Bieler Architekten und Kunstmaler „Bubu“ Anderfuhren (1920-1972). Als Maler ist der Lebenskünstler mit dem dunklen Berret und dem schwarzen Velo kaum mehr ein Begriff und auch als Architekt hat der „Döschwo“-Fahrer keine namhaften Spuren hinterlassen, aber sein Entschluss, sein Vermögen in eine Stiftung einzubringen, die Stipendien an junge Kunstschaffende aus der Region vergibt, hat ihn unvergessen gemacht. Das Erstaunliche: Das entsprechende Testament verfasste der Junggeselle schon 1961, das heisst im Alter von 41 Jahren. Vermutlich realisierte der autodidaktische Maler damals wie wichtig Unterstützung ist. Nicht dass er ein ausserordentlich vermögender Mann gewesen wäre, aber mit dem Erlös aus dem Verkauf von Elternhaus und Umschwung an der Seevorstadt liess sich offenbar einiges machen. Unter anderem baute er sich in Ipsach ein Haus, wo er ab Mitte der 1950er-Jahre lebte und malte.

„Wie ein Lauffeuer ging es Ende August 1972 durch die Stadt: Der Bubu ist tot“, erzählt Franziska Burgermeister, die Bieler Kulturfrau mit dem „langen“ (wertvollen) Gedächtnis. Seinem Testament entsprechend wurde im November 1973 die Stiftung Ernst Anderfuhren gegründet. Das Kapital belief sich inklusive Immobilien und Grundstücke auf ca. 400’000 Franken. Nachdem sich die Stadt Biel gemäss dem Wunsch Anderfuhrens bereit erklärte, die Stiftung zu verwalten, konnte vom Erlös aus Wertschriften, Miet- und Baurechtszinsen 1976 erstmals vier Stipendien in einem Gesamtbetrag von 14’000 Franken vergeben werden. Zu den ersten Stipendiaten gehören unter anderem Dieter Seibt und Esther-Lisette Ganz. Seither findet jährlich im Vorfeld der Weihnachtsausstellung des Kunstvereins die Jurierung des Anderfuhren-Stipendien-Wettbewerbes statt. Die Jury ist zugleich der Stiftungsrat, der wiederum personell identisch ist mit der Städtischen Kunstkommission (siehe Infobox). Die Integration der Anderfuhren-Stiftung in die Kulturtätigkeit der Stadt Biel wurde im Laufe der Zeit so stark, dass sie in der Wahrnehmung beinahe städtisch wurde.

Gegen diese „Fusion“ ist der Stiftungsrat nun aktiv geworden. „Ein Stipendium muss eine Identität haben, damit es begehrenswert ist“, sagt Betty Stocker, seit 2005 Präsidentin des Stiftungsrates (und der Kunstkommission). Die Stiftung reagiert damit auf den Umstand, dass das wichtigste Bieler Kunststipendium selbst in der Region zu wenig bekannt ist und die Zahl der Bewerbungen in den letzten Jahren tendenziell rückläufig war. Obwohl das Stipendium trotz rückläufiger Kapitalerträge dank der Konzentration auf ein Hauptsstipendium in der Höhe zwischen 12 000 und 15 000 Franken keine „quantité négligable“ ist.

Massgebend soll indes nicht nur die Preissumme sein, sagt Stiftungsrats-Sekretär Pierre-Edourard Hefti, sondern das „Branding“ als Ganzes. So hat man in aufwändiger Arbeit alle 50 Stipendiaten und Stipendiatinnen der letzten 30 Jahre ausfindig gemacht und sie gebeten, ein visuelles Aperçu einzureichen, das nun in Bögen mit 46 Stickern gedruckt wurde (4 Kunstschaffende sind gestorben oder konnten nicht gefunden werden). Diese Aufkleber sollen nun ebenso in Papier- wie in Digitalform alle Tätigkeiten der Stiftung markant begleiten und so die künstlerische Bedeutung des Stipendiums markieren.

Tatsächlich findet man unter den Ausgezeichneten der letzten 30 Jahre praktisch alle, die in der regionalen Kunstszene einmal Rang und Namen hatten respektive immer noch haben: Von Benedikt Salvisberg über Lis Kocher bis Marco Paoluzzo, von M.S. Bastian über Peter Samuel Jaggi bis Lorenzo le Kou Meyr, von Mingjun Luo über Flavia Travaglini bis Rudolf Steiner. Fehlen tun einzig die Älteren – denn das Stipendium hat eine Alterslimite bei 40 Jahren.

Seit 1999 gehört im 3-Jahres-Turnus die Vergabe des mit der Stadt Biel, Neuchâtel und Jura gemeinsam betriebenen Ateliers in Bruxelles zum Aktionsfeld der Stiftung. Christoph Lambert und Chris Weibel waren vor sieben Jahren die ersten, welche in die europäische Hauptstadt zogen. Last but not least ist zu erwähnen, dass die Stiftung im Laufe der Zeit auch Werke angekauft hat, sei es von Walter Kohler-Chevalier, Jutta Bürger oder Jérôme Haenggli. Die Sammlung ist, analog der städtischen Werke, im Internet abrufbar.

Link zur Sammlung: www.biel-bienne.ch/ww/de/pub/aktiv/kultur/kunstsammlung.cfm


Text im Text:

Aktuelle Ausschreibungen

azw. Zur Zeit hat die Stiftung Anderfuhren zwei Ausschreibungen laufen: Das jährliche Stipendium sowie das Atelier in Bruxelles für die Zeit vom 1. März bis 31. August 2007. Teilnahmeberechtigt sind Künstler und Künstlerinnen aus den Amtsbezirken Biel, Nidau, Erlach, Aarberg, Büren, Neuveville und Courtelary, die jünger sind als 40 Jahre. Dass die Teilnahme an die Mitgliedschaft beim Bieler Kunstverein gebunden ist, wird oft als Schikane empfunden, entspricht aber dem testamentarischen Wunsch Ernst Anderfuhrens, der damit die Kunst in Biel stärken wollte. In der Region heimatberechtigte, aber auswärts Wohnhafte behelfen sich zuweilen damit, dass sie eine Jahresmitgliedschaft eingehen. Die Frist für die Anmeldung fürs Stipendium ist der 4. September 2006. Die Anmeldefrist für das Atelier in Bruxelles läuft bis 1. Oktober. Auskunft erteilt die Dienststelle Kultur der Stadt Biel (032/ 326 14 07 oder kultur.culture@biel-bienne.ch).

Infobox:

Der Stiftungsrat
Der Ernst Anderfuhren-Stiftungsrat ist identisch mit der Städtischen Kunstkommission. Präsidiert wird der Rat von der Bieler Kunsthistorikerin Betty Stocker. Als Mitglieder gehören ihm an: Die Künstler Daniel Cartier und Rudolf Steiner, die PasquArt-Direktorin Dolores Denaro, die Designerin Juliette Keller, die Künstlerinnen Hannah Külling, Pat Noser und Ise Schwartz sowie der Architekt Ruedi Vogt. Mit beratender Stimme dabei: Pierre-Yves Moeschler, Direktor für Bildung, Soziales und Kultur sowie Jürg Saager, Leiter des Hochbauamtes. Sekretär ist Pierre-Edouard Hefti. (azw)