125 Jahre Schule für Gestaltung Biel

Als Gestaltung zum Mehrwert wurde

Annelise Zwez, Bieler Tagblatt, 14. November 2007

Dieser Tage feiert die Schule für Gestaltung in Biel ihr 120-Jahr-Jubiläum. Was führte 1887 zur Gründung der ersten «Ecole de dessin»? Und was macht die Schule heute?

1887 wird in Biel nicht nur die Standseilbahn Biel-Magglingen (vgl. BT vom 10. Nov.) eingeweiht, sondern auch die «Ecole de dessin artistique et industriel de Bienne» eröffnet. Als wichtiger neuer Zweig der schon 25 Jahre zuvor gegründeten Uhrenmacherschule, die zusammen mit weiteren technischen Abteilungen bald einmal zum Bieler Technikumwird.

Es ist offensichtlich: Biel boomt vor 120 Jahren. Auf unser Nachfragen zaubert Stadtgeschichts-Expertin Margrit Wick-Werder in Windeseile Zahlen und Datenaus ihrem Fundus. Da zeigt sich zum Beispiel der rasante Anstieg der Bevölkerungszahlen ab 1850 – von 3462 auf rund 15 000 im Jahr 1887. Grund dafür ist insbesondere die Entwicklung der Uhrenindustrie, die um 1887 in Biel bereits 250 Ateliers zählt und grosse Ambitionen hat.
Einst: Teamwork als Maxime der Lernenden heute. / Heute: Teamwork als Maxime der Lernenden heute.

Gestaltung aufwerten 

Aber: Die Unternehmer stellen an internationalen Ausstellungen fest, dass die Schweiz in Sachen Gestaltung ihrer Produkte hinten nach hinkt. Darum fordern sie eine «Ecole de dessin pour le décor de la montre» (alle Originaldokumente sind in französischer Sprache verfasst). Der Zeit des Historismus entsprechend wird erwartet, dass die Schule der Jugend die Möglichkeit gibt, alle künstlerischen Stile seit der Antike und ihre Anwendung im Industriellen zu studieren.

Gedacht hat man dabei insbesondere an die Gestaltung der Uhrenschalen, der Döschen für die inliegenden Taschenuhren und/oder deren Gehäuse Verzierungen, waren sie es doch, die visuell zuerst ins Auge sprangen und den Unterschied zur Konkurrenz markierten. Man merkt es sogleich: ImGrundprinzip ist das nichts anderes als das, was die Schülerinnen und Schüler auch heute als Ausbildungsziel vor sich haben, nämlich durch bildnerische Gestaltung einen Mehrwert zu schaffen. Massgeblich zur Gründung beigetragen, hat, wie Johanna Strübin in einem Text zum 100-Jahr-Jubiläum von 1987 festhält, ein neues Bildungsgesetz der Eidgenossenschaft von 1884, das Gestaltungsschulen fortan Subventionen zusichert. Parallelen zur Gegenwart liegen auch hier auf der Hand.

Interessant ist, dass es im Reglement der Ecole de dessin von 1887 noch eine zweite Zielsetzung gibt, nämlich «de répandre le goût des beaux-arts dans la population». Es ging also auch um Kunst. Und tatsächlich entwickeln sich aus der Schule von Anfang auch Kunstschaffende. Überraschenderweise sind es vor allem Künstlerinnen. Das Staunen darob löst sich indes schnell auf, wennman hört, dass zur beruflichen Ausbildung mit Diplom mit wenigen Ausnahmen nur Männer zugelassen waren, während das in den Nachmittagsstunden angebotene künstlerische Zeichnen auch «Hörerinnen» zugänglich war.

Ebenso interessant wie der Gender-Aspekt ist indes, dass das freie Zeichnen bis heute eines der die Bieler Schule für Gestaltung von anderen Ausbildungsstätten unterscheidendes Merkmal geblieben ist, ebenso wie die Gleichzeitigkeit von funktionsbezogener und freier – heute gerne «experimentell» genannter – Ausbildung. Etwas vom Geist von 1887 weht also immer noch durch die Ausbildungsmodule. «Offenheit gegenüber allen visuellen Feldern ist das, was unsere Tagesschule von der Berufslehre unterscheidet», sagt Alfred Maurer, Leiter der Schule in Biel. M.S. Bastian, Schüler in den 1980er-Jahren, formuliert es im neuen Schaubuch (siehe nebenstehenden Text) drastischer: «Die Forschungsarbeit war klar: lernte man am Tag was ganz präzise wieder zugeben, stellten wir uns am Abend die Frage, wie sieht die konfuseste Umsetzung von unpräzise aus.»

Einführung der Grafik

 

Vieles anderes hat sich geändert. Insbesondere kannman das Lernprogramm von 1887 noch nicht als Grafik bezeichnen. Diese Ausrichtung kommt erst 1931 dazu, als der bekannte Plakatgestalter Ernst Ruprecht (siehe Bild) Lehrer an der Schule wird. Der Unterschied besteht darin, dass die Grafik in der Regel nicht ein Produkt gestaltet (das würde man heute als Industrial Design bezeichnen), sondern Informationen durch ihre visuelle Erscheinung, durch Bild und Schrift, aufwertet und zur Kenntnis bringt.

Obwohl sich die Schule für Gestaltung im Laufe der Zeit mehr und mehr verselbständigte, blieb sie bis vor Kurzem Teil des Technikums. Erst mit der Bildungsreform der letzten Jahre wurde sie ausgegliedert und bildet heute zusammen mit der Berner Schule die Kantonale Schule für Gestaltung Bern und Biel (B:B). Biel brachte die Neuerung insbesondere ein eigenes Schulhaus, was ihre Identität nach aussen stärkte und es ihr ermöglicht «de répandre le goût du graphisme dans la population», wie es schon – etwas verändert – das Reglement von 1887 forderte.

Ein Schaubuch zum Geburtstag

 

Man soll die Feste feiern wie sie fallen, heisst es. Und so erscheint das über längere Zeit vorbereitete «Schaubuch» der Schule für Gestaltung Bern und Biel jetzt just zum 120. Geburtstag der Bieler Schule.  «Schaubuch» meint eine Publikation, die Einblick in die Bildprozesse gibt, wie sie sich im Unterricht – sei es in den Vorkursen, den Grafik- oder die Keramikfachklassen – in ganz unterschiedlicher Weise abspielen. Es ist aber auch ein Buch, das theoretische Überlegungen zu Praxis, Vision und Philosophie festhält; ausführlich hier, kurzgefasst dort.

Urs Dickerhof, bis 2006 Leiter der Bieler Schule, verbindet zum Beispiel die Anforderung an steten Wandel mit dem schönen Satz: «Auch Andersdenkende denken». Während die Design-Theoretikerin Claudia Mareisfür eine Renaissance des «anschaulichen Denkens», wie es an der Bieler Schule seit jeher gepflegt werde, votiert und graue Theorie ins Offside platziert.

Das 112 Seiten starke Schaubuch mit seiner Paginierung von B1 bis H12 ist eine Art Selbstbildnis. Nicht nur weil es die Schule als Ausbildungsstätte spiegelt, sondern weil Konzept, Abbildungen, Texte, Grafik samt und sonders von ehemaligen Absolventen respektive Lehrkräften der Schule stammen. Es sei ein bisschen zu sehr «weisch no» und lasse die Nicht-Insider aussen vor, meinte der brillant-kritische Buchvernissage-Redner Benedikt Loderer am Montagabend an der Gurzelenstrasse. Er hat nicht ganz Unrecht damit, hat aber vielleicht seinen Journalisten-Blick zu sehr gewichtet und zuwenig bedacht, dass Bildtüftler, wie das Grafiker nun mal sind, spitzfindige Betrachter sind und für die Exploration von Variationen keine Worte brauchen.

Sehr schön kommt zum Ausdruck, dass es um Inhalte geht und zwar noch bevor sich diese nach den Parametern von Aufträgen richten müssen. «Die Schule erteilt keine pfannenfertigen Gestaltungsrezepte, und nicht alles, was herauskommt, ist bedingungslos geniessbar. Aber meist lässt die Zeit die Dinge reifen, und plötzlich entwickelt sich eine überzeugende Qualität», schreibt Andrea Dreier (an der Schule 1993-1998).

Präzise ist auch das Konzept, keine Menschen zu zeigen, sondern nur Gefässe (Schulräume) und Produkte (Zeichnung, Malerei, Fotografie, Typographie, Keramik etc.) sowie – auf anderer Papierqualität und leicht zurückversetzt – Gedanken respektive Texte. Unter vorletzteren entdeckt: «Le graphisme n’est pas un jeu» und «Eviter le pire» (Leitsätze «Norm» 123 und 130).
INFO: Das Buch kostet 35 Franken und ist im Buchhandel unter der ISBN-Nummer 978-3-033-01372-8 erhältlich.

125 Jahre Schule fur Gestaltung Biel 11 07 [0.15 MB]