Die Sammlung Ernesto Esposito im CentrePasquArt, Biel

Auf der Piazza der internationalen Kunstszene

Bis 05. August 2007

Die Sammlung Ernest Esposito im CentrePasquArt gibt Gelegenheit, sich mit dem Jet Set der jungen Kunstszene auseinanderzusetzen.

Der Kunstmarkt spielt verrückt. Junge Künstler, die von einschlägigen Galerien von Zürich über Amsterdam bis London und New York ins Jet Set der internationalen Kunstszene gehievt werden, sind oft im Nu Shooting Stars – zuweilen sogar wider Willen – und erzielen für ihre häufig multimedialen Werke schon mit 30 Jahren sechsstellige Preise. Wobei 50% vom Preis jeweils an die Galerien geht. Nur reiche – allzu oft neureiche – Sammler aus der globalen Weltwirtschaft können da mithalten; die öffentlichen Kunst-Institutionen haben fast immer das Nachsehen.Das bewirkt, dass der Einfluss der privaten Sammler auf den Mainstream der zeitgenössischen Kunst rund um den Globus immer grösser wird, denn dank keineswegs nur negativem Sammler-Stolz sind die „Förderer der jungen Kunst“ vielfach nur allzu gerne bereit, ihre Schätze in den Museen auszubreiten. Dass es der Direktorin des vergleichsweise kleinen Museum PasquArt gelungen ist, einen dieser – in diesem Fall leidenschaftlich engagierten – Sammler mit seinen Neuerwerbungen nach Biel zu holen, ist dennoch fast ein bisschen Sensation.

 Spezifisch für den Schuh-Designer Ernesto Esposito, der an der Vernissage in Turnschuhen aufkreuzte, ist, dass er seit 30 Jahren sammelt. Sein Blick ist längst ein geschulter und dennoch ist seine Leidenschaft immer wieder das Neue für sich zu entdecken (und zu kaufen) ungebrochen. Dementsprechend ist die Ausstellung im Centre PasquArt, die Ankäufe der letzten zehn Jahre umfasst, ein spannender Spiegel dessen, was zur Zeit oder möglicherweise in naher Zukunft als Hype gepusht wird. Auffallend ist dabei unter anderem die stetige Wechselwirkung zwischen Low- und High-Culture, die Verschmelzung von Kunst und Werbung respektive Design, die Bedeutung der, vielfach inszenierten, Fotografie und ihr Einfluss auf die Malerei sowie die Verschmelzung von Skulptur, Video und Musik. Das Angebot ist freilich so riesig, dass es längst nicht nur einen, sondern stets mehrere Mainstreams gibt. Esposito fährt zum Beispiel nicht auf der Schiene der „Leizpiger Schule“ – es gibt in der Bieler Auswahl fast keine Werke von deutschen, übrigens auch nicht von Schweizer Künstlern. Auch die Chinesen sind nicht da. Esposito fühlt sich da offenbar zuhause wo er auch als international tätiger Designer ein- und ausgeht – insbesondere in London und New York, ebenso in Paris und Amsterdam; aber erstaunlicherweise selten in Italien, obwohl er seinen Wohnsitz in Neapel hat.

Fokus seines Kunstblicks ist der Mensch – wohl letztlich er selber – der sich in Grossstädten bewegt, in flimmernde Bilder und laute Musik eintaucht und den Glamour der Modeszene und die Extasen der Dance Floors mitsamt ihren Exzessen bestens kennt, aber auch durchschaut. Denn übersetzt in die Kunst, die Esposito erwirbt, erscheint die urbane Welt nicht einseitig als Feier ihrer selbst, sondern vielfach als ästhetisierter Ausdruck von Einsamkeit, Trauer, Melancholie, psychedelischen und anderen Träumen. „I Love Melancholy“ schreibt der Turner Prize-Träger Jeremy Deller in schwarz auf schwarz auf die Wand. Betrachtet von den schwarzen Fiberglas-Woodoo-Girls von Francis Kevin Gay zur Linken, Pierre Bismuths auf dunkle Umrisse reduziertem und müde (oder weise?) lächelndem „Winnie the Pooh“ (Malerei) von vis-à-vis, während aus der rechten Ecke die Bienen (Fotografie) aus „Cremaster II“ von Mathew Barney sanft inszenierten Schauer zur Raum-Atmosphäre beisteuern.

 Ähnliche Beschreibungen – zu schönen Jünglingen, zum Menschen als gestaltbarem Material, zu Kitsch und Kunst, Bild, Design, Musik und anderem mehr – könnte man zu jedem der Säle verfassen bis man schliesslich auf der „Piazza“ (in der Salle Poma) landet, wo ein Springbrunnen mit San Pellegrino (Rob Pruitt) sprudelt und eine etwas weniger provozierende Werk-Auswahl – u.a. von Vanessa Beecroft, Birgit Megerle, Gillian Wearing, Alisa Margolis, Amie Dicke zum Verweilen einlädt.Wie viele Sammler sieht sich Ernesto Esposito als Künstlerförderer und betont gerne gleichzeitig, dass er die Werke kaufe, bevor die Preise explodieren. Das ist mit einer Prise Skepsis aufzufassen; er „entdeckt“ seine Künstler in Galerien und Museen. Eines aber darf sich Esposito auf die Fahne schreiben, nämlich, dass er keine Angst vor Künstlerinnen hat – noch immer sind Sammlungen mit respektablem Frauenanteil selten. Erwähnenswert ist auch, dass Esposito offenbar demnächst einige seiner Werke von Andy Warhol bei Christies versteigern lassen will, um Geld für den Ankauf von Werken junger Künstlerinnen und Künstler zu haben. Schliesslich soll der Rubel rollen und der Kunstmarkt florieren – Esposito hat da keine Berührungsängste.

Bildlegende:
Der San Pellegrino-Brunnen (Rob Pruitt): Kunst, PR oder ein Rückgriff auf Andy Warhol? Bilder: zvg