Auktions-Ausstellung Kirche Ligerz

Vernissageansprache

Worte zur Auktions-Ausstellung „Ansichten einer Kirche“ zugunsten der Turmsanierung im Aarbergerhus in Ligerz, Samstag/Sonntag 14./15. Juni 2008

Annelise Zwez

Sehr geehrte Damen und Herren

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass die Kirche von Ligerz die bekannteste des Seelandes ist, wir könnten ihn hier und heute locker liefern. Die Fülle an Darstellungen, die für den Anlass dieses Wochenendes zusammengekommen sind, ist in sich eigentlich schon das Hauptereignis der Veranstaltung. Denn ich denke, wir sind alle bass erstaunt darob. Und fragen uns vielleicht, könnte man das mit jeder Kirche erreichen?  Mit der Kirche von Rouen vielleicht schon, denn die hat Claude Monet einmal gemalt und in der Folge sicher tausend Nachahmende. Aber die Kirche von Ligerz wurde nie von einem Impressionisten der ersten Stunde zum Motiv erklärt. Die Sachlage ist hier eine andere, nicht minder interessante:

1729 schrieb der Berner Dichter Albrecht von Haller sein berühmtestes Gedicht: „Die Alpen“. Es markiert in der wachsenden Breitenwirkung der Aufklärung eine Art Markstein. Denn mit ihm wandelte sich die mittelalterliche Furcht vor den Alpen in Neugierde, diese zu erforschen. Um das zu illustrieren, schickte der Berner Verleger Hallers den Illustrator Caspar Wolf  in den 1770er-Jahren ins Berner Oberland, um die Alpen zu malen. Bald werden diese Bilder durch Reproduktionen weitherum bekannt und kombiniert mit dem aufkommenden Tourismus auch gut verkauft. Das wiederum zieht eine ganze Schar von Veduten-Malern auf den Plan. Die Natur und das Pittoreske werden zum lohnenden Sujet.

Nun ist um dieselbe Zeit Jean-Jacques Rousseau in der Schweiz, einige Woche auch auf der Petersinsel. Und – philosophisch ziemlich undifferenziert – wird er bald unter dem Stichwort „retour à la nature“ verehrt. Kein Wunder also wird die Petersinsel zum beliebten Veduten-Sujet. Von wo aus die Peterinsel malen? Am besten von einem erhöhten Standort aus, denn das bietet Überblick und ermöglicht Bildtiefe. Und jetzt, Sie wissen sicher schon, was ich sagen werde, stand da in Blickrichtung Petersinsel die Kirche von Ligerz in ihrer ganzen gotischen Majestät mitten im Rebberg. So kam sie ins Bild und wurde, weil sie – insbesondere von Nordosten betrachtet – so markant in der Gegend stand, bald auch zum Sujet für sich selbst. Ich bin überzeugt, dass das mit Zufall nichts zu tun hat und die Erbauer der sogenannten „Michaels-Kapelle“ im 13. Jahrhundert, um diese landschaftliche Situation, diesen Blick hinunter auf den See und die Weite und den Himmel sehr wohl wussten und es gehört zum Beglückenden, sich heute im selben Blick mit den Menschen vor mehr als 700 Jahren verbunden zu wissen. Denn sie sahen – landschaftlich zumindest – dasselbe wie wir heute.

Ich kann Ihnen hier nicht im Detail die ältesten Darstellungen der Kirche auflisten. Die Ausstellung kann es mit einem Stich von Joseph Johann Hartmann  von 1807 und einem Stich nach Gabriel Lory von 1829 sowie – als Chef d’Oeuvre – einer  mit Ölminiatur auf Karton aus dem frühen 19. Jahrhundert zumindest andeuten. Das kleine Bild verschwindet fast in der Fülle der späteren Darstellungen, aber es lohnt sich, es anhand der Liste – oder noch besser des reichen Kataloges – zu suchen und die Finessen, das Licht auf den Bäumen und vor allem die Art und Weise wie die Kirche im Vergleich zur Landschaft durch leichte Überhöhung ins Zentrum des Bildes gerückt wird, eingehend zu betrachten. Hier geht es nicht um Landschaft mit Kirche, sondern um das Aufstrebende der gotischen Architektur. Der Maler hat sich nicht gescheut, hiezu den Turm etwas zu verschlanken. Leider ist nicht bekannt, wer die wunderbare Miniatur gemalt hat – ob es Gabriel Lory der Jüngere – einer der bekanntesten Veduten-Maler des frühen 19. Jh. war, wir wissen es nicht, wohl aber, dass er damals zeitweise im nahen Neuenburg wohnte.

Um die Kirche im Bild in der  zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen zu können, wäre es natürlich schön, wir hätten hier die Originale der Pilgerweg-Studien von Albert Anker von 1880/90 – aber die brachte niemand nach Ligerz für heute. So folgt denn gleich ein Sprung in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, in welcher sich eine stattliche Zahl von Malern in Ligerz niederlassen. Ernst Geiger, August Jaeger – zeitweise auch Karl Walser – dann die Festikünstler usw. Für unser Thema hier ist  – erstaunlicherweise – nur Ernst Geiger von Bedeutung. Fernand Giauque und Walter Clénin sind zwar mit zum Teil Überraschendem in einer kleinen Festi-Ausstellung in der Ausstellung hier im Aarbergerhus präsent, aber die Ligerzer Kirche war ihnen nie Motiv. War sie ihnen zu selbstverständlich – so nahe an ihrem Weg hinunter ins Dorf und wieder hinauf? Vielleicht.
Ernst Geiger hingegen war sie mehrfach Thema; die Ausstellung zeigt das in sehr eindrücklicher Weise und liefert vielleicht auch eine Erklärung, warum.

Das früheste Bild zeigt den Blick auf den See noch vom „Chapf“ oberhalb von Twann aus, wo Geiger in den 1910er-Jahren wohnte. Die Kirchen von Twann und Ligerz sind im Bild lokalisierbar, aber nicht sichtbar. Wichtig war Geiger – dessen Bedeutung für die Schweizer Malerei nicht nur von Fachleuten, sondern auch vom Kunstmarkt immer mehr gewürdigt wird – wichtig war Geiger der Weitblick, die Landschaftsformen und ihre Farben, die Ferne und die Begrenzung weit weg. Das Malerische und das Symbolische liessen sich dergestalt verschmelzen und das war ihm ein Anliegen. So ist es nahe liegend, dass er auch nach seinem Umzug nach Ligerz oft den erhöhten Standort suchte, um genau das wieder zu finden.

Dass er – der kunstgeschichtlich Versierte – nicht nur an Van Gogh – den Expressionisten unter den Impressionisten – dachte, sondern auch an Ferdinand Hodler und an die Vertreter von „Rot-Blau“ rund um Ernst Ludwig Kirchner, liegt auf der Hand. Insbesondere das wunderbare, der Gemeinde Ligerz gehörende Werk zeigt das eindrücklich. Das Spannendste an diesem Bild ist für mich neben der Art und Weise, wie Geiger die Farbe „Blau“ einsetzt, die Drehung des Turms um 90 Grad, wodurch eine Kante entsteht, ein Dreieck, das die Mitte des Bildes dynamisiert und gleichzeitig die ganze Landschaft umschliesst.

Dass ihm auch Architektur wichtig war, zeigen auch die anderen Werke von Geiger, welche einerseits die Kraft des Chores und die gotischen Fenster der Kirche beto-nen, andererseits – in einem überraschenden Aquarell – auch die Proportionen von Chor und Turm. Geiger ist bekannt dafür, dass er immer wieder Spitzen abgeschnit-ten hat – die Spitze des „Niesen“ zum Beispiel oder eben des Kirchturms von Ligerz. Im blauen Geiger, von dem ich sprach, mündet die Spitze des Turms genau in den begrenzenden Hügelzug links des Jolimonts, in den Kirchenbil-dern berührt die Spitze oft die Oberkante des Bildes oder ist gar ein wenig ange-schnitten. Das ist nicht Zufall; offenbar wollte Geiger die Spitze nicht in den Himmel wachsen lassen, sondern in gewissem Sinn das mit der Erde verbundene betonen – vergessen wir nicht, dass Geiger ursprünglich Naturwissenschafter war.

Die Schweizer Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat eine Sonderstellung innerhalb der Kunstgeschichte. Nirgendwo sonst werden die künstlerischen Entwicklungen in Deutschland einerseits, in Paris andererseits so vermischt wie hier – zum Beispiel expressionistische Farbgebung mit impressionistischer Leichtigkeit. Schauen Sie bei einem Rundgang durch die von Pia Andry mit viel Gespür inszenierte Ausstellung nicht einfach die Bilder an, sondern konsultieren Sie auch den Katalog oder zumindest die Exponatsliste, ob da eventuell eine Jahrzahl vermerkt ist. Noch eine Besonderheit kenntzeichnet die Schweizer Landschaftsmalerei der 1930er- und 1940er, ja sogar 1950er-Jahre. Es ist die Zeit, da sich die Schweiz bedroht fühlt und von der Politik her enorm auf Schweizer Werte emotionalisiert wird. Das spiegelt sich auch in der Kunst. Die Moderne, die sich zu Beginn der 1930er-Jahre Bahn brach mit Künstlern wie Max Bill, Richard Paul Loshe u.a. wird mundtot gemacht, während die an der Tradition Mass nehmende Landschaftsmalerei eine Hochblüte erfährt.

Die Hommages an die Schweizer Landschaft, an die Kirche von Ligerz, sind somit nicht nur ein Besingen, sondern auch Ausdruck von Sorge und Sehnsucht. An das muss man denken, wenn man schaut. Wirklich grosse Maler kommen nicht nach Ligerz in dieser Zeit, aber viele, viele mit der Region verbundene und im Seeland wohnhafte Künstler – erwähnt seien Karl Hänny, Rudolf Johann Weiss, dann auch Phillippe Robert,  Jan Pieter Terwey,  ein Marc Gonthier, ein gewisser A. Minder, ein F.W., ein Hans Lüthi-Hefti, ein A. Fürst, ein Ernst Fähndrich, eine Hanny Bay – ein P. Kindler, ein gewisser „vittore“ u.a.m.. Oskar Binz und Otto Clénin brauchten gar nicht erst zu kommen, sie waren schon da, ersterer zuweilen auch mit seiner Schülerin Erika Gloor.

Sie denken vielleicht, da sind so viele Namen, die ich nicht kenne. Lassen Sie sich sagen, dass sie  jedes Thema aufgreifen können und dabei auf eine Vielzahl von Künstlernamen stossen, die nicht mehr zum Allgemeinwissen gehören – es ist schlicht nicht möglich,  alle in Erinnerung zu behalten, aber steigt man dann ein, wie wir heute, dann sind wir gefordert, dann spielen Namen plötzlich  keine Rolle mehr, wohl aber die Bilder. Wir müssen schauen, vergleichen, spüren ob eine Malerei lebendig ist, ob eine Ansicht der Kirche „0815“ ist oder eine ungewöhnliche und damit eigene Sicht bietet, ob sich der Künstler mehr an die photographische Wirk-lichkeit gehalten hat oder mit künstlerischer Freiheit ein Bild gemalt hat, bei dem ihm andere Werte als naturalistische wichtig waren. Architektonisches, Geographisches und Subtiles gilt es gleichermassen zu berücksichtigen und wenn wir dann ein Bild gefunden haben, das direkt zu uns spricht – dann müssen wir wahrscheinlich fragen, warum jetzt gerade das.

Eines meiner Lieblingsbilder ist zum Beispiel ein Aquarell von 1943 eines Malers, dessen Unterschrift wir (noch)  nicht entziffern konnten, ein Aquarell, das von der Freiheit expressionistischer Farbgebung geprägt ist, das mit grün, blau und rot markante  Akzente setzt und gleichzeitig von einer Leichtigkeit und von einer reduzierenden Formsicherheit zeitigt, dass es mich berührt. Jetzt wird es psychologisch, warum berührt es mich? Ist es das Direkte der Farben, verbunden mit Transparenz, welche die Materialität des Sichtbaren in eine andere Dimension transformiert? Kann schon sein. Und was ist mit Ihnen, warum lieben sie dieses Bild und  werden es darum morgen ersteigern oder heute ein Gebot dafür abgeben, warum lieben sie dieses und nicht jenes, was in Ihnen vibriert da und dort nicht? Kunst anschauen hat nicht nur mit den Augen zu tun – es ist immer der ganze Mensch mit allem, was ihn ausmacht, der schaut und Sie wissen, das Unbewusste, denkt immer mit. Das ist spannend.

Kommen wir zurück zu den Fakten.  Nach dem zweiten Weltkrieg – oder sagen wir so ab 1960 nimmt die Bedeutung der Landschaftsmalerei rapide ab respektive sie wird zum Tummelfeld von Liebhaber-Malern, guten und solchen, die gerne gut wären. Nur wenige Künstler wagen neue Stilformen einzubringen – Daniel Salzmann etwa, der hier im Aarbergerhus eine Zeit lang sein Atelier hatte – sein den Pinsel grosszügig ziehendes Bild, das als fast einziges die Kirche weit oben – als etwas nur mit grosser Anstrengung Erreichbares – zeigt, hat es zu Unrecht schwer in dieser Ausstellung, in der zeitgenössische Ausdrucksformen fast gänzlich fehlen.

Ein Echo auf sein Bild finde ich fast nur bei Heidy Hanselmann, die vor wenigen Wochen hier war, und eben nicht mehr die Kirche als Monument malte, sondern mit ihr ins Gespräch zu kommen suchte, ihre Lust sich darin zu bewegen ausdrückte, die Formen bog, um ihnen mit ihrer Empfindung Ausdruck zu geben.

Die Landschaftsmalerei geht also zurück, aber in der Fotografie lebt sie weiter – die Fotografie, die es nun gleichzeitig erlaubt, stimmungsvoll zu dokumentieren oder auch mit Photoshop aufzubrechen zu neuen Experimenten.

Schauen Sie! Und: Kaufen Sie! Ich danke fürs Zuhören.

Annelise Zwez, Kunstkritikerin, Fraubrunnenhaus, 2513 Twann
032/ 315 11 59,  079/ 278 31 88, azwez@bielertagblatt.ch, www.annelisezwez.ch