Ausstellung „Kirche Ligerz“ im Aarbergerhus

Wie der Pfarrer von Ligerz zum Kunstfreak wurde

www.annelisezwez.ch, Bieler Tagblatt, 11. Juni 2008

Der Turm der Ligerzer Kirche muss saniert werden. Für die Geldbeschaffung gibt es am Wochenende eine Kunstauktion. Und die hat es in sich.

Annelise Zwez

Seit dem Aufkommen der Landschaftsmalerei als touristischem Motiv im späten 18. Jahrhundert, ist die Petersinsel und bald auch die malerisch im Rebberg stehende, gotische Ligerzer Kirche ein beliebtes Motiv für Maler, Stecher, Zeichner, Grafiker und später auch Fotografen. Von den Vedutenmalern über den Expressionisten Ernst Geiger bis zur Hochblüte der Schweizer Landschaftsmalerei in den 1930er- und 40er-Jahren und bis in die Gegenwart haben professionelle wie Liebhaber-Künstler mit Pinsel, Farbe und Stift auf die Kirche geblickt: von nah, von fern, von Osten, von  Westen, im Frühling, im Herbst, bei Tag und bei Sonnenuntergang.  Welche Fülle das Motiv zutage fördert, wenn man einen Aufruf startet, weiss man in Ligerz neuerdings in
ungeahntem Mass.

Um die Jahreswende 2007/8 erhielt der Ligerzer Pfarrer Marc van Wijnkoop ein Bild der Ligerzer Kirche zum Verkauf zugunsten der anstehenden Turmrenovation, verbunden mit der Öffnung der Turmkapelle  (vgl. BT 23. 4. 08).  Ein Bild, zwei, dann drei Bilder…warum nicht eine Auktion veranstalten? Der Gedanke mündete in einen Aufruf des Kirchenrates, Stuben und Estriche nach Bildern der Kirche zu durchforsten und diese als Schenkung oder als Leihgabe für eine Ausstellung mit Auktion zur Verfügung zu stellen.

War der Zustrom anfänglich bescheiden, wandelte er sich in den letzten Wochen zum reissenden Fluss. Fasziniert und fast erschreckt nahm man im Pfarrhaus noch ein Bild, dann einen Gobelin nach einem Puzzle der Kirche, dann Photoshop-Variationen, aber auch Trouvaillen von kunsthistorischer Relevanz, das Bildchen einer „Tante aus Amerika“ und nicht zuletzt ein  Aquarell eines deutschen Amateurs entgegen, der die Kirche – zumindest im Bild – eigenmächtig vom Berg hinunter ins Dorf holte. Auch die themenrelevanten Bilder sowie eine Porzellantasse aus dem Museum Neuhaus und der Sammlung der Stadt Biel – darunter „Die Goldküste“ –  fanden den Weg nach Ligerz.

Von künstlerisch herausragender Bedeutung sind vor allem zwei Bilder:  Eine im frühen 18. Jahrhundert in faszinierender Qualität gemalte Vedute von Kirche und See mit Petersinsel und strahlend-weissem Bergkranz mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Leider ist die Miniatur nicht signiert, aber es könnte sein, dass es sich um ein Original (Öl auf Malkarton) von Gabriel Lory (fils) handelt, der anfangs 19. Jh. zeitweilig in Neuenburg lebte.

Bilder von Ernst Geiger  (1876-1965) gibt es in der Region zu Hauf, aber der nebenstehende abgebildete Blick vom Rebberg steil hinunter auf die Kirche mit dem um 90° gedrehten Turm und von da auf den See und die dahinter liegenden Hügelzüge, verbunden mit einem sich den Alpen gleich auftürmenden Wolkenband von 1922 lässt begreifen, warum ein anderes erstklassiges Werk Geigers kürzlich beim Auktionshaus Dobiaschofsky die Rekordmarke von 100 000 Franken erreichte. Das eine Bild stammt aus Privatbesitz, das andere gehört der Einwohnergemeinde Ligerz, beide sind nicht verkäuflich, wohl aber weitere, kleinere Werke von Geiger.
 

Die Ausstellung lebt nicht zuletzt von den Geschichten rund um die Bilder, die Marc van Wijnkoop in einem Katalog festhält. Da erfährt man zum Beispiel, dass die verhalten farbige, bezüglich Statik der Kirche etwas waghalsige Komposition mit der Registriernummer „bu“ von einem gewissen Ernst Nobs (1886-1957) stammt; ja tatsächlich, dem ersten sozialistische Bundesrat der Schweiz, der spät im Leben sagte, wenn er nicht Politiker geworden wäre, so wohl Maler.

Noch etwas anderes macht die kunterbunte Ausstellung spannend. Sie ist eine Schule des Sehens. Gerade weil das Motiv gegeben und überdies den meisten bekannt ist, können die Besucher die Unterschiede besonders gut erkennen, sowohl bezüglich künstlerischer Freiheit, stilistischer Sicherheit respektive Unbeholfenheit. Es wird deutlich, wo die Kirche das prägende Bildthema ist und wo sie lediglich als Architektur-Akzent im Rebberg steht.

Spannend hiezu ist zum Beispiel ein kleines Querformat von Philippe Robert aus dem Museum Neuhaus, das vom Seeufer in Schafis her gemalt ist. Obwohl die Kirche daher nur klein ist, kommt ihre Symbolik als einziges umbautes Zeichen im Bild klar zum Ausdruck. Auffallend ist auch, dass in kaum ein Bild Menschen integriert sind.

Bewusst haben die Veranstalter von Anfang an nicht einseitig Kunstansprüche formuliert, sondern die Darstellung ins Zentrum gerückt. Man findet darum in der  von Pia Andry gestalteten Ausstellung auch Weinetiketten, Milchtüten, Pro Patria-Briefmarken und ähnliches mehr.

Info: Samstag, 14. Juni 11 – 19 Uhr. Vernissage mit Worten, Bildern und einer musikalischen Uraufführung: Samstag, 15 Uhr. Sonntag 11-14.30 Uhr. Sonntag 15 Uhr Auktion (mit Fred Berthoud).

Infobox:
Die Kirche von Ligerz

Erstmals erwähnt wird eine „Michaels-Kapelle“ in Ligerz 1261.
Ihre heutigen Grösse (gleiche Ausmasse wie die Stadtkirche Biel) erhielt die Pilgerweg-Kirche 1522-1526. Der Innenausbau stammt von 1669.
Die letzte Renovation fand vor 40 Jahren statt.
Wegen Feuchtigkeitsschäden muss der Turm verputzt werden.
Dabei soll die Turmkapelle wieder zugänglich und ein gotischer Chorbogen freigelegt werden.