Guenat Laurent, Art Corner Biel

Der Körper schafft Heimat für Wörter

Annelise Zwez, Bieler Tagblatt, 15. Januar 2008

Ist er eher ein Wort oder ein Bildkünstler? Laurent Guenat (53) schafft sich in seiner Kunst eine Welt dazwischen. Der Bieler, der im Waadtland lebt, zeigt im artcorner neue Arbeiten.
Laurent Guenat: Nahm in seiner Slam-Performance im artcorner die Codierung des Menschen durch die Warenwelt aufs Korn, sinnlich-poetisch und damit den Bogen zu seiner Malerei (Bild links) schlagend. Foto: Adrian StreunEs war ein Schock letzten Sommer, als die Kunde kam, dass der ehemalige Unternehmer und seit Anfang 2006Galerist des artcorner in Biel, Ulysse Aschwanden, mit seinem Kleinflugzeug in Kanada abgestürzt war. Die Galerie geriet daraufhin begreiflicherweise in die Schwebe.
Jetzt aber hat sich Helene Aschwanden entschlossen, den artcorner weiterzuführen. Sie empfindet das mit ihrem Mann gemeinsam entwickelte Programm für 2008 als eine Art Vermächtnis und will es zusammen mit den Kunstschaffenden präsentieren.
Gleich die erste Ausstellung ist eine Überraschung. Mit ihr kehrt der in Biel aufgewachsene und zwischen 2002 und 2005 auch wieder hier tätige LaurentGuenat temporär in seine Heimatstadt zurück. Wer sich an eine seiner Slam-Performances erinnerte, kam an die Vernissage vom vergangenen Freitag und wurde nicht enttäuscht.
Einmal mehr entpuppte sich der Bildkünstler alsWortakrobat, der – diesmal viersprachig – Sätze und Begriffe mittels Rhythmus, Bewegung und Betonung von einer Deutung in die nächste verschob. Stärker als früher suchte er dabei die Synthese von Bild und Wort. «Est-ce moi que l’on touche?», «Hat dieser Körper keine Heimat?» war zugleich fliessend und sich wandelnd zu hören wie als Bildtitel zu lesen. Ganz im Sinne der Ausstellung und des Satzes «Le corps fait patrie des mots».

Körpergefühle
Ist die Performance vorbei, ist man wieder mit den Bildern allein. Fast ist es, als möchte man einen Kopfhörer haben, um die Gleichzeitigkeit von Wort und Bild in Auge und Ohr zu haben. Doch die Bilder sollen ja auch für sich stehen. Zentrales Motiv der Mischtechniken auf Jute oder Leinwand (seltener Papier) ist der Körper. Einer weichen Skulptur gleich breitet er sich im Bildformat aus. Ob es Arme, Beine, der Rumpf, das Geschlecht, der Rücken, die Brust ist, die man sieht, ist nur erahnbar. Guenat sucht nicht Körper-Bild, sondern Körper-Gefühl.
Was überzeugt, ist die Materialität. Der Künstler arbeitet mit Seidenpapier, das er auf einem nassen Farb-Untergrund ausbreitet und formt. Die Knitterspuren des dünnen Papiers werden dabei zu feinen Hautfalten und angedeutete Farbigkeit unterstützt den Eindruck von Fleischlichem; Nacktem auch. Damit evoziert der Künstler eine zugleich rationale wie emotionale Wahrnehmung des Motivs.

Keine Machos
Es wird auch schnell klar, dass die Körper in diesen Bildräumen männlich sind. Die Bildtitel, die oft den Begriff «ich» einschliessen – «J’avais oublié ma présence» zum Beispiel – bestätigen es.
Nicht Vis-à-vis sind es, die der Künstler malt, sondern die eigene Körperlichkeit, die eigenen Fragen ans Da-Sein. Das ist in der Kunst nicht neu, aber lange waren es primär Künstlerinnen, die sich mit Eigen-Körperlichkeit auseinandersetzten und so ist denn vermutlich das Ausserordentliche an Laurent Guenats Bildern ihre männliche Sinnlichkeit, das bildliche Aussetzen des eigenen, männlichen Körpers in seiner ganzen Fragilität. Es sind keine Helden und Machos, die uns da begegnen, sondern empfindsame Ich-Körper, die sagen: «Ich kann meine Denkweise vereinfachen, meinen Körper kann ich nicht vereinfachen».
Diese Körperlichkeit steht nicht im luftleeren Raum, sondern ist mit Flächen und Räumen vernetzt sowie vielfach mit deutlich als Bar-Codes erkennbaren Streifen ergänzt oder gar durchsetzt. Es geht also auf einer übergeordneten Ebene um das Ich im Heute, um die Infiltration der Waren und Konsumwelt in die Existenz eines jeden, um die Schwierigkeit, das Ureigene, Existenzielle dennoch nicht zu verlieren.

Kritische Anmerkung
Wenn sich am Rande trotzdem Kunstkritisches in die Wahrnehmung schleicht, so weil die Kompositionen als Ganzes, die Verbindungen von Körper und Umraum – auch die Codierungen – malerisch zu wenig präzise, zu wenig zwingend gerade so und nicht anders gesetzt sind. Das heisst, es mischen sich zu viele Erinnerungen an kompositorisch Ähnliches in die Bildwahrnehmung. Vielleicht ist die Entwicklung zum Körper als freies Volumen im Raum – wie neue Arbeiten auf Papier es antönen – der richtige Weg.

INFO: Die Ausstellung im artcorner an der Zentralstrasse 28 dauert bis 23. Februar. Die Galerie ist Do/Fr 17–18.30, Sa 10–12 und 13.30–16 Uhr geöffnet. www.artcorner28.ch

Guenat Laurent Art Corner Biel 208 [0.16 MB]