Müller Victorine Klossner Franticek Kunstmuseum Solothurn

Zwischen Erotik und Todesangst

www.annelisezwez.ch Bieler Tagblatt 3. Juli 2008

Solothurn zeigt Werke der Grenchnerin Victorine Müller; im Doppelpack mit dem Berner Künstler Franticek Klossner. Eine Ausstellung zwischen Humor, Erotik und Todesangst.

Annelise Zwez

Man ist noch kaum in den Westflügel des Kunstmuseums Solothurn eingetreten, da liegt vor einem am Boden eine auf dem Rücken liegende „nachtblau“ leuchtende, transparente, weibliche Figur aus PVC. Leise ist die Pumpe hörbar, die sie mit Luft füllt. Die Beine sind zum Eintretenden hin gespreizt, die Scham weit offen. Ihr Oberkörper ist zur Seite abgedreht, doch ihr Kopf ist nicht abbildhaft menschlich, nur ein weich gerundetes Volumen, das auch einem Tier gehörten könnte. Das Schauen verbindet sich auf Anhieb mit dem Bauch; Erotisches ist da und zugleich eine unbändige Angst, jemand könnte den bis ins Innerste geöffneten „Fühl-Körper“ verletzen, mit einem einzigen Messerstich „töten“.

Das Gefühl ist nicht unbegründet, denn der Saal wird beherrscht von orangefarbenen zeichnerischen Umrisslinien eines mitten im Raum hängenden riesigen Falken und seines Schattens auf der Wand. Ob er Wächter oder Räuber ist, man vermag es nicht zu sagen.

Die in Zürich lebende Grenchnerin Künstlerin Victorine Müller – von Auftritten im Raum Solothurn-Grenchen-Biel hier best bekannt – versucht in ihren neuen Arbeiten, die Grenzen erotisch-weiblichen Fühlens als figürliches, verletzliches Sein zwischen Mensch und Tier auszuloten. In feinsten mit Glimmer angereicherten Farbstift-Zeichnungen setzt sie die in der Fantasie erkundeten (Tier)-Körper der Sichtbarkeit aus. Einzelne werden dann in aufwändigstem Schweiss-Verfahren zu Luft-Skulpturen.

Die grösste ihrer Art ist in Solothurn der „ballon stratsosphérique“, auch „Jeanie in Calamar“ genannt. Sie stellt eine schwebende Figur in einem sich scheinbar in Bewegung befindlichen Tintenfisch mit weit ausladenden Tentakeln dar. Die Installation zeigt, dass es nicht nur um Skulptur geht, sondern ebenso um deren Performance im Raum. Raffiniert verdoppelt die Lichtinszenierung die Formen als Schatten auf Wände und Decke.

Victorine Müller ist es in den letzten Jahren gelungen die stets körper- und hautnahen Performances, mit denen sie bekannt wurde, in eine gültige, skulpturale Erscheinung umzudenken und neu zu gestalten; so, dass sie eine andere Zeit-Dauer haben als Auftritte, das Zeitliche durch die Abhängigkeit von der Luftpumpe aber dennoch präsent bleibt. Nur wenige Performance-Künstler schaffen diesen Schritt.

In Solothurn wird ihr Schaffen als Doppelausstellung mit dem Berner Video-,  Performance- und Installationskünstler Franticek Klossner gezeigt. Das mache Sinn, könnte man denken, denn die beiden sind gut befreundet, nennen sich gar gegenseitig „Inspiration“. Zwischen den schmelzenden Eisköpfen Klossners (1990-2000) und den nur mit Luftzufuhr existierenden Skulpturen Müllers gibt es auch tatsächlich spannende Wechselwirkungen. Dennoch ergibt das Miteinander in Solothurn erstaunlicherweise keine Steigerung.

Die zwei Räume mit Papierarbeiten beider Kunstschaffender zeigen mehr Diskrepanzen als Gemeinsamkeiten. Die Fotoarbeiten Klossners, die Zeitungs-Schlagzeilen in tanzende Scherenschnitt-Figuren einbinden, vermögen keinen Dialog mit den subtil gezeichneten „Fühl-Körpern“ Müllers aufzunehmen und umgekehrt. Beide arbeiten zwar mit dem Körper, aber während Klossner die Aussenwelt in den Innenformen spiegelt, macht  Victorine Müller genau das Umgekehrte: Sie lässt  innere Gefühle äussere Gestalt annehmen.

Das Highlight der Ausstellung von Franticek Klossner ist überraschenderweise nicht die durchaus überzeugende Video-Installation „Brot“, bei welcher sich zwölf Männer und Frauen in abendmahlähnlicher Anordnung gegenübersitzen. Es ist vielmehr ein sich wie ein Band rund um ein Kabinett ausbreitender, weisser Scherenschnitt. Wie als Kulisse für einen Trick-Film präsentiert sich das in 15 Zentimenter Distanz zur Wand montierte Fries.

Die Schatten, die es auf die Wand wirft, suggerieren Bewegung während die Strich-Zeichnungen dahinter quasi die Erzähler sind. Sie berichten mit spitzem Stift von Kuratoren mit ausgefahrenen Antennen, von Werken, die den Betrachter erschlagen oder von Philosophen, die ihr Denkgerüst verlassen. Die verblüffende Virtuosität des Schnitts, gehe, so erfährt man im Saal-Text, auf die Jugendzeit des Künstlers zurück, der in den 1970er-Jahren zahlreiche Scherenschnitt-Wettbewerbe gewonnen habe.

Info: Die Ausstellungen dauern bis 17. August. Im Verlag moderne Kunst Nürnberg sind dazu zwei ebenso aktuell wie retrospektiv angelegte Kataloghefte mit Texten von Christoph Vögele erschienen.

Victorine Müller: Geboren 1961 in Grenchen
1989/91 und 1999/2002 Reisen nach Asien, die USA und Indien
1993/97 F+F Schule für Kunst und Mediendesign, Zürich
Ab1994 Auftritte als Performerin zwischen Biel und Berlin und Rom
2000 Einzelausstellung Kunsthaus Grenchen
Franticek Klossner: Geboren 1960 in Bern
1995/1998 F+F Schule für Kunst Mediendesign Zürich, ab 1994 Lehrauftrag daselbst
2001/2003 Lehrauftrag Fachhochschule Aarau, ab 2006 Hochschule der Künste Bern
Ab 1987 Performances, Video-Installationen, Inszenierungen
2002 One man Show Kunsthaus Grenchen