Bieler Fototage 2009 (Vorschau) 20009

Die Gesellschaft der Individuen

www.annelisezwez.ch    Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 9. April 2009

Thema der Bieler Fototage 2009 wird die „Gesellschaft der Individuen“ sein. Obwohl die Planung erst im Fluss ist, liessen sich die Co-Direktorinnen Catherine Kohler und Hélène Joye-Cagnard ein erstes Mal in die Karten schauen.

Es ist vielleicht das Schwierigste, das Herausspüren eines Themas, das sowohl dem potentiellen Publikum eines Foto-Festivals wie den aktuell tätigen Fotografinnen und Fotografen unter den Nägeln brennt. Der dem Soziologen  Norbert Elias (1897-1990) entlehnte Arbeitstitel „Gesellschaft der Individuen“ gibt zurzeit erst die Richtung an: Der Drang des Menschen, sich gleichzeitig individuell zu zeigen wie in Gruppen eine Art kollektive „Individualität“ zu leben. „Dieses Phänomen scheint uns zurzeit sehr aktuell, weil es  in gewissem Sinn eine doppelte Antwort auf die Vereinheitlichung durch die Globalisierung ist“, sagt Catherine Kohler. Gleichwohl, so Hélène Joye-Cagnard, seien die Formen sehr unterschiedlich, lustvoll da, andernorts aber auch bedrohlich.

Ein erster Blick in die als Wunschliste zusammengetragenen Foto-Dossiers zeigt, dass die Thematik von Uniformen, eine gemeinsame Geisteshaltung, eine Sportart über gesellschaftliche Minderheiten und feindliche Gruppierungen bis zu Abgrenzungen aller Art reicht.

Das Thema war kein „coup de foudre“, sagen die seit 2007 amtierenden Co-Direktorinnen der Bieler Fototage. Es war ein Herantasten über den Besuch von Ausstellungen, eine Vielzahl von Büchern, über Surfen im Internet, über Gespräche. Nicht einfach war das Setzen der Leitplanken, weil für das Komitee von Anfang an klar war, dass die Fototage mit der gleichzeitig stattfindenden 11. Schweizerischen Plastikausstellung kooperieren sollen.

Wie also sich selbst treu bleiben und doch in Dialog mit „Utopics“ treten? Das scheint mit der Themenwahl nun geglückt, denn während das Team um Simon Lamunière primär utopische Gesellschafts-Systeme im Visier hat, fokussieren die Fototage spezifische Gemeinschaften  innerhalb in der Gesellschaft.

Die Fototage sind dabei klar ein Junior-Partner, denn während die Plastikausstellung in einem Budget-Rahmen von rund 1 Mio Franken operiert, müssen die Fototage mit 180 000 bis 200 000 Franken auskommen. Und auch dieses Budget ist noch nicht gesichert. Die 90 000 Franken von Stadt Biel und Kanton Bern stehen fest und auch der Hauptsponsor – die in Biel domizilierte Bank Bonhôte – ist wieder mit dabei, doch es sei klar,  so Kohler und Joye-Cagnard, wenn bisherige Geldgeber aufgrund der Wirtschaftskrise kleinere Beiträge sprächen, müssten neue Sponsoren gefunden werden und das sei schwierig. Von einem Einbruch bei den Zusagen könne bisher nicht gesprochen werden, aber noch seien viele Anfragen unbeantwortet.

Das für ein Festival mit nationalem Anspruch ausgesprochen knappe Budget setzt vor allem dahingehend Grenzen, dass den Fotoschaffenden keine Produktionsbeiträge, an Bild-Vergrösserungen zum Beispiel,  gewährt werden können. Das bedeutet, dass auf bestehende, zum Teil schon vor Jahren entstandene Fotoserien gesetzt werden muss.

Das sei nicht nur negativ, meint Hélène Joye-Cagnard, denn so sei die Thematik wirklich vom Künstler her angegangen und keine Illustration für eine Ausstellung. Aber es könne durchaus Absagen von Seiten der Wunsch-Fotografen zur Folge haben. Eine Aufstockung des Budgets sei im Moment aber einfach illusorisch, so sehr man es sich auch wünschte.

Zu Zeiten als Vincent Juillerat und  Stefano Goll die Fototage leiteten, waren diese betont international (mit frankophonem Akzent). Mit Barbara Zürcher und Kohler/Joye-Cagnard war der Fokus in den letzten Jahren primär die Schweiz – immerhin die ganze Schweiz, nicht mehr nur die Romandie. Bereits für dieses Jahr möchte man nun eine Balance finden, die bekannten und unbekannten schweizerischen Positionen eine Reihe herausragender, internationaler Fotoschaffender beigesellt.

Auf der Wunschliste von Kohler/Joye-Cagnard für die diesjährige Ausgabe figuriert zum Beispiel Namen wie Charles Fréger (geb. 1975 in Rouen), der sich geradezu prototypisch mit dem Erscheinungsbild von Gruppen befasst. Das Team hofft aber auch auf eine Zusage von Matthieu Gafsou, dem Bieler Photoforum-Preisträger 2008, der sich in den letzten Jahren unter anderem mit dem nomadischen Verhalten von Touristen auseinandersetzte.

Und auch Wiederbegegnungen soll es geben, so zum Beispiel mit Fabia Biasio, der an früheren Fototagen mit einer Serie von Menschen, die zum Tode verurteilt sind, überzeugte, in den letzten Jahren aber (unter anderem) eine Serie zur SVP Schweiz realisierte, die treffend ins diesjährige Thema passen würde. Noch ist die Planung im Rollen und bis im September kann sich noch manches ändern, aber von der inhaltichen Ausrichtung habe man jetzt ein klares Bild, sagen Kohler/Joye-Cagnard und das sei das Wichtigste für die Realisierung eines qualitätvollen Festivals 2009.

Der grosse September

September 2009 wird in Biel zum Kunst-Monat.
Am 29. August findet die Vernissage von „Utopics“, der 11. Bieler Plastikausstellung statt. Fokus wird insbesondere das Masterplan-Gebiet sein.
Am 4. September werden die 13. Bieler Fototage eröffnet. Sie sind wie in früheren Jahren an mehreren Standorten vom Museumsquartier bis in die Altstadt situiert. Geplant sind gut 20 Positionen, darunter auch die Wahl des Photoforums und eine Neuauflage der Kooperation mit der Wochenendbeilage der Neuen Zürcher Zeitung.
Wenig später eröffnet Dolores Denaro im Museum Pasquart die internationale Themenausstellung 2009 (unabhängig von Utopics und Fototage). Noch ist hier das Geheimnis der inhaltlichen Ausrichtung nicht gelüftet.       

Bildlegende:

Für 2009 gesetzt: Der Zyklus „Boxeuses“ der jungen Berner Fotoschaffenden Anja Schori (geb. 1983).                Bild: zvg