Newsletter April 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

Ja, ich habe viele Ausstellungen gesehen in den letzten Wochen. In einem Interview würde ich vermutlich sofort gefragt: Und welche hat ihnen am besten gefallen? – Darauf weiss ich keine Antwort. Vieldeutig, spannend, köstlich fand ich zum Beispiel „Die Auferstehung Pablo Picassos im Jahr 3111“ des russischen Künstlers Pavel Pepperstein (*1966) im Kunsthaus Zug.

Ob literarisch oder bildnerisch ist indes nicht so einfach zu sagen. Russisch vielleicht –die Literatur hat in Russland einen sehr hohen Stellenwert hat kann sich darum organischer mit Bildnerischem verbinden als bei uns. Es geht um Pavel Peppersteins Auftrag, den in einem Labor wieder zu Leben erweckten Pablo Picasso zu animieren, neue Bilder zu malen (nicht zuletzt für die Sammlung des Chefarztes). Das geschieht, aber nicht so wie erhofft. Schliesslich flieht Picasso und die von PP animierten Bilder von PP gehen in den Besitz von PP und werden nun gezeigt, in Zug zum Beispiel. Abstrus und wunderbar! (Noch bis 21. Mai).

 

Dann: In Biel gibt es nicht nur das Centre Pasquart, sondern – praktisch vis-à-vis – auch das von der Kunsthistorikerin Bernadette Walter geleitete Vielsparten-NMB (Neues Museum Biel). Es verwahrt u.a. den Nachlass der Künstlerdynastie Robert, die im frühen 20sten Jh. durch exakteste Natur-Darstellungen (Vögel, Pilze, Käfer etc.) bekannt wurden. Daher gehört es zum Profil des NMB, hiezu aktualisierende Ausstellungen zu zeigen. Aktuell „Microsculpture“ – hoch technisierte Fotografien des Engländers Levon Biss, die in schier unglaublicher Weise kleinste Käfer (aus der Sammlung des Naturmuseums der Universität Oxford) überlebensgross und in schillerndesten Stroboskoplicht-Farben zeigen. 800 Fotografien sind überlagert, um eine optimale Tiefenschärfe zu erreichen. Eine künstlerische Umsetzung ist es nicht, aber die überwältigenden Aufnahmen zeigen im Vergleich zu den in Vitrinen aufgepieksten Präparaten, wie wenig unsere Augen vom faszinierend-farbigen Mikrokosmus unserer Welt zu sehen vermögen. Bisherige mikroskopische Aufnahmen sind im Vergleich „von gestern“! (Bis 23. April – Film dazu auf Vimeo).

 

 

Ich muss hier etwas Problematisches einfügen. Problematisch dahingehend, dass man es besser nicht herausposaunen würde: Unsere zeitgenössische Kunst zeigenden Museen und Kunsthallen sind leer. So leer, dass es zuweilen peinlich ist. Dann zum Beispiel, wenn die Aufsicht extra ihren Platz einnehmen muss, weil ich die Ausstellung sehen will. Das fühlt man sich effektiv „unter Aufsicht“ und das ist überhaupt nicht spassig. Vermutlich bin ich „out of date“ weil ich Ausstellungen an gewöhnlichen Werktag-Nachmittagen besuche, allein, mit dem Saaltext in der Hand, und dies auch wenn draussen die Sonne scheint (die ewige Ausrede, wenn eine Ausstellung, ein Vortrag o.ä. schlecht besucht ist). Braucht es heutzutage die Ausstellungen nur noch, damit sie auf der Homepage der Kunsthallen virtuell eingesehen werden können? Oder sind sie Selbstbeweihräucherung eines überholten Systems? Müssten „Hörtexte“ den Zugang zur Kunst erleichtern? Oder die Programme weniger einseitig elitär sein? Ich habe keine Patentlösung – fürchte aber die Milchmädchenrechnung von politisch einschlägigen Kreisen….

Zurück zur Kunst. Die Kunsthalle Zürich zeigt „Speak. Lokal“. Darin werden kulturelle und ortsspezifische Gegebenheiten untersucht. Das ist vom Konzept her sehr spannend. Und in einzelnen Werkgruppen auch faszinierend. Zum Beispiel in den 365 (!) Zigarettenpäckchen-Folien des in NY lebenden Japaners Yuji Agematsu, der winzig kleinen Strassen-Trash in poetische Objekt-Assemblagen verwandelt. Ich konnte fast nicht aufhören, sie zu fotografieren!
Wie sich hier NY und Tokio als Gegensätze vereinen, ist grossartig! – Allerdings hat Kurator Daniel Baumann ( aus Angst, man lege ihm lokal als populistisch aus?) das Konzept mit dem Stop-Motion-Film „From Seat to Dawn“ von Rokni und Ramin Haerizadeh und Hesam Rahmanian sogleich wieder in die Negation gedreht. Das an sich bildnerisch hervorragende Stop-Motion-Movie des in Dubai im Exil lebenden iranischen Trios zeigt eine „Found Footage Collage“ mit Boots-Flüchtlingen, die gleichsam doppelgesichtig unterwegs sind zwischen zwei Welten, somit nirgendwo „lokal sprechen“ können. Auch der einzige (nicht sonderlich überzeugende) Schweizer Beitrag (Marc Hunziker/Chantal Kaufmann/Rafal Skoczek *1984/89) ist kein Bekenntnis zum Lokalen, indem das Trio Trash-Räume schafft, die – den Baumhäusern von Kindern entsprechend – keinen Ort (auch keine Autorität) anerkennen. (Noch bis 7. Mai).

Last but not least sei auf die Ausstellung von George Steinmann im Gebäude der Mobiliar-Versicherung in Bern hingewiesen. Hier versucht Dorothea Strauss (vormals Direktorin des Haus für konstruktive Kunst in Zürich) ein Unternehmens-Profil sichtbar zu machen, das Kultur als „Motor für Nachhaltigkeit“ verankern will. Dann und wann hört man zwar die engagierte Botschaft, weiss aber nicht so recht, ob man daran glauben soll. Mit dem Berner Künstler George Steinmann (*1950) ist es nun gelungen ein Paradepferd für die These der Nachhaltigkeit zu gewinnen. Mit der Untersuchung Kraft spendender Energien in der Natur und ebenso durch nachhaltige Kooperationen mit Bevölkerungsgruppen hat er vielfältigst auf die Potenzierung von Kräften hingewiesen. Sein Schaffen ist ausserordentlich und umso ausserordentlicher je grösser und umfangreicher es wird; Chapeau!