Newsletter Juli 2019

 

Carmen Perrin, SOS, Fettkreide, 2018

Ich bin ganz ehrlich, diesen Newsletter MUSS ich schreiben, sonst zerflattern die Erinnerungen an die vielen spannenden, bereichernden Ausstellungen, die ich in den letzten Wochen gesehen haben im Nu. Wenn er den LeserInnen Anregung ist, umso besser.

Zur Sprache kommen – ausführlicher als sonst – die Ausstellungen von Carmen Perrin in Grenchen, von William Kentridge in Basel, Zilla Leutenegger in Bellelay und Carl Spittelers „Imago“ in Liestal.

Es war zwar etwas verrückt, an einem der heissesten Sommertage eine Installation mit Hunderten von Teelichtern zu besichtigen. Aber Carmen Perrins Inszenierung im Hauptsaal des Kunsthaus Grenchen ist sowas von beeindruckend, dass einem die Wassertröpfchen im Nacken egal waren.

Die Themen „Migration“ und „Flucht“ sind Mainstream in der aktuellen Kunst; das schraubt die Ansprüche hoch. Bei „Les anges dechus“ ist es die emotional ergreifende Poesie, das Schattenspiel, das einem auffordert, aktiv den 376 flackernden Kerzen entlang zu gehen, um die aus dem Dunkel herausgeschnittenen Lichtbuchstaben zu erkennen, welche die Arbeit aus der Fülle der künstlerischen Bearbeitungen der Themen heraushebt.

Der literarische Hintergrund erzählt von zwei Kindern auf der Flucht in den 1950er-Jahren, aber unter dem Eindruck der aktuellen Menschenströme unterwegs, transponieren wir die Installation in unserem Kopf sogleich in die Gegenwart und weil Carmen Perrin ursprünglich aus Bolivien stammt, für einmal nicht in den Mittelmeer-Raum, sondern in die Sehnsuchts-,Traum- und Illusionswelt der Menschen, die sich zur Zeit aus Venezuela, Guatemala, Honduras… auf dem Weg ins vermeintlich „gelobte Land“ (die USA) befinden und dieses nicht finden werden, weil es dieses gar nicht gibt.

Die Ausstellung in Grenchen gibt aber auch Einblick in Perrins Oeuvre der letzten 10 Jahre. Hier fällt – wie früher schon – das stupende Materialgefühl und die handwerkliche Präzision in der Umsetzung auf. Man will es nicht glauben, ein Regenschirm aus Backstein! Vorsicht, da lauert l’art pour l’art, aber Carmen Perrin kann einem glaubhaft vermitteln, dass es sich um ein liebevolles (gar körperliches?) Befragen der Eigenschaften geht – hier die Verwandlung von harten Bausteinen in etwas (scheinbar) Geschmeidiges. Kommt hinzu, dass Backsteine wie Regenschirme zum Ziel haben uns zu schützen. Trotzdem sind vermutlich jene Werke, die darüber hinaus eine unmissverständliche Botschaft aussenden, die nachhaltigsten, wie zum Beispiel die weltweit vernetzte Weltkarte, welche durch die angewandte Technik selbst die Buchstaben SOS herausschält (bis 22. Sept.)

William Kentridge

Von Perrins flackendem Lichterzug ist es erstaunlicherweise gar nicht so weit zu einem der Hauptwerke von William Kentridge (*1955 Südafrika) im Museum für Gegenwartskunst in Basel. Beide bewegen sich prozessionsähnlich von links nach rechts, bei Perrin via das schreitende Publikum, bei Kentridge als eine Art filmische Performance.„More Sweetly Play the Dance“, welches sich über den ganzen Saal im oberste Stockwerk erstreckt, orientiert sich an alten „Totentänzen“ und enstand unter dem Eindruck der Ebola-Epidemie von 2014 in Westafrika. Die 8-Channel-Audio-Videoinstallation zeigt u.a. ein vorbeiziehendes Blasorchester, den Zug mit den Toten über die Wüstenlandschaft, integriert Klagelieder, zeigt Ärzte und Helfer sowie Tanzende, die das Überleben symbolisieren. Es ist ein für Kentridge typisches Werk, das seine Herkunft von Film und Theater mit der Handschrift seiner stets kohleschwarzen Zeichnungen und einer Klangkulisse kombiniert.

 

Als Ganzes versucht die Ausstellung u.a. das „Making of“ miteinzubeziehen, z.B. in Bezug auf „The Head & The Load“ ( uraufgeführt 2018 im Turbinensaal der Tate Modern in London). Damit werden die Annährung Kentridges an seine Projekte als skizzierende Gedankengänge, aber auch die aufwändigen Vorarbeiten, veranschaulicht. Das ist gewinnbringend, auch wenn einem „the final result“ natürlich fehlt.

Die das ganze Haus bespielende Schau ist ibreit inszeniert, zeigt auch frühe Filme, die zum Teil in eine stilistisch viel weiter zurückreichende Zeit zu weisen scheinen und Kentridges ganz eigene Position zwischen Zeitgenossenschaft und Retro aufzeigen. Und dies stets mit schwarzem – darf ich sagen „jüdischem“? – Humor. Erfahrbar wird auch immer wieder der Leitfaden möglicher eigener Lebenserfahrung, zuweilen die Grenzen des Absurden touchierend.

Trotzdem ist der Ernst seiner Recherchen zur Geschichte der Menschen in Südafrika – insbesondere der schwarzen Bevölkerung – immer präsent – nicht polemisch, sondern stets anteilnehmend, was den Zugang zu seinem kreativen Universum emotionell lustvoll macht.

Erstaunlicherweise integriert die Ausstellung auch einen Saal mit Objekten – seien es Rhythmus-Maschinen oder Untersuchungen zu Licht-Bildern sowie ein Laboratorium, das Kentridges Auseinandersetzung mit der (Kunst)-Geschichte Basels illustriert.

Insgesamt ist es ein beeindruckendes (zeitaufwendiges!) Erlebnis, das Kentridge so umfassend – vertieft – zeigt wie wenige Ausstellungen bisher. Pro Memoria: 2015 stellte Kentridge im Haus konstruktiv in Zürich aus, wobei es damals um „The Nose“, eine Oper von Schostakowitsch, ging (bis 13. Okt.)

Zilla Leutenegger

Zu meinem Kunstkalender gehört ohne Wenn und Aber ein Besuch in der Abteikirche von Bellelay im Berner Jura. Die Installationen, die da in den letzten 20 Jahren (fast) alle viel zu wenig bekannte Highlights des Kunstsommers waren (Christian Gonzen-bach, Chantal Michel, Michel Huelin, HausamGern, Florian Graf, Julia Steiner, LutzGuggisberg u.a.m.) bringen jedes Jahr eine Überraschung. Auch heuer.

Zilla Leutenegger (*1968 Zürich) inszenierte nicht eine üppige, erzählerische Schau mit Zeichnungen und darin integrierte Videos (wie z.B. letzten Herbst bei Kilchmann in Zürich), sondern eine zurückhaltende, meditative Installation mit zwei Klavieren im Schiff und im Chor, die, je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung, von Solarpanels elektrisch gespiesene Klangvariationen aus sieben Tönen spielen. D.h. ein von der Natur gelenktes energetisches Klangfeld auf der Basis der bedeutsamen Zahl Sieben, lädt den hohen barocken Kirchenraum mit seinen weissen Stukkaturen und farbigen Altären auf, lässt so das Volumen des leeren Raumes spürbar werden.

„Am besten Du gehst hin, wenn die Chance besteht, dass Du ganz allein da bist“, sagte mir eine Bekannte. Richtig. Spiritualität lässt sich am besten in der Stille des Einsseins mit dem Klang des Raumes erfahren. Aber nicht nur.

Leutenegger lässt es nicht damit bewenden. Sie fügt seitlich zwei intensive Zeichen saftigen Lebens hinzu: Einen Tulpenstrauss und einen Wassermelonenschnitz, letzteren gleich mehrfach. Indem sie die roten Eyecatcher auf übereck gestellte Spiegel malte stehen sie nicht nur frei im Raum, sie spiegeln gleichzeitig den Raum in unterschiedlichen Winkeln (und die davor Stehenden obendrein). Sakraler Raum und Alltags-Raum greifen so ineinander, das Sinnlich-Materielle des menschlichen Lebens und der Natur verbinden sich mit den „Wundern“, die unsichtbar auf sie einwirken.

„L’Ouest et l’Est“ – so der auf die Ausrichtung der Solarpanels anspielende Titel – wird fortan in Begegnungen mit Zilla Leuteneggers Werk stets mitzudenken sein (bis 8. Sept.)

 

Imago – eine Hommage an Carl Spitteler

Dieses Jahr ist viel von Carl Spitteler (1845-1924)die Rede, denn es jährt sich die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an den Schweizer Schriftsteller zum 100sten Mal. Kaum jemand erinnerte sich zuvor an mehr als den Namen des Ehrendoktors der Universitäten Zürich und Lausanne. Spitteler war als Schriftsteller an der Wende vom 19ten und 20. Jh. vergessen, auch sein 1906 erschienener Roman „Imago“, der im Umfeld der Psychoanalyse des frühen 20.Jh. grosse Beachtung gefunden hatte. Sein Thema ist indirekt hochaktuell, handelt er doch von einer virtuellen Liebesbeziehung respektive der harten Landung des Protagonisten Viktor nach jahrelanger „Traum-Ehe“ mit einer flüchtigen Bekanntschaft aus seiner Jugend.

Kein Wunder also wählten der Kommunikations-Profi Massimiliano Madonna (Bern/Zürich) und der Kunstkritiker Konrad Tobler (Bern) „Imago“ (d.h. die Täuschung) als Titel ihrer von der Stadt Liestal initiierten Ausstellung im Palazzo. (Spitteler ist in Liestal aufgewachsen.)

Die Ausstellung ist erstaunlich reich, illustrativ erhellend und durch den ungewohnten Kontext eine spannende Verbindung von Literatur und bildender Kunst. In einem ersten Teil wird versucht, Spittelers gesellschaftliche, kulturelle und zeitgeschichtliche Prägungen, auch seine anti-nationalistische Haltung vor und während des 1. Weltkrieges, aufzuzeigen. Dokumente, Briefe, Zeichnungen Spittelers selbst (siehe Abbildung), Männer- und Frauenbilder aus der Zeit, aber auch Werke von Hodler und Zeitgenossen, Landschaftsbilder sowie zeitgenössische Geschichtsbilder (Jérôme Leuba – Bild: Videostill „battlefield“ Verdun – Uwe Wittwer z.B.) werden hiezu kabinettartig inszeniert.

Der zweite Teil umfasst Werke der zeitgenössischen Schweizer Kunst, die zum einen den Roman „Imago“ herbeizitieren (Irene Maag), Frauenbilder evozieren (Loredana Sperini, Augustin Rébétez, Sonja Schobinger u.a.m.), Kriegsbilder in Relation stellen (Pat Noser z.B.) – siehe Abbildung). Während diese Kapitel facettenreich überzeugen, vermag der raumgreifende, meist konstruktiv aufgebaute, dritte Teil der sog. „Spiegelbilder“ (Lena Amuat/Zoë Meyer, Peter Wüthrich u.a.) den direkten Bezug zu Spitteler nicht aufrecht zu erhalten (bis 13. Okt.)