Newsletter Juni 2018

Martha Stettler: „Au Jardin du Luxembourg“ z.Zt. ausgestellt im Kunstmuseum Bern. Foto: zvg

Im Juni folge ich mal wieder dem ursprünglichen Konzept berichte von Ausstellungen, die ich im Mai gesehen habe. Dass das Kunstmuseum Bern das (kleine) Werk der Berner Malerin Martha Stettler (1870-1945) in einer erweiterten Kabinett-Ausstellung zeigt, ist unter vielen Aspekten interessant. Zum einen ist die Zahl der qualitativ vergleichbaren Schweizer Malerinnen dieser Generation a priori klein, zum andern widersprechen Leben und Werk Stettlers vielen Clichés; sie hörte um 1920 nicht auf zu malen, weil sie diskriminiert wurde, sondern weil sie als Leiterin der Académie de la Grande Chaumière in Paris schlicht keine Zeit hatte dafür. Gleichzeitig entsprechen die Darstellungen – Frauen mit Kindern, der Garten hinter dem Haus u.a.m. aber einem traditionell weiblichen Motivkreis. Ebenso wesentlich ist die Zusammenarbeit mit Corinne Linda Sotzek, deren Master-Arbeit die Grundlage für die Ausstellung bildet und dadurch indirekt die Frage aufwirft, warum die Museen nicht mehr von der substanziellen kunstgeschichtlichen Arbeit, die Studierende bei der Vorbereitung ihrer Abschlüsse leisten, profitiert.

Neu finden in Biel im Monat Mai auch die Bieler Fototage statt, 2018 dem Thema „Glück“ gewidmet. Sie sind einer der wenigen Anlässe in Biel, die 50/50 von Welschen und Deutschschweizern besucht werden; tendenziell sind sie aber „romand“ geprägt. Sie zeigen nicht Kunst im Medium der Fotografie, sondern themenorientierte, fotografische Werkgruppen.

Die Kernfrage ist für mich dennoch, wo sind die Beispiele mehr als Illustrationen. Meine anfängliche Skepsis wandelte sich beim Rundgang in Anerkennung, in Respekt ob der Vielfalt der Ansätze. Die Kroatin Lana Mesic (*1987) berührte mich mit ihrem Zyklus „Anatomy of Forgiveness“ (2014), in welchem sie Hutus und Tutsis 20 Jahre nach dem Genozid in Rwanda fragte, wie für sie Vergebung aussehe.

Calypso Mahieu (*1993/CH) hingegen überzeugte mich mit fotografischen Bildschirm-Screens von verstorbenen, aber digital überlebenden „Facebook“-Freunden, welche die Netz-Plattform bis im Jahr 2065 zu einem virtuellen „Ort“ mit mehr Toten als Lebenden machen wird.

Und natürlich war auch ich (wie alle, mit denen ich gesprochen habe) gerührt ob der installativ inszenierten Reportage aus dem Altersheim im Ried, in welcher Bewohner anhand von Fotos Glücksmomente aus ihrem Leben erzählen. Im Kontrast dazu: „Glücksmomente“ von Freaks (und Händlern) an einer internationalen Waffenschau (Nikita Teryoshin *1986 RU/D).

 

Dann war ich im Mai u.a. auch im Museum Gertsch in Burgdorf, wegen der Ausstellung Axel Hütte. Hütte ist einer der bedeutenden Becher-Schüler (ähnlich wie Thomas Ruff, Candida Höfer, Thomas Struth u.a.m.). Das Unspektakuläre der sorgsam evaluierten Landschaften, Waldpartien, Städteansichten (oft „by night“), Brücken, Berge ist bewusstes Konzept.
 Es hat aber natürlich zur Folge, dass auch die Ausstellung unspektakulär – um nicht vorsichtig zu sagen „langweilig“ – ist. Das Lebendige, das die Waldpartien in Franz Gertschs „Jahreszeiten“ vermittelt und als mögliche Analogie sicher ein Grund für die Ausstellung war, wurde für mich hier nicht spürbar.

 

Ende Mai führte mich mein Weg nach Solothurn, u.a. in die Ausstellung von Elisabeth Strässle (*1942 in Solothurn) im Museum. Strässle lebte bis 1996 in den USA, heute wieder im Raum Solothurn. Ihr langjähriges, malerisches Schaffen mit einer Museumsausstellung zu würdigen, macht Sinn, Qualität ist gegeben, aber ein Publikumsmagnet ist es nicht. Darum ist eine in der Hängung traditionelle Einzelausstellung verbunden mit einer Sammlungs-Auswahl im heutigen Wettstreit um Besuchende keine gute Idee. Dass sich der Zyklus „Derborance“ mit Ramuz resp. dem darin thematisierten Bergsturz befasst, ergänzte die Solothurner Literaturtage, aber das reicht nicht für 3 Monate Museumszeit. Damit sei nichts gegen den Auflösung bis an die Grenze getriebenen zeichnerisch/malerischen Zyklus gesagt.

Elisabeth Strässle ist eine stille, enorm ausdauernde Schafferin – 4 Jahre setzte sie sich fast ausschliesslich mit der Farbe Kobalt auseinander. Auch die Zahl der Skizzen rund um „Derborance“ ist „unendlich“. Die visuell und emotional intensivsten Bilder umkreisen jedoch das Thema „Tier“ – da erreicht Strässle eine Annäherung, welche mit der Betonung von Distanz, von Ungeschöntheit, von tierischem Eigenleben malerische Kraft ausstrahlt. Im grossformatigen„ Lastesel“ z.B. oder im formal kaum greifbaren Elefanten oder in den neuen Kolkraben; und auch in den bis ihr Frühwerk zurückreichenden Zeichnungen von Tier-Skeletten.

So viel für den Moment!