azw Roger Hiorns Thun 10_2016
azw vor der Installation von Roger Hiorns (UK) im Kunstmuseum Thun

Newsletter November 2016

Landauf, landab sind Sparmassnahmen im Kulturbereich in Diskussion. Kein Wunder wenn (wie in der Stadt Bern aktuell) Rechtsaussen-Politiker wahlkämpferisch postulieren: „Kultur ist keine Staatsaufgabe, alle Subventionen streichen“. Da schüttelt es einem! Eine Stadt ohne Kultur ist eine Stadt ohne Bildung. Dass man nicht ausgeben kann, was man nicht hat, ist klar – aber man behalte das Wesentliche im Fokus, bitte!

Gut, lässt sich die Kultur (noch) nicht unterkriegen und ist die Schweiz kulturell nach wie vor ein Schlaraffenland. Da ich Themenausstellungen liebe, besuchte ich am 4. Okt. „Zeit verstreichen“ im KM Solothurn, kuratiert von Patricia Bieder. Aufschlussreich ist, dass PB die Titel-Arbeit von Claudia Kübler (*1983 in ZH) Zeit verstreichen Kübleran einer Jahresausstellung in LU (2013) entdeckte, wo sich die Uhr, deren Zeiger so lange schwarze Farbe verstreichen bis keine mehr da ist, auch mir als Highlight einprägte. Wer sagt da Jahresausstellungen seien „für d’Füchs“? „Zeit“ ist ein (zu?) vielbespieltes Feld, aktuell. PB betonte primär das Gewahrwerden von Zeit als Ausdehnung: In Peter Drehers täglich gemalten Wassergläsern als Repetition resp. Aus-Dauer; in Ursula Müllers Foto-Porträt Ihrer Grossmutter anhand der nach ihrem Tod in der Wohnung verbliebenen Dinge als Lebenszeit; in David Claerbouts stimmigem Slow-Motion Video „Long Goodby“ als emotional verdichtete Erinnerung. Summa summarum: Subtil, still, verinnerlicht – aber etwas mehr „Saft“ hätte gut getan. – Gleichzeitig im Kabinett des KM SO: Iris Hutegger (*1964 A – Basel) und Alice Bailly ( Genf 1872-1938). Dass die eine u.a. „tableaux laine“ genäht hat, die andere u.a. Landschaftsfotos mit der Nähmaschine „bemalt“, reicht leider nicht für ein inneren Dialog der beiden , sehr verschiedenen Frauen. So markiert die A. einzig die an sich hoch erfreuliche Neubeachtung der Textilkunst. –

Rudy Déclière Olten 2016 0Nicht verpassen wollte ich Rudy Decelière (* 1979 Genf) in Olten; zu viele poetisch-sinnliche, meist audio-visuelle Installationen hatte ich schon gesehen – in Biel, in Bex, in Bellelay, in Bern…Im Vergleich zeigte sich Olten sehr,sehr zurückhaltend. Zwar ist da weiterhin das faszinierende Moment, dass Kupfer Strom leitet, subtilste Klänge – wie jene von Eukalyptus-Blättern auf sich drehenden Schallplatten – in gezielten Raum-Rhythmen hörbar macht, in Olten so leise freilich, dass nicht mit Fledermaus-Ohren Ausgestattete auf den Boden knien müssen, um das „Konzert“ zu hören; auch für Menschen ohne Knie-Arthrose etwas „hemmschwellig“. Es kommt hinzu, dass im Moment etwas viele Grammophone in der Kunst aufscheinen – bei Decelière in Olten, bei Katie Patterson in Biel, bei Saskia Edens (wunderbar!) in Bern, bei Strotter Inst. sowieso, und, und, und… So muss ich gestehen, dass ich bei Decelière nun wohl etwas Pause einlegen muss. (Anmerkung: Das ist nichts Aussergewöhnliches bei Viel-Kunst-Gängerinnen).

Die Kräfte hinter den Formen Thun Ilana Halperin Library 10_2016Am 16. Okt. schaffe ich es endlich in die A. „Die Kräfte hinter den Formen“ – Erdgeschichte, Materie, Prozess in der zeitgenössischen Kunst“ im Kunstmuseum Thun – eine international angelegte Ausstellung mit guten und auch etwas weniger signifikanten Arbeiten. Highlight sind für mich nicht die zwei Marmorbrocken von Giuseppe Penone (I) – der eine original, der andere eine Skulptur – sondern die „Library“ von Ilana Halperin (*1973 Glasgow), in welcher sie mit einem Laserstift kleine Gravuren auf selbst gesammelte 800 Mio Jahre alte Glimmersteine anbringt. Dass George Steinmann (CH) nicht fehlen durfte, versteht sich von selbst. In „From-To-Beyond“ (1995-97) befasst er sich mit der Metallgewinnung in der Arktis.

Kraft Form Thun Julian Charrière "Tropisme" 10_2016 1Visuelle Anziehungspunkte sind jedoch nicht Steinmanns Forschungsarbeit, sondern die Vitrine von Julian Charrière (* 1988 Lausanne), der unter dem Titel „Tropisme“ wärmebedürftige, exotische Pflanzen in einer Eis-Landschaft präsentiert! (Mit Strom ab Steckdose!) und dann natürlich auch die zuvor bereits Im Pasquart in Biel präsentierte Installation mit schäumenden Tee- und anderen Chromstahl-Kannen von Roger Hiorns (*1975 London).

Einen ganz persönlichen Akzent setzte in den letzten Wochen das 40-Jahr-Jubiläum der Galerie Elisabeth Staffelbach in der Stiftung M. und A. Rüegg in Zürich – verbinden mich doch 40 Jahre Freundschaft mit der Galeristin (s. nebenstehenden Text).

Bildlegenden: azw neben der Installation von Roger Hiorns in Thun. – „Zeit verstreichen“, Video von Claudia Kübler in Solothurn. – Installation Rudy Decelière, Olten. – Ausschnitte aus Library von Ilana Halperin resp. „Tropisme“ von Julian Charrière in Thun. Fotos: azw