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Haus Konstruktiv Zürich Christian Herdeg 1_2017

 

Ausschnitt aus Licht-Installation von Christian Herdeg im Haus Konstruktiv in Zürich. Foto: azw

Ich mag die regionalen Jahresausstellungen. Aus zweierlei Gründen: Einerseits wegen ihrer Vielfalt, der Möglichkeit KünstlerInnen zu entdecken, deren Werk man weiter verfolgen will. Andererseits – ich weiss, das tönt etwas zynisch – weil sie summa summarum die Unterschiede zwischen „regional“ und „national-international“ aufzeigen. Darum schwingen die Einzelausstellungen in unseren Museen in der Agenda schnell wieder obenauf! Z.B. jene der Malerin Lynette Yiabow Boakye ( phonetisch: Yabo Boatsche) in der Kunsthalle Basel. Die 40jährige Engländerin mit ghanaischen Wurzeln ist bereits ein Kunstmarktstar – die grossformatigen Porträts erzielen Preise im 6stelligen Bereich. Kritisch betrachtet: Endlich eine Künstlerin, die dunkelhäutige Menschen mit Empathie malt – ein Must für jede Sammlung. Lynette Yiadom Boakye KH BS 12_ 2016 aDas ist so. Aber Yiadom-Boakyes Kunst – vor allem die Ganzkörper-Bilder – ist trotzdem gut. Ihre Porträts sind keine Porträts – sie setzt Haltung, Kleider, Gesichtsausdruck aus Erinnerungen zusammen, d.h. sie schafft sich ihre Menschen, Menschengruppen so, wie sie sie haben möchte. Aus der Bilderflut unserer Zeit nimmt sie, was ihr passt, aber sie verdaut es zuerst, durchsetzt es mit ihrem Empfinden und malt erst dann; nicht virtuos, sondern anteilnehmend, aber so weit anonym, dass die Betrachtenden in einen fast intimen Dialog mit ihnen treten können. Dies umsomehr als einem die Malweise Boakyes stilistisch vertraut ist (bis zurück zu Cézanne). Die dunkle Haut ist dabei kein Thema. Das alles zusammen ist das Besondere. –Oder dann die drei EA im Haus Konstruktiv in Zürich. Die installative Setzung der Hänge-Skulpturen von Nairy Baghramian (*1971 Isfahan/Berlin) im ersten grossen Saal ist umwerfend! Nie gesehen, kein Déjà-Vu – da schafft es eine Künstlerin der Geschichte der Skulptur ein neues Kapitel hinzuzufügen, in durchaus westlicher Tradition. Nairy Baghramian Haus Konstruktiv ZH 1_2017Die Gebilde aus poliertem Aluminium, kombiniert mit Gips und Wachs, ziehen an, stossen ab; die Assoziation Prothese drängt sich auf, man meint sie zu spüren und weiss doch jederzeit um ihre abstrakt-skulpturale Erscheinung. Die Künstlerin reiht sich bravourös in die erstklassige Reihe der PreisträgerInnen der Zürich-Versicherung im Haus Konstruktiv, auch wenn einem der wächserne Hunde-Kau-Knochen im 1. Stock etwas weniger „tanzen“ lässt. – Museales Gewicht hat die Retrospektive des Zürcher Licht-Künstlers Christian Herdeg (75). Christian Herdeg Haus Konstruktiv ZH 1_2017Kompliment und Gratulation ans HK (eigentlich hätte ja das Kunsthaus Zürich diese Ehrung inszenieren müssen, aber dieses zeigt halt lieber zum xten Mal „seinen“ Giacometti). Die Ausstellung erinnert an den Pionier der Neon-Kunst in der Schweiz (ab 1968!) und betont mit neuen Arbeiten die Aktualität seines Schaffens im Heute. – Eine gute Ergänzung (und eine Entdeckung) bilden die intensiv bearbeiteten, Konstruktives und Architektonisches kombinierenden Kleinformate auf MDF-Platten von Bernd Ribbeck (*1974 Köln/Berlin). Auch auf der gleichsam traditionellen Schiene der konstruktiven Kunst ist immer noch Neues, Vertiefendes möglich (was übrigens auch die neueste Ausgabe der Zeitschrift „DU“ zeigt). Bernd Ribbeck Haus Konstruktiv 1_2017Bei Ribbeck sind es zum einen die beeindruckende Technik der Mehrschichtigkeit, zum andern die lineare Verdichtung mit zum Teil mehreren die Optik täuschenden Fluchtachsen, welche überzeugen. Dass mir vor allem die Werke mit prima vista erkennbaren Verbindungen zu Emma Kunz und Hilma af Klint den Atmen stocken liessen, ist bei mir nicht verwunderlich (zu sehr sind die Zeichnungen von Emma Kunz bei mir gespeichert).

Wunderbar, dass das neue Jahr mit Glanzpunkten beginnt und damit für 2017 viel verspricht, hier in der Schweiz und an den grossen Festivals in Venedig, Kassel, Münster usw.