Newsletter Juni 2017

 

Swiss Pop Art Aargauer Kunsthaus Daniel Spörri „Multiplicateur d’art“, 1964 (mit azw)

Die Erkenntnis ist alt: Es geht nicht darum wie viele Ausstellungen man gesehen hat, sondern darum mit wie vielen man sich effektiv auseinandergesetzt hat. Nur weil ich über Jahrzehnte fast täglich über Kunst geschrieben habe sind meine Erinnerungen reich. Auch heute gebe ich mir Mühe, zu jeder Ausstellung ein paar Sätze zu notieren, aber nicht immer reicht die Energie dazu und schwups sind die Erinnerungen blass und unpräzise.

Sich mit einer Ausstellung auseinandersetzen heisst ganz primär analysieren und emotionalisieren, d.h. intellektuell wahrnehmen, mit Hintergrundinformationen ergänzen und die emotionalen Reaktionen hinterfragen (warum betrifft mich etwas oder auch nicht). Dieser Vorgang braucht Zeit; nur wenn die Energien eines Werkes die Möglichkeit haben mit meinem „Magnetfeld“ zu interagieren, kann daraus Erkenntnis wachsen. Ich habe in meiner kunst-journalistischen Zeit immer gestaunt wie Kollegen in einer Ausstellung rund herum gehen konnten und sich nach einer kurzen Weile bereits verabschiedeten und dann darüber schrieben. Ich konnte das nie. Ich musste verweilen, beobachten was sich tut; nur so hatte ich eine Ausstellung „in mir“. Katalogtexte (so vorhanden), Gespräche waren weitere Faktoren.

Eine Ausstellung, die mich kürzlich – überraschenderweise – gepackt hat, ist jene von Meret Oppenheim in Lugano. Eigentlich dachte ich: Leben und Werk von M.O. kenne ich so gut, da kommt wohl kaum etwas hinzu. Aber: Die Kuratoren haben die Gewichtung leicht verschoben und so ein Rund geschaffen, das weniger als bisher aus Frühwerk und Spätwerk und dem Vakuum dazwischen besteht. Konkret haben sie die frühe Pariser Zeit betont und so viele Arbeiten (auch kleine) aus der wenig produktiven Periode zwischen 1937 und 1957 wie möglich versammelt. Dadurch bricht der Fluss nicht ab und mündet nahtlos ins für einmal nicht überbetonte Spätwerk. So wird der naturnahe, von Landschaft und geheimnisvollen Zeichen und Wesen bestimmte, magisch-surrealistische Strom ihres Gesamtschaffens stärker hervorgehoben. Wobei dies deutlich unterstützt wird durch die Vergleichswerke aus ihrem (Pariser) Freundeskreis.                      M.O. Guerre et Paix, 1943

Der magische Surrealismus lebt auch heute fort. Eine Künstlerin, die ihn für sich und aus sich selbst heraus gefunden hat, ist die aus Thüringen stammende, seit den 90ern in der Schweiz und aktuell in Biel lebende Malerin Andrea Anastasia Wolf (Absolventin HdKLU). Für sie habe ich am Sonntag, 11. Juni 2017 in der Galerie Selz in Perrefitte (Nähe Moutier) die Vernissage-Ansprache (15.30 Uhr). Was mich an ihren narrativen Bildern fasziniert, ist die Fähigkeit der Künstlerin Ungereimtes, Geheimnisvolles, Unerklärliches so zu integrieren, dass es nicht anekdotisch wirkt, sondern ein Teil der landschaftlichen oder räumlichen Gesamtkomposition ist. Man spürt, dass nicht ein konzeptuelles Moment dahinter steckt, sondern ein „Gespräch“ der Künstlerin mit dem anfänglich vagen und sich dann verdichtenden Bildgeschehen, in dem sich möglicherweise Erinnerungen aus verschiedenen Zeitebenen begegnen.