Newsletter Dezember/Januar 2017/2018

 

Kollektiv Rohling und Stéphane Baechler laden im Kunstmuseum Thun zum Weihnachtsmahl. Foto: azw

Es sei gut, dass ein neues Jahr komme, das alte sei wirklich langsam am Ende, sagte kürzlich jemand. So lapidar, so richtig. Man kann es mit einem Schmunzeln so stehen lassen oder – mit Blick auf die Welt – seufzen. Hoffnung ist nicht so leicht zu finden.

Nichtsdestotrotz: Carpe diem. Zum Beispiel beim Besuch einer der vielen regionalen Jahresausstellungen. Noch habe ich erst deren fünf gesehen, doch auch die weiteren werden den Eindruck bestätigen: Es wird in der Schweiz sehr, sehr viel Kunst gemacht. Das Niveau kann sich sehen lassen, ÜberfliegerInnen sind allerdings selten. Was insbesondere auffällt: Wie wenige KünstlerInnen selbst regelmässigen Insidern bekannt sind. Was heisst das? – Sicher heisst es, dass es in der Überfülle von regionalen, nationalen, internationalen Positionen sehr schwierig ist, sich Gehör zu verschaffen. Vermutlich heisst es aber auch, dass viele keine Lust haben, am Pokerspiel teilzunehmen, mit ständigem PR-Aufwand in eigener Sache die Karriere voranzutreiben. Dass aber die Jahresausstellungen eine Plattform sind, in die sie sich einzuschreiben wagen. Darum werden auch die Jury-Entscheide viel zu emotional als grundsätzliches „Ja“ respektive „Nein“ empfunden, was falsch ist. Zu viele Parameter spielen in dieser Lotterie mit. Darum ist, wenn man denn will, Ausdauer die beste Strategie.

Für die BeobachterInnen der Schweizer Kunstszene heisst diese Situation: Die Jahresausstellungen sind allen Unkenrufen zum Trotz ernst zu nehmen. Subjektiv ist klar, dass ich (ü70!) mich freue, wenn altbekannte Namen auftauchen, sich ein generationenübergreifendes Netz ausbreitet (wie im Aargau und im Solothurnischen z.B.). Objektiv ist es aber von Bedeutung, genau hinzuschauen was sich in den leiseren Gefilden entwickelt, wo sich abseits der Heerstrassen Eigenes kund tut. Da täten die Institutionen gut daran, mit Zusatz-Informationen ein wenig Licht auf das Umfeld der vertretenen Kunstschaffenden zu geben, wie dies z.B. das Kunstmuseum Thun gewinnbringend macht. Gerade weil dies jedoch vielfach fehlt, sind die einzig mit einem Namen ausgestatteten Einzelwerke kaum auf ihre Nachhaltigkeit hin beurteilbar und hier schon gar nicht als „Hitliste“ aufzählbar. Das ist schade.

Dennoch notiere ich im Folgenden, was ich mir zu merken suche im Hinblick auf die nächsten Jahre. In Aarau ist es z.B. eine papierene Skulpturengruppe von Simone Holliger der Zeichnungsserie „Steine“ von Alberto Magnelli (1888-1971) (Bild).

Gefreut habe ich mich auch, dass Teile der Fotoserie „Invisible people“ (Athen 2016) der plötzlich viel Beachtung erfahrenden Eva Borner nun in Aarau zu sehen sind. In Olten (Jahresausstellung Kanton Solothurn) hat mich eine grossformatige Foto einer Tierkadaversammelstelle von Adihetty Roshan aufgeschreckt: Ästhetik

versus Schrecken. Nicht neu. Google erinnerte mich daran, dass Roshan (*1990) ja der Fotograf der „Nacktwanderer“ ist, die beim Swiss Photo Award zum Eklat führten und die ich zuvor in Biel gesehen hatte. Da wird sich weisen müssen, ob hier ein Effekthascher an der Arbeit ist, oder ob die Empathie hier und dort echt ist.

Sehr gefreut habe ich mich im 1. Stock des Kunstmuseums Olten als ich sah, dass sich Berndt Höppner (*1942 – lebt in Tüscherz) wieder einmal aufgerafft hat, zwei Werke einzugeben. Ein sehr schönes Ensemble, diese seinem Werk entsprechende „Blauenblume“ und der „Matumbo“ (Bild).

 

In Thun ist es u.a. ein Video von Livio Baumgartner, das sich eingeschrieben hat. Er hat mit 34 Jahren eine 34jährige Tanne mit einer Axt gefällt, um damit zwei Lebens-Formen von 34 Jahren einerseits, das Verhalten des Menschen gegenüber einem Baum andererseits sichtbar zu machen. Überrascht hat mich auch die 4teilige Malerei- und Foto-Arbeit von Hannah Külling (*1965). Sie ist autobiographisch wie es das in H.K.’s Werk oft vorkommt, hier aber ist das Private offen genug, dass die Betrachtenden sich selbst einbringen können. Es geht um die Räume, in denen die Familie Weihnachten feierte als die Mutter noch lebte ( auf Blau und Grau

reduzierte Fotografie) und um ein gemaltes Frühwerk (1984), das damals in der Stube hing. Eben diese gestalterisch und sexuell erstaunlich gewagte Leinwand (150×180 cm) steht jetzt für das materiell Greifbare im Raum der Erinnerung, „erzählt“ vom Begehren nach Zärtlichkeit (Bild)

Die Cantonale im Centre Pasquart in Biel hat mich summa summarum nicht so überzeugt, insbesondere die Inszenierung der Salle Poma ist nichtssagend. Highlight ist ein Werk von Mingjun Luo – sie ist in einem Hoch, man weiss es. Ansonsten: Besser noch einmal hingehen und vertiefter schauen, bevor man dies und das

benennt.

Last but not least erwähne ich gerne die vielleicht etwas naive, aber äusserst liebevoll-erzählerische, reiche Serie von Aquatintas von Line Marquis (*1982) unter dem Titel „Habiter le monde“, die in der „Impression 2017“ in Grenchen zu sehen ist (Bild). Daselbst findet man auch eine ausnehmend schöne Gruppe von Heliogravuren von Beatrice Gysin (*1947), die in Zusammenarbeit mit Michèlle Dillier entstanden ist. Man möchte das Motiv einen Kristall-Leuchter nennen, ist es aber nicht, eher Licht, das in kleinen weissen Tupfern aus einer Lampe fällt und dabei ein kristallähnliches Gehänge bildet.