Newsletter Oktober 2017

Venedig 9_2017 Eingang zum Arsenale Mitmach-Skulptur von Rasheed Araeen *1935 Pakistan-GB

Die Biennale Venedig ist das Thema dieses Newsletters. Die Kunstkritik sparte im Frühjahr nicht mit Schmähworten: „Die schlechteste aller Biennalen“ oder „So viel Textil, das hält man ja gar nicht aus“ hiess es und hatte dabei vor allem die Themenausstellung „Viva Arte Viva“ der hierzulande unbekannten französischen Kunsthistorikerin Christine Macel im Visier. Tatsächlich ist der thematische Ansatz vage. Es ist ein Votum für die ernsthafte Freude an Kunst und Kreativität (das muss nicht banal sein!). Dass Macel eine Verehrerin von Joseph Beuys ist, liegt auf der Hand! Und die Freude kann auch kippen: Dann z.B. wenn koloniale Wildtier-Jäger „freudestrahlend“ von ihrer Beute erzählen (Marie Voignier F).

Was eine Brücke zur Documenta schlägt, ist der Versuch andere kulturelle Zugänge zu Kunst als es die Kunstgeschichte bisher vorgab, einzubringen. Das führte u.a. zu einer Rekordzahl von repräsentierten Künstlerinnen, oft auch älterer oder bereits verstorbener Generationen (Mara Lai, Anna Halprin, Heidi Bucher – Bild! –  z.B.), einem Schwergewicht bei Latein- und vor allem Südamerika, auch unbekannteren asiatischen und afrikanischen Ländern. Macels Ansatz beinhaltet auch die Betonung von Techniken nahe dem Kunsthandwerk (der Vorwurf von zu viel textil ist effektiv nicht ganz falsch und leider fast schon kontraproduktiv). Dass es viel greifbar Visuelles, Materielles zu sehen gibt und das Verhältnis zu Video-Black-Boxes ein verkraftbares ist, macht den Gang durchs Arsenale und den Padiglione Centrale in den Giardini attraktiv, auch wenn lang nicht alles „Gold ist was glänzt“ und die Fotografie an überraschend kurzer Leine gehalten ist und malerische Höhepunkte selten sind.

Summa summarum: Die Biennale-Ausgabe 2017 ist eine lustvolle, Kunst nicht als „Casse tête“ vermittelnde Schau, aber keine, die inhaltlich Geschichte schreibt. Highlights? Wie immer schwierig zu nennen. Dennoch. Zum Beispiel das Drei-Kanal-Video zur Omnipräsenz des berühmten „David“ – notabende von einem Chinesen – in allen vermarktbaren Winkeln von Bildgestaltung; nicht neu im Ansatz, aber eine köstliche Version. Oder die „Salzsäulen“ von Julian Charrière (CH! Bild!) – die Erdkunde und formale Strenge inklusive biblische Allusionen (Gomorra) verbinden. Oder die Recherche des Japaners Shimabuku, der sich fragt ob Affen, die 1972 von Japan nach Texas kamen noch an den Schnee ihrer Heimat erinnern (Video-Installation). Oder die in ihrer Strenge seltene Installation von Edith Dekyndt (B), die Staub in ein Geviert wischt und mit Spotlicht zum Leuchten bringt. Oder das Meditationszelt von Ernesto Neto. Oder die konstruktiven Bildteppiche von Teresa Lanceta (E) als Beispiel für die neue Sicht auf textiles Schaffen.

Die leichtgewichtige Themenschau gereicht den Länderpavillons in den Giardini und im Arsenale nicht zum Schaden, im Gegenteil, es wertet sie auf! Der Goldene Löwe ging an Deutschland respektive die gläserne Performance-Installation von Anne Imhof. Doch ist der sehr gute Begleittext von Susanne Pfeffer nicht vielleicht besser als die Inszenierung selbst.? Die Performance (nur 1 x pro Tag!) mitsamt gläsernem Einbau und Hundezwinger rundherum ist eine konzeptuell eindrückliche Metapher des Menschen zwischen Gewalterfahrung und Gewaltausübung einerseits, totaler Überwachung andererseits, aber kommt das auch wirklich „im Bauch“ an, wenn da vier TänzerInnen (geschlechtlich kaum unterscheidbar) über und unter dem Glas herumtollen?

Grossartig ist der englische Pavillon, der einem durch die Fantasmen dunkler Altstadtgassen wandern lässt. Phylida Barlow hat alle Register gezogen (Bild links). Die Galerie Hauser&Wirth machte ihn finanziell möglich, analog der allerdings nicht sonderlich überzeugenden Inszenierung von Mark Bradford im US-Pavillon. Die Präsenz von H&W ist unübersehbar. Erstaunt über die professionelle Präsentation des Werkes von Geta Brätescu (Rumänien, Bild unten), die seit den 1960ern provokative, genderbewusste Kunst machte und mit ihrem Mann auch in ihrer Galerie in Bukarest vermittelte, sucht man nach dem Sponsor. Dann wird alles klar: H&W. Kürzlich dann der Newsletter der Galerie: „We proudly announce the exclusive representation of the work of G.B.“ Macht macht uns skeptisch, doch ist es hier nicht auch einfach toll, dass eine Galerie mit ihrem kommerziellen Erfolg u.a. in lange übersehene Werke von Künstlerinnen investiert?

Zu den nachhaltigen Erinnerungen gehören auch die 30 Minuten des „Theatre of Glowing Darkness“ von Kirstine Roepstorff im dänischen Pavillon. Eine halbe Stunde dunkelster Nacht mit feinen Lichtschimmern, kristallinen Tapeten, Klängen, einmal gar farbigen Schmetterlingen… eine versunkene, andere, geheimnisvolle Welt jenseits der uns bekannten. Für alle, die Figürliches, Erzählerisches lieben, ist die Parade von Grisha Bruskin (Russ. Pavillon) ein Wunderland, durchaus mit Tiefgang.

Die grosse Überraschung ist der italienische Pavillon, der in den letzten Jahren oft ein Kitsch-Theater war. Unter dem Titel „Il mondo magico“ zeigt da u.a. Roberto Cuoghi (Bild!) in einer Art Gewächshaus die Problematik von Original, Abguss und Abguss vom Abguss

bis hin zur multiplizierten Reliquie, vor allem aber entführt Giorgio Andreotta Calò über eine steile Metalltreppe bis unters Dach, wo sich, wenn man sich dann umgedreht hat, durch raffinierte Wasserspiegelung ein immenser Raum öffnet.

Ein Highlight ist ohne Zweifel die Film-Recherche von Hubbard und Birchler im Schweizer Pavillon, ein winziges, aber berührendes Stück Kunst-Geschichte (fotografieren leider verboten!?)  Wie das amerikanisch/schweizerische Künstlerpaar aus fast keinen Fakten die tragische Geschichte der US-Kunstsstudentin Flora Mayo, die um 1930 Modell und Geliebte Alberto Giacomettis war, herausschält, zeugt von so viel warmer Anteilnahme (und hervorragender Kameraführung), dass heute schon sicher ist, dass er zur Ikone werden wird. Raffiniert ist die Doppelprojektion von hinten und vorne bei gleichem Text. Einmal primär mit fiktiven filmischen Szenen aus dem Atelier von Flora Mayo, die an einem Porträt von Alberto G. arbeitet, das andere mal primär mit Bildern vom Gespräch mit dem 1935 geborenen Sohn Mayos, der bis zur Anfrage von Hubbard&Birchler nichts von dieser Vergangenheit seiner später in Los Angeles verarmten Mutter wusste.

Verlierer der Biennale sind die Pavillons in der Stadt. Immer weniger zahlreich und viele weit verstreut, werden sie vom Publikum wohl allzu oft links liegen gelassen.