Newsletter Oktober 2018

Dan Graham, Ohne Titel, 2011, Lofoteninseln, Norwegen. Foto: azw

Es ist unglaublich wie viele GUTE Ausstellungen in den Schweizer Museen, Kunsträumen etc. GLEICHZEITIG zu sehen sind! – Einige habe ich gesehen, andere zumindest virtuell (z.B. auf www.arttv.ch) registriert. Trotzdem will ich zuerst von zwei nord- respektive mittel-norwegischen Projekten erzählen, die ich kürzlich erlebt habe (vom Hexenmahnmal Zumthor/Bourgois habe ich auf Facebook bereits berichtet).
In Karasjok – der Hauptstadt der Finnmark – hatten wir das Glück, dass im Zentrum für zeitgenössische Kunst gerade „Time Travel“ zu sehen war – qualitativ überraschende Werke von samischen Künstlern in Auseinandersetzung mit ihren Wurzeln respektive der heutigen Situation der Samen in Norwegen. Sehr schön u.a. die vieldeutige „Cloud“ von Per Isak Juso, gefertigt aus vielendigen Rentier-Geweihen wie es sie heute kaum mehr gibt, da die Rentier-Farmer ihre Tiere nicht so alt werden lassen.

Interessant auch das Grossformat „Colonialism Inc“ (2016) von Anders Sunna, das klagt, dass man die Samen (trotz Teil-Autonomie) in Oslo nicht „höre“. –

Ganz anderer Art die WUNDERBARE Skulptur von Dan Graham auf den Lofoteninseln (siehe oben).

Sie entstand 2011 und ist Teil des Skulp-turlandskap-Projektes, das seit 1992 internationale, zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum in Norwegen repräsentieren will. Eine der ersten Skulpturen des Projektes war 1992 der „Hode“ („Head“) von Markus Raetz, ebenfalls auf den Lofoteninseln.

Zurück in die Schweiz: Hier fand im September die „Triennale Grenchen“ statt – seit den 1950er-Jahren ein internationales Stelldichein der Druckgrafik. Einst war die als Messe mit Sonderausstellungen durchgeführte Veranstaltung sehr erfolgreich – dank ihr befindet sich z.B. ein Exemplar der Goethe-Litho von Andy Warhol in der Sammlung des Kunsthaus Grenchen. Nach Jahren des Niedergangs versuchte man es heuer mit einem Kurator, mit dem Solothurner Bildhauer und Leiter des „Haus der Kunst St. Josef“, Reto Emch. Sein Engagement war gross, aber sein Wissen und seine Erfahrung auf dem Konkurrenz-Parkett nationaler Ausstellungen zu klein. Die Wettbewerbe fanden nur geringes Echo, die Verjüngung fand nicht statt. Die Triennale blieb ein regionales Ereignis von durchschnittlicher Qualität, mit einigen Highlights – von Arno Hassler, Thomas Ruch, Wölf Zät (siehe Bild), Max Hari, Christoph Rhis, Nino Baumgartner, Strottr Inst/Flo Kaufmann u.a.m. – keine Frauennamen? – Kunststück! Sie fehlten weitgehend! Und das im Jahr von #MeToo!!

Gegensatz: Die Ausstellung der libanesisch-amerikanischen Künstlerin Etel Adnan (*1925) im Zentrum Paul Klee. Wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass 2018 textile Werke einer Künstlerin ins Zentrum einer Ausstellung in einem Schweizer Museum gerückt werden? Dass anerkannt wird, dass es sich hier um „Malerei“ mit der material-immanenten und strukturellen Ausstrahlung eines Wandteppichs handelt? Kaum jemand. Als Kritikerin, die sich jahrzehntelang gegen die Diskriminierung des Textilen gewehrt hat, frage ich mich, was die Kehrtwende, die hier – und vielerorten – festzustellen ist, ausgelöst hat? Ist es die junge Generation, die den Kopf schüttelt ob den Machos, welche Techniken, in denen Frauen besser waren als sie (zumindest bei uns in Westeuropa) a priori ablehnten? Ist es die junge Generation, die den Kopf schüttelt ob der Ablehnung des Textilen durch den Feminismus der 70er- und 80er-Jahre und mit den Machos gleichsam eine unheilige Allianz einging? Ist es der Einfluss des ganzheitlichen Werk-Unterrichtes an den Primar-Schulen? Ist es die Bewunderung für jegliche Materialien in Kontrast zu allen virtuellen Äusserungsformen? – Wohl von allem.

Etel Adnan ist allerdings ein Spezialfall indem sie ihre Teppiche nie selbst wob, sondern sowohl in Nordafrika wie in Amerika mit Webern, von denen sie sich verstanden fühlte, zusammenarbeitete. Vielleicht ist es deswegen, dass (auch?) für mich die wunderbaren Leporellos, in denen Zeichnerisches und Schriftliches eine ästhetische und inhaltliche Verbindung eingehen, den Höhepunkt ihres Schaffens bedeuten. Dass sie Paul Klee ob seiner Verbindung von Visuellem, Gedanklichem und – in den Titeln – Schriftlichem bewunderte, mag sein.

Es gibt malerische Werke, welche dies stützen, aber zwingend ist die Verbindung nicht – sie ist eher eine etwas bemühende Rechtfertigung für die Ausstellung im ZPK.