Newsletter September 2017

Nach der Rückkehr aus Kassel und Münster war mein Drang in die Museen temporär etwas gedrosselt. So benutze ich die Gelegenheit im Newsletter September mal von meiner eigenen Kunst (An)-Sammlung zu schreiben. Sie ist umfangreich, aber objektiv betrachtet nicht von Bedeutung (mir ist sie trotzdem lieb).

Mitte der 1970er-Jahre wagte ich es erstmals eigenes Geld für Kunst auszugeben (so etwas wie ein Emanzipationsschritt). Bei der wirklich zeitgenössischen Kunst war ich damals noch nicht so richtig angekommen. Ich kaufte in der Galerie Raeber in Lenzburg ein – grundsätzlich sehr schönes – Stilleben von Werner Holenstein (1932-1985) und war stolz darauf. Mitte der 1980er-Jahre habe ich es wieder verkauft – mit Gewinn und dem Ziel nun Aktuelles zu erwerben. Alles in bescheidenem Rahmen, wohlverstanden. Erworben habe ich u.a. ein mir heute noch wertvolles Bild von Stefan Gritsch (*1951 Lenzburg) aus der Phase als er sich auf einem Papier so klein als möglich machte und den Umriss seines Körpers darauf festhielt. Diesen schnitt er daraufhin aus und „heilte“ das Papier dann wieder mit einem Textilband, bemalte es x-fach bis es zu einer „Haut“ wurde, die er dann – nun nur noch malerisch – spannte und schlitzte, sodass helle Zonen im „Innern“ einsehbar werden.

Bei meinem Beruf ist klar, dass viele Arbeiten meiner „Kunstsammlung“ als Honorare oder Geschenke (nicht immer zu unterscheiden) zu mir kamen. So ich dir, so du mir quasi. Auf diese Weise kam z.B. 1982 eine Zeichnung von Vreny Brand (*1942 Olten) zu mir. Ihre kunsthistorische Bedeutung als typische Metapher für das sich selber Bewusstwerden der Frauen in jener Zeit, habe ich damals wahrscheinlich noch nicht voll erfasst. Manchmal habe ich mit einem Ankauf auch einer Künstlerin (oder auch einer Freundin) in Schwierigkeiten geholfen. Zu den Highlights diesbezüglich gehört die dreiteilige Kohle-Zeichnung

von Miriam Cahn, die ich von einer guten Bekannten in Nöten übernahm – selbst und nur für mich hätte ich mich finanziell nie getraut… aber so! – Die drei „Königinnen“ sind mir tägliche Kraftspenderinnen.

Auf Auktionen habe ich nur sehr selten Werke gekauft, mal ein Blatt von Willy Müller-Brittnau, daran erinnere ich mich, aber eigentlich wollte ich ja mit Ankäufen direkt KünstlerInnen unterstützen. Wobei – ganz so frei von monetären Überlegungen ist man natürlich doch nicht. Als ich in den 1980ern als Freundin eines Galerie-Inhabers zu seinen Konditionen kaufen durfte, konnte ich mehrfach nicht widerstehen (obwohl meine finanzielle Lage damals nicht gerade rosig war). So kam ich – auch so ein Highlight – 1982 zu einem wunderbaren „Flügel“ (oder Propeller – wie man es nennen will) von Erica Pedretti und „teuer“ ist mir auch das seinerzeit in der Galerie „am Rindermarkt“ ausgestellte, grossformatige Aquarell von Josef Herzog (1939-1998). Ebenfalls in den 80ern kaufte ich im Museum Allerheiligen in Schaffhausen eine grossformatige, ausgesprochen expressive Zeichnung von Klaudia Schifferle. Als die Künstlerin dann 2004 im Pasquart in Biel ausstellte „musste“ ich ergänzen – dem in Körper und Landschaft eingebetteten Kopf (Bleistift) begegne ich täglich. Und als dann bei Jegge in Biel vor einigen Jahren eine Bronze-Skulptur von 1995 zu einem günstigen Preis auftauchte, da war klar – das rundet mein Ensemble. D.h. da wird aus der „Ansammlung“ von Kunst in Ansätzen „Sammlung“.

Es gibt auch komplexe Hintergründe, warum zahlreiche Werke der einen oder anderen Künstlerin bei mir sind. Da war der Nachlass der Solothurner Künstlerin Ruth Kruysse (1943-1992) vor Jahren vom „Container“ bedroht und wurde in letzter Minute jenen übergeben, die sich zu Lebzeiten für die Künstlerin engagierten und bereit waren die Pflege der damals konservatorisch fragilen Blätter zu übernehmen. Quasi „fünf vor 12“ habe ich eine Reihe nicht (oder mangelhaft) fixierter Ölkreide-Bilder fachmännisch behandeln

und vor allem auch rahmen lassen, sodass sie noch heute – u.a. gleich links vom PC, an dem ich diese Zeilen schreibe – von ihren Visionen zwischen Leben und Tod – von fliegen und abstürzen erzählen.

Was sammelt man – gilt nur für Werke, die man aus persönlicher Ergriffenheit erwarb – was spiegelt sich in den Entscheiden. Bei mir – das merkte ich erst sehr spät – ist es oft der Faktor Mehrschichtigkeit, Mehrdeutigkeit – Bilder, die das eine sind und das andere ebenso und – einmal gedreht – auch noch ein drittes. Da kann es sein, dass mich etwas innert Sekunden packt und nicht mehr loslässt. Da war z.B. vor manchem Jahr ein kleines rotes Bild von Rut Himmelsbach (*1950, „Heilige Kuh“,1991) Kunstmuseum Olten ausgestellt. Zuerst sah ich nur das schwarze Horn und ein Auge, dann – rot in rot – einen Felsen mit einer kleinen Figur am Abgrund; dann schälten sich im gleissenden Licht der Umriss und die Nüstern der „Kuh“ heraus und alles fügte sich mit der Jahrzahl 1991 zur eindrücklichen Metapher für die brennenden Ölfelder im 1. Irakkrieg (samt weltpolitischem Hintergrund). Da konnte ich nicht anders…..

 

Es gäbe selbstverständlich noch viel zu schreiben – vielleicht mache ich das dann mal. Vorerst genug.

Bild: Selfie der virtuellen Welt von Studer/van de Berg (z.Zt. Gluri Suter Huus Wettingen)