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Delphine Reist Skulptur als Ereignis Kunsthaus Pasquart Biel/Bienne  Foto: azw

Es kann nicht darum gehen, aufzuzählen was ich an Kunst gesehen habe. Es soll die Rede sein von dem, was sich in die Erinnerung eingeschrieben hat. Und da kann einem bewusst werden, dass man zu viel gesehen hat, dass man hier gar nicht vertiefen will. Vielleicht weil man es als unausgegoren oder als „déjà-vu“ empfunden hat; vielleicht aber auch, weil man genug hat von allzu theoretischen Konzepten, weil man Sehnsucht hat nach dem, was Heinrich Lüber (*1961), Professor an der ZHdK, mit dem Begriff „Occupy Experience“, der Betonung von Erfahrung postuliert. Auch von Kuratoren hört man neuerdings (wieder), dass sie Sinnliches betonen möchten. Bereits eingelöst ist dieses Postulat in den aktuellen Ausstellungen im Pasquart in Biel – sowohl im Kunsthaus wie im Photoforum.

Delphine Reists „Konzert“ mit ausgedienten Bohr- und Schleifmaschinen zum Beispiel geht durch Mark und Bein, löst Lachen aus und ist in der (hintergründigen) Sinnlosigkeit des Geschehens doch eine wunderbare Erbschaft Jean Tinguelys.
Und in den facettierten Bildern von Guillermo Kuitca (* Buenos Aires
1961) feiert die Malerei als sinnlich-mehrschichtiges Medium ein Fest vom Feinsten (Foto – Ausschnitt).

Aber auch im Photoforum Pasquart zeigen Jonny Briggs (*1985 London) und Salvatore Vitale (*1986 Lugano) die Beziehungen zu ihren Vätern mit so viel (italienischen) Emotionen respektive so viel (englischem) Humor auf, dass man sich die Augen reibt….

Das Hinterfragen ausgelöst haben zwei Ausstellungen in Basel, jene von Joëlle Tuerlinckx (*1958 Brüssel) im Museum für Gegenwartskunst und jene von Catharina van Eetvelde (*1967 Gent) im Kunstmuseum. Tuerlinckx sammelt, was ihr zufällt. Gewichtiges, Banales, Alltägliches. In persönlichen Setzungen erscheinen die Papiere, Objekte, auf Materialien ausgedruckte Sätze als raumbezogene Installationen, als kleinteilige Bildkompositionen, in Vitrinen. Als visualisiertes Hörspiel könnten die Spots spannend sein, aber stumm lösen sie keine Lust aus mehr zu wissen. Und so zerfleddert das brav Betrachtete bald wieder, die emotionale Hirnhälfte ist nicht genährt.

Ähnlich verhält es sich bei Eetvelde. Ihre zuweilen elektrisch gesteuerten „Magnetfelder“ (Zeichnungen, Raum-Konstruktionen, Wand-Objekte) sind abstrakter, zeigen eine Art Denk-Formationen. Doch auch hier bräuchte es trotz Saaltext und aufliegendem Katalog einen Audio-Guide um „magic moments“ (Lüber) zu evozieren. Beide Künstlerinnen (warum zwei Belgierinnen gleichzeitig?) haben klare Visionen, aber es fehlen die Charme-Offensiven, welche die Besuchenden zum Mitdenken und -fühlen verführen würden. Weder in der einen noch in der anderen Ausstellung habe ich auch nur eine einzige Person lächeln gesehen.

Am meisten berührt und noch immer nicht losgelassen hat mich dieser Tage jedoch ein Besuch in der Galerie Rotwand in Zürich. In der Ankündigung der Ausstellung „Klodin Erb“ stand „the final exhibition“, aber dass dies das Ende der Galerie bedeuten könnte, überlas ich schlicht, weil es für mich nicht denkbar war. Nicht nur des qualitätvollen national-internationalen Programms wegen war mir fast jede Ausstellung ein Must, sondern auch weil die Galeristinnen Sabina Kohler und Bettina Meier-Bickel eigentliche Kuratorinnen waren, sich stets vertieft mit dem Präsentierten auseinandersetzten. Und dieses bestand nicht nur aus Sofa-Bildern! Man denke an die skulpturalen Installationen von Luc Mattenberger, Mathilde ter Heijne! Jeder Besuch kam einer exklusiven Führung gleich, Gespräche entwickelten sich, bereichert ging man wieder von dannen. Nach Verkäufen fragt man als Besucherin nicht, so hoffte ich stets, die Teilnahme an Messen, das Arbeiten in Netzwerken sei erfolgreich, wusste es aber nicht. Und geklagt wurde bei Rotwand nie. Umso grösser ist jetzt der Verlust für die Zürcher Galerienszene.

Noch kurz ein summa summarum der Januar-Highlights: Die Sammlungsausstellung „Ding, Ding“ im Aargauer Kunsthaus (habe ich fast verpasst), Gilgi Guggenheims „Museum of Emptiness“ in St. Gallen, Max Hari in der Galerie Oktogon in Bern, Marc Antoine Fehr bei Kilchmann in Zürich, Ferdinand Gehr/Roman Candio in Olten, eine Gegenüberstellung von „Tell 73“ und heutigen Schweizer Positionen im Tessin.