Selfie mit Didier Rittener Moutier 8_2016Newsletter August 2016

Sommerzeit – Kunstpause? – Teilweise, aber auch Zeit, die Juni-Eröffnungen zu sehen! – Insbesondere die Manifesta. Sie ist durch die verzweigte Struktur und die vielen Events primär ein Zürcher Kunst Hype. Highlight für Auswärtige ist der Pavillon am See mit den Filmen der Begegnungen von Künstlern und Berufstätigen. Denn da entsteht Kreatives aus einem ungewohnten Dialog; da begegnen sich ein Uhrmacher und ein US-Künstler und konstruieren nicht eine Kuckucks-Uhr (wie geplant),

Manifesta 11 ZH Jon Kessler The World is Cuckoo 6_2016sondern eine komplexe Welt-Uhr und ein Bahnhofstrassen-Luxusuhren-Laden öffnet seine Räume dafür. Top! Es gibt auch Schwächeres: Die von einer US-Künstlerin initiierte psychotherapeutische Gruppen-Sitzung mit einem Zürcher Psychiater und 21 Probanden verpufft als Video-Doku, da ungeeignet für eine Ausstellung. Auch Michel Houllebecqs visualisierter Gesundheitscheck in der Hirslanden-Klinik ist mehr ein Ego-Trip als Kunst (oder gar Missbrauch von Kulturgeldern zu eigenen Zwecken?). – Viel diskutiert und meist unter „igitt“ abqualifiziert wurde die aus gepressten Fäkalien-Quadern bestehende Installation von Mike Bouchet – doch Fact ist: Man erinnert sich daran und es wurde ein Thema in die Öffentlichkeit geholt, das da haptisch wohl noch gar nie war. Top.

Der historische Teil – eine Präsentation von Werken, die sich früher schon mit dem Thema „What people do for money“ – vermag nicht wirklich zu zünden, obwohl es grundsätzlich richtig ist, das Thema nicht als „neu“ zu „verkaufen“.

Nur noch bis 28. August dauert die Ausstellung der in Berlin lebenden Tina Schulz (geb. 1975) im Centre Pasquart in Biel. Sie hat einen schweren Stand. Erstens findet sie parallel zu einer an sich gut konzipierten, jedoch klar regional ausgerichteten Sammlungsausstellung statt. Zweitens ist Tina Schulz in der Schweiz gänzlich unbekannt und auch in Deutschland kein Star. Drittens ist die Thematik der „Archäologie des Gedächtnisses“ keineswegs neu und die Umsetzung weder spektakulär noch emotional verführerisch. Das sind enorme Hürden auf dem Weg zu einem offenen und interessierten Publikum. IMG_3823Wer sie indes beiseite schiebt, wird belohnt durch ein äusserst seriös erarbeitetes künstlerisches Werk, das sowohl konzeptuell wie in der medialen Umsetzung sitzt. Der rote Faden – die Frage, was aus der Vergangenheit bis ins heute wirkt – wird durch Mitdenken fassbar, egal ob Schulz Text- und Bildmontagen, Zeichnungen, Malerei oder Skulptur zeigt. In der Salle Poma zeigt sie Architekturfragmente, die je nach Seh-Lust der Betrachtenden aufsteigen oder im Boden versinken. Die Gleichzeitigkeit ist ein schönes Beispiel für unsere stete Hirntätigkeit. Highlight ist aber ein dicht bestückter Raum mit Zeichnungen, die das Medium durch auftragen, abwaschen, beschichten und ev. wieder ausradieren zu einer analogen Gleichzeitigkeit führen. Die Motive beziehen sich auf Kunstgeschichtliches – Schulz hat sich im Studium intensiv mit Bruce Naumann beschäftigt – auf Persönliches aus der Kindheit, auf eigene, frühere Werke, auf Fundstücke (oft mit Architekturcharakter) u.v.a.m. – Interessant sind aber z. B. auch Relikte aus der Zeit der alten Griechen in Kombination mit philosophischen Statements (die ja oft auf alt-griechischem Denken beruhen!).

Ebenfalls nur noch bis zum 28. August läuft die Ausstellung „Point(s) de vue“ in Moutier mit Werken von Didier Rittener, Ruedy Schwyn, Judith Albert und Jean-Daniel Berclaz. Sie gehört nicht zu den 5-Stern-Themen-Ausstellungen des Sommers, wird mir jedoch insbesondere durch ein Video von Judith Albert in Erinnerung bleiben: Es zeigt einen in blau und schattig-dunkel getauchten, einsamen Meeresstrand mit einer wandernden Frauenfigur. In der digitalen Bearbeitung ist ein Papier darüber gelegt, das eine unsichtbare Hand Streifen um Streifen zerreisst und dadurch(scheinbar) Wellen, Felsen, Höhlen schafft, die Figur mitnimmt bis darunter wieder die „reale“ erscheint; ein ständiges Verändern und doch am Ort bleiben. Top! Ruedy Schwyns Podeste mit verschiedenen Blickwinkeln sind etwas didaktisch geraten und Berclaz’ „Schützenstand“ etwas zu theoretisch, doch Didier Rittener zeigt mit einem Raum mit Zeichnungen und einer Verdichtung verschiedener Ansichten zu einer „Grand Vue“ das Thema, wie es seiner Arbeitsweise auch ausserhalb der Ausstellung entspricht; das gefällt. Bild: Selfie azw mit Zeichnung von Didier Rittener im Musée des Beaux Arts in Moutier.