Newsletter März 2017

Malte die Blätter für die Ausstellung im Centre culturel Suisse vor Ort: Thomas Huber.  Foto: azw

Vergangenen Monat fiel mir plötzlich die Decke auf dem Kopf. Eng, kalt, kein Bock auf gar nichts. Da gab’s nur eines: 3 Tage aus dem Kalender streichen und….nach PARIS zum Beispiel; da war ich schon soooo lange nicht mehr. Gedacht, getan.

Hat es sich gelohnt? – Ja, aber auch nein, doch, vielleicht. Gibt es in Paris bessere Kunst zu sehen als in der Schweiz? – Nein. Sind die Ausstellungen grosszügiger, umfassender, bedeutender? – Ja/Nein. Ist etwas hängen geblieben? Ja. Frankreich hat seine KünstlerInnen schon immer hoch gehalten. La grande nation! Allerdings nimmt dies die Kunstwelt nur bedingt wahr. Typisch: Jean Luc Moulène (*1955) im Centre Pompidou.
Ein Materialien „kostbar“ umsetzender Plastiker (früher Fotograf) am Rande von Gegenständlichkeit und Abstraktion. Überzeugend, aber nicht umwerfend. Bezeichnend: Im Internet gibt es NUR französische Texte. Die Welt spricht doch französisch – oder etwa nicht? (Anmerkung: In der Schweiz kann es vorkommen, dass nur englische Texte verfügbar sind – das ist dann das Gegenteil.)

Ein Ziel: Das Centre Culturel Suisse besuchen. Denn (wage es kaum zu schreiben) ich las zwar immer was da läuft, war aber nie vor Ort. Der Auftritt ist bescheiden; in einer reichlich dekadenten Passage rechts eine moderne Türe. Dann: Nüchternheit, Präzision, Licht, klare Konstruktion. Gemütlichkeit: Nein. Die Hauptausstellung im wunderbaren Oberllichtsaal: Thomas Huber: „Intime Fantasie“. Thomas Huber, der grosse Erzähler, als Erotomane? Ja, tatsächlich, aber à la mode de Thomas Huber, naturellement. Veut dire: Vagina und phallische Rund-Pyramide sind tatsächlich die zentralen Formen der kleinereren, grösseren und grossen Arbeiten auf Papier – blau und rot vor allem. Ein Rund im Raum schaffend. Überraschend – eindrücklich. Aber so richtig zur Begeisterung wandelt sich der Besuch erst mit dem für die Ausstellung zusammengestellten Künstlerbuch mit Reproduktionen von Blättern zum Thema seit den 1980er-Jahren. Was für eine verführerische, vielfältige, subversive, humor- und liebevolle, angeregte und versteckte Fantasie! – Die Kabinett-Ausstellung mit Delphine Reist (zuvor ähnlich, grösser in der Kunsthalle St. Gallen) fristet – zumindest im kalten Februar – ein Schattendasein.

Ich war auch nie im Palais de Tokyo – obwohl ich zur Zeit als der Neuenburger Marc Olivier Wahler (2006-2012) Direktor war, aus der Ferne immer hinschaute. Mein aktueller Eindruck: Viel Raum – entsprechende Installationen, aber etwas abgetackelt und ohne überzeugendes Profil. Trotzdem: Die Ausstellung „Sous le regard de machines pleines d’amour et de grâce“ ist ein überraschend alternativer Blickwinkel zur gängigen Kritik am Einfluss der Technik auf unser Leben. Eingeschrieben hat sich vor allem das Experiment des Franzosen Abraham Poincheval (*1972), der dank ausgeklügelter technischer Unterstützung während 13 Tagen eingeschlossen im Innern eines ausgestopften Bären lebte.

Doch zurück ins Centre Pompidou, über dessen Wiedereröffnung ich 1999 seinerzeit geschrieben habe (da: http://annelisezwez.ch/2000/mit-1400-werken-durch-die-kunst-des-20-jahrhunderts/ ). Es bräuchte dringend eine Aussenhaut-Auffrischung, ist aber im Innern und von seinen Ausstellungen her nach wie vor top. Beeindruckt hat mich u.a. die Präsentation einer ****-US-Privat-Sammlung (Westreich/Wagner), die kürzlich als Geschenk respektive Dauerleihgabe ans Pompidou kam.
Was von Kassel und Venedig her bekannt, ist nun da!! Von Jeff Koons bis Eija-Lisa Athila, von Christopher Wool bis Jutta Koether, aber vereinzelt auch Unbekanntes, wie die überzeugenden (analogen!) Foto-Arbeiten von Annette Kelm (*1975 Stuttgart). Abbildung!

Ein wertvolles Brush-Up war auch die Ausstellung „Kollektsia“, welche russische Kunst aus der Untergrundzeit, aber auch später, bündelt. Eine in Paris situierte Stiftung machte sie möglich. Was war das doch für ein Boom damals als der CH-Botschafter Paul Jolles Kabakow und Bulatow nach Bern brachte und damit einen internationalen Hype auslöste. Wenig ist davon geblieben.

(Anmerkung: Immerhin das Kunsthaus Zug zeigt gerade Pavel Pepperstein – einen herausragender russischen „Erzähler“).

 

Wie ein Kleinod gehütet wurde der dem japanischen Architekten-Künstler Jun’ya Ishigami gewidmete Raum, in dem 56 seiner fragilen, lichtdurchfluteten, urbanen Modelle auf langen Laufmeter-Tischen präsentiert wurden. Nur versteckt konnte ich eine – nur bedingt aussagekräftige – Foto machen.

 

Im Jeu de Paume war ich dann eigentlich schon so vollgestopft mit Kunst, dass ich die Arbeiten des US-Video-Pioniers Peter Campus (*1937) und die Retrospektive des Fotografen Eli Lotar (1905-1969) zwar durchschlenderte, aber im übrigen lieber im Jardin de Tuilleries die erste Frühlingssonne genoss. Last but not least: Spass gemacht hat, dass ich in der Cité Internationale des Arts in Paris die Solothurner Künstlerin Annatina Graf treffen durfte und wir ein paar wunderschöne, anregende Stunden verbracht haben.