Newsletter November 2018

Slavs and Tatars  Mystical Protest, 2011, Leuchtfarbe auf Muharram-Stoff, Neon-Röhren, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Turin. Foto: azw

Ich gebe es gerne zu: Auch ich muss mich dann und wann antreiben, um mir bedeutsam scheinende Ausstellungen nicht zu verpassen. Denn mitreden kann/darf  nur, wer gesehen hat. Die kurzen Videos von Art TV können Unterstützung sein, aber sie sind Infotainment, d.h. unkritisch. Darum MUSS man hinfahren, um zu schauen, in der spezifischen Atmosphäre der Ausstellung zu lesen, vor Ort nachzudenken, mit Agenda-Glück an einer erhellenden Führung oder einem Künstlergespräch teilzunehmen. Trotzdem: Meine Ü70-Energie reicht nicht für alles.

UND: Mit dieser Haltung bin ich eine aussterbende Spezies – die wenigsten Ausstellungen, die ich in den letzten Wochen sah, waren gut besucht. Erschütternd war z.B. die Vernissage vom 13. Oktober in der alteingesessenen Galerie Numaga in Colombier (NE). Barbara Ellmerer (*1956) gehört zu den aktuell wichtigen Schweizer Malerinnen; ihre „explosiven“ Licht-, Berg-, Blumenbilder haben sich mir in Bern, in Biel

in Zürich nachhaltig eingeschrieben.Für ihre 4te Numaga-Schau „Particules minuscules“ malte/wählte sie vor allem Kleinformate/Pinsel- zeichnungen, welche die Felder ihrer Recherchen aufzeigen. Von Lukrez (einem römischen Naturphilosophen) bis Emma Kunz geht es oft um Lebenskraft, wie sie sich hinter der Abbild-haftigkeit zeigt und sich doch in ihr äussert. Dabei gilt der Fokus in neuerer Zeit mehr dem Mikro-kosmos als dem Makrokosmos. Kurzum: Eine das ellmersche „Universum“ öffnende Aus-stellung. ABER: An der Eröffnung waren nur ein paar wenige Insider aus dem Kunstbetrieb anwesend. Aus der Not eine Tugend machend, wandelte B.E. die Vernissage zum Künstlerin-nengespräch – für mich ein Gewinn; aber für die Künstlerin, den Galeristen Gilbert Huguenin….??!!

Die Bieler Museen – das Pasquart, das Neue Museum Biel (NMB) und das Photoforum – haben im September „The Power of Now“ lanciert und in vernetzten Ausstellungen „Zeitspuren“ gelegt (was in der Uhrenstadt Biel naheliegend ist). Doch „Zeit“ ist ein Allerweltsthema. Damit Neugierde (das wichtigste PR-Moment!) auszulösen, ist nach den vielen „Zeit-“ und „Erinnerungs“-Ausstellungen der letzten Jahre schier gar unmöglich. Auch das Pasquart trat in die Falle, doppelt sogar.

Die internationale Schau (kuratiert von Samuel Leuenberger und Felicity Lunn) umfasste viele spannende Positionen zu Zeit und Unbehagen, Zeit als Spekulation, als formbare Einheit, als Inszenierung. Doch die thematische Fülle (jedes Werk Ausdruck eines eigenen Kosmos) und 34 (!) Werkgruppen ist für das Publikum eine Überforderung. Denn ein theoretisches Konzept intellektuell anspruchsvoll umgesetzt ist – ohne publikumsnahe Vermittlung, z.B. Übersetzungen! – keine nachhaltige Ausstellung! Und so waren denn die Besucherzahlen (gelinde ausgedrückt) bescheiden und die Nicht-Kunst-Insider gingen oft ratlos von dannen.

Als Ü70 habe ich das Glück mir Zeit nehmen zu können, kam nach zweien Malen noch einmal, um die Videos von A bis Z zu sehen (z.B. das von Ursula Biemann zu Ur-Zeit-Klängen in der Arktis). Darum hat sich manches (nicht alles), das mir anfänglich wenig einleuchtete, ins Positive verwandelt. Das inszenierte Alltags-Chaos von Sophie Jung (*1982 in Basel, lebt in London) überzeugt mich immer noch nicht, aber die grossformatigen Foto-Leuchtkästen der Vier Jahreszeiten des Kanadiers Rodney Graham (*1949/CN), die vier Männer (warum alles Männer?) in unterschiedlichsten Szenerien (der Koch im Park, „Mozart“ im Filmset….) während einer kurzen Arbeitspause zeigen, liebe ich inzwischen (auch wenn bei dreien die Zigarette als Pausenzeichen dient….!). Die gemalte Endlosreihe eines Trinkglases am immer selben Ort von Peter Dreher (*1932) habe ich schon zu oft gesehen… und On Kawaras Datumbilder sind mir auch nicht mehr als ein „ok – klar“ wert, aber das zugleich konzeptuelle wie visuell einprägsame Werk des muslimischen Künstler-kollektivs „Slavs and Tatars“, das u.a. Worte in Bezug auf Identitätsfindung untersucht, werde ich nicht

mehr vergessen! (Siehe Bild oben.) Der Text in unserem Alphabeth über demselben Text in arabischen Zeichen: „It is of utmost importance that we repeat our mistakes as a reminder to future generations oft he depths of our stiupidity“. Highlights sind einmal mehr die Werke des Schweizers Julian Charrière (*1987), der zum Teil Jahrtausende umfassende Mensch/Umwelt-Themen in der Natur visualisiert (in Biel z.B. mit einem Found-Footage-Video, das einem „Musikstück“ gleich Bäume auf aller Welt zeigt, im Moment, da sie gefällt werden).

Ach, da wäre noch so viel mehr – Pat Noser Städteansichten in Büren zum Beispiel, Lucie Schenker in Olten, Robin Rhode im Haus konstruktiv in Zürich…. aber…. ein ander Mal…