Newsletter August 2018

Mitverfolgen was Künstler schaffen, die ich schon seit 1980ern kenne, ist ein Must! Somit auch eine Reise nach Luzern, in die Ausstellung von Claude Sandoz („Ab auf die Insel“). Foto: azw

Ich habe nicht keine Kunstausstellungen gesehen in den letzten Wochen – David Claerbout in Bregenz zum Beispiel, Bharti Kher (siehe Foto rechts) im Centre Pasquart in Biel, Claude Sandoz in Luzern – aber die Hitzewelle hat auch mich träge gemacht.

Darum nutze ich den Newsletter August für eine Standort-Bestimmung: Mit 70 Jahren macht es keinen Sinn mehr eine Vielzahl von Ausstellungen zu konsumieren, denn unreflektiert verschwindet das Gesehene in erschreckend kurzer Zeit aus dem Gedächtnis und zwar zu 100%!! Was konnte ich doch mit 50 an einem einzigen Tag alles aufnehmen! – Tempi passati. Ich muss also wählen und verweilen

und lesen und nachdenken, ein paar Handyfotos machen und –   wenn möglich – einen kurzen Text schreiben. Insbesondere bei neuen Positionen. In der Ausstellung von Teresa Burga (Foto: Installation aus der Pop Art-Periode der 1960er) im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich meinte der freundliche Aufseher als ich ging: „Sie hatten aber Ausdauer!“Wenn der wüsste, dass das meine einzige Chance ist, mich auch in 6 Monaten noch an die 83jährige Peruanerin zu erinnern!

Ich rede von Einzelausstellungen – bei Gruppen habe ich kaum mehr eine Chance, ich kann das Viele auf einmal nicht mehr packen, es sei denn ein Thema (nicht einfach „Positionen“!) stehe im Zentrum, wie z.B. bei „Das Leben ist kein Ponyhof“ im Kunstmuseum Olten – eine Ausstellung zum Thema „Arbeit“ anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Landesstreiks von 1918 (Foto: Martin Ziegelmüller Papierfabrik Biberist 1989/90). „Monochromes“ in La Chaux-de-Fonds war – obwohl auch eine Themenausstellung – eher schwierig.

Ich muss auch ganz ehrlich gestehen, dass ich „konservativer“ geworden bin – dass ich mit ganz jungen Konzepten – als Beispiel: Manuel Burgener als Manor-Preisträger BE im Centre Pasquart in Biel – schwer tue. Das Loslassen des „Werk“-Charakters, das Verneinen definierter Visionen, das Hüscht und Hot der Themen und Ausdrucksformen im Schaffen der Einzelnen – da mag ich einfach nicht mehr mit – da bin ich zu sehr geprägt von dem, was ich in meiner aktiven Kunstschreiberinnen-Zeit gesehen und erlebt habe. Von bereichernden Ausnahmen abgesehen, glücklicherweise (genannt sei z.B. die Begegnung mit Timo Ullmann *1987 im Zimmermannshaus in Brugg, zu dessen Ausstellung ich eben den Saaltext geschrieben habe).

Auch bin ich mir bewusst, dass mein Fokus „Kunst in der Schweiz – Kunst, die in der Schweiz gezeigt wird“ für heutige Begriffe schlicht zu eng ist. Doch für Jet-Set bin ich zu alt und immerhin haben wir hier hierzulande eine Museums- und Kunsthallen-Dichte wie nirgendwo sonst.

Und dann ist da noch etwas, das der Maler Martin Ziegelmüller (*1935) einmal auf den Punkt brachte: Im Alter bemerken wir den Reichtum der Nähe. – Das gilt in ähnlich-anderer Art und Weise auch für mich. Plötzlich freue ich mich, den Dialog zwischen dem Bielersee-Maler Ernst Geiger (1876-1965) und seinem Neffen Max Bill in eine Ausstellung im Nachbardorf Ligerz einbringen zu können. Oder ich engagiere mich im Winzer-Dorf, wo ich wohne, für ein (vorläufig noch in der Planungsphase stehendes) Projekt mit vier Wandbildern auf vier Haus-Fassaden, welche die Arbeit in den Reben thematisieren (ausführende Künstlerin: Daniela da Maddelena). Oder ich entwickle Ideen für eine kleine Ausstellung mit Werken des einstigen Bieler Kunstgewerbeschul-Direktors Rudolf Schindler (1914-2015) im sogenannten „Engelhaus“ – ebenfalls hier im Dorf.

Und last but not least gebe ich auch anderen Interessens-Gebieten – konkret der Literatur und der Geschichte meines denkmalgeschützen einstigen Kloster-, später Landvogt- und ab 1804 Familien-Haus – dem sog. „Fraubrunnenhaus“ – mehr Zeit und Raum.

Wenn jetzt noch jemand denkt, es sei mir langweilig…..