Newsletter April/Mai 2019

Kunstmuseum Olten. Selina Baumann Figurationen Keramik Bild: azw

Da ich in den letzten Wochen mit dem Aufarbeiten eines familiengeschichtlichen Archivs sehr beschäftigt war, musste die Kunst etwas hintenanstehen. Aber nichtsdestotrotz gibt es dies und das zu berichten:

Im Rahmen der Produktion der Monographie zum bildnerischen Werk von Erica Pedretti (2017/18) galt es einige Widerstände zu überwinden; zu viele sahen Erica Pedretti einseitig als Schriftstellerin und verkannten ihre Bedeutung als bildende Künstlerin. Die Ausstellung im Neuen Museum Biel (NMB) erbringt nun nach der Buchpublikation anhand von Original-Werken bis zurück in die 1950er-Jahre den endgültigen Beweis, dass das Oeuvre von Erica Pedretti gleichermassen

der Literatur wie der visuellen Kunst zugehört. Interessant sind u.a. zweierlei Dinge: Die Flügel, mit denen sie um 1980 national bekannt wurde, wachsen ohne Bruch aus ihren Silberschmiede-Arbeiten der 1950er-Jahre. Sie sind der Natur in einem weiteren Sinn verpflichtet als nur „Ikarus“-Flügel zu sein.

Es war die Frauenbewegung der Zeit, welche die Flügel gleichermassen für sich „pachtete“ und die Interpretation lenkte. Und zum andern ist die Gleichzeitigkeit von Schrift und Bild dominanter als bisher wahrgenommen. Wobei die Schrift sowohl für die ständige Präsenz von persönlichen und weltweiten Geschehnissen in Vergangenheit und Gegenwart steht (z.B. in den mit Berichten über Todesstrafen in Amerika und der bildlich unterlegten Darstellung von Märtyrerinnen (Von Hinrichtungen und Heiligen, 2008). Die Schrift kann als Abschrift aus Tageszeitungen oder mit Zeitungsseiten als Bildträger aber auch nur als Präsenz von Schrift an sich stehen. Das eine greift ins andere. Die Ausstellung ist gleichsam erweitert durch ein „literarisches“ Kabinett sowie zahlreiche, bisher selten präsentierte Filme zu Leben und Werk von Erica Pedretti (noch bis 16. Juni 2019).

Das Kunstmuseum Olten macht zum zweiten Mal den Versuch, das Werk einer älteren resp. verstorbenen Schweizer Künstlerin in Verbindung mit Erscheinungen der Gegenwart zu bringen. Während der erste Versuch unter dem Stichwort „Textil“ mit Lucie Schenker (*1943) in Kombination mit Reto Pulfer (*1981) und Edit Oberbolz (*1966) im Herbst 2018 keine gemeinsame Atmosphäre zu schaffen vermochte, gelingt nun mit „Linck. Reloaded“ – Margrit Linck (1897-1983, Bild) im Dialog mit Selina Baumann, Karin Lehmann und Irene Schubiger – unter dem Materialbegriff „Keramik“ eine stimmungsvolles „Gespräch“. Das hängt u.a. mit Aspekten wie „Körper“, „Gefäss“ und/oder einer stärkeren Betonung des Materials zusammen. Dennoch ist die stilistische Bandbreite ausgesprochen gross, die Generationen sind nicht verwechselbar, die Ausstellung darum eine Freude (noch bis 12. Mai 2019).

 

Eine Galerie, die aus dem Blickwinkel der Romandie, aber auch darüber hinaus programmiert, ist die Galerie C in Neuchâtel (gleich neben dem Musée d’art et d’histoire) und dies durchwegs mit spannenden KünstlerInnen, die unsere Zeit auf vielfältige Weise spiegeln. Kürzlich habe ich da eine Ausstellung mit Fotografien von Mathieu Gafsou unter dem Stichwort „Transhumanisme“. Der 1981 geborene Romand (Absolvent Universität Lausanne/ Ecole d’arts appliquès Vevey) ist meiner Ansicht nach einer der interessantesten jungen Schweizer Fotografen. Stets erarbeitet er in Zyklen Themen, die virulent sind für unsere Zeit, so wie seit einiger Zeit die Serie H+ (in etwa homo sapiens plus). Dabei geht es um die technische Erweiterung des Körpers im Bereich der Medizin resp. um Forschungs-Experimente zur Erweiterung unserer Wahrnehmung, etc. Das Besondere ist bei Gafsou die Gleichwertigkeit von Experiment und visueller Darstellung, will heissen Fotografie. Es geht nicht nur um (stets erläuternd kommentierte) Reportage, sondern ebenso um deren ästhetische Visualisierung. So schafft Gafous das Kipp-Moment zur bildenden Kunst.

 

Gesehen habe ich auch Sabine Schaschels „Konkrete Gegenwart“ im „haus konstruktiv“ in Zürich. Ich liebe Themenausstellungen. Denn ein Konzept reicht nicht, man muss auch die KünstlerInnen finden, die es schlüssig und zugleich so weit wie möglich fassen. Das „haus konstruktiv“ beschränkt sich längst nicht mehr auf die Zürcher Konkreten, sondern nennt als Ausrichtung die Begriffe „konstruktiv, konkret und konzeptuell“ . Entsprechend dachte die Direktorin auch bei

der „Konkreten Gegenwart“ mit 34 Kunstschaffenden aus Europa, den USA und mehr. Sie versuchte Rückblick, Gegenwart und Zukunft zu verknüpfen. Teilweise ist ihr das gelungen, doch insgesamt wirkten die an die Tradition anknüpfenden Positionen eher langweilig, auch wenn sie in sich möglicherweise folgerichtig sind (z.B. Svenja Deininger *1974 AT). Die „frechen“ Beispiele hingegen liessen das Konzept knistern (z.B. der Konfetti-Kubus von Lara Favaretto * 1973 IT – Bild! –  oder die verdrehten Jalousien von Martin Soto Climent 1977 MX). Zu gesucht erschienen mir hingegen die Arbeiten von Valentin Carron (*1977 CH).Klassisch und doch heutig empfand ich die Wandmalereien von Claire Goodwinn (*1973 UK/CH) und die „Winkelspiele“ von Katja Strunz (* 1970 DE, Bild). Bleibend in Erinnerung bleibt jedoch die verwinkelt/ verspiegelt/ornamentnahe Rauminstallation „Florenz-Bagdad“ des deutsch-iranischen Timo Nasseri (*1972, Bild).