Max Matters goldenes Stele für das Amt für Metrologie in Wabern (BE). 2001

Misst die Zeit und rührt die Seele

www.annelisezwez.ch    Annelise Zwez in Mittelland Zeitung vom 4. Juli 2001

Ob Naturwissenschafter oder Pendler – der archetypischen Wirkung der Goldstele, die Max Matter für das Amt für Metrologie in Wabern (BE) realisiert hat, kann man sich nicht entziehen. Schwingung und Lichtkraft übertragen sich auf den Körper.

Kunst am Bau-Werke haben zwei Eigenschaften: Sie müssen erdauert werden und sie werden in bezug auf ihre künstlerische Bedeutung zu wenig wahrgenommen. Beides trifft auf die wohl markanteste Arbeit, die der Aargauer Künstler Max Matter (60) seit den 70er Jahren im öffentlichen Raum realisiert hat, zu. Den im Kontext des Erweiterungsbaus des Bundesamtes für Messwesen (neu „metas“, Amt für Metrologie und Akkreditierung Schweiz) durchgeführten Wettbewerb gewann Max Matter 1997. Dass die 24 Meter hohe, von einem Tibetaner blattvergoldete und von der Firma Scholl in Safenwil konstruierte Chromnickelstahl-Stele mit einem Grundriss von 60 x 60 Zentimeter heute so da steht, wie sie der Künstler von Anfang an projektiert hat, ist keine geradlinige Geschichte.

Im Mai dieses Jahres wurde der mit einer phosphoreszierten Kupferhülle ausgestattete Erweiterungsbau von Jan Hlavica (Metron AG, Brugg) eingeweiht. Aufgrund der Presseunterlagen fand das High-Tech-Innenleben des Masse und Einheiten festlegenden Amtes Eingang in die Berichterstattung, die Architektur am Rande und die Kunst gar nicht; was keineswegs ausserordentlich ist. Im Vergleich zur Bausumme (hier rund 55 Mio Franken) ist der Kunst am Bau-Kredit (hier 250 000 Franken) „chicken feed“.

Gerade an die Schnittstelle zwischen Geld (Gold) als materiellem Wert und dessen jahrtausendealter metaphorischer Bedeutung lag lange Zeit die Krux des Projektes. Denn der Wettbewerbsentscheid fiel just in die Zeit als Gold in der Schweiz ein Schimpfwort war und nichts mehr anderes als Goldbarren meinte. Und so legte Bundesrat Kaspar Villiger (die „metas“ untersteht dem Justiz- und Polizeidepartement) das Veto ein; Gold als Inbegriff von Sonne und Licht, Gold als Symbol für Transzendenz, Gold als verdichtete Materie aus dem Universum hin oder her. Es wurden alternative Materialien (Platin z.B.) geprüft, doch nichts kam der wärmenden Lichtkraft des Goldes gleich. Schliesslich arbeitete die Zeit für Matters Vision; die politischen Diskussionen flauten ab und es konnte sich die Erkenntnis, dass man irgendwann wieder trennen müsse zwischen aktueller Politik und jahrtausendealter, kultureller Bedeutung, durchsetzen.

Max Matter ist bekannt dafür, dass sein Schaffen Nukleus reichster Assoziationsfelder ist. Und so geht es bei der Stele in Wabern selbstverständlich nicht nur um das Material Gold, auch wenn es auf der primären Ebene die stärkste Wirkkraft hat, da es bei Tag und bei Nacht, bei blauem Himmel und bei Gewitterwolken Licht anzieht und reflektiert und damit die Stele, unabhängig von Standortfaktoren, zum Zentrum macht. In unserer weitgehend säkularisierten Welt hat es die Gold-Symbolik nicht einfach, da die religiöse Komponente vielfach zwiespältig wahrgenommen wird. Die reduzierte Form der Stele, ihre Masse, Zahlen und Proportionen, ihre Beziehungen zur Architektur und die Präzision, mit welcher sie gestellt ist , lassen indes in Wabern den Gedanken, an den Barock zum Beispiel, gar nicht erst aufkommen. Wenn schon schlägt der Bogen zurück in die Antike, nach Ägypten insbesondere, wenn auch die Stele streng genommen nichts mit einem Obelisken zu tun hat. Doch der Sonnengott Ra einerseits und die naturwissenschaftlichen Kenntnisse der alten Ägypter andererseits treffen Max Matters Projekt in wesentlichen Aspekten.

In Bezug auf die metas-Stele ist da zunächst einmal der Faktor Zeit. In allen Massen spiegelt sich unsere Zeiteinteilung. Die Minuten zur Stunde geben den Grundriss, die Höhe den Tag und das Volumen die darin enthaltenen Sekunden. Die Stellung übereck markiert die Himmelsrichtungen und der Standort steht in einem komplexen Wechselspiel zu den sich im Tages- und Jahresverlauf verändernden Schattenwürfen und deren Berührungen mit der Architektur. „Das Amt für Messwesen ist somit ausgezeichnet durch die Präsenz eines Massstabes, der in seinen Dimensionen auf zeitliche und mit seiner Oberfläche auf geistige Inhalte verweist“, schreibt der Künstler. Auch wenn die sich in den Kombinationen von 3 und 4 entfaltenden Zahlenrhythmen nicht ohne Informationen ablesbar sind, so sind sie als mathematische „Naturkonstanten“ dennoch wesentliche Faktoren, die sich als Schwingungen mit der emotionalen Wirkung der Lichtkraft verbinden und diese durchwirken.

Die Wechselwirkung von Kunst am Bau-Arbeiten und dem Gesamtschaffen von Max Matter ist unterschiedlich. Insbesondere in den zahlreichen Team-Arbeiten mit Ernst Häusermann (u.a. Sprachheilschule Rombach, Börse Zürich, Paul Scherrer Institut Würenlingen) ist quasi eine dritte Person am Werk (welche die beiden zeitweilig Max Ernst nannten). Interessant ist jedoch, dass Max Matter und „Max Ernst“ immer wieder dann Wettbewerbe gewannen (man kann nicht immer gewinnen!), wenn sich vom Ort her Querverbindungen zur Naturwissenschaft aufdrängten. Das heisst die Verbindung von Vision unb Naturwissenschaften, die Matters Gesamtwerk kennzeichnen, führen hier zu besonders eindringlichen Synthesen. Innerhalb der Reihe (u.a. Paul Scherrer-Institut, Kantonsspital Aarau, Zwilag Würenlingen ) ist eine immer direktere und zugleich abstraktere Sprache auffällig.

Meinten die beiden „Goldstelen“ von „Max Ernst“ als Bodensee-Tor zur Psychiatrischen Klinik Münsterlingen (1986/89) noch sehr allgemein einen anderen Eingang, so ging Max Matter beim Kunst am Bau-Projekt für die Metron in Brugg (1993/94) dazu über, Materialien direkt als Inhaltsträger zu verwenden, was schon damals zu Diskussionen führte. Das schöne und zugleich giftige Kadmium(rot) im Innern der Säule im Hof warf Umweltschutz-Fragen auf; die Realisierung kam jedoch mit dem Hinweis auf die notwendige Auseinandersetzung mit der Präsenz des Materials zustande. Präsenz und Analogie von Materialien und zu eingesetzten Techniken kennzeichnen auch die „eingeglasten“ Farbpigmente in den „Bullaugen“ des Atom-Müll-Zwischenlagers in Würenlingen. Aktuell arbeitet Max Matter zusammen mit Jean Pfaff an einem Projekt für den Erweiterungsbau der Rehabilitations-Klinik in Rheinfelden.