Frautschi will das Bieler Lokal.int weiterführen

Der Off-Space vor Herbst-Saison

www.annelisezwez.ch  Bieler Tagblatt vom 21. August 2008

Im Juli war Chri Frautschi zu Tode betrübt. Ein Vandalenakt am Lokal.int hatte sein Engagement erschüttert. Dank Solidarität aus der Szene startet der Kunst-Off-Space indes heute in die Herbst-Saison.

Annelise Zwez

Seit April 2006 betreibt der Künstler Chri Frautschi  in einem ehemaligen Kiosk an der Aarbergerstrasse 84 das „Lokal.int“.  Als Plattform für Kunst-Experimente an der Schnittstelle zwischen öffentlich (jederzeit zugänglich) und privat (abgeschirmt durch Fenster und Türe).  Obwohl die Anerkennung des Bieler Kunst-Off-Space stetig wächst, ist Vandalismus immer wieder ein Thema, zuletzt vor einigen Wochen. Der in Muntelier wohnhafte Markus Kummer hatte als Sommer-Installation die Fassade verschalt und dabei nur ein bildschirm-grosses Fenster freigelassen. Der 35-jährige spielte damit auf einen Vandalenakt im Frühjahr 2008 an, als eine Scheibe eingeschlagen und ein Monitor zerstört wurde. Und genau darauf reagierte ein Unbekannter, kroch unter die Verschalung und versprayte den gesamten Hohlraum dahinter mit silbriger Farbe: Türen, Fenster, Wände, einfach alles. Ein Schlag ins Gesicht für den bewundernswert engagierten Bieler Off-Kunst-Vermittler.

Google sei Dank fand Frautschi im Internet ein für das Lokal geeignetes Aluspray-farbe auflösendes Reinigungsmittel, sodass sich das Lokal nach drei Tagen Arbeit im Freiwlligenteam nun „goldener“ und „frühlingshafter“ präsentiert denn je.

„Die Solidarität hat mir viel Kraft gegeben“, sagt er. Das war nötig, denn weder wurde der Verursacher gefunden noch bezahlt irgendeine Versicherung etwas an den Schaden, sodass die Kosten für die Instandstellung aus dem „Low-Budget“ bezahlt werden mussten. Immerhin tragen sowohl die Stadt Biel, das Migros Kulturprozent und andere sowie, ab 2009, auch der Kanton Bern bescheide Beiträge an den gegen 50 Donnerstagabend-Events pro Jahr realisierenden Betrieb. Diese umfassen neben Installationen, Aktionen und Ausstellungen aus dem Bereich der visuellen Kunst auch „Kopfhörer“-Konzerte (betreut von „str∅m) und „Textguest“-Lesungen des Literaturinstituts (betreut von Arno Camenisch und Patrick Savolainen).

Die erste Filiale

Indirekt unterstützt wurde das Lokal.int dieses Jahr auch von der Kunstkommission Biel, die zu zweien Malen Werke für die Sammlung der Stadt erwarb. Ein besonders glücklicher Ankauf ist seit zwei Tagen öffentlich: René Zäch hat für das Lokal – nicht ohne eine wohltuende Portion Ironie –  Modell und Pläne für einen 30 Stockwerke hohen Bieler „West-Tower“ für Lokal-Künstler geschaffen. Diese sind nun, einer Idee Zächs folgend, in einer ungenutzten Telefonkabine auf Gleis 2 des Bieler Bahnhofs zu sehen, zur Freude und zur Irritation der Zugs-Gäste. Der Verweis auf das „Lokal.int“ kenntzeichnet den Ort als eine Art Filiale des Kunst-Kiosks.

Eher eine Art Konkurrenz, so könnte man denken, sei dem Lokal durch das ebenfalls im „Off“ agierende Kunstmuseum Bözingen erwachsen. Doch Frautschi wehrt ab: Was Biels Kunstszene Vielfalt bringe, sei a priori positiv und meint auf die Frage nach dem Unterschied träf: „Wenn das Lokal ein Off-Space ist, so ist Bözingen vielleicht ein Off-Off-Off-Space“. Klar, dass er deren Informationen über seinen Mail-Verteiler verschickt und Charles Blunier – einer der Initianten des Bözinger Projektes – sowohl bei der Lokal-Reinigungsaktion mithalf wie im November daselbst ausstellen wird. Schön, dass es solches Miteinander gibt.

The beat goes on

„The beat goes on“ überschrieb Chri Frautschi den jüngsten Newsletter. Er hätte auch schreiben können: Das Lokal.int ist bereit für den Herbst. Heute Donnerstag, 18 Uhr, findet die erste Vernissage statt. Gast ist die junge Bieler Künstlerin Milica Slacanin, Absolventin der Schule für Gestaltung in Biel und der Hochschule der Künste Luzern. „Ich glaube, sie zeigt Zeichnungen“, sagt Chri Frautschi zwei Tage vor der Vernissage. Das charakterisiert die Funktionweise des Lokals.

Der Kurator beschränkt sich auf die Einladung und die Koordination, gibt den Kunstschaffenden ansonsten aber „carte blanche“. Klar ist nur: am Mittwoch wird abgebaut und aufgebaut und am Donnerstag ist Eröffnung. Auf Slacanin folgen Hubert Dechant (28. 8.), dann die Bieler Fototage (5.9.-29.9.), Bianca Dugaro (2.10.), Alain Jenzer, Georges Blunier, Tilo Steireif, Simon Messer Collectif, Kaspar Bucher, Mirjam Gottier, Poems of the machine aus Australien und dann ist bereits Weihnachten.
Die Liste zeigt: die Kunstschaffenden haben mehrheitlich eine Beziehung zum Raum Biel/Bern und haben fast alle Off-Space-Erfahrung. Das Netzwerk funktioniert und weitet sich; mit dabei sein lohnt sich.

Link: www.lokal-int.ch

Fästing-Plockare

Chri Frautschis Lokal.int ist auch Vertriebs-Plattform seiner Edition „Fästing Plockare“.
Fästing-Plockare vertreibt Kunst im Abonnement
Knapp 100 Abonnierte erhalten für 120 Franken im Jahr jeden Monat Kleinstkunst.
Das kann ein Booklet sein, eine CD, ein Schild, eine Camera obscura-Aufnahme, ein Plakat.
Jede Edition erscheint feinsäuberlich verpackt in einem Plastikbeutel.
Die Kunstschaffenden rekrutieren sich aus demselben Umfeld wie das Lokal.int.
Zuletzt mit dabei: Hari.K  (Folksongs&Ballads), Kathrin Borer (Unikat-Drucke), Gil Pellaton&Marcel Freymond (Grafik), Ronald Feller (Foto), Peter Gysi (Remix), Milica Slacanin (Booklet), Str∅m (CD).
Bild: Edition von Markus Furrer (2007) – jetzt Schild am Lokal.int.
Infos unter http://edition-fästing-plockare.ch

Auch in Bözingen Vernissage

azw.  Auch im Wintergarten-Museum am Erguelweg 16 geht die Kunst-Staffette in die Herbstsaison. Marcel Roos reichte den Stab weiter an die Zürcher Performance-Künstlerin Isabel Rohner (geb. 1974).  Ihr Konzept: „Am 25. August erreicht ein weisses Paket das Museum. Sein Inhalt: ein Performancerezept sowie alle benötigten Materialien, um Handlung für Handlung die beschriebene Performance vor Ort vorzuführen und dabei Teil einer bewegten Installation zu werden. Die Besucher sind aufgefordert, anhand des Rezepts mit dem Material ihre eigene Performance zu machen und mit einer fix installierten Kamera die Spuren davon fotografisch zu dokumentieren. Die so entstandenen Bilder werden bei der Finissage am Montag 1. September, 19 Uhr gezeigt. Das weisse Paket wird dann bereits wieder verschlossen und per Post auf dem Weg zurück ins Atelier von Isabel Rohner sein.“