Katharina Bürgin und Pia Huber

Vernissagerede Gluri Suter Huus Wettingen

Annelise Zwez, 27. April 2008


Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Künstlerinnen

Die meisten Künstler und Künstlerinnen arbeiten allein. Zwar gibt es unter den ganz jungen Kunstschaffenden einen starken Trend zum Team – und sei es auch nur aus technischen Gründen – aber letztlich bleibt die bildende Kunst eine Ich-Kunst. Sobald indes eine Gruppen- oder (wie hier) eine Doppelausstellung stattfindet, findet nicht nur eine Begegnung von Ich-Welten statt, sondern die Werke treten räumlich und in den Köpfen der Betrachtenden in einen intensiven Dialog.

Für die im zweiten Jahr ihrer kuratorischen Tätigkeit stehende Kunstkommission des Gluri Suter Huus standen für die aktuelle Ausstellung zunächst die Arbeiten von Katharina Bürgin im Raum. Ein Mitglied der Kommission entdeckte die im Raum Schaffhausen seit vielen Jahren bekannte Künstlerin an einer „Ernte“-Ausstellung – so heisst im Schaffhausischen das Pendant zur Aargauer Weihnachts-, Jahres- und jetzt „Auswahl“ benannten Ausstellung. Das ist nicht nur Zufall – dahinter steckt ganz offensichtlich das Bestreben der Galerie, den Blick zu weiten und  Kunstschaffende aus der ganzen Schweiz in den Aargau einzuladen. Das ist wichtig, denn nicht zuletzt mit der Konzentration der Medien auf internationale Hypes einerseits, Regionalismus andererseits, droht uns eine Verarmung unseres Wissens auf nationaler Ebene.

Mit Katharina Bürgin stand für die Kommission das Thema „Garten“ fest, doch wie weiter? Ausstellungen konzipieren ist nicht so einfach. Man kann ein Werk durch einen Nachbarn steigern oder herabmindern, in jedem Fall beeinflussen. Zu welchem Schluss die Kommission kam, haben Sie bereits gesehen, aber vielleicht ahnen Sie durch meine Andeutungen jetzt, dass das gar nicht so selbstverständlich ist.

Man hätte ja auch einen zweiten Garten-Maler einladen oder ins Thema „Blumen“ hinüberschwenken können. „Blumen“ – das wäre einfach gewesen, denn Ausstellungen wie „Blumen-Mythos“ 2005 in der Fondation Beyeler in Riehen und wenig davor die Ausstellung „Fleurs“ im Museum Allerheiligen in Schaffhausen zeigen, dass das Thema in der Kunst aktuell ist, in tausend Facetten. Aber was wäre dann mit Katharina Bürgins „Gärten“ passiert? Wären sie im Dialog dann nicht plötzlich zu Blumenbeeten geworden, die sie natürlich aspektweise sind, aber eben, nur zum Teil. Und „Garten-Maler“? Die „Paradiesgärten“ von Josephine Troller? Doch halt, die Luzernerin lebte von 1908-2004 und Paul Klee kam auch nicht in Frage, obwohl es da schon energetische Fäden zu Katharina Bürgin gibt. Einzelwerke – Videos, die sich in Gärten abspielen etwa – erschienen in meiner Vorstellung, Steiner/Lenzlinger, die mit Düngerlösungen ganze Gärten generieren oder Theres Wydler, die auf Nährlösungen temporäre Naturfelder anlegt. Das wäre vielleicht spektakulär gewesen, aber nicht gewinnbringend für Katharina Bürgin, denn in ihrem Werk geht es sehr viel weniger um Natur, als wir zunächst vielleicht denken. Wir werden das noch sehen.

Lassen wir die Spielerei – ich wollte Ihnen nur aufzeigen, was kuratorische Tätigkeit heisst. Die Wettinger kamen richtigerweise zum Schluss, dass nur ein Kontrast, der aber gleichwohl einen Nerv trifft, in Frage kam. Etwas Karges, Weites, nicht Definierendes, das aber aber über das Stichwort „Erde“ Fragen aufwirft, die hier und dort nicht dieselbe Antwort nahe legen. Wie sie denn auf Pia Huber gestossen seien, fragte ich die Verantwortlichen, etwa über „www.likeyou.com“ – eine Website, auf der man Mini-Homepages von unzähligen Schweizer Künstlerinnen und Künstlern, darunter auch Katharina Bürgin und Pia Huber, findet? Nicht direkt, hiess die Antwort, aber übers „Internet“, das sei schon richtig. Der Ton der Antwort war leicht unsicher, um nicht zu sagen „entschuldigend“. Das ist typisch – auch grosse Kuratorinnen und Kuratoren geben nur ungern zu, dass sie ganze Themen-ausstellungen über Fundstücke im Internet zusammenstellen. Das ist ein Ausdruck unserer Zeit, da stehen wir heute, etwas unsicher, wie weit wir die virtuelle Welt als massgebend für die reale akzeptieren wollen. Wie dem auch sei, die direkte Begegnung mit Pia Huber hat dann den Ausschlag für die aktuelle Ausstellung gegeben und nach reiflicher Überlegung komme ich zum Schluss, dass die Kombination der beiden sehr spannend ist.

Warum? Pia Huber war mehrfach und während längerer Zeit im Osten Deutschlands und war da fasziniert von der Weite der landwirtschaftlich genutzten Flächen, aber zugleich auch von den Spuren der Traktoren, welche diese Felder pflügen und damit die Reste der letzten Pflanzengeneration einerden und für eine kurze Dauer oder auch den Winter über als Erdkruste, als vom Menschen gezeichnete Erd-Oberfläche, als Erd-Haut, sichtbar machen. Sie fotografiert da auch und die Fotos sind ihr durchaus Skizzen für die Bilder. Aber im Gegensatz zu Fotografen, die sich diesem Thema immer wieder annehmen, um es als „Landschaft“ zu zeigen, reduziert Pia Huber das Gesehene auf seine Strukturen, lässt den Natur-Raum zum Bild-Raum werden, der sich von seiner kompositorischen Anlage her über die Ränder ausweitet – allerdings nicht in die Natur, sondern in den Ausstellungsraum. Trotz dieser interessanten Umsetzung bleibt die Thematik der Erde, des Brachliegenden zwischen zwei Zeiten, für die Rezeption des Werkes massgebend.


Wechseln wir nun den Blick zu Katharina Bürgin und suchen da die Erde, so fällt uns nun sofort auf, dass die Erde in ihren Gärten nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt, obwohl ohne Erde keine Pflanzen wachsen. Schauen wir ihre von Blüten, Blättern und Ranken umspielten Lufthäuser, die sie „Blumenbeete“ nennt, an, so sehen wir da gar keine Erde. Es geht also ganz offensichtlich nicht um Natur, sondern um Bilder von Natur. Das Naturhafte soll sich nicht selbst zeigen, sondern jene zweite Ebene spiegeln, die sich der Mensch schon in der Frührenaissance zu eigen machte: die Natur als Symbol für das Schmückende, das Paradiesische. In der Folge haben Könige ihre Schlösser mit Gärten erweitert und ihre Gemächer mit Tapeten mit Pflanzenmotiven in Natur-Räume verwandelt. Diese Zuordnung ist als Wert fest in uns verankert und wird auch von der Werbung massiv bearbeitet. Was wird nicht alles mit Rosen und Lilien „aufgewertet“. Katharina Bürgins Ansatz ist kein kritisch Hinterfragender, aber dennoch ein zeitgenössischer. Denn ihre luftigen Blumenbeete, die kostbaren, kleinen Gartenhäuschen, die Terrassen mit Blumenkisten schafft sie nicht für einen Hofstaat, sie de- und rekonstruiert die historischen Bezugsfelder für sich selbst, das heisst heute, und indem sie ihre Kunst-Welt zeigt, gar begehbar macht, auch für uns.

Wir sehen also, dass es sowohl bei Pia Huber wie bei Katharina Bürgin Umsetzungen gibt, die von der Natur ausgehen, diese auch meinen, aber in der Transformation eine neue Denk- und Seinsebene entwickeln. Bei Pia Huber  geht es hierbei sehr stark um Abstraktion und Reduktion, während es bei Katharina Bürgin quasi um das Gegenteil, nämlich um das Schmückende geht. Man könnte auch von Leere und Fülle sprechen, wobei sich die Gegenteile über formale Eigenheiten eigenartig treffen. „Die Bauern sind sich gar nicht bewusst, was für wunderbare Formen sie in die Erde zeichnen mit ihren Traktoren“, sagte Pia Huber im Gespräch vor ein paar Tagen. Wir sehen aber wie Pia Huber gerade die Furchen und die Formen herausarbeitet und oft Schneereste als weitere „Muster“ miteinbezieht, um die Leere zu strukturieren, anhand einer von Menschenhand initiierten Gestaltung letztlich auf ein inneres Gerichtet-Sein zu verweisen.

Auch bei Katharina Bürgin ist das formal Strukturierte von grosser Bedeutung. Man kann und mag zwar nicht von Ornamenten sprechen, aber in der Tendenz zum Geordneten, zum Repetitiven können wir schon von einer ornamentalen Tendenz sprechen, die ja im Kern nichts anderes will, als innere, mathematische Parameter sichtbar machen. Katharina Bürgin macht sich dabei zu Nutzen, dass es nicht um 2 + 2 = 4 gehen muss, da wir – und Kunstschaffende doppelt – die fantastische Fähigkeit haben, mehrere ungleiche Ordnungen zu einem spannungsvollen Ganzen zu verbinden.


Sowohl die Bilder von Pia Huber wie jene von Katharina Bürgin könnten erfundene Darstellungen sein. Sind sie aber nicht. Bezüglich Pia Huber habe ich bereits gesagt, dass sie auf ihren Reisen den Fotoapparat bei sich hat. Aber das ist nur ein Aspekt. Vielleicht haben Sie sich auch etwas gewundert über die Bündner Bach-Landschaften, welche die Künstlerin zeigt in dieser Ausstellung. Fast ist man sich nicht sicher, ob diese nun nicht zu sehr in Malerei früherer Jahrzehnte zurückgreifen, kurz, zu sehr retro seien. Aber das sind sie nicht, die Bilder sind vielmehr Schutz vor dem Erfinden, Schutz vor dem Verlieren des Bodens – hier im wahrsten Sinne des Wortes. Das heissst, je weiter sich die Künstlerin in ihren Erd-Landschaften vom sichtbaren Landschaftsbild entfernt, desto mehr muss sie in einer Gegenreaktion wieder zurück zum präzise Hinschauen, von der Weite wieder zurück in die Nähe, vom Abgelösten wieder zurück zum Gebundenen. 

Während mir das Vorgehen bei Pia Huber nahe liegend erscheint, habe ich im Gespräch mit Katharina Bürgin gestaunt. Da gibt es zwar Erfundenes, aber sehr viel häufiger spricht die Künstlerin ganz präzise von den Eigenheiten von Quittenblüten, die in einem kleinen Blätterbett ruhen, von der Charakteristik der „Jumpfere im Grünen“ oder den Blättern der Klematis, vom Fünfstern, den Kapuzinern usw. Ich werde mir bewusst, dass das eigentlich so sein muss, respektive, dass nur die unmittelbare Beziehung zu einem Motiv es erlaubt, mit diesem zu spielen, es zu fragmentieren und neu zusammenzusetzen, neu zu pflanzen quasi, Details herauszugreifen und sie vergrössernd in neue Architekturen zu stellen.

Wenn wir schauen, wie viele Künstler heutzutage von bestehenden Bildern – aus Zeitungen, aus dem Internet usw. – ausgehen und darauf reagierend Neues schaffen, so sehen wir, dass es offenbar nicht mehr zwingend ist, bis an die Basis, bis ans Haptische, Greifbare zurückzugehen, aber bei Katharina Bürgin denke ich, dass es ganz wichtig ist, weil so das Dekorative eben nicht „dekorativ“ ist, sondern sehr persönlich – eine Ich-Welt, wie ich eingangs sagte. Bleibt sie in den installativen Arbeiten auf eine fast heitere Art offen, lädt gar zum Spazieren in ihren Gärten ein, ermöglicht uns, die Blumenbeete von hinten und vorne zugleich zu sehen, geht sie in den ergänzenden Bildern ganz nahe heran.

Da und dort ist das Gartenmässige noch sichtbar, aber vielfach nimmt sie die Motive so nahe an sich heran, dass sie gewissermassen in deren Inneres schauen kann. Und da – ich glaube, ich habe das noch gar nie so gedacht – wird dann aus dem Blumigen zuweilen fast so etwas wie Schmuck – aufgereihte Perlen zum Beispiel – und ich merke, dass das Schmuck tragen – etwas Ur-, Uraltes – in einer Wechselwirkung zu den Blüten steht, die ja mit ihrer Schönheit genau so verführen wollen, wie die Menschen, die sich schmücken.  Da bewegt sich Katharina Bürgin in den Fragmentbildern, nicht illustrierend, oh nein, sondern an der Schnittstelle, da wo das eine zugleich das andere ist. Kaum eine Stunde nach unserem Gespräch hier in der Galerie gehe ich durch Baden und komme zum Schaufenster eines Juweliers – und was sehe ich da – seine Perlenketten sind umgeben von nachgeformten Tulpen. „Logisch“ dachte ich, jetzt. Es gehört zum Faszinierenden, dass die Kunst – meist intuitiv – Dinge herausschält, die wir kennen, uns ihrer Religio – ihrer Rückbindung in tiefere Zusammenhänge aber gar nicht bewusst sind.

Es gibt auch noch eine andere Ebene, wo dieses Unmittelbare, diese persönliche Beziehung von Motiv und Künstler – Künstlerin – eminent zum Zug kommt. Es ist eine Ebene, die in Gesprächen unter Kunstschaffenden oft sehr lebendig wird, weil da zwei oder drei wissen, wovon sie sprechen, während wir Betrachtenden oder Interpretierenden etwas aussen vor bleiben. Oder anders ausgedrückt, wir müssen genau hinhören respektive –schauen, um Zugang zu erhalten. Ich meine die Ebene der verwendeten Materialien, der verwendeten Techniken. Die Kunstgeschichte subsumiert das „Wie“ oft unter „Mittel zum Zweck“, das ist falsch.

Denn wenn wir hören, wie Katharina Bürgin für die Zeichnungen auf Polyesterfolie verschiedenste Bleistifte einsetzt und in einer Stunde nur gerade einen kleinen Ausschnitt zu schaffen vermag, dann kommen da Begriff wie Zeit und Wachsen und Materialabhängigkeit auf den Tisch und die sind sehr wesentlich für die Substanz der Arbeit. Es kommt der Shellack, der Transparenz schafft – genau da, wo es die Künstlerin will – nicht überall soll Durchblick sein. Da ist die MdF-Platte, die sie für die meisten Einzelbilder einsetzt, weil sie die Malschicht nicht aufsaugen, sondern als Malhaut belassen. Auch das ist sehr wichtig; der Körper, die Haut, der Schmuck klingt an.

Bei Pia Huber ist das Materialmässige vielleicht nicht so spektakulär in Bezug auf die Interpretation, aber die Ölfarbe – auf Papier oder Leinwand – ist auch für sie mehr als nur Malmittel, denn sie impliziert etwas von der Langsamkeit des Erdigen. Ölfarbe muss Zeit haben zu trocknen, bevor man sie schleifen, neu beschichten kann. Da ist der Acker als Quervergleich nicht weit. Und Pia Huber ist sich dessen sehr wohl bewusst.

Man könnte noch viele Vergleiche anstellen – quasi diese Ansprache noch einmal schreiben respektive halten und ganz Anderes in den Vordergrund rücken – doch Sie sollen ja auch noch ein wenig denken und schauen und interpretieren …
Ich danke fürs Zuhören.