Ulrich Studer: Museum Schwab Biel + Galerie Selz Perrefitte

Auf den Spuren der Zeit in der Landschaft

www.annelisezwez.ch Bieler Tagblatt 22. Mai 2008 ( zweiter Text in der Solothurner Zeitung)

Im Museum Schwab macht der LandArt-Künstler Ulrich Studer Zeitsprünge bewusst. In der Ausstellung bei Beat Selz  in Perrefitte zeigt er Hintergründe. Und bald zieht er ins Seeland.

Ein bisschen ist sie schon „seine“ Heililge, die Verena, die der Schlucht bei Solothurn den Namen gab. Immer wieder taucht die langhaarige, blonde keltische (später christiliche) Heilerin im Schaffen Ulrich Studers auf.

Auch „Enigma“, der dreitägigen La Tène-Aktion im Museum Schwab (siehe Box) ist sie Ahnfrau. Studer befasst sich seit langem mit der keltischen La Tène-Kultur, die an der Einmündung der Zihl in den Neuenburgersee ihr wichtigstes (Kult)-Zentrum hatte. Letzten Sommer liess er des Nachts die Bucht im Licht von Fakeln so erstrahlen, dass der Ort für die Anwesenden zeitlos wurde und das damals ins Heute leuchtete. Zu La Tène-Funden am Neuenburgersee gehören überraschend viele Haar-Werkzeuge wie Rasiermesser oder Kämme.

Auch Verena trägt als Attribute einen Kamm und eine Wasserschale mit sich. Waren die Haare der Stolz der Menschen vor  gut 2000 Jahren, war das Scheren ein Ritual oder vielleicht eine Strafe? Man weiss es nicht. Ulrich Studer ist nicht Archäologe, sondern Künstler. Was ihn interessiert sind Spuren, die das Damals im Heute erahnbar machen; nicht wissenschaftlich, sondern intuitiv denkend. 

Sich erinnernd wie er selbst in der Kantonsschule in Solothurn mit dem Kopf unter dem Fotokopierer experimentierte, um überraschende Stränge und Formen sichtbar zu machen, so lädt er jetzt am kommenden Wochenende die Besuchenden ein, ihre Haare zu fotokopieren und das Resultat im Angesicht von Fundstücken aus der La Tène-Zeit mit Augen und Sinnen zu „durchkämmen“.

Ist Venedig eine Muschel?

2007 weilte Ulrich Studer drei Monate in Venedig, in der venezianischen Dependance des Schweizer Institutes in Rom, um, wie er schreibt, dem schönen Schein der „Steine tragenden“ Stadt auf die Spur zu kommen. Seine Erkenntnis:  Das archaische Vertrautheitsgefühl ruht im „Wesen des Wassers, das sich in den Wasserformen der Stadt und den Sedimenten der zuführenden Flüsse“ zeigt. Was Studer jetzt bei „Selz – art contemporain“ in La Perrefitte zeigt, sind ortsspezifische Resultate, die aber zugleich weit über ihre Verortung hinausweisen.

Reihen sich die sur place – im Naturschutzgebiet am Lido zum Beispiel – direkt auf dem Boden gemalten Aquarelle auf japanisches Washi-Papier mehr oder weniger ins bisherige malerische LandArt-Werk des Künstlers wie es zuletzt im Kunsthaus Grenchen zu sehen war, so überraschen die via Airbrush-Technik hinter Glas applizierten Collagen. Ähnlich den fotokopierten Köpfen von einst, legte Studer Muscheln aufs Lichtfenster, um – losgelöst von ihren Zuordnungen – ihre gewachsenen Form zu finden.

Die  vom unkonformen Lichteinfall her rührenden Unschärfen gemahnen dabei an die Kräfte fliessenden Wassers. Diese Fotokopien legte er nun unter anderem auf Stadt- oder Quartierpläne der von Wasseradern durchzogenen Lagune und liess die Collage bei Gaemperle&Woodtli in Kleinlützel scannen und in Airbrush-Technik hinter Glas spritzen, etwa 27 x 30 Zentimeter gross. Weil die Farben im Prozess auf dem Glas „schwimmen“, entsteht nicht nur ein gewolltes Amalgam der Bestandteile, sondern erneut eine Unschärfe, welche die (Ur)-Grundformen betont und die Oberfläche in ihrer Lesbarkeit reduziert.

Spontan erkennt man, dass sich Stadt- und Muschelformen als das Eine im Anderen zeigen und man begreift, warum in alten Reisebeschreibungen stets vom  „Organismus“ Venedigs die Rede ist. Oder, anders ausgedrückt, Wasserformen bilden seit Jahrtausenden ähnliche Formcharakteristiken heraus, Organe, die ebenso der Mensch wie die Landschaft, die Muscheln und die Bucht von La Tène in sich tragen. Das berührt.

Bald ein Seeländer?

Die bedeutendste LandArt-Arbeit, die Ulrich Studer je realisierte, war die Erleuchtung des Jurasüdfusses von Vingelz bis Neuenstadt mit Tausenden von Kerzen, am Karfreitag 2000. Das Bielersee-Ufer hat den Solothurner seither nie mehr ganz losgelassen und nun sogar „gepackt“. Seit wenigen Monaten sind Ulrich und Alexandra Melar Besitzer der „Sunneflue“ ob Twann, direkt neben dem Eingang zur Twannbachschlucht. „Ein herrlicher Ort, verankert im Stein, nahe am Wasser und im Ausblick mit Weite und Ferne verbunden“, sagt Studer. Bis vor kurzem lebte der Grafiker Frank Furer und zuvor sein Vater, der Maler Fritz Furer in dem einst als Schützenhaus erstellten Gebäude. Er spüre er sich daselbst allerdings noch nicht genügend, um bereits einen Umbau beschliessen zu können, sagt der Künstler, aber Gespräche seien im Gang.

Link: www.studermelar.ch

Box:
Aktivitäten
Enigma, Museum Schwab: Beginn Freitag, 23. Mai,  18 Uhr mit Einführung durch Madeleine Betschart (19 Uhr) und Première des Films „Enigma La Tène“ von Thomas Batschelet (20 Uhr).
Samstag: 16 – 19 Uhr „Ordnen“ am Fotokopierer (mit Publikum) und Informationen durch M. Betschart (18 Uhr).
Sonntag: 14-17 Uhr „Auswerten“, Präsentation der Recherchen und Informationen durch M. Betschart (16 Uhr).
Ausstellung: Galerie Beat Selz in Perrefitte bei Moutier. Bis 15. Juni. Geöffnet: Samstag/Sonntag 14 – 18 Uhr. Link: www.selz.ch