Bogançay Villeglé Pasquart Biel 2009

Das Leben im Spiegel seiner Plakate

www.annelisezwez.ch   Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 27. Juni 2009

Die Burhan Dogançay und Jacques Villeglé gewidmete Ausstellung mit dem Titel „Collage – Décollage“ hat neben kunstgeschichtlichen Aspekten vor allem eine strategische Bedeutung.

Es ist selten, dass man im Museum Pasquart  auf Künstler trifft, die – im Fall von Jacques Villeglé – kürzlich eine Retrospektive im Centre Pompidou hatten oder – wie im Fall von Burhan Dogançay – mit dem höchsten Preis ihres Landes für ihr Lebenswerk geehrt wurden. Beide Künstler sind trotz ihres hohen Alters für die heutige Vernissage nach Biel gekommen. Und beide schauten an der gestrigen Pressekonferenz erfreut in die Runde ihrer Werke und verteilten „rote Rosen“.

Wenn Künstler im Alter geehrt werden, so heisst das meist, dass die Kunst-geschichte sie als Pioniere ihre Zeit erkannt hat. In diesem Fall geht es beim einen wie beim andern um eine Stilrichtung, die sie in den späten 1950er- respektive 60er-Jahren initiierten.
Es war die Zeit als sich das Leben zu beschleunigen begann, der Konsum an Waren und Events steil nach oben wies und  die Politiker ihre Wähler auf der Strasse suchten. Das führte zu einem Boom an Plakaten, die entweder direkt auf Mauern oder eigens hiefür gebaute Wände geklebt wurden.

Das faszinierte unabhängig voneinander sowohl den jungen Pariser Künstler Jacques Villeglé wie den damals am Beginn einer Diplomatenkarriere zugunsten der Türkei stehenden Burhan Dogançay in New York. Von den Wänden gerissene Plakate sind denn auch das Material beider Künstler und entsprechend ähnlich sehen ihre Werke auf den ersten Blick aus. Aber je genauer man hinschaut, desto unterschiedlicher werden sie, vor allem was die Produktion aber auch die künstlerische Vision anbetrifft.

Jacques Villeglé war zugleich vom Zeitfaktor der wieder und wieder überklebten Wände als Spiegel des Lebens fasziniert wie vom malerischen Aspekt der Vermischung der Ebenen durch ein- und abgerissene Stellen. So löste er die Plakatewände als Ganzes vom Untergrund ab, zog sie ohne weitere Bearbeitung auf Leinwand auf und präsentierte sie als „affiches anonymes lacérées“.„Es war wie eine Droge“, erinnert er sich. Auch andere Künstler waren damals daran, den Alltag in die Kunst zu integrieren und auch schon erste kritische Töne zum Konsumboom zu formulieren; man nannte sie die „Nouveaux Réalistes“.

Burhan Dogançay hingegen faszinierten primär Mauern mit Resten von Plakaten, Zeichen, Schriften aber auch Moos und Verwitterung. Unterwegs in der Welt wurden sie im zu Gesellschafts-Bildern der Länder, in denen er sich aufhielt. Er sammelte das Greifbare und fotografierte die Situationen. Zuhause malte er die Mauern, überlagerte sie mit Plakat- Fetzen, mal flach, mal reliefartig, rhythmisierte sie mit Heftklammern, übermalte, beschrifte und bezeichnete sie. Das heisst, im Gegensatz zu Villeglé handelt es sich bei seinen Werken nicht um „Ready-Mades“, sondern um gezielt collagierte Visionen, mit denen er eine Art Reise-Tagebuch verwirklichte. Und das macht er bis heute.

Im Kontext der raumgreifenden Präsentation von 14 Positionen jüngerer Kunst aus der Türkei, hat die Ausstellung Villeglé – Dogançay, welche Biel vom Museum Pera in Instambul übernommen hat, insbesondere eine strategische Bedeutung. Sie zeigt zum einen auf, dass es nicht erst seit „gestern“ bedeutende türkische Künstler gibt und dass diese schon vor 50 Jahren in direktem Austausch mit Europa und der Welt entstand.

Villeglé und Dogançay haben also so etwas wie eine Vater-Funktion im aktuellen Kontext. Das mag die sehr konventionelle, um nicht zu sagen langweilige, Hängung der Bilder entschuldigen, die in den Galerien angemessen zur Geltung kommen, in der Salle Poma trotz „Grossformat“ aber nicht wirklich ein weiteres Kapitel zu öffnen vermögen, einmal abgesehen von Dogançays wunderbarer „Symphonie in blue“ von 1987, die Erzählerisches zugunsten von Malerischem zurücksetzt.

Info: Die Ausstellung dauert bis 30. August. Es liegt ein Katalog vor.

Bildlegenden:
Jacques Villeglé: „Rue aux Ours“, 21. Juni 1981. Bild: azw
Die Welt im Bild im Plakat: Burhan Dogançay, „A Wall in Istanbul“, 1991. Bild: azw