„Home“ Stapferhaus Lenzburg und „Wo bisch“ MfK Bern 2010

Wie kann man die digitale Revolution zeigen?

 

www.annelisezwez.ch       Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 19. November 2010

Zwei Ausstellungen befassen sich zur Zeit mit dem Einfluss der elektronischen Medien auf unseren Alltag: „Home“ in Lenzburg und „Wo bisch?“ in Bern. Kann man Kommunikation überhaupt sinnlich zeigen?

Die Kunst des Ausstellens hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Was nicht berührt, verführt, aktiviert lockt nur wenige. Erlebnisse sind angesagt. Insbesondere die Natur-, Ethnologie- und Historischen Museen haben die Lektion der Zeit begriffen. Die Kunst-Museen weit weniger. Doch nicht nur das: Auch die Themen haben sich verändert. Hinzu gekommen ist der Typus der gesellschaftlichen Fragen nachgehenden Ausstellung.

Einer der Pioniere dieses Genres ist das Stapferhaus auf Schloss Lenzburg. Den Auftakt machte 1994 „Die Welt der Anne Frank“; ihm folgten 1997 „A walk on the wild side“ zu den Jugendszenen in der Schweiz, später Themen wie „last minute“, „strafen“, „Glaubenssache“ und jetzt „Home – Willkommen im digitalen Leben“. Immer

geht es darum, alltägliche Themen so aufzubereiten, dass die Reflektion ebenso ihren Platz hat wie die persönliche Erfahrung von Einzelnen und – mehr oder weniger – der Ausstellungsbesuchenden. In seinen Wechselausstellungen folgt das Museum für Kommunikation in Bern einem ähnlichen Muster und seit eben erst fügt sich das Seedamm-Zentrum in Pfäffikon mit „Manager“ in diese Reihe; hier mit der Kunst als Partner.

Gesellschaftliche Phänomene sinnlich zu visualisieren ist eine Herausforderung. Bei Themen, die sich in den immer selben Geräten, nämlich dem Bildschirm respektive dem Handy abspielen, ist es besonders knifflig. Weder der gross anlegten und ansatzweise als Wohnung möblierten Ausstellung „Home“ in Lenzburg noch der einzig unseren Umgang mit dem Handy thematisierenden „Wo bisch“ in Bern ist es ganz gelungen. Hier wie dort sieht man in den Räumen vor allem stumme Menschen, die ihr Natel oder iphone am Ohr halten, ihre Augen auf Bildschirme richten, zuweilen einen Knopf drücken, einen Bildschirm berühren oder den Handy-Sensor aktivieren, vor allem aber hören und lesen.

Nicht, dass das nicht spannend wäre und vor allem in „Home“ ein vielseitiges Bild und bisher nicht Bedachtes einbringen würde.  Aber wie raffiniert wäre es doch zum Beispiel, wenn man in Bern stän

dig von einem seine Banalitäten verbreitenden Handy-Nutzer belästigt würde und so die Ambivalenz der Handy-Revolution nicht ausblenden könnte. Oder wenn in Lenzburg zumindest ein Zimmer aktivem Surfen oder „Gamen“ vorbehalten wäre und man die von Pro Helvetia-Chef Pius Knüsel  im Vorwort zum Begleitbuch fokussierte „Home“-Taste genüsslich selbst als „Notausgang“ nutzen könnte. 


So aber sind das Highlight der Lenzburger Ausstellung halt doch bereits etwas traditionelle Black Boxes mit Filmen. Gezeigt werden sechs hervorragende Kurz-Porträts, welche das „digitale Leben“ breit ausgefächert illustrieren. Jenes des „World of Warcraft“-Spielers Steve Bass (42) zum Beispiel oder jenes des „digitalen Unternehmers“ Christian Hirsig (30), das sehr schön aufzeigt, wie das Internet mit seinen Millionen von Nutzenden auch für die Wirtschaft eine neue Art von „Brainstorming“ ermöglichen kann. Für andere mag die Erzählung der 14-jährigen Denise Nyffeler, die sich ein „offline“-Leben nicht mehr vorstellen kann, besonders bereichernd sein oder der Hinweis  von Thomas Meyenberg (18), das sich durch das Internet die Prüfungen in der Schule verändert hätten: „Wa

s man googeln kann, wird nicht mehr gefragt“.

Reflektiert werden die Porträts in Handy-Stationen, auf denen man – bequem auf einem Sofa sitzend –  Kommentare der Angehörigen der Porträtierten abhören kann. Hier wie in beiden Ausstellungen insgesamt sind kritische Haltungen, beängstigende Entwicklungen erstaunlich wenig präsent. Zwar weisen die Grafiken und Expertenstimmen im „Labor“ von „Home“ sowie Texte im spannenden Begleitbuch auf  Kehrseiten, aber der Tenor ist doch eher jener, dass Neues schon immer Kritiker auf den  Plan gerufen habe. So soll, erfährt man in einem der Geschichts-Kästen von „Home“, schon Sokrates 370 v. Chr. die Einführung der Schrift als „Tod des Gedächtnisses“ kritisiert haben.

Geschichte ist auch in Bern ein Thema; dem Museum mit eigener Sammlung entsprechend anhand von alten Geräten. An einem Schreibstand ist man aufgefordert, Marke und Typus des ersten Handys aufzuschreiben. Erstaunlich wie man schon nach 12 Jahren Nostalgie-gefühle entwickeln kann in Erinnerung an das

erste Nokia 6150. Einbringen kann man sich auch in Lenzburg, allerdings wesentlich aufwändiger. Hier mag, wer Lust hat,  Home-Videos zum Thema Digitalisierung des Lebens einsenden, die dann im Ausstellungs-„Himmel“ mit seinen teils orchestriert ablaufenden Monitor-Wolken (oder auf der Homepage) gezeigt werden. Bisher ist der Rücklauf  noch bescheiden.

Während in der Schweiz die Zahl der Handys bereits höher ist als die Einwohnerzahl, „Wo bisch“ somit alle Generationen automatisch mit einschliesst, sieht sich Lenzburg mit „Digital Tourists“, „Digital Immigrants“ und „Digital Natives“ als Besuchende konfrontiert. Den Ausgleich schaffen in sympathischer Art Trouble-Shooter, die zur Stelle sind bevor sich – vor allem bei den digitalen Touristen – Um- und Abkehrmechanismen melden.

Info: „Home – Willkommen im digitalen Leben“ ist bis  27. November 2011 zu sehen. „Wo bisch – Handy macht mobil“ dauert bis 3. Juli 2011.

 

Die Ausstellung „Home“ ist eine Veranstaltung des Stapferhaus Lenzburg.

Sie wird jedoch nicht auf Schloss Lenzburg gezeigt, sondern in Räumen des ehemaligen Zeughauses an der Ringstrasse West 19,  etwa 10 Minuten Fussweg vom Bahnhof entfernt.

Weil die Umgebung für die national höchst erfolgreichen Ausstellungen nicht gerade sehr einladend ist, läuft im Kanton Aargau zur Zeit eine kulturpolitische Debatte bezüglich neuer, repräsentativerer Orte. Bis hin zu einem Museum im Schlossfelsen.

„Home“ wurde entwickelt von Detlef Vögeli, Sibylle Lichtensteiger, Beat Hächler, Martin Handschin.

Die Öffentlichkeit (Stadt/Kanton/Pro Helvetia) und zahlreiche Sponsoren von Rohner Socken über Swisscom bis zu den Aargauer Landeskirchen  finanzieren das sich auf rund eine Million beziffernde Budget.

„Wo bisch“ im Museum für Kommunikation in Bern ist wesentlich kleiner als „Home“ und in seiner Begrenzung auf Telefonieren, SMS und MMS, das heisst ohne weitere Phone-Applikationen, etwas eng in seiner Ausrichtung. Kurator ist Kurt Stadelmann.

Beide Ausstellungen bieten ein reiches Begleitprogramm mit Workshops, Führungen und mehr.

Links:www.home.stapferhaus.ch und www.mfk.ch

 

Bildlegende:

„Trouble-Shooter“ helfen Alt und Jung die digitalen Tücken der Ausstellung in Lenzburg zu meistern. Bild: azw