Hofmann Godi Vernissagerede Gersag Emmen 2002

Hofmanns Erzählungen

www.annelisezwez.ch                                    Gesprochen November 2002

 

Sehr geehrte Damen und Herren

lieber Godi

 

eigentlich weiss ich nicht so recht, warum ausgerechnet ich hier stehe, um zur Eröffnung dieser Ausstellung mit Aquarellen und Zeichnungen von Godi Hofmann und anlässlich der Buchvernissage von „Hofmanns Erzählungen“ zu sprechen. Ich kenne Godi Hofmann nicht; was nicht ganz stimmt selbstverständlich, aber im Vergleich zu Ihnen allen schon. Ich habe auch die Bilder nicht ausgewählt – das haben Vera Rothamel und Hansjürg Buchmeier gemacht.

Ein bisschen beneide ich sie darum – zwar entwischte ihnen Godi Hofmann ab ins Elsass, als er die zwei da über seinem Leben, pardon, seinen Bildern sitzen sah. Währenddem er mich einen Nachmittag lang ertrug. Dafür habe ich kaum Bilder im Original gesehen. Die für’s Buch, die seien eben jetzt in der Druckerei und die im Atelier nicht gerahmt und überhaupt, ich solle ja nicht lange reden und möglichst nichts über die Bilder sagen. Schöne Aussichten.

Doch weisst Du, Godi, ich kenne Dich trotzdem so gut, dass ich weiss, dass das ebenso stimmt wie nicht stimmt und dass gerade in dieser Gleichzeitigkeit der Grund liegt, warum Du Kunst machst. Und ebenso der Grund, dass Du Deine Arbeiten nur dann zeigst, wenn Dich jemand holt, wie eben jetzt Toni und Brigitte Steinemann respektive die Galerie Gersag. Und da, an diesem Quell, nehme auch ich mir die Freiheit, eben doch etwas zu Deinen Bildern zu sagen (ich bin ja schon dran). Obwohl mir klar ist, dass auch ich Teil dieser Opposition, dieses Gegenläufigen bin und somit die rebellische Seite in Dir verkörpere. Im Sinne von: „Gut, ich mache diese Ausstellung, wenn ihr unbedingt wollt, aber ich hol mir eine Rednerin, die weder je eine meiner Schülerinnen war, darum auch nicht für irgendetwas dankbar sein muss, noch je ein Nacht lang Wein mit mir getrunken hat, die darum auch all meine Geschichten nicht kennt….. die aber, seriös wie sie ist, schon mal meine Bilder angeschaut hat. Und zwar so, wie man es ihr manchmal vorwirft, nämlich mit zuviel Gefühl und zuwenig radikaler Formanalyse.

Das war vor just 10 Jahren, in Sempach. Auch vor 11 Jahren in Lenzburg. Und von ihr wolltest Du jetzt wissen, was sie denkt. Aber Du zeigtest ihr nur die Maquette des Buches und ein paar Laserdrucke und schliesslich, doch eher widerwillig, einige Originale. Ich war Dir im Moment etwas böse deswegen, vielleicht hätte ich auch hartnäckiger fragen, sagen sollen, dass ich gerne ein Doppel der Maquette mit nach Hause genommen hätte, doch irgendwie erlaubtest Du das nicht. Zwischen den Zeilen, neben den Worten, in den Drucken und in den Bildern habe ich trotzdem manches gespürt.

Doch man verzeihe mir, wenn ich im Folgenden genau das tue, was Godi Hofmann auch tut – er geht mit und macht dann doch was er will. Er geht, seiner Lebenspartnerin zuliebe, mit an die Expo nach Yverdon, schaut sich die Wolke Blur an, hat dann aber keine Lust, in die „Sichttrübung“ (so die Übersetzung von blur) einzusteigen und geht lieber zurück ins Städtchen und geniesst den Tag im Strassencafé – lustvoll. Und genau das mache ich jetzt auch; ich weiss, dass diese Ausstellungen und vor allem auch das Buch sowohl dem Illustrator Godi Hofmann wie dem Maler gelten – nicht dem Lehrer – doch weil ich weiss, dass Sie die kommunikative Seite des Künstlers, seinen Witz, seinen Charme, die Fülle seiner Belesenheit – all das, was er nutzt, um auf andere Texte einzugehen und sie mit spitzer Feder, oder auch mit dem Pinsel, in seine Bildsprache zu übersetzen – weil Sie all das besser kennen als ich, gehe ich nicht darauf ein. Wissend, dass diese Aspekte im Buch vielfältig, spannend und informativ aufgegriffen und damit – jetzt, neu – nachlesbar sind.

Ich halte mich an mein Kerngeschäft – an die Bilder. Man fasse dies nicht als Wertung auf, das wäre gänzlich falsch. Godi Hofmann istbeides bis tief in seinen Wesenskern. Ich halte mich, um nicht zu scheitern, ganz einfach an das, wozu ich, vielleicht, etwas zu sagen habe. Anlässlich meiner Begegnung mit Godi Hofmann nahm ich zuerst mit Staunen zur Kenntnis, dass im Zentrum der neueren Arbeiten Landschaftsmotive stehen, wo ich doch seinerzeit primär über ungegenständliche Arbeiten gesprochen hatte. Sie sind auch da  – nicht diese, aber ähnliche Arbeiten und sogar der Prospekt für das Buch nimmt eines davon quasi als Titel. Darauf angesprochen, geht der Künstler gleich in Verteidigungsposition – uralte Clichés von Gegenständlichkeit versus Abstraktion brechen auf. Kalter Kaffee, das meinte ich doch nicht. Doch als ich sagte, er spiegle damit doch die Zeit. Sich Auflösendes hätten wir genug um uns herum, da müsse sich doch das Interesse am Fassbaren zu spiegeln suchen. Der Blick, der zurückkommt, sagt mir, dass all dieses Zeitgemässe nicht so sehr sein Bier sei. Was nicht heisst, dass ich nicht trotzdem recht habe. Er sagte vielmehr, ihm sei die Konzentration auf Form und Farbe einfach mit der Zeit langweilig geworden. Was die Bilder aus jener Epoche keineswegs schlechter macht, aber zeigt, dass der Künstler wechselnde Strukturen braucht, um zu malen. Und dass es egal ist, ob dieses Feld, dieser Rahmen, dieser Parameter ein Berg, eine auf den Horizont ausgerichtete Landschaft, eine Insel oder ein Ausschnitt aus Farben und Formen ist.

Wenn man mit Godi Hofmann spricht, fällt irgend einmal das Stichwort „Cézanne“ und dann irgend einmal auch „Mont Sainte-Victoire“. Und da sagt er diesmal, sinngemäss: Ich bin überzeugt, Cézanne hat den Berg nie bestiegen. Und er? Natürlich habe ich ihn erwandert. Einige Zeit später sagt er im Zusammenhang mit einem anderen Bild, ebenfalls sinngemäss: Ja, ja, da war ich mit dem Töff unterwegs, habe plötzlich etwas gesehen und bin dann umgekehrt, weil ich es noch einmal sehen musste. Ich denke, da an diesem Punkt tasten wir uns an das heran, was Godi Hofmanns Aquarelle auszeichnet und aus der formalistischen Diskussion um Cézanne, um Nachimpressionismus, Informel etc. ausklinkt. Das ist alles da, aber das ist nur das Werkzeug, das ist das, was er damals in den 50er Jahren in Paris gelernt hat und dann mit seinem Leben zu verweben begann, mit jener individuellen, inneren Seite, die nicht so einfach greifbar ist, wo aber alles Erlebte gespeichert wird. Und deren Kostbarkeit just in dieser Zeit in der Innerschweiz als künstlerisches Inspirationsfeld erkannt zu werden beginnt. Vielgestaltig und vielseitig.  Godi Hofmann geht in dieser Strömung einen Weg, der Traditionelles und Neues verbindet. Wer darum nur das ihm schon Bekannte schaut, läuft Gefahr den Künstler misszuverstehen.

Er versuche, so Godi Hofmann, beim Malen möglichst an nichts zu denken. Das ist im Kontext der Malerei der Innerlichkeit nachvollziehbar und trotzdem völlig falsch. Es impliziert nämlich eine Trennung zwischen Denken und Fühlen als zwei autonome Vorgänge, dabei handelt es sich nur um zwei verschiedene Ausdrucksformen ein und desselben. Man weiss heute längst, dass unser Hirn keinen Gedanken fassen kann, ohne die emotionale Qualität des Problems zu erfragen, dass unser Gedächtnis nur jene Wissensinhalte speichert, die wir intellektuell und emotional vernetzt haben. Auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen und von Intellekt da, von Emotion dort sprechen. Beim Malen nicht zu denken ist nicht möglich, wohl aber die Konzentration darauf, sich in der Sprache des Fühlens auszudrücken und diese Seite somit stärker zu gewichten, überhaupt erst sichtbar zu machen. Die Lyrik kann das in Worten, die Malerei in Bildern.

Dabei geht es nicht notwendigerweise um Analyse, nicht darum, die Couch in Bilder zu übersetzen – das kann es auch sein – aber damit haben wir es hier nicht zu tun. Denn die Fantasie, dieses dynamische Instrument unseres Geistes, hat die Möglichkeit uns, auf der Basis vorhandener Energiefelder wohlverstanden, in Bereiche mitzunehmen, die wir uns mehr wünschen als dass wir sie zu leben fähig sind. Sie kann uns in Zonen mitnehmen, wo sich die Streithähne in uns versöhnen und das ist dann möglicherweise so kostbar, dass wir es nicht aushalten, wenn jemand darüber spricht, es jemand in Formalismen zerpflückt. Weil es Momente des Glücks sind, Momente von Licht und Sinnlichkeit, von Durch-Sicht und Einheit.

Dass sich solches im Berg – dem Männlichen – und im See – dem Weiblichen – spiegeln kann, sich ebenso gegenständlich wie ungegenständlich ausdrücken kann, liegt auf der Hand und macht trennnende Diskussionen überflüssig. Äusserlich Ähnliches kann im Inneren tausendfach verschieden sein und bringt mich einmal mehr zu jener Überzeugung, dass das Kriterium, ob ein Bild gut ist oder nicht, daran festzumachen ist, ob man ihm seine Erscheinungsform glaubt oder nicht. Da fallen dann all die vielen –ismen zuweilen einfach so in sich zusammen. Wobei glauben nicht naiv sein heisst, sondern selbstverständlich emotionale, analytische und kunsthistorische Komponenten zu verbinden hat.

Ich hoffe, wir sind jetzt alle schon ein bisschen in den Bildern, können darin spazieren, im Leuchtturm Platz nehmen und in die Runde schauen. Und plötzlich fragen wir uns vielleicht, wieso diese Bilder nicht grösser sind und kommen damit wieder zurück zur Person von Godi Hofmann, zur Situation, in der er malt. Da ist sein kurzsichtig Sein, das Typische, an dem man ihn in jedem Museum, da man ihn trifft, wiedererkennt – keiner geht so nahe heran, um Präzise zu sehen, keiner löst – das gäbe ein Geschichtenbuch für sich – so oft den Museumsalarm aus. Das mag jetzt äusserlich klingen, ist es auch, doch sind wir stets in Interaktion mit uns selbst. Wie könnte ein Maler, der die Dinge aus der Nähe besehen will, nur aus der Nähe fassen kann, Lust auf grosse Gesten haben, die sich nur auf Distanz zum Ganzen fügen. Das ist nicht etwa eine Entschuldigung, sondern ein Hinweis darauf, wie komplex die Dinge sind, wie sich in allem alles spiegelt; es gibt nichts, das nur Himmel ist, die Erde gehört immer dazu. Und das Wasser sowieso. Zum Kleinformat gehört noch ganz Anderes. Zum Beispiel eine gewisse Innerschweizer Tradition, gerade dieser Generation von Künstlern. Dann kann man das kleine Bild auch verschwinden lassen; man braucht kein grosses Atelier und es kann so gut in Luzern wie in Frankreich, in Spanien oder in Griechenland entstehen. Alles Momente, die Teil von Godi Hofmann sind.

Und warum eigentlich Aquarell? Fragt man den Künstler, so erzählt er vielleicht die Geschichte seines Vaters, der Sonntagsmaler war und seine Ölbilder mit Vorliebe in jenem Zimmer malte, wo er als Kind schlief… das ist sicher nicht unrichtig, aber viel mehr unter die Haut geht mir die Bemerkung, beim Aquarellieren befinde man sich auf unsicherem Terrain, da gelte es, die Haltbarkeit von nicht Gefestigtem zu prüfen. Entweder es gelinge oder das Blatt sei verdorben. Er versuche schon etwas zu mogeln, indem er nicht klassisches Büttenpapier verwende, das die Farbe sogleich aufsauge, sondern Papier, das man notfalls waschen könne, um noch einmal zu beginnen. Ist da nicht der Reisende, der etwas sieht und plötzlich noch einmal dahin muss, um sich des Gesehenen zu vergewissern, um schliesslich das Echo, das Sichtbare, das etwas im Unsichtbaren auslöste, malen zu können.

Die Ausstellung ist retrospektiv angelegt; da finden wir indes nicht nur Themen, die sich folgen, sondern auch Biographisches. Frankreich ist nicht Griechenland und Luzern nicht Spanien. Immer aber scheint in den Aquarellen die andere Seite auf, jene des Nicht-Lehrers, des Nicht-Illustrators, des Nicht-Geschichtenerzählers. Darum entspricht es auch einer inneren Logik, dass die Ausstellung, obwohl nicht von Anfang an als Konzept definiert, gleichzeitig an zwei Orten stattfindet. Die Zeichnung ist im Vergleich so etwas wie ein Bindeglied – der Künstler gesteht, dass er beim Malen im Atelier dann und wann eine Zeichnung neben sich habe und hinüberschiele. Um Formales in Erinnerung zu rufen, gewisse Proportionen zu überprüfen. Und vielleicht dient sie auch als „Töff,“ um eine Reise noch einmal zu machen, virtuell und mit den Farben des Tages. Doch primär bleiben zwei Welten – eine Du-Welt, die in regster Kommunikation mit der Welt und den Menschen steht und eine Ich-Welt, die allein mit sich selbst, dem Pinsel und den Farben Grund im Terrain des Wagen und Offenen zwischen Himmel und Erde sucht. Manchmal lässt ihn die Lust dabei zu den Farben greifen, manchmal – wie in den letzten Jahren – eher zu Nuancen zwischen Licht und Schatten. Das Leben ist nicht mehr so voller Blut wie einst und die Stille hat andere Farben. Weder Qualität noch Intensität misst sich daran, aber das Leben in der Zeit ist darin enthalten; Malerei, die aus dem Ich kommt lügt nicht, sie bildet ab, wenn auch nur den Schattenwurf. Und da ist das Verhaltene – das Melancholische auch – vermutlich ehrlicher als die glutroten Alterswerke von Peter Stein oder Gerhard Richter.

 

Lieber Godi, nun habe ich doch lang gesprochen. Verzeih mir. Ich habe es gern getan.

Und danke Ihnen allen fürs Zuhören.