Heinz Peter Kohler zum 70sten 11_11.2005

Ein halbes Jahrhundert für die Malerei

www.annelisezwez.ch      Annelise Zwez in Bieler Tagblatt vom 28. Oktober 2005

Am 11. November feiert der Bieler Maler Heinz Peter Kohler seinen 70. Geburtstag. Die Galerie René Steiner zeigt aus diesem Anlass eine qualitätvolle kleine Retrospektive.

Heinz Peter Kohler war ein „Frühzünder“. Ein Öl-Stilleben mit Blumenstrauss von 1955 in der Ausstellung in Erlach zeigt bereits den Maler, noch bevor er sich an die Kunstakademie in München aufmacht, um ein solcher zu werden. Wie er als 20-Jähriger die satten Farben der Blumen ins klassische Intérieur setzt, zeugt von einem gewissermassen „geschenkten“ Bildverständnis. Auch die beiden anderen Bilder aus den 1950er-Jahren, die der Galerist René Steiner für die Geburtstagsausstellung „ausgegraben“ hat, dokumentieren das Talent des jungen Künstlers. Der Bieler Maler Hans Hotz, sein erster Lehrer, habe ihm einiges mit auf den Weg gegeben, sagt er.

Der vielversprechende Einstieg zieht sich weiter. Schon bald wieder zurück aus München – langes Fort-Sein wird er nie aushalten – schreibt sich Kohler 1960 an der Malschule von Max von Mühlenen, der damals ersten Adresse für angehende Künstler in Bern, ein. Und da begegnet er der Aquarell-Welt von Louis Moillet, dem Compagnon von Paul Klee auf der legendären Reise nach Tunis 1913. Blitzartig erfasst Kohler, wie Farbe zu Licht wird, wie sich Wasserfarben in lichttragende Flächen übersetzen lassen. Auch die Nähe zur Abstraktion übernimmt er und findet damit zu einem Mal-Stil wie er in der Schweiz damals boomte.

Die Stipendien fliegen ihm nur so zu: 1962/63/64 erhält er je ein Eidgenössisches, 1962 und 63 das Louise-Aeschlimann und 1964, 66 und 70 das Kiefer-Hablitzel Stipendium. Das soll ihm mal einer nachmachen! Kunststück ist der Künstler im Glück; noch heute sagt er: „Das Schönste in meiner Malerleben waren die Briefe mit den Stipendien-Zusagen“. Kohler scheint in den 1960er-Jahren am Beginn einer grossen Karriere zu stehen. 1963 werden Bilder an der Biennale in Paris gezeigt, ab 1971 ist er Mitglied der Kunstkommission der Stadt Bern. 1975/76 fordert er als Bieler Stadtrat mehr öffentliche Anerkennung für die lokalen Kunstschaffenden und die Realisierung eines Kunstmuseums. Sein Auftrag an die Politik ist ein wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zum heutigen Centre PasquArt.

Indes: Frühe Erfolge sind oft zwiespältig. Nur wenigen Künstlern gelingt es, über Jahrzehnte im Gespräch zu bleiben – auch die Kunst hat ihre Moden, die kommen und gehen. Heinz Peter Kohler blieb es nicht erspart, dies zu erfahren und es fiel und fällt ihm nicht leicht, das zu akzeptieren. Manchmal stichelt der verletzte „Skorpion“ in ihm ziemlich giftig. Mit künstlerischer Qualität hat das indes oft nur bedingt zu tun. René Steiner hat eine Wand mit 30 Aquarellen aus fünf Jahrzehnten zusammen-gestellt. Kompliment – das Auge wandert und es wird ihm nie langweilig, es wird auch nicht von abrupten Wechseln gestört, die Farbe fliesst, ist mal verhalten
zurückgenommen, gewinnt wieder an Feuer, breitet sich aus, zeigt sich als kräftige Schrift des Pinsels. Mal in Nah-, mal in Fernsicht.

Und die Motive? Es wird einem vor den 30 Aquarellen in Erlach bewusst, dass sie gar nicht so wichtig sind – ob Landschaft, Stilleben oder Figürliches, ob erzählerisch oder nahezu ungegenständlich – die Essenz liegt nicht im Fassbaren, sondern in der Stimmung, die das Bild trägt und die in der Vielfalt des Werkes Wellen gleich auf- und abebbt. Es ist eine Art Schwebezustand, der das Sichtbare entrückt, aber dennoch trägt und sich als Klang ausdehnt. Mal heiter, mal düster, mal expressiv, oft melancholisch, aber durch das Fliessende der Farben nie aggressiv; eher Sehnsuchtsorte als Erinnerungen an real Gesehenes.

Kohlers Werk ist umfangreich – er spricht von 4000 bis 5000 Bildern. Ein grosser Teil sind Aquarelle, es gibt aber auch zahlreiche Ölbilder und Pinsel-Zeichnungen – erinnert sei an eine Reihe schwarz-weisser Selbstporträts von 2000, in denen der Künstler sich erstaunlich schonunglos ins Visier nimmt. Es gibt auch thematisch sehr vieles. Kohler hat immer wieder Anregungen gesucht – in Biels (Kultur)-Geschichte ebenso wie auf Reisen (nach Lateinamerika zum Beispiel). Aber das Inhaltliche ist nie zur Existenzfrage geworden; Kohler will Maler sein, Bilder schaffen, die mehr sind als ihr Motiv.

Im Laufe der Jahre hat Kohler seine Werke vielerorten gezeigt, und die Kritik war und ist sich jeweils in einem Punkt einig: Heinz Peter Kohler ist ein hervorragender Aquarellist. Aber sein Werk steht seit langem quer zur Aktualität der tonangebenden „jungen Kunst“. So blieb die Ausstrahlung seines Schaffens in den letzten Jahrzehnten trotz Museumsausstellungen (in Olten zum Beispiel) und Standbeinen in Zürich und Bern primär auf das Seeland beschränkt.

Das zeigt sich auch in der Porträt-Galerie, die er für Erlach geschaffen hat und die Menschen versammelt, die sein Werk öffentlich gemacht haben – Lotti Michel, die Kohlers Werk in unzähligen Ausstellungen gezeigt hat, René Steiner, den Grenchner Toni Brechbühl und die schreibende Kritikerin findet man da unter anderem. Es sind nicht alles Meisterwerke und die Reihe ist zweifellos eine Reaktion auf Martin Ziegelmüllers Kultur-Galerie, aber gerade darin zeigt sich auch der Unterschied zwischen den beiden Seeländer 1935ern. Der oben am See ist ein Kämpfer auf dem Weg zum Bild, der in der Stadt ist von der Gunst der Stunde abhängig. Erzwingen könne man ein gutes Bild nicht, sagt Kohler und man spürt, dass er weiss, dass Glück und Verzweiflung manchmal nahe beieinander sind.

Bild:

Heinz Peter Kohler,  „Papageien“,Aquarell,1971