Blumensaft mit Muda Mathis/Sus Zwick Regula Hurter/Uri Urech Regula Huegli

Vernissagerede Kunstraum Riehen 16_05_2008

Annelise Zwez

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Künstlerinnen und Künstler

Ich erinnere mich gut. 1994 war ich Co-Kuratorin einer Ausstellung im Helmhaus in Zürich mit dem Titel „hauttief“. Mit eingeladen: Muda Mathis (damals noch Einzeltäterin ohne Sus Zwick). Was niemand vom Team je dachte, macht Muda alsobald. Sie trennt das Wort und sagt: „haut tief“ und gab sich so titelkonform neue Möglichkeiten. Ein bisschen kommt mir das hier auch so vor: „Blütenzeit“ heisst die Ausstellung mit blühenden Raritäten, die demnächst in Riehen eröffnet wird. Muda Mathis und Sus Zwick betrachten das Wort und fragen sich, was ist denn die Substanz der Blütenzeit. Klar doch: Der Saft. Schon beginnen, assoziativ an frühere Arbeiten denkend, die Erbsen zu drehen, die Kartoffeln zu kochen und die Polenta zu dampfen. Die Künstlerinnen spielen indes nicht einfach mit Worten: Sie biegen sie so, dass sie ins Herz dessen treffen, was sie künstlerisch interessiert: Die Welt der Sinne, der Saft, der im Urgrund der Erde entsteht, den Stängel treibt und die Pracht entfaltet. Mit den Möglichkeiten und Mitteln der Videoinstallation, wie sie sich seit Nam June Paik die Kunstwelt erobert hat.

Blumensaft. Klar kommt einem – gerade hier – sofort die Ausstellung „Blumenmythos“ von 2005 in den Sinn oder „Fleurs“ im Museum Allerheiligen fünf Jahre davor.  Umso faszinierender ist es zu sehen, wie anders sich „Blumensaft“ im Kunstraum Riehen präsentiert. Der Titel meint ja nicht nur die bewegten Lichtbilder von Muda Mathis und Sus Zwick, sondern ebenso die Arbeiten ihrer Gäste: Regula Huegli und das Team Regula Hurter/Uri Urech.

Damit ist mein Job klar: Formulieren, was die drei verbindet: Schon als ich am Mittwoch da war, fiel mir – und den anderen natürlich schon zuvor – auf, dass es überall Holzbretter respektive Holzschindeln gibt – als hinterleuchtete oder selbst Licht tragende Palisade unter der Erde, als eine Art Wild West-Kulisse in den Fotografien von Hurter und Urech und als Mal-Grund bei Regula Huegli. Aber mehr als einen Link zwischen  natürlichem Material und dessen funktioneller Aneignung durch den Menschen mag ich nicht herauslesen. Die Fährte ist nicht substanziell genug. Obwohl abstrakter, scheinen mir die Begriffe „Präzision und Abweichung“  als Gemeinsamkeit viel wichtiger. Alle drei haben einen präzisen Ansatz. Muda Mathis und Sus Zwick unterteilen in drei klare, räumliche getrennte, übereinander angeordnete Kapitel: Wurzelwerk, Stängel und Blüte. Regula Hurter und Uri Urech gehen, sichtbar in die Ausstellung integriert, von wissenschaftlichen Darstellungen von Früchten aus. Und von Regula Huegli weiss man, dass man den Zähl-Rahmen aktivieren muss, um der Basis ihrer Darstellungen auf die Spur zu kommen.
Von diesen Parametern ausgehend, werden nun aber die Tentakel subito in alle Richtungen ausgeschickt. Regula Hueglis Mathematik führt nicht zu konkreter Kunst, Hurter/Urechs Vorlagen nicht einfach zu einer medialen Übersetzung und bei Muda und Sus wird der Weg von unten nach oben nicht zur Illustration.

Vielmehr antworten die drei mit ihren Medien und vor allem mit dem Rucksack ihrer gewachsenen Werke. Regula Huegli verquickt ihre Forschungen mit der Freiheit der Intuition und lässt das Abbildende und den Saft der Wahrnehmung in rhythmische Wechsel treten, drei mal vier hoch unendlich im Buch der Natur blätternd. Fein, subtil und ganz auf unsere Bereitschaft zählend, mit unserer mentalen Vorstellung in ihrer ebenso kleinen wie das Universum denkenden Welt spazieren zu gehen. So eben, wie das der aus ihrer Generation gewachsenen Kunst vielfach entspricht.
Schön, dass sie da ist und ihr Tun auch über das Interview-Video von Muda Mathis und Sus Zwick im Gespräch mit Andrea Saemann öffnet. Verpassen Sie es nicht, hineinzuhören. Denn da gibt es Kernsätze zu ihrem Schaffen wie „malen und zählen ergibt Rhythmus“. Da werden auch unverhofft Brücken geschlagen – etwa wenn sie von den kleinen Blüten am Wegrand erzählt, die zu „Bömbli“ werden; schon höre ich, Muda Mathis und Sus Zwicks Blütenzeit im obersten Stockwerk vor Augen, wie sie sagen: Was  Bömbli, Bomben! Und mit meiner chronischen déformation professionelle, kommt dann auch gleich noch Elodie Pongs Kult-Video: „Je suis une bombe, une sex-bombe“.
  
Ganz andere Verbindungen zwischen Blumen respektive Früchten und Menschen evozieren die performativen Fotografien von Regula Hurter und Uri Urech. Arbeitet Regula Huegli mit denselben verführerischen Kräften wie die Blumen, die mit ihrer Schönheit attraktiv sein wollen, kehrt das Künstlerpaar Hurter und Urech die Dinge gleichsam in ihrer Gegenteil. Man hat das Gefühl, man könnte ihre Fotos auswringen und es käme kein Tröpfchen Saft heraus. In der trockenen Halbwüste von Texas und überdies im Winter inszenieren sie ihre kleinen Bühnestücke.

Für die Kamera quasi und mit Blick auf das heute Premiere feiernde Buch. Um was es geht,  ist schnell klar – sie stellen die Vorlagen nach, die Früchte, die Blätter, die Zweige, die Blüten. Mit minimalsten Mitteln und meist vor dem immer selben Hintergrund, einem architektonisch klar gegliederten und von Wind und Wärme ausgetrockneten Bretterverschlag. Dann und wann auch mal in der steppenartigen Umgebung des Schopfes oder auf dessen Laube. Mit einer Leiter und ihren Kleidern als Requisiten werden sie zum Baumläufern, Äpfeln, Beeren, hängen sich an Stile, tanzen im Wind, breiten ihre Blätter-Flügel aus.
In der Vielfalt der Anordnungen und im Ideen-Reichtum – hätten sie je gedacht, dass ihre Zehenballen von hinten aussehen wie Elfenbeeren? –  fällt auf einmal das Beklemmende der bewussten Sprödheit weg und bringt ein schmunzelndes Staunen ins Spiel, das dem wissenschaftlichen Wunder der Natur die Denkfreiheit und die Fantasie des Menschen entgegensetzt. Es bleibt schon etwas von der Hilflosigkeit des Unternehmens, als Mensch die Vollkommenheit einer türkischen Zwetschge oder eines Gelben Richard anzunehmen, aber das ist durchaus sinnvoll und lässt die Arbeiten vom Vordergründigen ins Hintergründige kippen, ins Kritische auch.

Genauso wie auch im köstlichen Video-Kleintheater das Fallobst Mensch nicht nur lustig gemeint ist und nicht so ganz klar ist ob Adam und Evas „mint-fresh“ Verführung à la Ricola die Lust auf Zungengenuss nicht bitter strafen könnte.

Die Brücke von Regula Huegli und Regula Hurter/Uri Urech zur Hauptinstallation im Hause, zur multimedialen Audio- und Videoarbeit „Blumensaft“ kann weder an der medialen noch an der inhaltlichen Interpretation des Themas anknüpfen. Aber als Y drängen sich zwei Gedanken auf. Regula Huegli sagt im Video-Interview – ich habe es erwähnt: Malen und zählen ergibt Rhythmus. Rhythmus ist in Muda Mathis’ und Sus Zwicks „Blumensaft“ ein zentrales Moment – insbesondere im Mittelteil. Doch hier müsste der Satz heissen: Musik und Bewegung ergeben Bildrhythmus. Wenn wir Musik und Bewegung auf die darin enthaltene Mathematik hinunterbrechen und die fliessenden Farben der Malerei zuordnen, dann ist das eine unverhofft das andere und wenn wir Regula Huegli als Hauptfigur des Videos dazunehmen, haben wir gleich auch noch den performativen Teil mit im Boot.

Jener figürlich-agierende Teil, den die beiden Künstlerinnen primär mit dem Team Hurter/Urech verbindet, nämlich die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und mit dem menschlichen Körper die Geschehnisse in Gang zu setzen. Während Regula Hurter und Uri Urech dies indes im Dienst des „Bildes“ tun, setzen Mathis/Zwick hier auf filmische Erzählung und locken uns, mit MumHaar weit unter der Erde mit den Fingern zu schnippen,  als Wurzelkinder rotgewandet durch den Wald zu tanzen und schliesslich die Materie mit den Händen zu klopfen, auf dass der Teig stängle und die Blütenzeit vorantreibe.

Ich habe in der Vorbereitung dieser Worte anhand einiger DVD’s meine Erinnerungen an frühere Arbeiten von Muda Mathis, aber auch Mathis/Zwick aufgefrischt. In einem Nachspann heisst es unter „Dank“ gleich an erster Stelle und ganz für sich: „Name June Paik“. Das ist ein Bekenntnis. Junge Video-Kunstschaffende würden das wohl nicht mehr so pointiert formulieren, zu zahlreich sind die möglichen Mütter und Väter geworden, doch für die Generation Mathis/Zwick, für die Absolventinnen der legendären ersten Video-Fach-Klasse an der Schule für Gestaltung in Basel mit Muda Mathis, Pipilotti Rist, Käthe Walser und anderen war Paik schon der grosse Terminator und ist es vielfach gewandelt immer noch. Junge Videoschaffende denken ja eigentlich auch gar nicht mehr an Monitor, sondern a priori an Projektion, während wir hier im Stängel-Bereich von „Blumensaft“ diese Schub gebende Bild-Vervielfachung durch die Multiplikation von Monitoren noch präsent haben. „Schub geben“, „Schub zeigen“ – ja ich glaube das ist es, was Muda Mathis immer voran trieb und auch in die Gemeinschaft einbrachte, war sie doch, zusammen mit Käthe Walser, seinerzeit vermutlich die erste in der Schweiz, welche die Bewegung der Kamera mit der Bewegung der Figuren kombinierte und damit Bild-Musik komponierte.

Klar, dass, wo von Mathis und Zwick die Rede ist von Anfang an auch die „Reines Prochaines“ mitzudenken sind – nicht weil der internationale Erfolg der Band indirekt der Grund sind, warum die Videokünstlerinnen Mathis/Zwick in den letzten Jahren weniger Zeit für audiovisuelle Eigenproduktionen hatten – sondern weil das Performative, das Musikalische und das Bildnerische einander kontinuierlich beeinflussen,  die Chemie bilden, welche die Blüten antreibt, könnte man ortsspezifisch sagen.

„Blumensaft“ ist eine themenspezifische Arbeit. Sie steht – unschwer zu sehen – in direkter Verwandtschaft mit anderen Arbeiten von Muda und Sus, steht dennoch aber in einer gewissen Entfernung zur „Glücksmaschine“, wie sie kürzlich im Klingental als Gemeinschafts-Inszenierung mit zahlreichen Freundinnen zu sehen war. Konkret: „Blumensaft“ hält etwas Distanz zur radikalen körperlichen und fraubetonten Direktheit anderer Arbeiten, betont stattdessen Momente, die man anderswo vielleicht übersieht, überhört. „Blumensaft ist nicht eine Erzählung“, sagt Muda, „sondern, wenn schon, ein Gedicht“. Das kann man fast wörtlich nehmen, denn da gibt es einen begleitenden Text, man hört ihn zuweilen: „Ich bin da, Sonja, Ich bin nah. Gleich blüht dir Wasser, Monika – Schnecke mit Haus. Weit oben, weit, weit oben platzt die Blüte. Der Wind ist schuld, die Sonne auch. Wo ist das Dach, wo das Haus, bald regnet es, Schnecke du hast es gut. Wandlung, Fall, Windung. Fall, so ist es recht. Ungestüme Kräfte biegen, was nicht zu brechen ist. Schnecke – Sonja, du hast es gut, wenn es kracht wenn es tobt, du in deinem Schneckenhaus, du musst raus, Monika – um zu sehen!“ Es ist „MumHaar“ (übrigens Fränzi Madörin), die der Mutterfigur in Sybille Olfers vor rund 100 Jahren erstmals erschienenen „Wurzelkindern“ nachempfunden ist, welche da im Universum der Unterwelt spricht, die beiden aussendet, aber auch die Geschehnisse in den oberen Geschossen ankündigt.

Eine Nacherzählung der Wurzelkinder ist „Blumensaft“ indes nicht; nie würden sich Muda Mathis und Sus Zwick in ein so enges Korsett binden lassen. Aber, die Erzählung erlaubt es sich im Urgrund auf die Szenerie zu konzentrieren, mehr als in anderen Arbeiten installlativ im engeren

Sinne des Wortes zu agieren. Und so ist denn die Unterwelt eine eigentliche, multimediale Inszenierung mit plastischen und videastischen Elementen, die zugleich eine Atmosphäre erzeugen, wie auch Wachstums-Parameter wie Wasser, Mineralien, Wurzeln etc. thematisieren; die Küche gleichermassen, in welcher das weitere Geschehen programmiert wird: Nun nicht mehr szenisch, sondern fokussiert auf die rhythmische Verdichtung konzentrierter Bilder. Die Sinnlichkeit des Erdnahen, die Zeit der Schnecke, das rhythmische Klatschen der Hände, das Schlagen der Teigmasse, der Wind in den Zweigen, das Wachsen der Blätter, das Treiben des Stängels.

Angezogen von Farbreflektionen und flimmernden Bildimpulsen werden wir dann ins Obergeschoss gelockt, wo uns eigentlich die Sprache versagt, uns das Kräuseln auf der Haut wortlos die Erotik der verführerischen Blütenpracht vermittelt. Nur ein kleiner „Riese“ mit strampelnden Beinen und Armen verhindert aus dem Off, dass wir gefühlsmässig zu Bienen und anderen Brummern mutieren und uns an den Blüten vergehen, die gar nicht für uns so schön sind, sondern schlicht und einfach auf die eigene Fortpflanzung bedacht sind. Unglaublich, was die Erde doch an Säften bereit hält.

Ich mag ihnen die Rührung zu guter Letzt nicht vermiesen, aber das „Fallobst“ unten bei Hurter/Urech und Regula Hueglis Worte „Fliegen, Fallen, Fallen, Fliegen“ in einem ihrer Büchlein, die sind genauso Realität –  auch Blumensaft hält eben nicht ewig. Seien sie vorsichtig auf dem Abstieg.